Sie gehört ohne Zweifel zu den Shootingstars der letzten Monate. Laura Pergolizzi alias LP hat mit ihrer Musik zunächst andere Popstars wie Rihanna, Christina Aguilera oder Rita Ora beliefert, nun ist sie selber einer. Sie hat zuerst die Subgenres begeistert und nun, nach mühevollen 16 Jahren im Musikgeschäft, auch den Mainstream für sich eingenommen.

Die androgyne Amerikanerin aus Long Island mit italienischen Wurzeln ist unangepasst, sie eckt an, sie nimmt kein Blatt vor dem Mund und vermittelt im Gespräch auch einen außerordentlich authentischen wie herzlichen Eindruck, ohne angestrengt zu wirken.„Vielen herzlichen Dank für die interessanten Fragen“, hören wir von LP am Ende unseres Interviews, welches um die Themen Liebe, Verlust und Selbstbewusstsein kreist.

subtext.at: Laura, hast du jemals die Erfahrung gemacht, trotz einer Trennung die jeweilige Person weiterhin zu lieben und nicht von ihr loszukommen?
LP: Ja, natürlich. Jedes Mal.

subtext.at: Sind solche Erfahrungen für einen Songwriter denn hilfreich?
LP: Vermutlich (lacht). Jede Art von emotionalem Schmerz wird eine Bereicherung für dich sein und wird dir Einblicke und Erkenntnisse liefern. Es ergeben sich Perspektiven, deren Komplexität man vielleicht nicht sofort begreifen kann, die aber hilfreich für einen sind.

subtext.at: Für mich fühlt es sich so an, als würdest du diesem besagten Schmerz sehr wohl Platz in deinen Liedern einräumen. Du versucht nicht, ihn auszumerzen.
LP: (lacht) Ja, absolut. Der Schmerz ist nützlich – trotz alledem.

subtext.at: Helfen dir deine Songs, wenn du jemanden ziehen lassen musst, weil es mit euch nicht geklappt hat?
LP: Das ist schon tough. (überlegt) Einer meiner Freunde ist gestern verstorben.

subtext.at: Das tut mir sehr leid.
LP: Ist schon OK. Genau genommen wurde er ermordet. (seufzt) Loszulassen ist nicht einfach. Dieser Prozess geschieht in Abschnitten. Mit Sicherheit.

subtext.at: Während man loslässt oder eine Trennung durchmacht, werfen Freunde oder Familienangehörige gerne den Satz „Mach dir keine Sorgen, die Zeit heilt alle Wunden“ in den Raum.
LP: Stimmt (lächelt).

subtext.at: Nur ein Klischee?
LP: Es stimmt schon. (überlegt) Meine Eltern sind bereits gestorben und diese Wunde würde ich schon als geheilt bezeichnen. Natürlich ist der Verlust immer noch vorhanden und spürbar, aber nach einiger Zeit lernst du auch damit umzugehen.

subtext.at: Benützt du immer den eigenen Erfahrungsschatz als Inspirationsquelle?
LP: Nicht immer. Ich versuche dennoch, etwas aus meinen Erkenntnissen mit einfließen zu lassen.

subtext.at: Und wenn du für andere Künstler schreibst?
LP: Nun, wenn ich gemeinsam mit ihnen Songs schreibe, möchte ich schon an ihrem Leben und ihren Geschichten teilhaben. Das Material wird dann spezifischer. Wenn ich nicht mit ihnen schreibe, dann habe ich im Grunde keinen blassen Schimmer, was die eigentliche Aussage sein soll. Es ist dann so, als müsste ich mir vorstellen, was Rihanna tagtäglich durchmachen muss, um den Song fertigzukriegen. I have no fuckin‘ idea! Deswegen schreibe ich dann aus einer Grundvorstellung heraus. Ich möchte das Gefühl und die Essenz des jeweiligen Künstlers einfangen, wenn ich für jemanden Fremdes schreibe. Ich bin auch der Meinung, dass vieles allgemeingültig ist. Was für mich und für mein Publikum Gültigkeit besitzt, besitzt auch für Rihanna und ihr Publikum Gültigkeit.

subtext.at: Wie sieht der Prozess generell bei dir aus?
LP: Ganz unterschiedlich. Ich sammle Bruchstücke und Akkorde, aus denen sich vielleicht mal Songs entwickeln werden. Melodien. Titel. Namen. Ich versuche jedenfalls, all meinen Gedanken Platz zu machen, ganz egal, wie ich mich gerade fühle.

subtext.at: Was passiert, wenn du kreativ in der Sackgasse steckst?
LP: Das ist eine harte Nuss. (überlegt lange) Ich denke, dass man ständig vorwärts kommt, auch wenn man es vielleicht gar nicht mitbekommt. Die einen sind geduldiger, die anderen weniger. Die einen geben sich mit gemächlichem Tempo zufrieden, die anderen nicht. Man muss sich damit arrangieren, dass gewisse Dinge nur schleppend vorangehen. Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen, doch der Lauf der Dinge ist nun mal so.

subtext.at: Kommt Kunst einer spirituellen Erfahrungen gleich?
LP: Hm, nee, nicht jede Art von Kunst.

subtext.at: Weil du vorhin etwas über Allgemeingültigkeit gesprochen hast…
LP: Manchmal kommt es hin, aber ich denke nicht, dass es immer so sein muss. Es hängt von deiner Stimmungslage ab. Manchmal hängt es auch gar nicht von dir ab. Making art is a moody process. Viele verschiedene Faktoren spielen eine Rolle. Man muss auf jeden Fall offen für alles sein, eine Art Vehikel für die Dinge, die auf einen zukommen.

subtext.at: Wie weißt du dann, ob ein Song nun großartig geraten ist oder nicht?
LP: Das ist auch schwer zu sagen. Weißt du, bei „Lost On You“, ich habe den Song meinem alten Label Warner Music vorgespielt und sie ließen mich anschließend fallen (lacht). Damals dachte ich schon, dass der Song doch eigentlich recht gut ist. Die Entscheidung der Plattenfirma habe ich jetzt auch nicht groß in Frage gestellt. Ich habe es einfach so hingenommen. Speziell bei „Lost On You“ hätte ich auch nicht gedacht, dass es jetzt so einschlagen würde. So etwas lässt sich eben nicht planen, deswegen freut es mich umso mehr.

subtext.at: Du bist also demnach so selbstbewusst, um nicht am Urteil des Labels kaputt zu gehen?
LP: Wen kümmerts? I could give a fuck what they say (lacht). Es ist eben am Ende doch eine Geschmacksfrage. Der eine mag es, der andere nicht.

subtext.at: Bist du jemand, der gern im Mittelpunkt steht und alle anderen Leute um sich herum überschattet?
LP: Ich würde nicht behaupten, dass ich es jetzt darauf anlege, im Mittelpunkt zu stehen. Ich finde es in Ordnung, wenn ich die volle Aufmerksamkeit der Leute habe, habe aber auch kein Problem damit, nicht im Mittelpunkt des Geschehens zu sein. Ich mag es auch, andere zu beobachten und einfach eine gute Zeit zu haben.

subtext.at: Hörst du auf dein Bauchgefühl?
LP: Ich versuche es. Das war schon schwierig, diesen Prozess für mich zu kultivieren.

subtext.at: Weshalb?
LP: Ich weiß nicht. Ich habe gedacht, dass es an mir liegt und ich einfach Schwierigkeiten damit habe, weil ich vielleicht eine feinfühlige Person bin. Früher wollte ich gewisse Dinge eher erzwingen, jetzt sieht die Sache anders aus. Ich bin gelassener geworden. Ich weiß, was gut oder falsch ist für mich.

subtext.at: Hast du dich jemals gefragt, was du der Welt eigentlich noch anbieten kannst? Songs über Liebe und Verluste gibt es ja nicht gerade wenige…
LP: Klar, diese Frage stellt sich bestimmt jeder Künstler. Natürlich möchte ich meine Fans zufriedenstellen, aber in erster Linie auch mich selbst. Ich möchte Songs schreiben, die Ängste oder Besorgnisse befreien. Andere reden mit jemanden darüber, mit ihren Freunden, ich mache das auch, und währenddessen wird man sich bewusst, was da eigentlich vor sich geht. Das nutze ich dann für meine Songs.

subtext.at: Alles ist heute extrem kurz wie schnelllebig. Wie schafft man es als Künstler, sich weiterzuentwickeln, mit dem Zeitgeist zu gehen und trotzdem sich selbst treu zu bleiben?
LP: Da kommen wir wohl erneut zu der Sache mit der Intuition und dem Bauchgefühl. Manchmal sollten wir auch weniger auf das hören, was andere sagen, sondern auf das reagieren, was in uns schlummert. Du bist ein verfluchter Rockstar, höre ich die Leute sagen, aber dann muss ich mir trotzdem sagen lassen, wann ich meine Platte ausbringen darf und solche Dinge. Das ist ein verdammter Widerspruch (lacht). Und es ist auch so, dass wenn jemand durch diese Tür kommt, der ganz anders ist als der Rest, dann kommen zig andere hinterher, um es zu vermehren und zu multiplizieren. Es ist wie mit einer Blume, die sich ihren Weg bahnt in einer Seitengasse. Alle möchten sie dann haben und besitzen. Dann wird vieles ruiniert. You have to keep it on with your one shit. Keep creating. Das ist für mich der Schlüssel.

▼ ▼ ▼
iamlp.com
facebook.com/iamLP
instagram.com/iamlpofficial

Kommentare

Kommentare werden geladen...