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Moldova: arm und doch so reich

Moldova: arm und doch so reich

Moldova, bekannt für seinen Wein und seine Marillen. Aber das wars dann wohl auch schon. Das versteckte Land zwischen der Ukraine und Rumänien bietet jedoch so viel mehr. Hier meine Eindrücke von der Reise in das ärmste Land Europas – Moldau. 

Um überhaupt in Moldova einreisen zu können, braucht man schon einen guten Grund. In meinen Fall war es eine Studienreise. Der skeptische Blick der Flughafenangestellten sagte soviel wie „wtf, wieso kommt man freiwillig hier her“. Zu dem Zeitpunkt war ich noch voller Hoffnung, eine schöne Woche in dem Land zu verbringen. Spätestens bei der Gepäckkontrolle, wo ich meine neun Linzer-Torten erklären musste, war ich mir da nicht mehr ganz so sicher. Die Torten waren Gastgeschenke – und nein, Torten gehören nicht zu meinem üblichen Gepäck!

Angekommen in der Aula (mit meinen Torten) wechselten wir uns mal Geld, weil keine verflixte Bank in Linz mein Geld in Leu umtauschen wollte. Seelenruhig machten wir uns auf den Weg zu den Taxis, um gemütlich zu unserem Hotel zu gelangen. Denkste! Ein moldawischer Taxifahrer ist ein Geschöpf, mit dem ich eine weiter Auseinandersetzung nicht unbedingt bevorzuge – so wie ihre Busfahrer. Ich bin ja einiges gewohnt – so als Kind von Land. Aber wenn jemand sämtliche Verkehrsordnungen ignoriert und bei einer Strecke von 10 km knapp drei Unfälle baut und beinahe einen Rollstuhlfahrer niederfährt, stoß selbst ich an meine Grenzen in puncto Coolness. Hab ich schon erwähnt, das es in Moldova eine hohe Rate an Tuberkulose-Patienten gibt und der freundliche und lebensmüde Taxifahrer sich sämtliche Innereien aus dem Leib hustete? Raucherhusten dagegen ist garnix.

Eine Unterkunft mit normaler Toilette zu finden ist nicht schwer. Ab 30 Euro die Nacht bekommt man schon ein sehr luxuriöses Zimmer. Wir entschieden uns nochmal für eine billiger Variante und teilten uns zu dritt ein Apartment. Anfangs hatten wir Schwierigkeiten beim Buchen die beste Lage heraus zu finden, in der nähe vom „Centru“ ist aber immer ein guter Tipp. Das Apartment war sauber und etwas zu protzig mit goldenen Tapeten ausgestattet – aber das Wichtigste, nämlich WLAN, war vorhanden. Bei unserm Apartment sah man den Unterschied zwischen arm und reich am besten. Wir wohnten in einer großen Anlage, die in sich geschlossen war. Im Innenhof merkte man nichts von der Armut, die rundherum herrscht.

So richtige Sehenswürdigkeiten hat die Hauptstadt Chisinau nicht zu bieten. Es gibt den großen Markt, wo von Obst, Gemüse, und anderen Lebensmitteln über Kleidung, Geschirr und Toilettartikel bis hin zu Saatgut und lebenden Tieren alles gehandelt wird. Viele kleine Stände bieten ihre Waren an und gefühlte 100.000 Menschen wuseln umher. Für Menschenn die Körperkontakte mit fremden Personen vermeiden möchten, nicht unbedingt der beste Ort.


Weiters gibt es noch die berühmte Statue von Ștefan cel Mare și Sfînt oder den Triumphbogen. Es hätte auch ein Theater und ein Kunstmuseum gegeben, aber da wollte mir leider niemand mitgehen – jetzt kann ich dazu nichts sagen. Moldova ist ein sehr gläubiges Land. So sind die größten Sehenswürdigkeiten, wie kann es auch anders sein, Kirchen. Achtung: falls ihr jemals vorhabt, dort ein Gotteshaus zu besuchen, bedeckt eure Arme – ansonsten hat man euch dort nicht mehr so lieb.

Weiters ist noch zu empfehlen, den großen Friedhof zu besichtigen. Er ist nicht nur extrem groß sondern auch schön. Jedes Grab ist extra eingezäunt. Sehr spannend zu erkunden und zu bestaunen.

Wer weniger der Mensch ist, der sich gerne die Stadt einfach so anschaut, oder einen auf Mainstream-Touri macht, hat im großen Einkaufszentrum die Möglichkeit, fett shoppen zu gehen. Auch wenn es etwas befremdlich ist, mitten in einen Slum in ein mehrstöckiges Hightech-Gebäude zu latschen, um dort einzukaufen.

Das Essen in Moldova kann ich nur weiter empfehlen. Die Menschen dort gelten als extrem gastfreundlich und bei unseren Besuchen in den verschiedenen Organisationen bekamen wir immer reichlichst zu essen. Moldova hat eine ähnliche Küche wie Russen und Rumänen. Wir verbrachten einen Großteil der Abende im Cafe Propaganda  (direkt in Chisinau). Dort war nicht nur das Essen ein Traum sondern auch die Inneneinrichtung – einfach wunderschön. An Cafés und Pubs fehlt es in der Hauptstadt nicht, an jeder Ecke gibt es nette kleine Möglichkeiten sich zu verwöhnen. Und ich hab mir das beste bis jetzt aufgehoben: das Bier kostet im Lokal so ca. umgerechnet einen Euro – was uns so einige schreckliche Morgenstunden einbrachte, weil wir doch sehr oft schon um acht Uhr morgens irgendwo zu sein hatten. Hier sei auch das Pup Taxi Blues zu erwähnen, das bis zur späten Stunde direkt vor unserem Apartment geöffnet hatte.

Hier noch ein Insidertipp: Karaoke ist zwar eine sehr sehr lustige Zeitbeschäftigung, nur in Moldova wird jedes Lied einzeln berechnet. Also bitte behält dies im Hinterkopf, wenn ihr betrunken eine Karaokebar entert. Selbst die Karaokesongs sind teurer als das Bier!

Die Menschen in Moldavien sind für mich immer noch ein Rätsel. Nicht dass ich in einer Woche alle kennengelernt hätte, aber ja. Der Status der Person, so vermute ich, wird anhand des Autos gemessen. Da kann das Haus noch so verfallen sein, es steht ein neuer BMW oder Mercedes vor der Tür. Auch wenn sich die Menschen alle insgeheim zu 100% an unserem menschlichen Verstand zweifelten (für sie ist es nicht nachvollziehbar, warum man Geld ausgibt, um in ihr Land zu reisen), waren alle extrem gastfreundlich. Selbst jene, die kaum etwas hatten, wollten uns etwas mitgeben – so kam es etwa, dass wir mit einem Sack Nüsse aus einem Haus rausgingen, wo wir eigentlich selbst Spenden hinbrachten. Bekannt sind die Menschen für ihren hausgemachten Wein. Jeder Haushalt hat so seinen eigenen Wein, den sie stolz zum Verkosten anbieten. Schmeckt am Anfang etwas befremdlich, aber nach dem zweiten oder dritten Glas ist dies vergessen. Sprachlich gibt es schon einige Barrieren. Teilweise kann man sich mit Englisch verständigen. Aber die meiste Zeit ist ein Dolmetscher durchaus von Vorteil, wenn man des Rumänischen oder Russischen nicht mächtig ist.


Eigentlich waren wir nicht zum Urlaub machen dort, sondern sollten in dieser Studienreise auch vieles zum Thema Soziale Arbeit in Moldawien lernen. Somit bekamen wir viele Einblicke in die soziale Landschaft des Landes. Und konnten auch Einrichtungen außerhalb der Hauptstadt besichtigen. Was nicht nur von der Landschaft her sehr spannend war, sondern auch die Organisationen selbst hatten Einiges vorzuzeigen. Wir hatten die Chance, uns eine Suppenküche, ein Tageszentrum und auch zwei psychiatrische Einrichtungen näher anzuschauen. Was für mich doch sehr beeindruckend und traurig zugleich war. Ich lernte hier viel für meine spätere Profession und sammelte viele Eindrücke.

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: wer wie ich gerne Postkarten versendet – man wird am ehesten in Bücherläden fündig. Und da gibt es nur eine begrenzte Auswahl. Ich selbst habe ewig danach gesucht. Ich kann das Land nur weiter empfehlen – auch wenn es nicht zu den Top-Reisezielen zählt, ist es doch etwas ganz Besonderes. Schöne, prägende Landschaften, gute Küche, Weine und Bier. Ich selbst hab Moldova ins Herz geschlossen und werde bestimmt ein zweites Mal die Reise dorthin wagen.

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