Das nördlichste Land am europäischen Kontinent bietet eine der atemberaubendsten Landschaften der Welt. Majestätische Fjorde, schroffe Küsten, sonnige Ebenen und gewaltige Gletscher bestimmen die Landschaft. Fünf Jahre nach den Anschlägen von Oslo hat das Land zur Ruhe gefunden und nichts von seiner Freundlichkeit verloren. Obwohl die Taten von damals noch präsent sind, bleibt es eines der offensten Länder, die ich je erlebt habe. Ein besonderer Urlaub, 1500 km quer durch Südnorwegen.

Norwegen stand ursprünglich nicht auf der Liste meiner Reiseziele. Ganz zufällig und spontan führte es mich und eine Freundin in den hohen Norden. Roadtrip quer durch die untere Hälfte von Norwegen. Von Oslo über die gesamte Südküste bis Stavanger, in den Norden nach Odda und über das Landesinnere und Notoden zurück in die Hauptstadt.

Erster Halt dieser Reise war dann auch Oslo – und diese Stadt hat mich überrascht. In einem äußeren Stadtteil, wo auch wir unser Airbnb-Zimmer bezogen haben, musste ich kurz prüfen, ob ich nicht versehentlich in Wien-Ottakring gelandet bin. Türkische Obstgeschäfte, unzählige verschiedene Kulturen und Sprachen, viel Leben auf der Straße, kleine Parks hier und dort – und Tonnen von Zigarettenstummeln. Mit dem gut ausgebauten, aber teuren U-Bahn Netz kommt man dann schnell in das Zentrum der norwegischen Hauptstadt. Dieses bietet einen ganz anderen Blick als die Randbezirke zuvor , einen vielfältigen. Glaspaläste, die hoch in den Himmel ragen, unterbrochen von alten Backsteingebäuden und ergänzt durch moderne und experimentierfreudige Architektur. Verwinkelte Straßenzüge, die hin und wieder von kleinen Flüssen geschnitten werden, vermischt mit langen, schnurgeraden Prachtstraßen. Teure – selbst für norwegische Verhältnisse – Designerläden und Restaurants und auf der anderen Seite auch kleine alternative Lokale und Geschäfte, wo man zum Mittag- oder Abendessen einen guten handgemachten Burger mit Pommes für um die 20 € bekommt. Günstig für norwegische Verhältnisse. Generell muss man sagen, obwohl Norwegen sehr teuer ist, kann man leicht Geld sparen. Wer meistens selber kocht , keine zu hohen kulinarischen Ansprüche hat und in den Diskontläden Kiwi und Rema einkauft, kommt günstig über die Runden. Bei uns beiden war es alles in allem inklusive Flug, Mietauto und Unterkünfte ein zweiwöchiger Urlaub für unter 1000 € pro Person.

Blick von der Oper aus über die Innenstadt

Ein perfekter Startpunkt für einen ausgedehnten Spaziergang durch die Hauptstadt ist die direkt am Meer gelegene scheeweiße Oper, die von ihrem begehbaren Dach einen traumhaften Blick über Oslo ermöglicht. Wenn man auf Museen verzichtet reicht ein Tag für die wichtigsten touristischen Bereiche der norwegischen Haupstadt, nachdem alles sehr zentral gelegen ist. Unser ausgedehnter Spaziergang von unserem Airbnb aus zur Oper, durch die Innenstadt und über kleinere ruhige Seitenstraßen wieder zurück dauerte inklusive Mittagessen an die 4,5 Stunden.

Was man bereits hier merkt, ist die unglaubliche Offenheit und Freundlichkeit der Norweger. Zufällig stießen wir auf einem Umzug von Menschen jüdischen Glaubens. Es dürfte zu unserer Reisezeit ein Treffen europäischer Juden in Oslo stattgefunden haben. Sie sangen, tanzten und lebten offen ihren Glauben aus, mitten auf der Hauptallee zwischen Präsidentenpalast und Parlament. Die umstehenden Touristen applaudierten und ließen sich von dieser Lebensfreude anstecken. In Österreich wären wahrscheinlich hunderte Polizisten notwendig um den Umzug zu schützen, inklusive Sperrzone. Nicht so in Norwegen, genau ein Polizeiauto mit einem unbewaffneten Polizisten begleitete in Respektabstand den Umzug, mehr nicht. Das hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Die Stadt hat aber auch ihre traurige, schwermütige, dunkle Seite. Der Amoklauf des Rechtsextremisten Anders Behring Breivik ist auch fünf Jahre nach der Tat noch präsent. Immer wieder finden sich Tafeln oder Figuren, die an die Ereignisse erinnern und dafür sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Jüdische Parade auf Oslos Prachtpromenade

 

Entlang der Südküste

Ein Tag reichte dann auch für Oslo, endlich hinaus in die Natur. Die Südküste Norwegens bietet zwar kaum Fjorde, dafür eine atemberaubende und schroffe Küste, an derer sich wohl die schönsten Städte des Landes befinden. Kleine Fischerdörfer und Städte, die sich entlang der teilweise sehr steilen Küstenhänge ziehen, bieten die typischen roten und weißen Wellblech- und Holzgebäude, die man aus Reisekatalogen kennt und laden zu einem gemütlichen Mittagskaffee ein. Sofern man mit 10-15 Grad kein Problem hat. Werte oberhalb der 20 C° sind auch im Sommer Seltenheit. Generell wirken die Städte, Orte und Häuser, als würden sie 1:1 aus dem letzten Ikea Katalog stammen. Besonders zu empfehlen ist das Kap Lindernes, der südlichste Punkt Norwegens. Der Leuchtturm kostet bis 17:00 satte 10 € Eintritt, wer das wie wir nicht zahlen will, kann von dort aus wunderbar eine 3-5 Stündige Wanderung entlang der Küste unternehmen, die die Anstrengung absolut Wert ist und eine traumhafte Landschaft bietet. Atemberaubend schön bei sonnigem Wetter.

Die Landschaft verändert sich dann zunehmends, umso näher man an Stavanger kommt. Aus den Klippen werden lange Ebenen die immer wieder von beeindruckenden Fjorden durchbrochen werden, mit entsprechend engen Straßen, was besonders bei Regen sehr düster und bedrohlich wirkt. Ängstlich am Steuer darf man in Norwegen ohnehin nicht sein, auf den Fjordstraßen hat man meistens nur wenige Zentimeter zwischen sich und dem Gegenverkehr, während rechts die schroffe Klippe in die Höhe ragt. Fast mystisch sind dann auch die Orte innerhalb der Fjorde direkt am Meer. So schön diese sind, in unserer Schlafstätte im kleinen Ort Åna-Sira möchte ich nicht leben. Selbst im Sommer ist hier nur jede Hangseite den halben Tag beleuchtet und im Winter herrscht hier komplette Finsternis, auch am Tag, während sich links und rechts die Steilwände des Fjordes in die Höhe strecken. Da würde ich schon depressiv werden.

Landschaftlich besonders schön und damit empfehlenswert ist es, zwischen Kristiansand und Stavanger den Nordseeweg zu benutzen. Ganz wichtig für den letzten Abschnitt der Strecke ist es, bei Flekkefjord links abzubiegen und die R44 zu nehmen. Diese ist etwas langsamer als die E39, aber bietet als Wiedergutmachung malerische ländliche Landschaften mit vielen Bauernhöfen, kleinen Fischerhäfen, Leuchttürmen und Sandstränden. Bei Regen wirkt das ganze fast wie die britischen Inseln. Besonderes Highlight ist der kleine Friedhof „Varhaug gamle kirkegård“ direkt an der Küste im Ort Varhaug. Am Besten den Strassenschildern folgen und das Navigationsgerät ignorieren, ansonsten sucht ihr ewig. Die winzige Kirche mit ihren simplen, aber darum umso schöneren Gräbern beeindruckt auf einfache Art und Weise. Gespenstisch schön und dermaßen ruhig, dass man jede Welle hört. Entspannung pur.

Åna-Sira

Traumhaft: Kap Lindesnes

 

 

Westküste ist Fjordland

Stavanger als westlichste Stadt Norwegens ist sozusagen das Bindeglied zwischen Süd- und Westküste. Wer schnell nach Norden will, kann die Stadt auch rechts umfahren. Es lohnt sich aber, den kleinen Umweg von 30 Minuten in Kauf zu nehmen. Machten wir ebenfalls, in der Hoffnung, das Wetter würde trocken bleiben. Leider nicht der Fall – und so konnten wir dank strömenden Regen nur die wunderschöne historische und geschützte Altstadt besuchen. Der Rest blieb uns verwehrt. Schneeweiße Holzhäuser, 170 an der Zahl, Pflasterstraßen und kleine Geschäfte. Aber Achtung, das gesamte Areal ist ein normales Wohnviertel – also gutes Benehmen an den Tag legen. Etwas zerstört wird diese Idylle dann von den Silhouetten eines turmhohen Kreuzfahrtschiffes, das auf seinem Weg Richtung Nordkap auch in Stavanger halt macht. Kein großes Thema – ergibt jedoch ein skurriles Bild.

Kaum Stavanger verlassen, Richtung Norden begeben, ändern sich Landschaft und Straßenverhältnisse extrem. Aus normal breiten, oftmals sogar zweispurigen Straßen werden engste Fjordstraßen, die mir dank Mietauto ohne Vollkasko nicht nur einmal die Schweißperlen auf die Stirn zauberten. Gerne heißt es hier auch mal mehrere Minuten warten, um LKWs die Vorfahrt zu geben. Landschaftlich aber eine der wohl beeindruckendsten Strecken, auch als Fahrer, nachdem man sich fast durchgehend in abwechslungsreichen Fjorden bewegt, was einfach beeindruckend ist.

Gespenstisch: Norwegischer Fjord bei Regen

Hier ging es nun auch mit den anstrengenden und spannenden Wanderungen los. Erstes Highlight und sehr zu empfehlen ist die Wanderung auf eine der beeindruckendsten Felsformationen Europas, nämlich auf den Preikestolen. Zweieinhalb Stunden dauert der Aufstieg mit einer Länge von 11 km, knapp 600 Höhenmeter haben wir überwunden. Ganz wichtig: Regenschutz und mindestens ein Liter Wasser als Verpflegung sind Pflicht. Bei starkem Niederschlag war der Aufstieg für uns als mittelmäßige Wanderer durchaus anstrengend. Und nachdem es keine Geländer oder Gitter gibt, heißt es bei nassem Felsen vorsichtig zu sein. Ein falscher oder unsicherer Tritt kann sehr böse enden. Es lohnt sich aber – der Blick den man auf dieser Felszunge stehend über den Lysefjord hat, ist einfach umwerfend und beeindruckend. Mit offenem Mund kann man nicht viel mehr außer sehen und staunen – einfach der helle Wahnsinn. Es ist aber zu empfehlen, wie wir sehr bald aufzustehen und von Süden kommend um 08:30 gleich die erste Fähre von Lauvvik zu nehmen, um spätestens um 09:00 die Wanderung zu starten. So ist man früher dran als die meisten anderen Touristen. Kleine Nebengeschichte, die wir von unserem Airbnb Host am Vorabend erfahren haben: früher war die gesamte Strecke zu null Prozent präpariert. Nachdem die Flugrettung dank übermütiger Touristen irgendwann an ihre Kapazitätsgrenze gelangt ist, wurden extra Sherpas engagiert, um den Weg einigermaßen zu präparieren.

Beeindruckend: Preikestolen

Einzigartig schöner Blick hinein in den Lysefjord

Von Gletschern und Skifahrern

Zurück auf der Straße lautete unser nächstes großes Ziel der Folgefonna Nationalpark und die Stadt Odda, wo unser nächstes Quartier auf uns wartete. Auf diesem Weg führen Wegweiser zu zwei Wasserfällen. Jedoch lohnt sich nur einer. Während die Durchfahrt des Låtefossen inklusive Regenbogen zu empfehlen ist,  kann man sich den Langfossen echt sparen. Der ist wenig spektakulär, in 5 Minuten besichtigt und dank der Abzockmautstation 150 Meter vor dem Parkplatz echt keinen Abstecher Wert – diese 20 € kann man besser investieren. Umso näher man dem Nationalpark kommt, umso deutlicher füllt der Folgefonn Gletscher die Windschutzscheibe aus, immerhin mit über 200 km² der drittgrößte Gletscher des Landes. In Odda angekommen, lohnt sich als kleiner Abendspaziergang der Wanderweg zum Gletschersee Bondhusvatnet. Gespenstisch ruhig, absolut spiegelglatt und speziell am Abend mutterseelenalleine sehr idyllisch. Mit knapp 45 Minuten ohne markanten Höhenunterschieden ideal, um den Tag gemütlich abzuschließen. Für die Hauptwanderung, nämlich jene direkt zur Gletscherzunge, sollte man dagegen mehr Zeit einplanen und wiedermal früh aufstehen. Vom Parkplatz aus wandert man ca. zwei Stunden in das Buartal hinein. Der Weg führt beständig durch den Wald, der das Tal komplett bedeckt, und wird erst auf dem letzten Kilometer anstrengender. Neben dem Gletscherfluss legt man nun durch intensives Klettern ca. 250 Höhenmeter in kurzer Zeit zurück, um dann an der auf knapp 700 Metern liegenden Gletscherzunge anzukommen. Hand aufs Herz: wo anders ist es möglich auf einer so niedrigen Höhe einen Gletscher zu berühren? Alleine diese Tatsache ist eine großartige Erfahrung – und der Blick vom Gletscher aus wieder zurück in das Buartal hinein ist atemberaubend.

Folgefonn Gletscherzunge auf 700 Höhenmetern

Über das Hochland zurück nach Oslo ändert sich die Landschaft ein drittes Mal markant. Hier dürfte vor langer Zeit einmal ein riesiger Gletscher gewesen sein, denn nun durchfährt man flache Ebenen, in denen außer Gras nicht wirklich etwas anderes wächst. Hin und wieder sieht man kleine Ferienhütten am Straßenrand. Die ganze Gegend ist nämlich Norwegens größtes Skigebiet. Nun festhalten: es tut mir leid. Fucking, du bist geschlagen. Neuer Sieger für den besten Ortsnamen aller Zeiten: Geilo in Zentralnorwegen, wo wir auch unsere vorletzte Nacht verbrachten. Nach einem letzten Entspannungstag in Notodden, einem UNESCO Weltkulturerbe, zwei Autostunden vom internationalen Flughafen in Oslo entfernt, war unsere Reise auch zu Ende. Dank nicht ganz idealer Flugzeiten verbrachten wir unsere letzte Nacht auf dem wenig gemütlichen Fußboden des Flughafens, denn die gemütlichen Bänke im Starbucks waren leider schon besetzt . Gottseidank wird das geduldet und das Gebäude ist die ganze Nacht geöffnet, denn Hotels in Flughafennähe sind einfach zu teuer – und irgendwann räche ich mich an dem Vollidioten mit den lautstarken Hundevideos um 05:00 in der Früh.

Eine Reise wert

Norwegen war großartig und es wird nicht mein letzter Roadtrip in den hohen Norden werden. Wir sind atemberaubende, beeindruckende und teilweise einschüchternde Fjorde durchfahren, in denen es mir schwer fiel, meinen Blick geradeaus auf die Straße zu richten. Wir haben wunderschöne Wanderungen auf außergewöhnliche Felsformationen entlang schroffer Klippen, an denen sich die Nordsee bricht, und zu Gletscherzungen in Angriff genommen. Wir haben malerische Städte und kleine Orte erlebt, die nur so von Charme sprießen. Und zu guter Letzt haben wir hoch sympathische und liebenswerte Norweger und NorwegerInnen getroffen. Darum auch zwei wichtige Ratschläge zum Schluss. Erstens: nehmt euch ein Auto und erkundet dieses Land per Roadtrip. Zweitens und der ist ganz wichtig, nehmt euch wechselnde Airbnbs, bleibt nur eine Nacht pro Ort. Nicht nur habt ihr, umso weiter man in den Norden kommt, kaum eine andere Wahl als Zelt oder Airbnb, nachdem Hotels und Hostels sehr rar gesät sind, aber noch viel wichtiger: ihr erlebt Dinge die unbezahlbar sind. Wir sind mit einem unserer Hosts auf dessen Terrasse gesessen, haben mit ihm Rotwein getrunken und über die Welt philosophiert, während uns der Lysefjord und der Preikestolen zu Füßen lagen. Wir haben bei einer gebürtigen Finnin übernachtet, die im norwegischen Skiverband Deutsch unterrichtet. Jetzt weiß ich, wieso die Norweger in ORF-Interviews immer so perfektes Deutsch sprechen. Oder wir haben im Gästehaus einer jungen Frau übernachtet, die jahrelang in Linz gelebt hat und deren Mann gerade eben in Linz bei einem österreichischen Unternehmen arbeitet. Solche Geschichten erlebt man nicht im Hotel, und bleiben ewig in Erinnerung. Lehrreich, spannend und denkwürdig zugleich.

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