Marchtrenk. Eine Stadt mit 13.000 Einwohnern im Umland von Wels. Keine Stadt, die man gleich in den Sinn bekommt, wenn man an „dort möchte ich mal leben“ denkt. Marchtrenk wurde vielleicht auch deshalb, und natürlich ob seiner Geschichte als Gefangenenlager im ersten Weltkrieg zum heurigen Schauplatz des Festivals der Regionen auserkoren. Zeit also, die Linzer Stadtgrenzen hinter sich zu lassen und die viertelstündige Anreise in Kauf zu nehmen.

Die erste Frage, die sich stellt, ist naturgemäß folgende: Warum sollte man freiwillig nach Marchtrenk ziehen? Eine klassische Pendlerstadt – jeden Tag pendeln 3000 Marchtrenker aus, und ebenso viele in die in der Gemeinde ansäßigen Firmen wieder ein. Marchtrenk – eine wirtschaftlich eigentlich relativ „gesunde“ Gemeinde. Eine Gemeinde, die ihre Bewohner eher „in der Stadt“ halten möchte – unter dem aktuellen Bürgermeister Paul Mahr sind hierzu einige Initiativen entstanden.

Auch das Festival der Regionen hat Anfang Juli hier seine Zelte eingeschlagen – in alter Tradition ließen wir von Subtext.at es uns natürlich nicht nehmen, einen „Wandertag“ nach Marchtrenk zu unternehmen.

Angekommen im Festivalzentrum, einem Gerüstbau mitten am Kirchplatz, fiel uns sofort das „Museum der ungebetenen Geschenke“ auf. Marchtrenks Einwohner hatten hier die Möglichkeit, ungeliebte Gastgeschenke loszuwerden. Vom ausgestopften Marder – wer zur Hölle nimmt bitte SOWAS als Geschenk mit – bis hin zu, naja, sagen wir mal „nett gemeinten“ Geschenken wie Linealen und mehr oder minder ästhetischen Vasen war alles vertreten. Lustig auf alle Fälle.

Einige Projekte beschäftigten sich naturgemäß mit dem Motto des Festivals, „Ungebetene Gäste“, das Festivalleiter Gottfried Hattinger und sein Team für Marchtrenk auserkoren hatten. Das beginnt mit Postkarten unter dem Motto „was darf Kunst?“ bei „Gute Gründe“, die an Marchtrenker verschickt wurden, und endet bei Projekten, wo Einwohner ihrem eigenen Garten einen Staat mit eigener Verfassung machten. Klingt skurril? Ist es auch, zumindest zu einem gewissen Grad. Einige Projekte wie die „sprechende Couch“ im Rahmen des Projektes „Á bout de souffle – Verschnaufen auf Zeit“ sind dann lustig, andere, wie „Dinge die bleiben“, wo Marchtrenker willhaben-Auktionen durchforstet und via 3d-Drucker eingescannt wurden, wirken dann aber doch ein bisschen austauschbar. Ist ja nicht so, dass Marchtrenker jetzt andere Dinge verkaufen als Ebenseer, Innviertler, Linzer oder Freistädter.

Ein Highlight: „Sag zum Abschied leise Servus“, das sich mit dem Weg beschäftigt, ein Haus möglichst schnell zu verlassen. Wie das geht? Aus dem Fenster springen! Natürlich ließ sich auch die Subtext.at-Crew nicht lumpen und folgte der Einladung. Unsere Claudia scheppert sicher heute noch wie eine Kracherlkiste. Ein weiteres, wenn nicht DAS Highlight des Festivals: das klingende Haus. Götz Bury hat hier gemeinsam mit dem Marchtrenker Musikverein ein Projekt erschaffen, das wir nur mit einem „bist du deppert, ist das geil!“ beschreiben können. Die Idee? Ein Haus als kompletten Klangkörper zu missbrauchen. Regenrinne, Teppichklopfer, Jalosien, Wäscheständer, ein Kleiderschrank als Kontrabass, ja sogar die Rasenmäher wurden zu einer musikalischen Einheit. Drumsets aus Töpfen, Altpapierkübeln sowie selbstgebaute Violinen aus Blech natürlich inklusive. Wenn dann noch so ziemlich jedes Klischee eines Orchesters durch den Kakao gezogen wird, der Dirigent in die Sandkaste verbannt wird, und sowohl Besucher, Musiker als auch Quasi-Intendant Bury sichtlich Spaß hatten, dann bleibt nur eines zu sagen: Chapeau!

Weiters im Programm: ein Abstecher zum Wasserturm, der sich mit der Geschichte Marchtrenks beschäftigt, die maßgeblich durch den Zuzug von Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg und damit Migration beeinflusst wurde, sowie eine beeindruckende Performance bei „Drive Thru_“ von Eli Kabir Gold, der auf so eindrucksvolle Art und Weise die Macht von Grenzen, Grenzkontrollen und Exekutive untermauerte, dass man nur erahnen kann, wie schlimm manches in der Realität sein könnte. Ein Projekt, das angesichts der aktuellen politischen Lage Angst einflößt. Ein idealer Abschluss eines Tages am Festival der Regionen, das man grübelnd verlassen hatte. Grübelnd, aber auch lachend. Und damit hat Kunst zumindest für mich das erreicht, was sie tun sollte: aufrütteln. Vielleicht so, wie das Festival der Regionen Marchtrenk ein wenig aufgerüttelt hat. Verdient hätte es die Stadt, nicht mehr nur die „Stadt zum Schlafen“ zu sein, sondern auch ein bisschen mehr „Stadt zum Leben“ zu werden.

 

Fotos: Lisa Leeb, Benedikt Reiter

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