Jeder Film, der ins Kino kommt, braucht Sounddesign. Dennoch wissen selbst manche Filmenthusiast_innen nicht, wie die einzelnen Arbeitsschritte aussehen oder verwechseln die Tätigkeit eine_s_r Sounddesigner_s_in mit der eine_s_r Musiker_s_in. subtext.at hat Bernhard Bamberger, Tonmeister und Sounddesigner für Film und Fernsehen, während des Heimatfilmfestivals in Freistadt getroffen und das Gespräch über seinen Beruf, das Sounddesign in „Oktober, November“ (Regie: Götz Spielmann) sowie seine nächsten Projekte festgehalten.

subtext.at: Wie sieht deine Arbeit als Sounddesigner aus? Welche Aufgabenbereiche zählen dazu?
Bernhard Bamberger: Sounddesign umfasst die komplette Tonebene mit Ausnahme der Musik. Die Musik kommt erst wenn sie fertig ist zu mir. Ich erstelle den Sound bereits parallel. Insgesamt gibt es drei Phasen bei der Produktion eines Filmes: die Pre-Produktion, die z.B. das Schreiben des Drehbuches und die Konzeption einschließt; die eigentliche Produktionsphase, also der Dreh, der die kürzeste Phase mit dem höchsten Aufwand ist; und schließlich eine lange Phase der Postproduktion, zu der auch Tonbearbeitungen zählen. Das Sounddesign steht am Ende der Postproduktionsphase und nimmt bei einem Spielfilm ca. 12-16 Wochen in Anspruch. Ich habe mir einmal ausgerechnet, dass ich einen Film ungefähr 250 Mal sehe, bevor er ins Kino kommt. Wenn ich am Sounddesign eines Filmes arbeite, gewinne ich das Werk lieb. Das halte ich auch für wichtig für die Arbeit. Mir ist jedoch bewusst, dass mein Risiko verglichen mit anderen Künstler_innen gering ist. Beim Film arbeitet keiner für sich alleine. Während meines Arbeitsprozesses denke ich an den gesamten Film, nicht ausschließlich an den Ton. Wenn die Filmerzählung nicht funktioniert, fühle ich mich mitverantwortlich.

subtext.at: Was waren deine konkreten Tätigkeiten bei „Oktober, November“? (Anmerkung: „Oktober, November“ ist ein Drama um zwei Schwestern und ihren sterbenden Vater aus dem Jahr 2013, das beim Heimatfilmfestival gezeigt wurde)
Bernhard Bamberger: Ich habe das Projekt nach dem Schnitt übernommen und 16 Wochen daran gearbeitet. Im Dialogschnitt wird der Originalton bearbeitet, sodass am Ende der fertige Dialog steht. Neben der Originalfassung wird aber auch eine internationale Fassung eines Films hergestellt, die zur Synchronisation verwendet wird. Dabei wird das Wort von Geräuschen getrennt und das Weggekommene wird neu aufgebaut. Damit ist jedes Geräusch eines Filmes künstlich. Sounddesign soll Raum im Kino abbilden können. Ich baue die Töne über Archivgeräusche oder eigene Aufnahmen ein. Dabei muss z.B. beachtet werden, dass die Geräusche aus einer bestimmten Richtung gehört werden sollen. Dieser Arbeitsschritt ist selbst bei einigen Filmschaffenden unbekannt. Manche Regisseur_innen wie Haneke (Anmerkung: Bamberger war bei „Funny Games“ für das Sounddesign zuständig) drehen auf den Punkt und wissen schon während des Drehs, wie der Schnitt ist. Das kommt aber selten vor. Jüngere Regisseur_innen arbeiten kaum so und versuchen, sich viele Möglichkeiten offen zu lassen.

subtext.at: Hat es bei „Oktober, November“ Herausforderungen für das Sounddesign gegeben? Wenn ja, welche?
Bernhard Bamberger: „Oktober, November“ hat ca. 200 Spuren, acht davon sind Dialog. Götz Spielmann (Regisseur) setzt nicht auf Musik, daher hat das Sounddesign auch eine musikalische Funktion und beeinflusst die Stimmung oder auch die Geschwindigkeit einer Szene. Der große Unterschied zwischen Musik und Sounddesign liegt darin, dass das erstere unmittelbar ist, wohingegen das zweite nicht wahrgenommen werden soll. In „Oktober, November“ sind der Topos der Vereinsamung und Orientierungslosigkeit zentral. Daher hat der Film mehr Stille verlangt als man das als Sounddesigner vielleicht möchte. Ich hatte mehr Geräusche im Arbeitsprozess als jetzt im Endprodukt. Spielmann hat auf eine Reduktion gedrängt. Er hatte eine Vision, die ich unterstützt habe. Man versucht sich gegenseitig künstlerisch zu überzeugen und hat dann am Ende ein gemeinsames Projekt mit kreativer Einigung. Das ist ein längerer Diskussionsprozess. Ich versuche, die Regie generell lange von meiner Arbeit fernzuhalten, weil sie eine andere Funktion hat und die Außenposition nicht verlieren soll. Es gibt da eine psychoakustische Regel: Wer auf etwas bewusst hinhört, nimmt es doppelt so laut wahr. Regisseur_innen würde das auch so gehen. Ich überlege mir zu jedem Geschehen etwas. Zeit und Raum lassen sich mit Sounddesign beeinflussen.

subtext.at: Kann das Sounddesign einen Film verfremden oder ist das eher der Musik überlassen?
Bernhard Bamberger: Eine Verfremdung sollte jedenfalls nicht passieren, wenn sie nicht gewollt ist. „Drive“ ist ein Beispiel für einen Film, der mit akustischen Ebenen arbeitet, die zwischen Objektivität und Subjektivität wechseln. Die Überfallszene wirkt genau deshalb fantastisch, weil der Ton gegen das Bild eingesetzt ist. Wenn ich einen Film erhalte, steckt schon viel Kreativität in ihm. Ich überlege, was mir der Film sagt. Das Sounddesign ist kein Mantel. Man muss etwas erst herausholen. Ein Film teilt mir bereits mit, wie er klingen will. Trotz wiederkehrender Motive muss ich immer wieder neu beginnen. Dieselben Dinge klingen je nach Film anders. Hier gilt es auszuprobieren.

subtext.at: Gibt es noch Genrekonventionen, die die Tongestaltung beeinflussen?
Bernhard Bamberger: Der Einfluss von Genres ist stark. Zudem ist der Hintergrund eines Filmes wichtig: Wo muss ich das Genre einhalten? Wo darf ich es brechen? Österreichische Filme sind gar nicht so genrespezifisch. Es kann vorkommen, dass ich nach dem Schnitt der ersten 20 Minuten eine neue Richtung bemerke und den Beginn wieder neu zu gestalten habe. Genres haben viel mit dem Tempo und der Lautstärke eines Filmes zu tun. Das wird oft von der Musik unterstützt. Schläge klingen zum Beispiel sehr unterschiedlich in einem Familiendrama im Vergleich zu einem Western.

subtext.at: Worauf achtest du bei einem Film generell, wenn du für das Sounddesign zuständig bist?
Bernhard Bamberger: Ich möchte mit den Mitteln des Tons den richtigen Erzählton für einen Film treffen und achte darauf, dabei keine Fehler zu machen. Nicht jeder weiß, wie etwas zu klingen hat, aber dafür weiß jeder, wie etwas nicht klingt. Dessen ist man sich nicht immer bewusst. Im Zentrum stehen für mich die Figuren, ihre Geschichten und die mittransportierten Emotionen. Im Zweifelsfall muss der Dialog hierbleiben. Ich muss das Sounddesign nicht in den Vordergrund stellen. Emotionen und der Text sind wichtiger.

subtext.at: Was sind deine derzeitigen und kommenden Projekte?
Bernhard Bamberger: Ich arbeite viel fürs Fernsehen, derzeit etwa an einem Landkrimi von Nikolaus Leytner, der im Mühlviertel gedreht wurde. Zehn Folgen „Schnell ermittelt“ laufen noch bis zum Frühjahr. Ich erfahre immer erst ca. zwei bis drei Monate vor dem Beginn eines Projektes davon.

Bernhard Bamberger (*1964) ist Tonmeister und Sounddesigner für Film und Fernsehen. Er hat an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien studiert, ist Initiator des Verbandes Österreichischer Sounddesigner_innen und war Lehrbeauftragter für Film- und Fernsehton an der Fachhochschule St.Pölten.

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