Life Is Strange hatte im Jahr 2015 das Genre der Spiele, in welchen der Spieler selbst die Handlung steuern kann, stark geprägt, und zu einigen Teilen revolutioniert. Nun ist es endlich soweit: wir dürfen nach Arcadia Bay zurückkehren, jedoch komplett anders als gedacht. Lange haben wir einer Ankündigung entgegen gefiebert – doch entgegen der stets anhaltenden Gerüchte über eine inhaltliche Fortsetzung zum ersten Teil, präsentierte Microsoft auf der E3 im Juni 2017 Life is Strange: Before the Storm, in welchem wir erstmals in die Schuhe von Punk-Rock-Rebellin Chloé schlüpfen dürfen!


Graffitis statt Polaroids, Rockkonzerte statt Indie-Filme. Before the Storm spielt zwar in dem gleichen, ruhigen Küstenstädtchen wie der Vorgänger, jedoch spürt man von der ersten Minute an, dass hier nicht mehr Max Caulfield – die Protagonistin des ersten Teiles – ihre allseitsbekannten Polaroidfotos in der Gegend verteilt. Diese hat sich nämlich nach Seattle abgesetzt, und Chloé in Arcadia Bay zurückgelassen. Deren Leben ist viel ernster, beeinflusst von Drogen und dem Tod ihres Vaters. Wie soll man das nur ohne beste Freundin bewältigen?

Life is Strange: Before the Storm
Publisher: Square Enix
Entwickler: Deck Nine Games
Plattformen: PC, PS4, XBOX One
Metacritic-Score: 78%
Preis: 16,99€ (3 Grundepisoden)
24,98€ Deluxe Edition mit Zusatzepisode

Diesmal ohne Zeitreisen – aber mit genauso viel Herz!

Life is Strange: Before the Storm erzählt die Story und den Werdegang von Chloé Price und Rachel Amber – den zwei wichtigsten Nebenpersonen aus Life is Strange – knapp drei Jahre vor den eigentlichen Geschehnissen. Und eigentlich würde man, wenn man an die taffe Chloé denkt, nicht unbedingt große Gefühle erwarten. Die Story von Chloé und Rachel wird jedoch sehr gefühlvoll erzählt. Man erlebt den Wandel von der sorgenfreien Chloé – vor dem Autounfall ihres Dads – zur blauhaarigen Punk-Ikone. Chloé war dabei schon immer etwas rebellisch – doch der Verlust ihres Vaters, gepaart mit dem Umzug ihrer besten Freundin Max, welche zu dem Zeitpunkt Arcadia Bay verlässt, macht sie hart und eisig. Deck Nine Games hat hier wirklich gute Arbeit geleistet, und die Charakterzüge realisitisch, aber dennoch zum Franchise passend dargestellt. Dabei wurden die Eigenheiten – welche Life is Strange so besonders machen – neu aufgearbeitet und eingesetzt. So wurde Max‘ ikonische Polaroidkamera gegen einen schwarzen Filzer getauscht, den Chloé nutzt, um sich via Graffiti bei den verschiedensten Plätzen zu verewigen.

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Bereit für das nächste Graffiti?

Was uns besonders positiv aufgefallen ist, ist die starke Verbesserung der Grafik. Die Gesichtsanimationen sind viel besser – waren Lippenbewegungen in Life is Strange doch zuvor so gut wie gar nicht vorhanden. Der Soundtrack ist – wie auch bereits im Vorgänger – sehr stimming, gefühlvoll, und passend zu den jeweiligen Situationen gewählt.

So erleben wir in diesem Teil auch erstmals Rachel Amber – das große Mysterium des ersten Teiles. Mit einem perfekten Prinzessinenruf im Gepäck, stolpert der „Star der Blackwell Academy“ sie auf einem Konzert einfach so in Chloés Leben. Umso erstaunter ist Chloé über ihre neue Kameradin, und zwischen den Beiden entwickelt sich eine ganz besondere Freundschaft. Mit der Zeit lässt Rachel immer mehr ihre Fassade bröckeln, und sowohl sie als auch Chloé öffnen sich, und lassen in ihre Seele blicken. Dabei kommt es zu einigen emotionalen Höhepunkten, welche wunderbar inszeniert wurden. Schritt für Schritt verstärkt sich das Band zwischen den zwei Mädchen, und es entsteht eine ganz besondere Beziehung. Umso mehr versteht man nun auch den Schmerz, welchen Chloé im eigentlichen Life is Strange verspürt, als Rachel verschwindet.

Die Beziehung der Zwei lässt sich – im Vergleich zum ersten Life is Strange – nur teilweise beeinflussen. Sie ist von der ersten gemeinsamen Flucht vor fiesen Schlägern, bis hin zu gemeinsamen Roadtrips für Beide eine noch nie dagewesene Erfahrung, und die Entwickler haben viel daran gesetzt dass man dies auch von Anfang bis Ende spürt.

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Der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft

Kratzbürstig und durchgedreht – Chloé im Mittelpunkt

Anfangs hatten wir in der Redaktion unsere Zweifel, ob Chloé als Protagonistin wirklich geeignet ist. Spieler des ersten Teiles kennen ihr Schicksal, und auch ihre durchaus gewöhnungsbedürftige, selbstbewusste Art. Chloé ist stets rebellisch, patzig zu ihren Mitschülern, und lässt sich von keiner Regel der Welt beeindrucken. Dies kommt speziell durch Chloés Pendant zu Max‘ Zeitreisefähigkeiten zur Geltung – der Wiederworte-Herausforderungen. In diversen Dialogen bietet sich Chloé die Möglichkeit, die Worte ihres Gegenübers zu manipulieren und gegen ihn zu verwenden. Dieses Feature war unserer Ansicht nach aber noch nicht hundertprozentig ausgereift, kam Chloé doch manchmal etwas zu leicht aus brenzligen Situationen davon. Charakterlich ist die eigentliche Idee jedoch spitze, und wir hoffen dass sie in den zukünftigen Episoden noch mehr zur Geltung kommen wird. Denn Chloé ist viel schlauer als es im vergangenen Teil den Anschein hat. Sie interessierte sich jahrelang für Naturwissenschaften, und würde jeden einzelnen Test mit Links meistern können, wenn sie sich Mühe geben würde. Dies könnte in den Dialogen gerne noch öfter eingebaut werden – waren manche Antworten doch sehr plump.

Was bei allen Dialogen aber dennoch wirklich spürbar war, ist die innere Wut und Verzweiflung die Chloé von der ersten Minute an mit sich trägt. Sie will ihre Mitmenschen nicht verletzten, doch oft bricht es dennoch aus ihr heraus. Sie kann sich nicht zur Wehr setzen – zu sehr wurde sie vom Schicksal mit Füßen getreten und möchte nichts mehr als ihrem Leidwesen in Arcadia Bay entfliehen.

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Mitten im Gefühlschaos – Rockerin Chloé

Wichtig ist zu verstehen, dass Chloé einfach nicht Max ist. Das mag banal klingen, wird einem in Before the Storm aber erstmals wirklich bewusst. Chloé überlegt nicht, grübelt nicht stundenlang über Polaroids. Sie ist ein wahrer Wirbelsturm, der oft Chaos und Zerstörung hinterlässt. Dies lässt sich oft nicht rückgängig machen – und gibt dem Spiel das komplett gegenteilige Gefühl der Entscheidungsgewalt des ersten Teils. Denn nun kann man nicht mehr zurückspulen – im Gegenteil! Entscheidungen wiegen oft noch schwerer, ziehen Konsequenzen nach sich, und können nicht wieder ausgebessert werden.

Wenn Chloé wütend ist zieht sie sich nicht wie Max in ihr Zimmer zurück, sie lässt ihre Wut raus und jeder soll spüren wie ungerecht die Welt sie behandelt hat. Dies wurde speziell gegen Ende der Episode super dargestellt – als jede einzelne Entscheidungsvariante einfach durch die pure, rohe Gewalt an armen Schrottplatzdingen ersetzt wurde. Dies hat ihren Charakter perfekt unterstrichen.

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Manchmal muss man seine Gefühle um jeden Preis freien Lauf lassen ..

Du fehlst uns, Max Caulfield!

Obwohl das Prequel von Life is Strange ohne die schüchterne Polaroidfotografin auskommen muss, ist sie dennoch stets weiterhin präsent in Chloés Leben. Wir erfahren erstmals was passierte, als Max nach Seattle zog, und ihre Freundschaft mit Chloé sich stark verändert hatte. Es ist nicht leicht zu sehen, dass auch unsere geliebte Max keinen Heiligenschein verdient hat. Zahlreiche unbeantwortete Nachrichten von Chloé an Max, und viele Fotos aus der gemeinsamen Kindheit zeigen wie stark Chloé noch an Max hängt.

In vielen inneren Dialogen spürt man Chloés schmerzlichen Verlust. Jede alte Kamera auf ihrem geliebten Schrottplatz erinnert sie an ihre ehemalige beste Freundin, und nach wichtigen Ereignissen kann man in ihrem Tagebuch handgeschriebene, seitenlange Briefe finden – Briefe, die Chloé jedoch nie abschicken wird. Mit jeder Minute versteht man ihren Hass auf die Welt mehr – der Vater im Autounfall gestorben, von der besten Freundin verlassen. Wer würde sich da nicht vor der Realität flüchten, und die eigenen Gefühle betäuben wollen?

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Chloés Erinnerungen sind oft sehr schmerzhaft – und machen ihre Wut verständlich

Dies ist ein wirklich gelungener Aspekt der Story. Jeder, der schon einmal einen Freund verloren hat, kann sich hier mit Chloé identifizieren – und so sehr wir Max im ersten Spiel liebten, desto mehr sehen wir sie nun mit anderen Augen. Es war sicherlich auch für Max nicht leicht, mit Chloés unglaublichem Leid zurecht zu kommen, und man wird hoffentlich noch mehr in die Geschehnisse direkt nach dem Autounfall von Chloés Vater eintauchen können. Wir sind sehr gespannt was wir noch alles über die gemeinsame Vergangenheit der zwei Freundinnen herausfinden werden!

 

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Die Zeit der Piraten ist hier schon lange vorbei …

„It’s ok not to be ok“ – die Hauptmessage des Spieles

Das Leben mit all seinen Fehlern, Höhen und Tiefen zu akzeptieren, und sich dennoch nicht aufzugeben – das stellt die grundlegende Nachricht der ersten Episode von Before The Storm dar. Chloé ist am Tiefpunkt. Ihr Vater und ihre beste Freundin haben sie zeitgleich verlassen. Ihre Mutter versucht einen Neustart, doch Chloé ist nicht bereit dazu. Und auch Rachel hat mit zahlreichen Problemen unterhalb ihrer perfekten Maske zu kämpfen – und das ist absolut ok! Denn ja, manchmal ist die Welt zum Kotzen! Niemand auf unserem Planeten könnte wirklich das Gegenteil behaupten. Deck Nine hat einen wunderbaren Job geleistet, dieses Gefühl – die Akzeptanz von Tiefpunkten – auf den Punkt zu bringen und visuell toll darzustellen. Im Laufe der ersten Episode lernen beide Mädchen was es heißt, das Leben einfach zu akzeptieren, und nicht dagegen anzukämpfen.

Ob Chloé auf dem Schrottplatz Autos demoliert, oder Rachel jeden in Trauer von sich stößt – alles sind menschliche, und vor allem im Kontext absolut nachvollziehbare Reaktionen. Man wirft niemandem vor sich falsch zu verhalten – im Gegenteil: es regt zum Nachdenken an, wie man sich selbst in solchen Situationen fühlen würde. Die verbesserte Grafik trägt hier auch einen großen Teil zu den glaubwürdigen Reaktionen der Charaktere bei.

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Das Leben ist oft eine ständige Gefühlsachterbahn!

Chloe als Protagonistin – Top oder Flop? – unser Fazit

Wir waren von der ersten Episode von Life is Strange: Before the Storm wirklich sehr überrascht. War es anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig in Entscheidungsdialogen kratzbürstigere Antworten auffahren zu müssen, so kann man dies mit jeder Minute die im Spiel vergeht immer stärker nachvollziehen. Die ursprünglichen Life is Strange Elemente und Easter Eggs wurden super in das Prequel integriert – und speziell das Ende hat unser Herz aufgehen lassen. Wir verzichten hier natürlich auf Spoiler, jedoch hat es stark an das Ende von der allerersten Life is Strange Episode erinnert – und das im absolut Positiven.

Lediglich die Dauer der Episode hat enttäuscht – so waren es doch nur knapp vier Stunden wenn man wirklich jeden letzten Winkel von sowohl neuen als auch altbekannten Schauplätzen erkundet. Dafür, dass es sich insgesamt nur um drei Episoden handeln wird, war uns das doch zu wenig. Die Geschichte hätte noch etwas mehr Tiefe und Handlung vertragen können.

Pro:

  • Grafik stark verbessert, prägender Stil dennoch beibehalten
  • keine Spoiler für die ursprüngliche Geschichte
  • zahlreiche Easter Eggs
  • besondere Features von Life is Strange neu interpretiert
  • Entscheidungen am Ende der ersten Folge bereits spürbar

Contra:

  • Episode leider sehr kurz geworden
  • anfängliche Dialoge von Chloe manchmal zu kratzbürstig bzw. schlecht nachvollziehbar
  • Manche Entscheidungsmöglichkeiten unpassend

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Life Is Strange: Before the Storm – Episode 1 ist dennoch ein toller Auftakt des Prequels, welches wir euch absolut ans Herz legen können. Fans des Ausgangstitels Life is Strange werden sich sofort wieder in Arcadia Bay zurecht finden, und dabei auf zahlreiche bekannte Gesichter und Easter Eggs treffen. Doch auch neue Interessenten können den Teil guten Gewissens spielen – die Story ist , jedenfalls bis zum aktuellen Zeitpunkt, völlig unabhängig. Welchen Teil ihr euch zuerst vornehmt ist absolut euch überlassen – je nach Anfang kommt man auf ganz andere Weise in der Welt von Life is Strange an. Wir in der Redaktion können euch jedoch nur empfehlen, das Ursprungsspiel Life is Strange vor Before the Storm zu spielen. So wird man doch ganz besonders an die Geschichte herangeführt, und Charaktere wie Rachel sind zuerst noch ein offenes Buch und Mysterium. Spoiler für Life is Strange finden sich in der ersten Episode keine, hier besteht kein Risiko.

Für 16.99€ werden drei Episoden geliefert, für 24.99€ noch eine Abschiedsepisode mit Max Caulfield. Auf diese sind wir in der Redaktion wirklich sehr gespannt. Der Preis rechtfertigt die Zeit die man in Arcadia Bay verbringen kann, und wie toll vergangene Charaktere ENDLICH wieder ins Rampenlicht treten! Dennoch hoffen wir sehr , dass die zwei noch folgenden Episoden etwas mehr Inhalt enthalten – speziell da es sich diesmal insgesamt um nur drei Episoden handelt.

Wir sind jedenfalls gespannt auf Life is Strange: Before the Storm – Episode 2: Schöne neue Welt!

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