Während einige Regisseur_innen in Dokumentarfilmen ausschließlich andere Menschen um ihre Einschätzung bitten und nichts dem Zufall überlassen, hat sich Gerald Harringer bei seinem Projekt „Rowing for Europe“ (2017) für einen anderen Weg entschieden. Er ist gemeinsam mit Ihsan Banabak selbst zentraler Teil des Filmes. Die beiden rudern von Linz durch Südosteuropa bis zum Schwarzen Meer und begegnen dabei Menschen, denen sie sonst wahrscheinlich nicht begegnet wären. subtext.at hat Gerald Harringer während des Heimatfilmfestivals in Freistadt getroffen und mit ihm über seine Idee für das Projekt, den Heimatbegriff in „Rowing for Europe“ und Linz als Ausgangspunkt der Reise gesprochen.

subtext.at: Wie kam deine Idee für den Film „Rowing for Europe“ zustande?
Gerald Harringer: Wir haben seit 20 Jahren Projekte bei „Die Fabrikanten“ (Anmerkung: Künstler_innenkollektiv). Eines ist etwa der Film „Trivial Europe“ (2007). Auch hier hat eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Europa stattgefunden, eine Annäherung durch Städteportraits von Thessaloniki, Novi Sad, Linz, Essen und Liverpool. Menschen zeigten uns ihre Lieblingsplätze. Der Ansatz bei „Rowing for Europe“ jetzt ist ähnlich. Meine erste Intention war die Dokumentation einer Forschungsbegegnungsreise entlang der Donau. Ich wollte ein Bild vom Europa der Gegenwart zeigen und habe vor der Reise Treffen mit Künstler_innen vereinbart. So können möglicherweise weitere Projekte in der Zukunft entstehen. Die filmische Dokumentation war eher ein Nebenprodukt: Das Ergebnis war dem Zufall überlassen. Ich hatte keinen Monitor zum Kontrollieren. Vor „Rowing for Europe“ gab es allerdings schon eine Fußreise von Linz nach Venedig von Florian Sedmak, der ebenfalls Mitglied bei „Die Fabrikanten“ ist. Insgesamt war „Rowing for Europe“ eine performative Aneignung: Ich möchte gerne etwas näher kennenlernen, das Abenteuer Kommunikation mit Fremden erleben und ich wollte eine Reise mit einem Ruderboot machen. Mein Freund Ihsan Banabak kommt aus einer Gegend am Schwarzen Meer und ist diesbezüglich erfahrener als ich. Dennoch war es schon mein Kindheitstraum, von Linz bis ans Schwarze Meer mit einem Boot zu reisen.

subtext.at: Was hast du dir selbst von der Reise mitgenommen?
Gerald Harringer: „Rowing for Europe” war gerade erst bei einem Filmfestival in Rumänien. Ich nehme jetzt sowohl das Land als auch die Landschaft und die Menschen anders wahr als vor dem Filmprojekt. Ich habe neue Perspektiven entwickelt. Beeindruckend war auch, dass die Wahl des Reisemittels einen großen Unterschied in der Wahrnehmung macht. Die Reise hatte etwas Archaisches: das Nutzen des Stromes, das Durchbrechen der Stille durch das Paddeln und die Einheit mit der Natur. Außerdem hatte es einen mediativen Effekt und ich habe spannende Menschen getroffen. Manchmal haben sich Klischees bestätigt, andere sind konterkariert worden.

subtext.at: Worin hast du die größten Herausforderungen gesehen?
Gerald Harringer: Eine Herausforderung liegt sicher darin, dass man kaum etwas planen kann. Man weiß nicht, was einen als nächstes erwartet oder wo man abends schlafen wird. Zudem ist der Raum mit den Mitreisenden klein und man verbringt viel Zeit miteinander. Da wird eine Toleranz für Konflikte benötigt. Zu einer Schwierigkeit können auch die Auflagen und Regeln werden. Bei einer Schleuse in der Slowakei durften beispielsweise Sportboote, zu welchen unser Boot zählte, nicht durch. Eigentlich hätten wir das Boot ein Stück über Land tragen müssen. Aber der Schleusenwärter ließ sich dann erweichen. Wir haben teilweise versucht, Schleusen in der Nacht mit riesigen Schiffen zu passieren. Die Atmosphäre hat mich das an schwarze Tor von Mordor erinnert, wenn Geräusche in den Schleusen zu hören waren.

subtext.at: Liegt „Rowing for Europe” ein bestimmter Heimatbegriff zugrunde? Wenn ja, welcher?
Gerald Harringer: Ja, Heimat, was Europa betrifft. Für mich hört Heimat nicht bei der Landesgrenze auf. Ich würde mir überhaupt einen europäischen Heimatbegriff wünschen und hoffe, mit „Rowing for Europe“ eine unkonventionelle Annäherung erreicht zu haben. Grenzen und die Frage nach der Identität sind wesentliche Themen des Filmes. Auf der Reise habe ich allerdings erkannt, dass nationalstaatliches Denken stark verhaftet ist. Einige Bulgar_innen waren noch nicht so gut auf Türk_innen zu sprechen. Für viele war es bereits eine Überraschung, dass ein Österreicher und ein Türke gemeinsam reisen. Alleine das war eine Reise wert, wenn sich die Menschen jetzt Gedanken machen und ihre Vorurteile überprüfen. Bei Fischern konnte ich manche Stereotypen tatsächlich auflösen. Als abschließende Geste wurde das Ruderboot am Weltfriedenstag verschenkt.

subtext.at: Gleich zu Beginn des Filmes sprechen die Menschen, die dir begegnen, von Grenzen. Inwieweit haben diese einen Bezug zu Heimat?
Gerald Harringer: Darüber habe ich selbst mit meinem Freund diskutiert. Manche denken, dass die Mentalitäten der Menschen je nach Staat unterschiedlich sind. Ich sehe das nicht so, denn auch das Gegenteil von Stereotypen lässt sich finden. Darüber hinaus glaube ich nicht an ein Nord-Süd-Gefälle. Wahrscheinlich braucht der Mensch ein narratives Konstrukt zum Erklären der Welt. Stattdessen könnte man aber mehr über Europäer_innen sprechen. Förderansätze in Richtung Cultural Heritage  (= Kulturerbe) bestehen bereits. Ich hoffe, mit „Rowing for Europe“ selbst eine Cultural- Heritage- Geschichte für Europa erzählt zu haben. Einerseits beinhaltet der Film kleine Geschichten, andererseits aber auch große wie die Rumänische Revolution. Ich habe auf der Reise den Verkünder der Revolution im Fernsehen getroffen. Das war damals auch ein Sieg der Zivilgesellschaft; die das Ziel hatte, eine wesentliche Veränderung im Staat herbeizuführen.

subtext.at: Wird ein politisch diskutiertes Recht auf Heimat immer auch mit Staatsgrenzen verbunden?
Gerald Harringer: Der Begriff Heimat ist sehr diffus und wird oft missbraucht. Staatsgrenzen sind allerdings willkürlich gezogen worden. Früher war die Donau z.B. eine natürliche Grenze. Das System auf der einen Seite war anders als auf der anderen Seite. Jetzt gibt es allerdings Brücken. Grenzen verändern sich auch. Ich verstehe nicht, wieso Slowenien etwa eine ganz andere Kultur als Österreich haben soll. Heimat ist für mich dort, wo mein Herz ist.

subtext.at: Linz ist Ausgangspunkt deiner Reise und im Laufe des Filmes immer wieder an Gegenständen wie der Aufschrift auf einer Decke zu bemerken. Welche Rolle spielt die Stadt für „Rowing for Europe“?
Gerald Harringer: Linz ist meine Heimatstadt und ich bin dort auch beheimatet. Wir hätten jedoch genauso woanders starten können. Die sportliche Komponente war nicht ausschlaggebend und der Endpunkt war zu Beginn der Reise noch offen. Wir wollten ursprünglich einmal nach Istanbul, doch das Wetter war dann zu schlecht. Eine Abkürzung konnten wir ebenfalls nicht nehmen, dafür habe ich dadurch das Delta gesehen. Linz war als Ausgangspunkt einfach naheliegend, weil es zugleich der Wohnort ist.

subtext.at: „Rowing for Europe” ist heuer bereits am Crossing Europe Filmfestival gezeigt worden. Was waren die Reaktionen der Besucher_innen?
Gerald Harringer: Es ist viel gelacht worden, wobei ich dazu sagen muss, dass das ein Heimspiel war. Jetzt gerade hatte der Film seine rumänische Premiere auf dem Divan Filmfestival, das sich Balkanthemen widmet. Die Reaktionen dort waren, dass ich nach der Idee für den Film gefragt worden bin und mir Menschen gesagt haben, dass sie selbst so eine Reise nicht machen würden. Inspiration ist ein positiver Effekt und möglich, da das Projekt im Bereich des Realisierbaren liegt. Ich hatte selbst gar keine Erfahrung mit dem Rudern.

subtext.at: Sind weitere Filmvorführungen geplant?
Gerald Harringer: Ich habe „Rowing for Europe“ bei Filmfestivals eingereicht und hoffe speziell auf Dokumentarfilmfestivals. Ich habe auch bereits eine Anfrage von einem Filmfestival in Rumänien, das den Schwerpunkt auf Naturfilme legt, erhalten. Leider war es zeitgleich mit dem anderen Festival, aber vielleicht klappt es nächstes Jahr. Filmvorführungen werden jedenfalls auf der WordPress-Seite angekündigt.

subtext.at: Was wird als nächstes von dir zu sehen sein?
Gerald Harringer: Ich habe einen Film, wieder mit Johannes Pröll (Produzent), in Vorbereitung. Der Inhalt ist, dass ein polnischer KZ-Häftling die Befreiung des Lagers überlebt. Der Film soll die Hölle des Konzentrationslagers Gusen II zeigen. Nur in wenigen Fällen halfen Zivilpersonen oder bei der Befreiung das Militär. Dazu sind Interviews mit Überlebenden geführt worden. Es ist also ein klassischer Dokumentarfilm. Man weiß über das KZ Gusen II weniger als über das in Mauthausen. Bald ist auch die 75-Jahre-Feier der Befreiung und es gibt immer weniger Überlebende. Ich wohne in Katsdorf und damit nahe bei Gusen. Was meine Filme betrifft, achte ich auf die Themen rund um mich und darauf, wo ich selbst stehe. Ich bin durch das Crossing Europe Filmfestival etwa mit Künstler_innen befreundet und mache Künstler_innenportraits.

Gerald Harringer (*1962) ist freischaffender Filmemacher und Kulturmanager. Er ist Marketingleiter des Crossing Europe Filmfestivals und Mitbegründer des Kollektivs „Die Fabrikanten“.

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