Ein Haus in den Bergen, darin ein sterbender Vater und zwei Töchter, die an seinem Bett wachen – Dem Autorenfilmer Götz Spielmann ist mit „Oktober November“ (2013) trotz der Simplizität des Inhaltes ein feinfühliges Drama gelungen, das Stille und Hektik miteinander verbindet. Der Alltagsstress und die Bereitschaft, für den Vater da zu sein, verstärken nicht nur ungelebte Wünsche, sondern stellen auch die Frage nach einem Zuhause neu.

Heimatlos sind die Schwestern Verena (Ursula Strauss) und Sonja (Nora von Waldstätten) beide, wenngleich auf eine sehr unterschiedliche Weise. Während die jüngere Sonja Schauspielerin ist und in der Stadt teilweise an der Oberflächlichkeit, sei es durch Bewunder_er_innen oder die Distanz zu ihren Mitmenschen, verzweifelt; hat die ältere Verena das Dorf ihrer Kindheit nicht verlassen. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter bewohnt sie das Elternhaus mit ihrem Vater (Peter Simonischek), Ehemann Michael (Johannes Zeiler) und dem gemeinsamen Sohn Hannes (Andreas Ressl). Getrübt wird dieses Zuhause durch die Launen des Vaters und die Gewohnheitsbeziehung zum Ehemann. Der ist leicht zu durchschauen als freundlicher Partner und fürsorglicher Vater, aber auch einer der wenigen in „Oktober November“, der einigermaßen zufrieden mit seinem Lebensentwurf wirkt und keine Geheimnisse vor der Familie haben dürfte.

Anders sieht es diesbezüglich bei dem mürrischen Vater aus, der Sonja Briefe von ihrer Mutter überreicht. Ins Bergdorf angereist ist die erfolgreiche Jungschauspielerin, nachdem sie erfahren hat, dass der Vater einen Herzanfall erlitten habe. Dort kann bald nur mehr auf den Tod gewartet werden, dem ein Sterbeprozess vorausgeht, der mitsamt Zuckungen des Vaters und hochkommenden Emotionen der Schwestern dargestellt wird.

„Oktober November“ ist nicht beschönigend. Götz Spielmann (u.a. bekannt durch „Revanche“) lässt die Lebensentwürfe der Geschwister aufeinanderprallen, sie streiten und in Sorge um den Vater sowie ein gewisses Maß an Verständnis für die jeweils andere wieder versöhnen. Diese Gegensätze erzeugen Spannung, die von einem Streit um Landarzt Andreas (Sebastian Koch) wieder ein Stück weit abgeschwächt wird. Ausgerechnet den Arzt zum Objekt der Begierde zweier Schwestern in einem Familiendrama zu machen ist leicht vorhersehbar.

Dennoch sind die Figuren größtenteils facettenreich. Ihre Handlungen sind nicht von vorneherein klar. Distanz wird zu einem Schutzschild vor der eigenen Verletzlichkeit, möglicherweise auch vor Gewohnheit, die, wenn sie als trist empfunden wird, zu einem laut ausgesprochenen Wunsch führt, der sensible Zuseher_innen erschrecken kann.

Doch „Oktober November“ schlägt trotz all der Unruhe in den Charakteren, einem detailliert gezeigten Wiederbelebungsversuch und Sterbeprozess leise Töne an. Weder Sinnfragen noch Zweifel an der eigenen Lebensführung oder ein gebeichteter Seitensprung führen zu Hysterie. Martin Gschlacht (Kamera) setzt diese Stille auch visuell um. Zwischendurch eingeblendete Landschaftsbilder vom Laub und See gehen einprägsameren Aufnahmen von Nebel und dem Bild auf einer Schaukel voran. Unterbrochen wird der unaufgeregte Grundton des Filmes von den vielen Eindrücken in der Stadt wie den Drehaufnahmen Sonjas oder dem Anstoßen nach dem Arbeitstag.

Was sich nach außen hin positiv anhören mag, kann in „Oktober November“ genauso von einer Grundtraurigkeit geprägt sein. Der Film ist von Anfang an überwiegend ernst, entlockt den Zuseher_innen aber auch ein paar Lacher, wenn Gäste ein Loblied auf Gott singen oder der Sohn altklug meint, etwas ohnehin schon gewusst zu haben. Das Ende fügt sich hier ebenfalls wunderbar an. Nahegehend, aber ohne emotionalen Appell zeigt sich, dass der Tod des Vaters auch eine gewisse Erleichterung und mehr Raum für die eigenen Sehnsüchte der Schwestern bringen könnte. Letztere werden im Laufe des Filmes zunehmend lauter und sind so adäquat zur nüchternen, doch sehenswerten Erzählung.

„Oktober November“ ist während des Heimatfilmfestivals in Freistadt gezeigt worden und hat vor drei Jahren einen Romy für das beste Buch zu einem Kinofilm sowie den Thomas-Pluch-Drehbuchpreis gewonnen.

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