Mitte Juni waren wir als offizieller Medienpartner auf dem Maifeld Derby in Mannheim unterwegs und hatten dabei die Gelegenheit mit den wiedervereinigten Emo- und Indierock-Legenden American Football zu plaudern. Wir sprachen mit Mike Kinsella und Steve Lamos darüber wie es sich anfühlt, nach 17 Jahren mit einem neuen Album dazustehen, was es mit dem sagenumwobenen Haus auf ihrem Albumcover auf sich hat und wie sich ihre Herangehensweise an die Musik über die Jahre verändert hat.

subtext.at: Hi! Erst einmal danke das ihr euch die Zeit für uns nehmt! Ihr habt letztes Jahr zum ersten mal seit 17 Jahren ein neues Studioalbum veröffentlicht, was natürlich eine enorme Zeitspanne ist, das bei den meisten Fans sehr gut angekommen ist. In dieser langen Zeit hat sich die Musikwelt ziemlich verändert. Habt ihr in irgendeiner Form Druck oder sogar Angst verspürt als ihr damit ins Studio gegangen seid?
Mike: Nun ja. Wir wussten natürlich genau, dass das um ein vielfaches größere Wellen schlagen würde als noch beim ersten Album. Wir können uns einfach so glücklich schätzen, immer noch die Chance zu haben Musik zu machen und ein Album aufzunehmen. Druck? Ich weiß nicht. In erster Linie wollten wir das für uns selbst tun und ein gutes Album machen.
Steve: Die Musikwelt hat sich in dieser Zeit natürlich verändert, aber ich denke nicht, dass wir uns sonderlich verändert haben. Wahrscheinlich wäre das Album auch nicht viel anders geworden wenn wir uns erst vor drei Jahren kennengelernt hätten. Wir machen einfach nur unser Ding.
Mike: (lacht) Wir sind mittlerweile so alt und langweilig, dass es uns egal ist, ob wir dadurch populärer werden oder versuchen dadurch als Band auf ein neues Level zu kommen. Es ist cool so wie es ist.

subtext.at: Euer Ansatz war also einfach: „Okay, wir machen das jetzt und wir versuchen einfach nur unseren Spaß dabei zu haben“?
Mike: Ja genau. Es ging einfach nur darum Musik zu machen und Spaß zu haben. Aber natürlich war uns auch bewusst, dass es als eine Art Nachfolger für das erste Album gesehen werden wird und da schon eine Verbindung sein sollte.

subtext.at: Habt ihr euch im Vorfeld Gedanken darüber gemacht wie euer Sound in diese neue musikalische Ära übergehen soll?
Steve: Nein, überhaupt nicht. Ich versuche ja immer noch diese neue musikalische Ära zu verstehen. Was mir daran gefällt und was nicht. Wir mögen was wir mögen und bestimmte Dinge an kontemporärer Musik finde ich eben sehr interessant und andere dafür weniger. Das ist alles so ein Kommen und Gehen. Gewisse Dinge wiederholen sich ja sowieso wieder.

subtext.at: Trends kommen und gehen, wie du sagst. Vielleicht kommt euer Comeback ja auch genau zur rechten Zeit um in irgendeiner Form einen kleinen Hype auszulösen. Was meint ihr?
Mike: Ja kann sein. Vor 10 Jahren wären wir damit vielleicht auf Taube Ohren gestoßen. Aus welchem Grund auch immer erlebt unsere Art von Musik ja gerade so etwas wie eine Wiederauferstehung. Es funktioniert einfach super für uns so wie alles gerade ist, weißt du? Wir alle haben Kinder und Jobs und das ist für uns gerade eine coole Sache die so teilzeitmäßig einfach Spaß macht.

subtext.at: Ist das Bandleben für euch im Moment also einfach ein großes Abenteuer abseits eures täglichen Lebens?
Mike: Ja! Ich meine es ist einfach ein spaßiger Teilzeit-Job.
Steve: (lacht)…der beste Teilzeit-Job der Welt! Wir sind jetzt einfach in einem Alter in dem wir das alles genau einschätzen können. Was wir als Band wollen und was nicht.
Mike: 
Ja, es redet jetzt keiner mehr davon seinen Job hinzuschmeißen und Vollzeit-Musiker zu sein und was wir dann nicht alles erreichen könnten…das ist nicht das wirkliche Leben.
Steve: Wir waren jetzt zwei Wochen auf Tour und das ist perfekt für uns! Jetzt ist es wieder Zeit nach Hause zu gehen. Ich vermisse meine Kinder.

subtext.at: Habt ihr mitbekommen, dass das Haus auf dem Cover eures ersten Albums mittlerweile sowas wie eine Touristenattraktion unter Musikfans geworden ist? Im Internet kursieren haufenweise Fotos von Leuten, die sich davor fotografieren lassen.
Mike: Tatsächlich schicken mir Leute sogar manchmal Fotos von sich, wie sie da vor diesem Haus stehen, ja.

subtext.at: Wo genau steht dieses Haus und habt ihr irgendeinen persönlichen Bezug dazu? Hat jemand von euch mal in dem Haus gelebt?
Mike: Der Fotograf war ein Collegefreund von uns. Er hat in dem Haus gewohnt. Es steht glaube ich in Urbana (Illinois). Das war einfach ein Foto von ihm das uns damals gefallen hat, also haben wir es für das Album verwendet.
Steve: Wir warten eigentlich nur darauf, dass uns der Grundeigentümer irgendwann mal eine Rechnung dafür schickt (lacht). Ich hab tatsächlich noch nie einen Fuß in das Haus gesetzt. Ich hab es nur einmal gesehen.

subtext.at: Ist das Coverfoto für euer neues Album eigentlich im Inneren dieses Hauses aufgenommen worden?
Mike: Ja, das ist tatsächlich das selbe Haus. Als klar war, dass wir wieder ein Album machen würden, haben wir unseren Freund Chris, also den selben Typen von damals gefragt ob er das für uns machen würde…und das kam dabei raus. Selbes Haus, neue Perspektive.

subtext.at: Ist das Haus bewohnt und war das für die Bewohner okay?
Mike: Ein paar College Kids wohnen jetzt da. Auf einigen der Fotos, die er uns geschickt hat sieht man die auf der Couch im Wohnzimmer sitzen. Sie haben ihn da einfach herumspazieren und sein Ding machen lassen. Er hatte eigentlich nicht geplant reinzugehen um drinnen zu fotografieren. Das hat sich dann aber einfach so ergeben und hat irgendwie im Bezug auf die Songtexte auch Sinn gemacht.

subtext.at: Ihr wart und seid immer noch ein großer Einfluss in der Emo und Indie Rock Szene in den USA. Kennt und mögt ihr einige der Bands, die euch mittlerweile unter anderem als ihre Vorbilder listen?
Mike: Wir sind schon einigen davon über den Weg gelaufen, haben Shows mit solchen Bands gespielt und so weiter…keine Ahnung. Ich persönliche höre diese Art von Musik ja eigentlich nicht mehr wirklich.
Steve: Das ist natürlich wahnsinnig schmeichelhaft und eine große Ehre für uns. Aber es ist jetzt nicht so, dass junge Bands direkt auf uns zukommen und sagen, „Hey! Wir versuchen so zu klingen wie ihr.“ Das wäre ja auch blöd. Wir haben ja auch nur von anderen Bands geklaut, die schon vor uns da waren. (lacht) Warum also nicht gleich den Mittelsmann überspringen?

subtext.at: Zu welchen Bands habt ihr aufgesehen als ihr angefangen habt Musik zu machen?
Mike: Im College habe ich Stereo Lab geliebt. Ich mochte so repetitive Sachen. Seam war eine kleinere Band, die ich sehr mochte…
Steve: Nicht zu vergessen: The Sundays…und natürlich The Smiths. Ich habe auch damals schon sehr viel Jazz gehört… Was noch? Ach ja, ich habe gesehen Spoon spielen morgen hier. Die mochte ich auch schon immer. Indie Rock für alte Leute! (lacht)

subtext.at: Das heißt du bist derjenige von dem die hörbaren Jazz-Einflüsse in eurer Musik kommen Steve?
Steve: Ja das bin ich! Also, zumindest ein bisschen. Ich will nicht vorgeben ein Jazz Musiker zu sein, das wäre zu viel. Ich wollte immer so tun, als würde ich es lernen, aber ich kann das Zeug einfach nicht spielen. (lacht)
Nein, im Ernst. Ich mag diese Parts, weil sie immer noch diesen improvisatorischen Vibe haben. Der Schluss von „Stay Home“ klingt zum Beispiel jeden Abend anders und das macht mir wahnsinnig Spaß!

subtext.at: Habt ihr von der Band Modern Baseball gehört? Was hat es mit US Indie Bands und derartigen Namen auf sich? Ist so ein Bandname im Zeitalter des Internets eine gute Idee?
Mike: Die haben uns einfach eiskalt kopiert Mann! (lacht) Wir haben es cool gemacht einen bescheuerten Namen zu haben.
Steve: Das ist schon eine ziemlich schlechte Idee. Wahrscheinlich der schlechteste Bandname den man haben kann. Damals dachte aber wohl auch keiner von uns, dass aus der Band was werden würde.

subtext.at: Ihr habt gesagt, dass es euch im Moment einfach Spaß macht eine Band zu sein und wieder gemeinsam Musik zu machen. Gibt es über dieses Album hinaus Pläne? Könnt ihr euch auch vorstellen eine dritte Platte zu machen?
Mike: Das Ganze wird jetzt gerade wird es erst richtig aufregend für uns. Ein Album zu schreiben ist immer der stressige, arbeitsintensivste Teil an der Sache und dann kommt eigentlich erst der spannende Part, wenn man es veröffentlicht und dann wieder Konzerte spielt. Das ist ein Kreislauf. Mal sehen was als nächstes kommt. Wir wollen uns da auf keinen Fall im Vorfeld einschränken.

subtext.at: Hat sich die Art wie ihr Songs schreibt in den letzten 17 Jahren verändert?
Mike: Klar! Ich denke, dass ich heute auf jeden Fall ein besserer Songwriter bin. Keine Ahnung ob das nur solo oder auch für die Band gilt…
Steve: Die Musik entsteht immer noch sehr stückhaft. Part für Part. Früher haben wir nur ein paar Blocks voneinander entfernt gewohnt. Jetzt schicken wir eben Sachen hin und her und jeder fügt etwas dazu. Das ist schon auch irgendwie cool. Ich kann mich auch daran erinnern wie wir mal gemeinsam im Van unterwegs waren und diese Sachen dann durchgehört haben und besprochen haben was cool ist und was wir noch ändern könnten. Das hat ziemlich Spaß gemacht.

subtext.at: Ist es immer noch spannend für euch neue Musik zu kreieren und offen für neue Entwicklungen zu sein?
Mike: Nein, nicht so wirklich. (lacht)
Steve: Es gibt ein paar Sachen die ich heutzutage interessant finde, aber wir sind wahrscheinlich doppelt so alt wie ihr. Ihr solltet euch neue Sachen anhören und aufgeregt sein und all das, aber mich juckt das nicht mehr so sehr.
Mike: Ich mag Klischees. Man wir älter und interessiert sich plötzlich für andere Musik…
Steve: …und plötzlich wachsen dir büschelweise Haare aus der Nase und den Ohren! Man glaubt immer das passiert nie und dann passiert es einem doch plötzlich. Es ist alles wahr! (lacht)
Mike: Das Leben gewinnt immer! (lacht) Ich habe nicht mehr das Verlangen jede neue Band und jeden Trend zu kennen oder jeden zweiten Tag in einen Plattenladen zu gehen um mir neue Musik zu kaufen. Wenn ich die Zeit habe in Ruhe für mich alleine Musik zu hören dann drehe ich meistens Sachen auf, die mich sofort befriedigen.
Steve: Ab und zu kommt dir ein Song unter, der so catchy ist, dass du dir denkst: „Oh mein Gott! Das ist der beste Song der Welt!“, aber es passiert einfach nicht mehr so häufig und man sucht selbst nicht mehr so viel danach.

subtext.at: Wie ist es für euch heutzutage auf Tour oder auf Festivals wie diesem hier zu sein?
Gibt es Bands die ihr euch hier angucken würdet?
Mike: Auf diesem Festival? Nun ja, wir sind gerade erst angekommen und in ein paar Stunden müssen wir auch schon wieder weg…also…
Steve: Wenn wir könnten würden wir uns auf jeden Fall Spoon anschauen…und Slowdive! Aber die spielen beide erste morgen. Das ist schade! Wir spielen morgen noch eine Festival Show und dann geht es ab nach Hause. Das war unsere längste und produktivste Tour seit langem. NEUN SHOWS! Könnt ihr euch das vorstellen? (lacht)
Mike: Bevor ich verheiratet war und Kinder hatte habe ich es geliebt auf Tour zu sein. Mit den Jahren werden einfach andere Sachen wichtiger, aber ich freue mich immer noch auf jede neue Stadt und auf jede Show.
Steve: Ich meine wir setzen jetzt hier und trinken Bier und haben Spaß…und das ist cool so! Aber irgendwo im Hinterkopf wissen wir alle, dass wir gerade wo anders sein sollten. Wir haben kleine Kinder und die brauchen Aufmerksamkeit und die erziehen sich auch nicht von selbst. Aber für eine Zeit lang ist es super auf Tour zu sein.

subtext.at: Das wars von uns. Vielen Dank für das Interview, Jungs.
Habt viel Spaß auf der Bühne! Bis später!

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