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WIENER FESTWOCHEN: New Order x Liam Gillick

Manchmal ist das Leben echt gemein. Fast drei Jahrzehnte lang ließen sich New Order nicht auf österreichischem Boden blicken. Im Zuge der Wiener Festwochen gastieren die legendären New Wave-Veteranen dann gleich zwei Mal am Wochenende in der Hauptstadt. Das allein ist schon ein Grund zur Freude. Mit dabei im Gepäck: Objektkünstler Liam Gillick, selbst inniger Fan der Gruppe, der visuelle Akzente während der eineinhalbstündigen Show setzt.

© Jon Super

Eigentlich sind es sogar audiovisuelle Ak­zen­tu­ie­rungen, die sich Gillick, sonst in prestigeträchtigen Museen wie dem MoMA in New York oder der Tate Britain in London beheimatet, bei dieser besonderen Kollaboration ausgedacht hat. Unter dem Banner „∑(No,12k,Lg,18Wfw) New Order + Liam Gillick: So it goes..“ wurden mit Hilfe des Komponisten Joe Duddell zusätzlich zwölf Studenten des britischen Royal Northern College of Music verpflichtet, die sich in quadratischen Boxen hinter beweglichen Jalousien befinden und musikalisch das Output von New Order noch um zusätzliche Synthie-Schichten bereichern.

Mit etwas Verspätung geht es am 12. Mai 2018 kurz nach 21h los. Auf Platte ist der ewig juvenil klingende Bernard Sumner mit einer Stimme gesegnet, die unmittelbar berührt. Live gelingt das an diesem ausverkauften Abend nur manchmal. Sumner hüpft und springt zwar wie ein Teenager auf der Bühne herum, doch stimmlich ist der 62-Jährige nur gelegentlich auf ganzer Höhe. Die Installation schöpft zudem von Beginn an nicht aus dem Vollen. Das Leuchtdioden-Geblinke steigert sich, offenbart erst nach mehr als einer halben Stunde, was alles möglich ist. Die Setlist, die definitiv Wünsche offenlässt und Gassenhauer der üppigen Bandhistorie wie „Blue Monday“, „True Faith“, „Crystal“ oder „Krafty“ wohl wissend ignoriert, setzt lieber andere Akzente.

Wie viel Pop vertragen Post-Punk und New Wave, bevor es zu albern wird? Eine Frage, die an diesem Abend mehrmals aufblitzt und in weiterer Folge nicht eindeutig zu beantworten ist. Nah an der Grenze standen New Order schon immer. Ein ansteckender Optimismus und ein immenses Melodieverständnis wirken an diesem Abend dagegen. Melancholie, die vor allem in den vorgetragenen Joy Division-Songs („Disorder“, „Heart And Soul“, „Decades“) tiefschwarz leuchtet, öfter jedoch heiter stimmt und mehr als einmal das Tanzbein schwingt. New Order machen es sich auf einem spielfreudigen Bühnenfundament mit Songs wie „Guilt Is A Useless Emotion“ oder „Plastic“, nun ja, gemütlich. Das zwölfköpfige Synthie-Orchester, welches gigabyteweise das nahtlos geschichtete Programming vom Stapel lässt, sorgt indes vor allem optisch für Abwechslung. Musikalisch geht diese Rechnung weitestgehend beim instrumentalen „Times Change“ auf.

Ein kontemplatives Gesamtkunstwerk hätte „∑(No,12k,Lg,18Wfw) New Order + Liam Gillick: So it goes..“ werden sollen. Diese vollmundig versprochene New Order-Neudefinition gelang Gillick hierbei nicht. Nichtsdestotrotz brachten die britischen New Wave-Veteranen aus Manchester ihr Festwochen-Einstand souverän über die Bühne. Bühneninstallation hin oder her, was am Ende zählt ist die Musik – und die ist in dem Fall über jeden Zweifel erhaben.

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