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The Crew 2: Follower machen noch kein gutes Spiel

Mit The Crew 2 veröffentlicht Ubisoft den Nachfolger des 2014 erschienen Open World Rennriesen The Crew. Der Vorgänger war ein gutes Rennspiel, dem es aber auch nicht an Problemen mangelte, unter anderem die klischehafte und belanglose Story oder die Gummiband-KI. Bei unserem ersten Anspielen von The Crew 2 auf der Gamescom in Köln kritisierten wir das teilweise grauenhafte Fahrverhalten. Jetzt haben wir also die finale Testversion und die große Frage ist: konnte Entwickler Ivory Tower diese Probleme beheben und was steckt sonst noch alles in der fertigen Version?

Im gleißenden Sonnenuntergang über den Wolken Schwebend im Anflug auf Lady Liberty, Fahrzeugwechsel in den Ford Mustang und dann durch die Hochhausschluchten der Fith Avenue heizen. Das sind die schönen Momente von The Crew 2, in der wieder die gesamten USA von San Francisco bis Washington, Denver und Miami in zig unterschiedlichen Gefährten befahrbar sind. Vom Formel 1 Auto, über das Air Race Flugzeug bis hin zum KTM Motorrad. Während hier also Entwickler Ivory Tower Punkten kann, versagt das Studio in der für ein Rennspiel wichtigsten Disziplin: Fahrphysik und KI.

THE CREW 2
Publisher: Ubisoft
Entwickler: Ivory Tower
Plattformen: PC, XBOX One, PS4
Testplattform: PC
Metacritic-Score: 63
Preis: PC 54,99 € / Konsolen ca. 52 €

#StorysoflachwieFlammkuchen

Das Thema Story ist in The Crew 2 sehr schnell erledigt, so belanglos und flach ist diese. Als neue/r FahrerIn stoßen wir in die Welt von The Crew 2 und wollen zum beliebtesten Rennprofi der Vereinigten Staaten werden. Hierzu treten wir in den Rennen der vier Klassen Street Racing, Offroad, Freestyle und Pro Racing, inklusive jeweils vier Unterklassen, an und sammeln Influencer. So ergeben sich insgesamt 14 verschiedene Disziplinen von klassischen Straßenrennen über Drift Events und Kunstflügen. Abwechslung wird also groß geschrieben, wobei sich leider die einzelnen Rennen innerhalb dieser zu stark ähneln wodurch schnell Langeweile aufkommt wenn man beispielsweise drei Kunstflug Events nacheinander spielt die sich nur durch die Kulisse unterscheiden.

In allen Rennen sammeln wir dann Follower, neue Teile für das Tuning und Geld. Die Follower stellen damit einen Ersatz für Erfahrungspunkte dar und sind notwendig, um neue Events und Kategorien freizuschalten. Klar, das passt etwas zur heutigen Jugend, wirkt aber unlogisch und etwas peinlich. Immer wieder gibt es dann Zwischensequenzen mit vollkommen belanglosen Charakteren, die dermaßen furchtbare charakterlose Abziehbilder sind, dass man sie getrost ignorieren kann. Da hat selbst die Need for Speed Serie mehr Tiefe in ihrer Geschichte. Entsprechend entwickelt die Story um die vier Endgegner der Hauptkategorien nie Spannung, #HätteManSichSparenKönnen.

Unser Karrierefortschritt in den vier Kategorien

Ich werde diese Gegner nicht los

Kommen wir nun zu dem, was ein Rennspiel ausmacht, dem wichtigsten Aspekt: genau, die Rennen und das Fahrverhalten – und hier liegt in The Crew 2 unfassbar riesiges Frustpotenzial. Was Entwickler Ivory Tower geritten hat, als man sich für diese grenzdebile asymmetrische Gummiband-KI entschieden hat, ist uns ein Rätsel. Denn auf der einen Seite ist es trotz einer Fahrleistung, die Ayrton Senna in den Schatten stellen würde unmöglich die Gegner abzuschütteln. Auf der anderen Seite sorgt ein Fehler dazu, dass es fast unmöglich ist, wieder an die Kolonne, denn die Gegner bleiben stets in einem Pack zusammen, Anschluss zu finden. Diese Ungleichheit führt zu riesigem Frust. Es reicht ein kleiner Fehler in der letzten Kurve eines fünfminütigen Rennens, um vom ersten auf den letzten Platz zu rutschen bzw. einer am Beginn des Rennens um einen Rückstand zu erhalten, den man nie wieder aufholen kann. Die Rennen werden damit oftmals zur Qual und auf der anderen Seite durch die stets perfekt und gleich fahrenden Gegner langweilig – katastrophal für ein Rennspiel.

Störend kommt noch eine weitere Designentscheidung hinzu. Manche Elemente der Spielwelt wie Straßenlaternen sind zerstörbar, manche wiederum nicht. Während es klar ist, das eine dicke Hauswand ein unüberwindbares Hindernis darstellt, durchstoßen wir problemlos einen schweren SUV um dann an einem hölzernen Gartenzaun hängen zu bleiben. Logische Erklärung? – Gibt es nicht. Vor allem der Ausgang der Straßenrennen ist so oftmals reine Glückssache und wer durch den eben genannten Holzzaun in der letzten Kurve seinen Sieg verliert wirft gefrustet das Gamepad gegen den Bildschirm.

An den motorisierten Untersätzen selbst macht das jedoch keinen Unterschied. Ein Schadensmodell ist nicht vorhanden und selbst bei einem Aufprall mit 300 Sachen gegen die nächste Hauswand bleiben nur ein paar Kratzer im Lack die nach ein paar Sekunden wie von Zauberhand von selbst verschwinden. Technische Schäden sind ausgeschlossen. Aufgrund des gewaltigen Geschwindigkeitsgefühl sicherlich eine gute Entscheidung. Dagegen mit Garantie eine schlechte Entscheidung war die vorhandene Umsetzung des Tunings. Während das optische Tuning durchaus umfangreich ausfällt können wir die technischen Elemente kaum aufrüsten. Durch Rennen oder in der Spielwelt sammeln wir neue Teile die uns dann alle Werte verbessern. Wir können diese Teile nicht kaufen bzw. logisch miteinander kombinieren. Ein neues Teil ist gesamt gesehen immer besser als das vorherige. So ist es praktisch unmöglich das Fahrzeug auf die eigenen Vorlieben anzupassen. Damit hätte man sich dieses Tuning System auch glatt schenken können.

Das Tuningdesign entspricht dem eines MMO. Grün ist einfach, Lila sehr selten

Nach rechts, nicht so weit!

Kommen wir nun zu unserem größten Kritikpunkt nach der Gamescom, dem Fahrverhalten. Das hat sich merklich verbessert, was aber noch nicht viel heißen muss. Die Fahrzeuge steuern sich großteils nun um einiges präziser und reagieren direkter auf unsere Eingaben. Wobei anzumerken ist, dass The Crew 2 absolut keine Simulation ist, sondern weiterhin ein Arcade-Racer,, in dem es maximal notwendig ist den Fuß leicht vom Gas zu nehmen um die engste Kurve zu nehmen. Das macht aufgrund des großartigen Geschwindigkeitsgefühl auch Laune, meistens zumindest. Denn während vor allem die Bote und Flugzeuge eine ähnlich großartige intuitive Steuerung bieten wie in GTA 5, sind vor allem die Motorräder eine Katastrophe. Diese steuern sich dermaßen schwammig, dass kontrolliertes Fahren unmöglich ist und man das Gefühl hat einen Gummiball über den Untergrund zu steuern. Auch schwach: nicht alle Cockpits sind animiert. Wenn schon diese Perspektive, dann bitte vollständig, Ivory Tower.

Apropos Untergrund. Der macht in The Crew 2 keinen Unterschied, es ist für die PS-starken Boliden vollkommen irrelevant, ob wir im sandigen Death Valley, in den asphaltierten Straßen Manhattens oder in den Sümpfen New Orleans unsere Spuren ziehen. Das Fahrverhalten bleibt davon unbeeindruckt, das ist selbst für einen Arcade-Racer schwach. Vor allem bei den Geländewägen merkt man dies eindeutig. Es fühlt sich einfach seltsam an, wenn ich bei 300 Sachen nicht mal einen Stein spüre. Das haben andere Spiele wie die der Dirt-Reihe besser gemacht und einen besseren Mittelweg zwischen Realismus und Arcade gefunden.

Die gesamten USA frei befahrbar – eine Schnellreisefunktion zu den Events ist aber vorhanden

Pause bei Lady Liberty

Kommen wir nun zur großen Stärke von The Crew 2, der Spielwelt. Das Entwicklerteam hat durchaus detailliert die gesamten USA nachgebaut. Klar: nicht jede Stadt ist perfekt realistisch nachgebaut, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind jedoch vorhanden und es macht einfach Laune, mit einem Ford Mustang auf der Route 66 in den Sonnenuntergang zu cruisen. Auch großartig: der Wechsel zwischen Auto, Flugzeug und Boot funktioniert ohne Ladezeiten fließend in der Spielwelt. Man darf sich aber keine lebendige Spielwelt erwarten. Die wenigen Autos und Passanten sind Klone. Wer also schon immer die ganzen Vereinigten Staaten durchfahren wollte, ist in The Crew 2 genau richtig.

Grafisch ist das Spiel ein zweischneidiges Schwert. Während vor allem die Wetter- und Lichteffekte großartig sind und die Fahrzeuge mit Ausnahme der Cockpits sehr detailliert gestaltet sind, fehlt es Gebäuden vor allem aus der Ferne an feiner und detaillierter Textur. Hier wurde sichtlich nach unten geschraubt, um die riesige und Spielwelt, wohlgemerkt ohne Ladepausen, für heutige Systeme schaffbar zu machen. So sieht die New Yorker Skyline aus der Ferne wie grauer Matsch aus. Im Großen und Ganzen kann man sich aber in Anbetracht der Größe der Spielwelt nicht beschweren und so läuft das Spiela auf dem PC in den höchsten Detaileinstellungen auch auf zwei Jahre alter Hardware. Für genaue Daten verweisen wir auf unsere Kollegen der Gamestar.

Zu den Inhalten des Multiplayers können wir leider noch nichts sagen. Abgesehen von den Zeitvergleichen mit den Freunden ist der PVP Modus aktuell noch nicht aktiviert, sondern wird erst im Dezember freigeschaltet. Sobald dies passiert ist, werden wir natürlich einen Nachtest durchführen.

Wunderschön – die Lichteffekte in The Crew 2

Fazit – Fahrbares Google Earth

Leider ist The Crew 2 eine Enttäuschung. Klar, die riesigen USA sind beeindruckend und es macht einfach riesigen Spaß durch diese Landschaft zu cruisen und bekannte Orte zu besuchen. Ein befahrbares Google Earth sozusagen. Das ist aber nicht die Kerneigenschaft eines Rennspieles und genau hier versagt The Crew 2. Die Gummiband-KI treibt einen in den Wahnsinn, das Tuning bleibt zu oberflächlich, die Rennen werden trotz großer Abwechslung bei den Disziplinen zu schnell langweilig und das Fahrverhalten mancher Fahrzeugklassen ist eine Katastrophe. Das haben andere Arcade-Racer wie Need for Speed oder Hybride wie die Dirt Reihe um einiges besser gelöst. So bleibt von The Crew 2 ein mittelmäßiges Rennspiel mit überflüssiger, weil zu flacher, Story das sich am besten für gemütliches Fahren bzw. Fliegen eignet. Ob einem das 50€ aufwärts wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Bereichswertungen

Grafik & Design 80 %
KI 40 %
Gameplay & Steuerung 75 %
Story & Atmosphäre 50 %
Umfang 90 %
Technischer Zustand 90 %

Gesamtwertung

71 %
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Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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