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F1 2018: Pole-Position oder Hinterbänkler?

Neues Jahr, neues Formel 1-Spiel. Wie es schon Branchenprimus Electronic Arts seit Jahrzehnten vorlebt, bringen auch die britischen Rennspiel Experten von Codemasters jährlich einen neuen Titel zur Königsklasse des Motorsports auf den Markt. Die große Frage lautet wie immer: hat sich neben den neuen Fahrern, Strecken und Fahrzeuge genug Zusätzliches getan, um einen Kauf zu rechtfertigen? Wir klären auf, ob sich ein Kauf von F1 2018 nicht nur für Hardcore-Fans lohnt.

Sportspiele stehen seit vielen Jahren und auch dank Electronic Arts im schlechten Ruf. Jährlich ein neues Spiel, welches außer den neuesten Lizenzen keine merklichen Verbesserungen bringt. Viele dutzende Stunden haben wir uns mit F1 2018 beschäftigt und sind nicht restlos überzeugt. Denn obwohl der Karrieremodus und die Inszenierung  merklich verbessert wurden, plagen neben technischen Unzulänglichkeiten altbekannte Probleme den Titel.

F1 2018
Publisher:  Koch Media
Entwickler: Codemasters
Plattformen: PS4, XBOX One, PC
Testplattform: PC
Metacritic-Score: 82
Preis: 49,99 € (PC), 69,99 € (Konsolen)

Fortschritt Ade

Kommen wir gleich zu Beginn zum Highlight, dem Karrieremodus. Wie im Vorgänger können wir uns von Beginn an in jedem Auto Platz nehmen, sei es im katastrophalen FW41 oder dem eleganten SF71H von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen. Danach dann alles wie gehabt, von der Länge der Rennen und Trainings, bis zur Strenge der Stewards und der Stärke der KI-Gegner können wir die Rahmenbedingungen unserer Laufbahn wieder ganz auf unseren Geschmack anpassen . Vorbildlich wie bereits die Jahre zuvor.

Die größten Neuerungen im Vergleich zum Vorgänger gibt es dann auch in diesem Bereich. Die im Vorgänger eingeführte Weiterentwicklung des Fahrzeuges in den vier Kategorien, wie im Vorgänger, wurde merklich verbessert. Nicht nur das sich der Technologiebaum erst nach und nach öffnet, was eine gewisse Spannung bringt, auch das Sammeln der dafür notwendigen Punkte wurde neu berechnet, sodass man schneller zu mehr Punkten und damit mehr Updates kommt. Hier hat Codemasters aber auch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Im Vorgänger ging das Sammeln zu langsam, in F1 2018 geht es zu schnell. Wir schafften es innerhalb einer Saison und das ohne alle Trainingsprogramme zu absolvieren, einen schlechten Sauber zum technisch zweitbesten Auto zu machen. Das ist zu einfach und weit weg von Realismus. Groß angekündigt wurde dann auch eine Neuerung in der Karriere, die in der Theorie spannend klang, in der Praxis aber enttäuscht. Nach zwei Dritteln der Saison stampft unser in jedem Team gleich aussehender Technikchef zu uns und informiert uns über Regeländerungen für die kommende Saison, welche die Entwicklungen in einer der vier Bereiche obsolet machen. Gegen Punkte können die bereits entwickelnden Teile aber angepasst werden und genau hier liegt das Problem. Die Kosten dafür sind so minimal, dass man sich diese Adaptierungen locker leisten kann, damit verliert das Feature extrem an Spannung. Schade, hier wurde eine Chance durch falsches Balancing bei der Punktevergabe vergeben.

Es finden sich aber auch Neuerungen, die sich auch im Praxistest bewährt haben. Das Rufsystem und die Vertragsverhandlungen beispielsweise. Durch unsere Antworten in den Interviews nach dem Qualifying und Rennen können wir nicht nur die Entwicklungsgeschwindigkeit unserer Abteilungen beeinflussen, sondern auch an unserem Ruf arbeiten. Je nach Team ist dann ein Ruf als fairer Sportsmann oder egoistischer Selbstdarsteller von Vorteil oder Nachteil bei den Vertragsverhandlungen. Die wurden ebenfalls ausgebaut und bei starken Leistungen lassen sich Vorteile wie schnellere Boxenstopps herausholen. Klar, auch das nutzt sich etwas ab und die Fragen wiederholen sich schnell, aber insgesamt wurde mit Ausnahme der Reglementänderungen die Karriere sinnvoll ausgebaut. Ein eindeutig verbesserter Karrieremodus, der beste aller bisheriger Titel und für Fans des Modus bereits den Neukauf wert.

Spannend – die neuen Vertragsverhandlungen und das Rufsystem

Liberty Style

Inhaltlich kann der Karrieremodus, seien wir uns ehrlich der wichtigste Modi, also weitestgehend überzeugen, aber auch Atmosphärisch? Und wie! Auch hier hat Codemasters das bestehende Gerüst sehr stark ausgebaut. Die Originalmusik, die Originalgrafiken, die Strecken, die Zuschauer, die Einleitungsvideos, alles 1:1 so wie man es unter Liberty Media in der aktuellen Saison gewohnt ist. Einzig und allein bei den Gesichtern und der Siegerehrung wäre wieder mehr gegangen. Klar man erkennt einen Lewis Hamilton, Frederic Vasseur, Toto Wolff oder Maurizio Arrivabene, aber davon abgesehen sind zu viele Klone unterwegs und auch die Siegerehrungen sehen jedes mal identisch aus. Schade, hier wäre noch immer einiges möglich.

Rennen mit Einheitsautos – lustig und nun auch möglich

Maldonado, bist du das?

Wer kennt noch Crashpilot und Teilevernichter Pastor Maldonado? Der Venezolaner war während seiner aktiven Jahre als Fahrer berühmt für seine ständigen Unfälle und manchmal hat man das Gefühl, die KI in F1 2018 ist bei ihm in die Fahrschule gegangen. Denn obwohl sie sich die meiste Zeit aggressiv, aber fair verhält und so spannende Rad an Rad Duelle ermöglicht, hat sie ein grundsätzliches Problem. Sie startet immer wieder Überholmanöver in Kurven hinein, die einfach unmöglich dafür geeignet sind. Das führt entweder zum Abschuss oder zumindest zu einem Schaden am eigenen Auto. Das hat nichts mit Realismus zu tun, sondern sorgt einfach nur für Frust beim Spieler. Auch schießt sie sich gerne ohne Feindeinwirkung gerne einmal von der Strecke, aber dass das realistisch ist, wissen wir ja seit Kevin Magnussen in Baku dieses Jahr. Schön und realistisch finden wir auch: technische Probleme treten neben Fahrfehlern nun auch häufiger bei der Konkurrenz auf, das macht die Rennen glaubwürdiger.

Set-Up Wahn

Vorbildlich ist wiedermal der Umfang in jeglicher Hinsicht. Am Boliden lässt sich wie bereits im Vorgänger wieder jede Stellschraube einzeln einstellen und so das Auto auf den individuellen Geschmack anpassen.  Schade dagegen, wir können unsere Reifenwahl nicht für die nächsten Rennen im Vorfeld frei bestimmen, sondern nur zu Beginn der Saison festlegen, ob wir eine eher härtere oder weichere Auswahl der verfügbaren Sätze wünschen. Das ist weder realistisch noch zufriedenstellend für eine Formel 1 Simulation. Restlos zufrieden sind wir mit dem Umfang der Spielmodi. Neben dem Karrieremodus gibt es verschiedene Meisterschaften und vordefinierte Szenarien, Zeitfahren, Einzel-GP, historische und moderne Meisterschaften und einen Online-Multiplayer. Es findet sich also für jeden Geschmack etwas.

F1 2018 hat auch seine schönen Seiten

Eau Rouge mit Vollgas

Ebenfalls großartig und auf höchstem Niveau: das Fahrverhalten. Reifenabnutzung, Benzinverbrauch, Reifentemperatur, Wetter, Drehzahl, Geschwindigkeit, Dirty Air und vieles mehr wirken sich realistisch auf das Fahrverhalten der Boliden aus und sorgen so für ein glaubhaftes und unglaublich motivierendes Racing. Die Regeländerungen der echten Formel 1 wurden sehr gut integriert und die Boliden steuern sich dadurch entsprechend ihrer realen Pondeants. Heißt: mehr Abtrieb und damit höhere Kurvengeschwindigkeiten, so lässt sich die berühmte Eau Rouge nun mit Vollgas fahren, mit den letztjährigen Boliden musste man am Eingang noch lupfen.

Wir empfehlen aber auf dem PC zumindest ein Gamepad, idealerweise ein Lenkrad als Eingabegerät. Mit der Tastatur fehlt die Genauigkeit und da mit dem ERS noch eine manuelle, wahlweise auch automatische Einstellung hinzugekommen ist, gehen einem auch irgendwann die Finger aus.

Ab in die Mauer

Was in Bezug auf die technische Qualität bei Codemasters schiefgegangen ist, bleibt uns ein Rätsel. Bisher lieferten die Briten stets einwandfreie Titel auf dem PC ab. F1 2018 dagegen mangelt es nicht an technischen Unzulänglichkeiten. Unvorhersehbare und plötzlich auftretende Mikroruckler sorgen gerne für ein Rennende in der Mauer. Unregelmäßig stockt das Spiel bei einem Wiedereinstieg mittels Rückblende, und noch etwas sehr Seltsames ist uns aufgefallen.  So lässt sich durch wiederholtes verwenden der Rückblende ein Safety bzw. Virtual Safety Car provozieren, obwohl gar kein Grund dafür auf der Strecke vorhanden ist. Einfach oft genug an der gleichen Stelle probieren und schon kommt Bernd Mailänder. Woher dieser Fehler kommt, ist uns ein Rätsel, kam das in den Vorgängern doch nie vor. Hier und bei den Rucklern muss Codemasters nachbessern, denn das ist zumindest auf dem PC ein untragbarer Zustand.

Auch grafisch könnte die Formel 1 Simulation ein Update gebrauchen. Während Wetter- und Lichteffekte auch im Jahr 2018 noch überzeugen können, ist der Detailgrad der Fahrzeuge und Strecken nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Das ist nicht mehr zeitgemäß und das machen andere Renntitel besser. Gleiches gilt für das Schadensmodell, das noch immer zu statisch auf einzelne Teile fixiert ist. Kein Vergleich zu einem Wreckfest. Codemasters scheint sich in diesem Bereich einfach auszuruhen und das System von Jahr zu Jahr unverändert zu lassen. In Ordnung geht diese Einstellung nur beim Sound, die V6-Motoren der 2018er Saison klingen intensiv und füllend aus den Lautsprechern.

Hinkt aber trotzdem grafisch dem Jahr 2018 hinterher – wohlgemerkt hier mit maximalen Details

FAZIT: Auf Updates warten

F1 2018 ist nicht ganz der große Wurf geworden, der Entwicklungssprung deutlich kleiner als von F1 2016 auf F1 2017.  Die Verbesserungen in der Karriere sind mit Ausnahme der Regeländerungen sinnvoll und machen ihn noch ein Stück besser, auch wenn sich einige davon mit der Zeit abnutzen. Die Steuerung und das Fahrverhalten sind weiterhin großartig und auch bei der Inszenierung gab es Schritte in die richtige Richtung. F1 2018 ist eine konsequente und sinnvolle Evolution, die wir auch Hobby-Formel 1-Piloten wärmstens ans Herz legen können, nicht nur Hardcore-Fans. Ob die Neuerungen und Verbesserungen für Besitzer des Vorgängers ausreichend sind hängt stark von der Begeisterung des einzelnen Spielers für die Formel 1 ab und muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir würden diese Frage mit einem leisen Ja beantworten. Aufgrund der technischen Probleme auf dem PC raten wir aber vorerst von einem Kauf ab, bis Codemasters mit Updates hier Abhilfe schafft, Konsolenspieler können bereits jetzt bedenkenlos  zugreifen. Wir beziehen darum diese technischen Unzulänglichkeiten nicht in unsere Wertung mit ein.

Bereichswertungen

Umfang 90 %
Gameplay & Steuerung 95 %
Realismus & Atmosphäre 82 %
KI 85 %
Grafik & Sound 70 %

Gesamtwertung

84 %
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Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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