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KOVACS: „Ich wollte mich aus der Dunkelheit befreien, die mich seit jeher umgibt“

Mit ihrer offenherzigen Niedergeschlagenheit, ihrem exzentrischen Auftreten und einer vorsichtigen Zuversicht, die aus ihren Songs spricht, trat Sharon Kovacs 2015 zum ersten Mal musikalisch in Erscheinung und hat auch im letzten Jahr die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Kovacs zeigt drei Jahre später auf ihrem aktuellen Album „Cheap Smell“, dass der süffisante Indie-Soul der 28-Jährigen aus den Niederlanden eine durchaus harmonische Liebschaft mit modernem Pop eingehen kann.

Croonend und rotzfrech zugleich, ist ihr melancholisches Gemüt inzwischen auf der Suche nach mehr Licht. Ein Interview mit Kovacs über Gerüche, Erwartungshaltungen und Kommentare auf YouTube.

subtext.at: Sharon, viele Leute versuchen, Veränderungen konstant aus dem Weg zu gehen. Bei dir, so scheint es, liegt der Fall anders.
Kovacs: Stimmt. Ich mag Veränderungen.

subtext.at: Davon bin ich ausgegangen.
Kovacs: Du veränderst dich nicht in dem Sinne, du entwickelst dich weiter, wächst im besten Fall über dich hinaus. Ich bin noch jung und möchte meine Erfahrungen machen. Das Leben verändert sich ja ohnehin. Manche Dinge, die ich früher getan habe, würden jetzt keinen Sinn mehr ergeben. (überlegt kurz) Vor drei Jahren war ich das Mädchen, welches sich gern im Schatten aufgehalten hat. Heute möchte ich das nicht mehr sein (lächelt). Wie gesagt, mein Leben hat sich immer konstant verändert. Es war auch nicht immer leicht, aber am Ende bin ich in eine bessere Position als zuvor gekommen. Es hatte auch etwas Gutes. Ist das eine zufriedenstellende Antwort (lacht)?

subtext.at: Natürlich. Mir ist die Frage in den Sinn gekommen, weil ich auf YouTube deine neuesten Videos angeschaut und mir auch die Kommentare darunter angesehen habe. Du würdest zu sehr den Mainstream bedienen wollen oder nicht die Musik veröffentlichen, auf die sie gewartet hätten, heißt es da…
Kovacs: Wenn du dich veränderst, wird es immer Leute geben, die abspringen. Trotzdem ist das in Ordnung. Manche Leute mögen es, sich zu verändern, andere nicht. Manche begrüßen es, andere weniger. Es ist nahezu unmöglich, beide Lager zufriedenzustellen. Auf meinem aktuellen Album „Cheap Smell“ finden sich immer noch Songs, welche meine dunkle Seite thematisieren. Die gehört unweigerlich zu mir. Gleichzeitig war auf meinem Debüt „Shades Of Black“ alles trist und dunkel, es schnitt mir fast die Kehle zu. Ich musste mich verändern, weil ich auf der Bühne begann, mich immer schlechter zu fühlen. Es ging also auch um meine Gesundheit und um die Freude, mit der ich an die Dinge herangehe. Wie kann ich den Leuten etwas verkaufen, von dem ich selbst nicht überzeugt bin? Das glaubt einem doch keiner (lacht).

© Johan Sandberg

subtext.at: Auf „Cheap Smell“ finden sich 15 Songs. Wenn man bedenkt, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne in der heutigen Zeit ständig im Sinkflug befindet, ist das eine ganze Menge.
Kovacs: Die meisten Leute hören sich keine Alben mehr an, stimmt. Ich gehöre trotzdem zu den Personen, die ein Album bevorzugen. Heutzutage werden deine Songs auseinandergenommen, auf Spotify gestreamt, zu Playlisten hinzugefügt. Mir kam in den Sinn, dass wenn ich sie selbst nicht auf ein Album packe, sie nie so zusammen irgendwo erscheinen werden, wie sie sollen. „Cheap Smell“ ist innerhalb von drei Jahren entstanden und bevor das Album erschienen ist, wurden vier Songs daraus ausgekoppelt und veröffentlicht. Ich wollte, dass die Leute noch etwas auf dem Album haben. Es ist ein langes Album, dem stimme ich zu, aber es ist keine Platte, bei der jeder Song dem anderen gleicht.

subtext.at: Verstehe. Gehörst du auch zu den Leuten, die auf das Beste hoffen, sich dennoch insgeheim auf das Schlimmste vorbereiten?
Kovacs: Nein. Bei mir gibt es nur Plan A. Ich setzte alles auf Plan A (lacht). Wenn es schief geht, dann ist es eben so. Dann muss man sich etwas überlegen.

subtext.at: Wie gehst du denn mit überraschenden Ereignissen um? Hast du einen Tipp, wie man solche Situationen, die einen überrollen, besser durchsteht?
Kovacs: Man kann sich wirklich nicht darauf vorbereiten. Man muss sie einfach annehmen. (überlegt) Ich versuche, jeden Augenblick bewusst zu leben. Vor drei Jahren hat mich meine Band verlassen, was scheiße war. Darauf kann man sich nicht vorbereiten, da muss man einfach durch. Man muss weitermachen. Den Glauben an sich darf man nicht verlieren. Dann werden andere ihn auch nicht verlieren, wenn es um dich geht.

© Johan Sandberg

subtext.at: Wie reagierst du dann auf Erwartungshaltungen dir gegenüber? Wir alle machen uns ja Gedanken, wie wir wirken oder wie unser Tun aufgenommen wird.
Kovacs: Mir hilft es schon, wenn ich weiß, dass es verschiedene Geschmäcker gibt. Ich habe nicht den Ansatz, allen zu gefallen. Das ist unmöglich. Ich versuche, mich immer daran zu erinnern, auch wenn ich mich auch oft auf die eine Person konzentriere, der es von 20 Personen im Raum nicht gefällt.

subtext.at: Hört sich an, als würdest du dir Kritiken durchlesen und zu Herzen nehmen.
Kovacs: Das tue ich. Es ist nie schön, wenn es jemandem nicht gefällt, was du tust. Sich dann andernfalls für diese eine Person verändern zu wollen? Das kann auch nicht richtig sein.

subtext.at: Wem vertraust du, wenn es ums Songwriting geht? Deinem Bauchgefühl? Dem Produzenten? Freunden?
Kovacs: Ich weiß nicht. (überlegt) Ich habe auch diese Einwürfe, dass ich dieses oder jenes besser machen könnte. Oder dieser Entwurf ist nicht gut genug. Wenn es meine Unsicherheiten aufwühlt, dann weiß ich: „OK, wir haben da was.“ Wenn ich es nicht fühle, dann bringt es nichts, da weiterzumachen. Man sollte sich aber auch nicht zu sehr von den Meinungen anderer beeinflussen lassen. Klar, es ist eine Industrie, aber es geht um dich, um deine Emotionen und Gefühle.

subtext.at: In erster Linie machst du also Musik für dich selbst und dann für dein Publikum?
Kovacs: Genau. Wenn du es für dich machst, dann spielt es keine Rolle, ob es einschlägt wie eine Bombe oder der größte Flop aller Zeiten wird. Bei „Cheap Smell“ war mir das extrem wichtig, mich weiterzuentwickeln, weiterzugehen, nicht stehen zu bleiben. Ich wollte nicht, dass mich diese Dunkelheit weiterhin festhält. Ich wollte mich aus der Dunkelheit befreien, die mich seit jeher umgibt.

© Johan Sandberg

subtext.at: Du scheinst dich ständig zwischen diesen Gegensätzen bewegen zu müssen.
Kovacs: Wie meinst du das?

subtext.at: Licht und Dunkelheit. Zufriedenheit und Schwermut. Himmel und Hölle, wenn man so will.
Kovacs: Da ist was dran. Das ist auch etwas, was ich beim zweiten Album bewerkstelligen wollte. Das erste war sehr arrangiert und ausproduziert. Ich wollte es jetzt rauer und unmittelbarer haben, auch moderner. Dieselben Elemente, aber mit anderen Instrumenten gespielt. Mehr Experimente, obwohl sich alles natürlich ergeben hat. Ich bin glücklich, wie es gelaufen ist. Nein, glücklicher.

subtext.at: Was wohl gut ist. Andernfalls wäre es schwierig, für dich jetzt auf die Bühne zu gehen, wenn du der Meinung wärst, das zweite Album ist weniger gelungen als das erste.
Kovacs: Ich habe in den letzten drei Jahren an der Musik gefeilt, aber ich habe auch an mir selbst hart gearbeitet. Natürlich wird es Leute geben, die das Debüt favorisieren, was auch in Ordnung ist. Ich rede nur, wie es für mich derzeit ist. Ich kann die Dinge mehr annehmen und wertschätzen als früher, weil ich auch ehrlicher bin.

subtext.at: Hast du deine Komfortzone damit verlassen?
Kovacs: Ich habe mir eine neue aufgebaut (lacht)!

subtext.at: Welche Situationen haben diesen Neuaufbau konkret beeinflusst?
Kovacs: Die Trennung von meiner Band und meinem Produzenten auf alle Fälle.

subtext.at: Seid ihr im Guten auseinandergegangen?
Kovacs: Nicht wirklich, nein. Für mich war meine Band so etwas wie meine Familie. Als sie gegangen ist, habe ich mich allein gelassen gefühlt. Darüber war ich sehr aufgebracht. Dadurch musste ich mich mit meiner eigentlichen Familie auseinandersetzen, denn die Band hat für mich wie ein Placebo funktioniert. Dadurch sind einige der Songs entstanden, die auf dem Album zu finden sind. Dann hatte ich noch einen Freund mitsamt problematischer Beziehung am Hals. Dann sind noch Songs enthalten, die vor dieser Zeit stammen und Lieder wie „It’s The Weekend“. Diesen Song habe ich zuletzt für das Album geschrieben. Das war eigentlich gar nicht geplant, aber es kam dann so.

© Johan Sandberg

subtext.at: Bist du eine Frau, die außerhalb der üblichen Norm operiert?
Kovacs: Ich bin auf alle Fälle eine, die Grenzen auslotet. Ich spiele gerne mit Rollenbildern und den Vorstellungen der Leute. Junge, Mädchen oder etwas dazwischen. Man könnte mich für einen Punk halten, wenn man mich sieht. Oder für einen Skinhead, was ich definitiv nicht bin. Jeder von uns hat diese Vorurteile im Kopf und ich persönlich liebe es, mit ihnen zu brechen. Sagt dir die Northern Soul-Bewegung etwas?

subtext.at: Nein.
Kovacs: Ich habe viel Northern Soul gehört, als ich „Cheap Smell“ geschrieben habe. Das war eine Zeit in den 60ern und 70ern, in der viele Platten aus den USA nach Großbritannien mit dem Schiff kamen. Die Kisten, die Gewürze beinhaltet haben, sollten nicht leer zurückgeschickt werden müssen. Die Vinylplatten, die sich in Amerika nicht verkauft haben, wurden dann in UK von allen möglichen Fraktionen gefeiert. Die Künstler wurden dann in London berühmt und anschließend auch in den Staaten gefeiert. Punks und Skinheads tanzten damals zu Funk, was man sich mal vorstellen muss!

subtext.at: Unser Geruchsinn kann uns warnen, bewusst oder unbewusst, oder Erinnerungen wachrufen, positive wie negative. Welchen Geruch, welches Parfum hast du am liebsten?
Kovacs: Mein liebstes Parfum ist „Decadence“ von Marc Jacobs. Natürlich ist es toll, den Geruch deines Freundes auf der Haut wahrzunehmen, sein Parfum. Bestimmte Gerüche verbinde ich jedoch auch mit bestimmten Abschnitten in meinem Leben. Es gibt Düfte, die dich in eine ganz bestimmte Zeit zurückversetzen und dein Unterbewusstsein auf eine Reise schicken. Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Geruchssinn der stärkste aller Sinne ist.

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