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Dendemann: „Es ist Zeit, aufzustehen“

Dendemann – seit 2010 hat sich der gebürtige Mendener und Wahlhamburger auf Platte rar gemacht. In den letzten Jahren eher im TV gemeinsam mit Jan Böhmermann aufgefallen, erschien Ende Januar sein neues Album „Da Nich Für“, mit dem er im Februar auch nach Österreich kommt. Wir haben ihn in Wien bei einem gemütlichen Bier zum Interview getroffen.

subtext.at: Zunächst mal gleich die logischste Frage zum neuen Album: wofür „nich“?
Dendemann: Für das vorgezogende Dankeschön, dass es mich noch gibt (lacht). „Da nich für“ ist ja die norddeutsche Variante von „Gern Geschehen“ – das gabs ja auch schon mal als Blumentopf- Album. Darum fiel das weg (lacht). Und ich bin sehr viel „gegen“ Dinge auf der Platte – also „nich für“. Und ich wollte kein Wortspiel (lacht).

subtext.at: Stichwort „Wortspiel“. Wenn man Dendemann auf der Wikipedia nachliest, dann liest man den Satz: „Dendemann wurde bekannt durch ausgeklügelte Raps über alltägliche Geschichten“. Wenn ich mir das neue Album anhöre, klingt das nicht primär nach alltäglichen Geschichten. Sollte man den Wikipedia-Artikel ändern?
Dendemann: (schmunzelt) Nein, ich hab das Werkzeug nicht dazu. Wenn man es selber ändern will, sind die am Kritischsten. Aber im Ernst – ich finde den Satz nach wie vor gültig. Ich nehm jetzt mal die ganzen Kommentare, dass ich politischer geworden bin, erstmal als Kompliment. Wir leben ja in einer inhaltslosen Zeit – ich werte das jetzt erst mal in dem Sinne, dass ich ja „etwas zu sagen“ habe. In Wirklichkeit ist es natürlich sehr gesellschaftspolitisch – wie eigentlich immer, einfach mehr Stücke. Das hat sich echt ergeben – als das erste Stück da war, „Keine Parolen“, brauchte das einfach eine Fortsetzung. Das war eine Verdrossenheit, das musste ja eine Auflösung kriegen. Da ist danach dann „Zeitumstellung“ entstanden. Weil es Zeit ist, um Stellung zu beziehen.

subtext.at: Stichwort „Ich habe etwas zu sagen“. „Ich dende, also bin ich“, der Opener des Albums..
Dendemann: …leider nicht meine Idee (lacht).

subtext.at: Wie philosophisch muss oder darf Hip-Hop eigentlich heutzutage sein?
Dendemann: Wie er will.

subtext.at: Wie philosophisch darf dann Dendemann sein?
Dendemann: Also, ich habe ja null Ahnung von Philosophie. Also so richtig nicht. Ich sehe aber generell die Sinnsuche schon als sehr menschliches Thema, was ja schon vieles an unserem Handeln erklärt. Die Angst vorm Tod erklärt etwa unglaublich viel unseres schlechten Handelns – weil wir ja daran denken, was wir alles noch zu Lebzeiten tun müssen. Die Angst vorm Tod ist auch stark für unseren Hang zur Religion verantwortlich, weil wir einfach zu schlau sind, zu begreifen, dass wir sterben müssen, aber zu dumm, um zu begreifen warum. Und unser Ego so groß ist, dass wir nicht akzeptieren, sterben zu müssen – und wir nach Gründen suchen. Die können noch so absurd sein und uns in unserem ganzen Leben einschränken und geißeln – wir nehmen es in Kauf, weil wir glauben, dann mehr zu verstehen.

subtext.at: Ein wenig zurück zu deinem künstlerischen Schaffen. Es hat ja doch acht Jahre gedauert seit der letzten Veröffentlichung – etwas provokant gefragt: war dieses Album auch ein Statement, künstlerisch zu sterben?
Dendemann: Nein – ich bin nicht unbedingt heiß darauf, künstlerisch zu sterben. Ich will auch sicher nicht auf der Bühne sterben, wie viele andere Künstler – so ist es sicher nicht (lacht). Im Endeffekt kann man es drehen und wenden, wie man will. Wenn jemand so viel Zeit hat und braucht, hat er entweder gar keine Probleme, oder ganz viele Probleme. Jemand, der sich als Profimusiker leisten kann, so lange nichts zu machen und dafür dann bezahlt zu werden, hat entweder keine oder ganz viele Probleme.

subtext.at: Seit acht Jahren hast du nichts veröffentlicht, zuletzt dann gemeinsam mit Jan Böhmermann unterwegs – bewusst gewählte Freiheit oder etwas, was sich über die Jahre ergeben hat?
Dendemann: Nein, das hat sich richtig ergeben und ist mitten in die Produktion gerasselt. Ich hatte acht Tracks aufgenommen, als die Anfrage zu Jan Böhmermann kam, ich hatte sogar noch Video-Treatments für einen Release zum Showstart. Es war alles schon so aufgebaut, dass man mit einer Single in die Show startet. Die war ursprünglich für ein Jahr angesetzt – außer man wird nach einem halben abgesetzt (lacht). Ein Jahr hatten wir uns aber gegeben. Und ja – dann kam die Anfrage. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber einer der Gründe, warum es so gekommen ist, ist wohl, dass ich Angst hatte, dass es statt mir sonst jemand anderes macht. Das habe ich sonst nie – bei keinem Festival, bei keinem Feature, nirgendwo. Und ich danach später drunter leide. Vielleicht auch deswegen, weil ich so ein uraltes Problem habe, dass ich versuche, dass Deutschrap gut da steht. Das kann ich natürlich schon lange nicht mehr kontrollieren und möchte das auch gar nicht mehr, aber eine Mischung aus diesen Gefühlen hat mich diesem Engagement zusagen lassen, obwohl es überhaupt nicht meinem bisherigen Werdegang entsprochen hatte damals. Ich habe ja alles abgesagt – ich war ja nur bei Jan und Charlotte Roche, weil ich beide so geil fand. Und dann kam die Anfrage zu„History of Rap“, dann die zweite Anfrage. Die habe ich alle abgesagt – dann kam die Anfrage für die Show. „Wir gehen ins Hauptabendprogramm, kriegen ein neues Studio und brauchen eine Band“ – kannst du dir das vorstellen?

subtext.at: Ich möchte ein bisschen in die Anfangszeit zurückgehen, um diesen Klimax zu schließen. Als du angefangen hast, war in puncto Fernsehshow gerade die „Bullyparade“ mit einer tanzenden blonden Diana Herold en vogue. 15 Jahre später steht Dendemann bei Jan Böhmermann. Hast du die Präsenz dazu genutzt, deine Message, „Deutschrap besser dastehen lassen zu können“, genutzt, gerade retrospektiv gesehen? Oder zumindest besser dasteht, als er dargestellt wird?
Dendemann: Leider, oder Gott sei Dank überhaupt nicht. Ich habe da nichts dafür tun können – aber ich habe ganz viel dafür tun können, um mich in Form bringen zu können für all das, was kommt. Und um mich als funktionierender Rapper fühlen zu können, der aus dem Stegreif die gerade richtigen Zeilen kreieren kann. Ich brauchte einen roten Faden in der Technik – ab der fünften oder sechsten Sendung bin ich an meine Lieblingstracks gegangen. 90ies-Hip-Hop, weil das mit Band gut funktioniert und ich Funktionalität habe. Ich erfüllte Wünsche, habe Sachen gecovert, die wir immer schon mal spielen wollten. Im Fernsehen gibt es ja auch die Kabarett-Klausel: du darfst nicht alles machen, du musst das schon im Nachhinein anmelden. Also von der Rechteverwertung her gesehen. Aber du darfst erstmal tun – das heißt ich durfte das alles, was ich von mir gegeben hatte. Ich hab das alles als Cover angemeldet, habe da also keinen Cent an einem Text verdient (lacht) – hatte aber die totale Narrenfreiheit, diesen ganzen Scheiß zu covern. Und dann nach einem Jahr war ich soweit, dass ich das nicht mehr hören konnte. Dann habe ich wieder mit Deutschrap angefangen, und mir an jedem Wochenende jede Scheiße reinzuziehen, der mir unterkam. Und irgendwas blieb dann immer hängen, das gepasst hat für mich. Olexesh zum Beispiel – „Geboren in der Großstadt“. Es war jetzt keine tolle Idee, „Geboren in der Kleinstadt“ daraus zu machen – aber es hat gepasst. Ich konnte komplett über mich rappen, es hat mit Band funktioniert, und ich konnte Olexesh zeigen, dass ich ihn gut finde. Das hat in den zwei Jahren Tools entwickelt, die mich zu einem funktionierenden Rapper und Texter gemacht haben – der ich, so leid es mir tut, vorher nicht war. Nicht bei meinem ersten Text, meinem zweiten, und auch nicht bei meinem zehnten. Es war immer eine Qual – ich empfand die auch als normal, ein „starving artist“ sozusagen. Es war in meinem Umfeld üblich, sich die Scheiße irgendwie aus den Fingern zu saugen. Und jetzt kann ich sagen, was ich will, in so vielen Silben, wie ich will.

subtext.at: Bleiben wir noch kurz im Deutschrap – der hat sich über die Jahre natürlich auch verändert. In „Littbarski“ gibt es die Line „Diese Trap ist eine Falle“ – wie wörtlich darf man das verstehen?
Dendemann:
Null. Das ist einfach das, was sie zu mir sagt. Wenn man hinhört, werden die meisten modernen Vokabeln ja von ihr benutzt. Sie wünscht sich, wenn ich „schon wieder meine ich muss schreiben, anstatt mit ihr loszugehen“ und „dann mach doch mal ein Brett“ – dann habe ich das als Auftragsarbeit getarnt, zu dürfen.

subtext.at: Bleiben wir da gleich mal bei Trettmann – der ist aus dem Dancehall gekommen und
macht jetzt Trap….
Dendemann: Du weißt doch auch, dass das nicht stimmt. Die Musik, die Trettmann gemacht hat und heute macht, hat sich als Gesamtes in diese Richtung entwickelt. Das ist näher am Dancehall als am Trap – näher an Jamaica als an Atlanta.

subtext.at: Darauf wollte ich gerade ansprechen – warum glaubst du, dass Artists wie Trettmann und viele andere dann gleich in die „Trap“- Schublade reingesteckt werden?
Dendemann: Für mich sind das noch immer Einzelmeinungen in Kommentarspalten. Natürlich bin ich nicht überrascht, ich versuche auch, es mit Humor zu nehmen. Es ist das Polarisierendste, was ich je gemacht habe. Ich habe noch nie etwas gemacht, was so 50:50 ausgegangen ist. In Zeiten wie diesen schaffe selbst ich es, das als Chance zu sehen. Früher hätte mich das fertiggemacht – so nach dem Motto „Oh mein Gott, das war doch immer anders?“. Es gab doch immer nur ein paar Einzelmeinungen – heute ist Reibung viraler als Harmonie, also habe ich das einfach nur mal stattfinden lassen und es mir angesehen.

subtext.at: Reibung, Polarisieren, auch anecken – ist Musik noch politischer geworden, versuchen Artists, noch politischer zu werden?
Dendemann: Nein. Ich will nicht unbedingt sagen, dass ich zu hundert Prozent recht habe, aber es kommt mir vor, als wäre Musik weniger politisch geworden. Was ist aber Musik? Ist es das, was alle mitkriegen – also die 20 Popkultur-Songs, die ein Jahrzehnt definieren? Oder ist es die Musik, die wirklich gehört wird? Punk, Hardcore, etc – das sind noch immer Genres, die natürlich immer noch politisch sind. Ich denke, wie immer, dass Musik ein Spiegel der Gesellschaft ist. Egal, ob Hip-Hop oder anderes. Das zieht sie nicht aus der Verantwortung – das ist das alte Mos Def-Ding: „Sag mir nicht, wie Hip-Hop sein soll. Hip-Hop ist, wie die Menschen sind, die Hip-Hop machen.“

subtext.at: Das Politischste auf deinem neuen Album ist wohl der Song „Menschin“. Bewusst ein Thema, das hier in den Mittelpunkt gerückt wird? Und am Schluss mit einem Sample einer sehr bekannten österreichischen Band. Hat sich Maurice Ernst eigentlich schon wegen Tantiemen
gemeldet?
Dendemann: (lacht) Nein, Maurice weiß es – ich hab das A-Capella persönlich von ihm geschickt bekommen. Er weiß also, dass ich einen Schabernack damit vorhabe. Seitdem es gemischt ist, habe ich mich allerdings nicht mehr gemeldet (lacht).

subtext.at: Also keine Hard Feelings?
Dendemann: Nein, ich bitte dich, mit Sicherheit nicht (lacht). Früher gab es Hip-Hop-Gruppen, die halt gerne Bescheid gewusst haben, wenn man sie gescratcht hat – weil sie es selber gerne gemacht haben. Und es gab welche, die es auch gern gemacht haben, die aber aufrichtig damit umgegangen sind nach dem Motto „erzähls uns nicht, wir hören die Platte eh dann“.

subtext.at: In dem Fall also wohl Zweiteres?
Dendemann: Ne, in dem Fall spekuliere ich einfach darauf, dass alle damit happy sind, einfach dadurch, wie es gemacht ist. Es gab natürlich ein paar Sachen, die man rechtlich klären muss – aber auch da habe ich gesagt, dass ich erst das fertige Master verschicken möchte, weil ich möchte, dass sie es so hören, wie es am Ende ist. Eine bürokratische Katastrophe. Hat uns Monate zurückgeworfen. Aber ich wollte auch, dass etwa die Rio Reiser-Erben oder die Hildegard Knef- Erben es so hören, wie es gemeint ist. Und dass die die Größe checken – weil die Musik ja nicht von Vornherein groß ist. Die ist klein gedacht. Bei Hildegard Knef ist das kleiner, kleiner Jazz – cheesiger deutscher Klang noch dazu. Das ist kein Bob James . Aber: ich bin ich, es ist kein Ami-Beat. Ich wollte keine Ami-Beats (lacht). Ich brauchte was Eigenes.

subtext.at: Ich möchte noch mal kurz wieder in die Vergangenheit gehen, zum letzten Album „Vom Vintage verweht“ 2010. Damals war MTV riesig, Jamba-Sparabos boomten. Viva wurde heuer abgedreht – die Vermarktung hat sich rudimentär geändert, stark hin zur Interaktion mit eigenen Fans. Beeinflusst dich das auch in deinem Schaffen?
Dendemann: Ich versuchs, kurz zu machen – man kann das Thema nämlich sehr kurz abhandeln. Ich habe meinen ersten Plattenvertrag Ende 1994 unterschrieben – vor 25 Jahren. Ich habe die Strömungen von Napster, Torrents bis heute mitgekriegt. Selber benutzt, und auch selber drunter gelitten. Ich wurde als Exempel von einer namhaften Anwaltskanzlei benutzt, um ihren Kunden das Abmahnverfahren zu erklären. Ich hab richtig Scheiße erlebt. Ich kann aber sagen: es war immer schlimmer als heute. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Konsument entscheidet, ob du „Hot“ bist oder „Not“, war nie größer als heute. Die ganze Vetternwirtschaft dazwischen – Radios, Labels – ist zwar immer noch nicht verschwunden, leider, weil die Rechteinhaber immer noch nicht ihre Position ausspielen, und immer noch den Arsch der Weiterverwerter küssen. Aber sie sind kleiner geworden. Sie sind zwar immer hintendran – das wird auch zum Künstlerproblem – aber man kann sagen: die Welt ist so schlimm, die mussten für die Spotify-Abrechnung alle Excel-Tabellen ändern, weil sie so viele Nullen hinterm Komma noch nie gesehen haben. So schlimm ist die Marge. Die Verteilung war aber noch nie so gerecht. Wenn du „Hot“ bist, kannst du mit einem Song deine Miete zahlen. Der verkauft jeden Tag. Du verkaufst also nicht eine CD an eine Person – gerade für Indie-Leute ist es leichter geworden. Vorausgesetzt, man liefert ab.

subtext.at: Aus Künstlersicht also das, was man von Anfang an wollte?
Dendemann: Genau. Ich sage nicht, dass es perfekt ist – es war gestern schlimmer als heute, und vorgestern schlimmer als gestern. Und in den 60ern schlimmer als in den 80ern. Die Künstler sind heute in einer Position, wo sie noch nie waren – sie ist nicht perfekt, aber näher dran als je zuvor.

subtext.at: Der Künstler per se ist also mächtiger geworden?
Dendemann: Nein, die Macht war immer die gleiche. Es war schwieriger, wahrgenommen zu werden. Jetzt hat man gleiche Startvoraussetzungen – social networks. Kanäle von großen Plattenfirmen haben viel weniger AbonenntenReichweite als Artists. Die Person des Künstlers ist wichtig – es werden ja noch immer Emotionen verkauft. Egal, welche Werte vermittelt werden – es werden Emotionen verkauft. Damit müsste man sich werbetechisch mal auseinandersetzen. Das ist eine Realness, die der Konsument täglich auffrischen kann. Er kriegt etwas geboten – nicht mal für Geld. Das ist Kundenbindung, ein uraltes Prinzip. Die Hustler begreifen das besser als die Mittelstandskinder, wie ich. Und die können auch kopfrechnen. Ich nicht. Aber es ist auch gerecht, dass ich das nicht leiste, und auch nicht die Props und den Fame dafür kriege. Es passt nicht zu mir – ich bin das nicht. Das ist aber dann auch gerecht.

subtext.at: Kurz noch in eine andere Richtung – die politische. Die Platte ist eine politische – besteht die Gefahr, es auch übertreiben zu können? Wie schaffst du es, dass zumindest ein Großteil der Hörer die Message auch als solche versteht?
Dendemann: Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Ich glaube aber, dass wir es an vielen Teilen hingekriegt haben. Es hat viel damit zu tun, zu wissen, wer man ist, bevor man jemandem sagt, wer er sein soll. Und schon wieder Vorschläge für andere hat. Ich bin die Speerspitze des „Keine-Parolen-Problems“, die Galionsfigur dieser Generation. Man könnte nicht verdrossener und ignoranter sein als ich . Es ist mir scheißegal – solange ich morgen einen geilen Beat finde und morgen was Geiles zu fressen habe. Dazu stehe ich auch – aber es ist falsch. Darum bin ich thematisch dahin gegangen.

subtext.at: „Die Regierung stürzen“ heißt es in einem Song…
Dendemann: Das Stück geht um Sehnsucht. Wenn wir den Wunsch, den wir grade noch für unerfüllbar hielten, in dem Moment erfüllt kriegen, dann haben wir den nächsten schon formuliert. Sehnsucht ist zu einem Tool geworden, um uns selbst bei Laune zu halten. Das ist absurd.

subtext.at: Welche Sehnsüchte hat man mit Mitte Vierzig noch als Artist?
Dendemann: Gute Zähne (lacht).

subtext.at: Sind wir wirklich schon so profan geworden heutzutage?
Dendemann: Nein, natürlich nicht (lacht).

subtext.at: Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf die „Jubliare“, die du auf deinem Album besingst, zu sprechen kommen. Ich habe das so rausgehört, dass du das so meinst, dass innerhalb einer Szene und als Artist oft die Gefahr besteht, sich selbst zu genügen. Siehst du diese Gefahr
auch?
Dendemann: Natürlich, ja. Gerade im Erfolgsfall. Gerade die Erfolgreichen haben das Problem. Die guten Erfolgreichen sind aber gut genug betreut, dass ihnen da geholfen wird. Die Caspers, die Materias, die haben echt tighte Leute. Leute, die dir im richtigen Moment die Wahrheit sagen.Und dir sagen, dass das etwa in dem Moment so gar nicht geht. Das habe ich jetzt auch kennenlernen dürfen.

subtext.at: Das heißt, dass du jemanden benötigst, der dir in den sprichwörtlichen Arsch tritt?
Dendemann: Du brauchst ein Kontrollorgan. Eine Person, der du vertraust, die dir etwa sagt, dass diese Zeile so garnicht geht. Und du nach Hause fahren musst, um die neu zu schreiben. Die hatte ich oft nicht, weil ich die Personen genau nach dem Gegenteil ausgewählt habe (lacht). Ich hatte sie eben danach ausgewählt, dass sie machen, was ich möchte (lacht).

subtext.at: Also weniger „Diener“ als eher „emanzipierter Betreuer“?
Dendemann: Es wäre ja gar nicht problematisch, wenn man mit seinem Scheiß immer zufrieden ist. Wenn man immer happy ist, braucht man auch nicht herumdoktern. Wenn man aber, wie ich, mit deiner Delivery und deinem Duktus nie happy bist, weil der Inhalt zu stark ist für das, wie ungemeint das dann rüberkommt, dann tut man das schon. Deswegen war die letzte Platte auch eine Live-Platte – weil ich wollte, dass das zumindest so klingt, als wäre das mein bitterer Ernst. Und als hätte es für mich keine andere Möglichkeit gegeben, das auszudrücken. Das ist aber in einer langen Schreibphase mit über 300 Takes immer verloren gegangen. Gerade beim ersten Soloalbum – dann habe ich versucht, das aufzubrechen. Wie auf der Bühne, nach dem Motto „der beste Take gewinnt“. Das Resultat kennen wir – es hat seine Momente, aber auch unglaublich viele Schwächen. Jetzt haben wir eher gedacht: „Warum kann man nicht alles haben?“. Warum kann man nicht Leute haben, die vom Anspruch her weit über mir liegen – sodass ich wieder loslassen kann.

subtext.at: Also je reflektierter man wird, desto unangreifbarer wird die Platte?
Dendemann: Leider nein. Die Reflektiertheit garantiert ja für nichts – die passiert rein in deinem Kopf. Ob du reflektiert bist oder nicht, das braucht ja auch wieder eine zweite Meinung. Ich musste aus meinem Trugschluss raus, dass ich Musik machen möchte, die wie meine Lieblingsmusik klingt. Ich wollte immer unglaublich viel Informationen über mich über die Musik, die ich mir aussuche um darüber zu rappen, zu transportieren. Das ist viel verlangt für einen Rapper. Aus dieser Falle musste ich raus.

subtext.at: Ein Kontrollorgan?
Dendemann: Ich brauche auf jeden Fall ein Kontrollorgan. Da haben sie sich aber mit mir auch einen Klotz ans Bein geholt. Als alte Fans haben sie zugesagt, und dann standen wir da. Drei Jahre lang, und haben wirklich gearbeitet.

subtext.at: Haben sie gewusst, worauf sie sich da einlassen?
Dendemann: Ich glaube nicht, nein. Nach dem zweiten Master hat noch immer jemand ein Vocal-Sample gefunden, das angeblich reingepasst hätte. Wenn die Tour morgen vorbei wäre, wüsste ich aber, wie ich morgen weitermachen würde. Das heißt nicht, dass es passiert, aber ich wüsste wie (lacht).

subtext.at: Danke für das Interview, viel Spaß auf der Tour. Wir sehen uns in Linz!
Dendemann: Danke, dir auch. Und Rest in Peace, Huckey!

Mit seinem neuen Album „Da nich für“ kommt Dendemann auch nach Österreich: am 20.02.2019 im Rockhouse Salzburg, am 21.02. im Gasometer Wien und am 22.02. im Posthof Linz!

Mehr Infos: 

Titelfoto:  © Nils Mueller

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eishockeyfan. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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