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CLUESO über Wanderlust: „Durch das Reisen bekomme ich den Drang, selber zu agieren“

Niemand macht Rastlosigkeit so gelassen zum Thema wie Musiker Thomas Hübner alias Clueso. Nach einer künstlerischen wie label-technischen Kurskorrektur im Jahr 2016 mit dem Album „Neuanfang“, veröffentlichte der ewig jungaussehende 38-Jährige mit „Handgepäck I“ im August 2018 eine weitere Platte, welche die Zeit auszubremsen schien. Die emotionale Aufarbeitung der letzten, vom Erfolg gekrönten Jahre wirkt damit abgeschlossen.

Es scheint dem Erfurter vor allem kreativ gut zu bekommen, die Zügel wieder selbst in der Hand halten zu können, ohne sich über Marketingmaßnahmen, Management, Crew und dem ganzen Schnickschnack, der noch dazu gehört, allzu viele Gedanken machen zu müssen. Ob ihm sein Steckenpferd, das Reisen, dabei behilflich ist? Ein Interview mit Clueso über die Wohnung als neutralen Ort, Imaginationstechniken und Privates in Zeiten von Hashtags und Instagram.

subtext.at: Clueso, muss man Umwege in Kauf nehmen, um ans eigentliche Ziel zu gelangen?
Clueso: (überlegt) Sowohl in der Musik wie auch in der Liebe gibt es kleine Abkürzungen. Manchmal muss man einen Umweg gehen, weil man sich einfach durchs Dickicht kämpfen muss (lächelt). Es ist halt nicht alles einem genialen Geist entsprungen. Um zu sich selber zu finden, ist es manchmal gut, den landschaftlich schöneren Weg zu fahren.

subtext.at: Handelt es sich bei „Handgepäck I“, deinem aktuellen Album, um solch einen Umweg?
Clueso: Ja, doch. Stimmt. Ich bin zeitgleich noch mit anderen Sounds und Ideen beschäftigt gewesen und trotzdem war dieses Album seit Jahren für mich ein Begriff. Es hat von ganz alleine gedrückt. Ich hab das Gefühl, das sind Dinge, die sich dann später einzeln auch als gute Idee entpuppen. Es gibt halt welche, die man nicht machen muss, sondern die von selbst zu mir kamen. „Handgepäck“ habe ich über Jahre angesammelt. Ich hätte es jetzt nicht noch 5 Jahre ausgehalten, weil sich schon so viele Akustiksongs angesammelt haben. (überlegt kurz) Live merke ich aber, dass nicht alle Songs für die Bühne gemacht sind. Manche sind introvertiert auf einer Reise entstanden, wie der Tag war, wie eine eigene Meditation. Das sind Tonarten, die nicht sofort abstrahlen. Durch meine Stimme, in allem. Das Publikum nicht sofort eincashen. Songs wie „Auf Kredit“, der funktioniert, weil er wie ein Sprung nach draußen ist, und es gibt einen Song wie „Zimmer 102“, da merke ich, der gestaltet sich schwieriger auf der Bühne, weil er ein Hotelzimmersong ist. Der ist nicht gemacht für Pop. Für Bühnen. Meine Bühnen. Ich kann es nicht genau beschreiben. Jedenfalls wollte dieses Album nicht viel. Andere Alben wollen mehr, die ganzen Ideen, die man reinpackt. Dieses ist aus sich selbst herausgewachsen.

subtext.at: Einfach mal wohin zu Reisen, wo einen niemand kennt, wo man keine Biografie hat. Weshalb ist das für dich so verlockend?
Clueso: Der Personenkult, den ich so erlebe, der bleibt aus. In Österreich ist es nicht so krass, aber in Deutschland kennt man mich halt. Man muss weniger auf Menschen zugehen, weil viel mehr auf einen zukommen. Beim Reisen ist das gar nicht so, denn man muss eine Autonomie entwickeln, um dann nach außen zu gehen, um auf die Menschen zuzugehen. Als das, was ich bin und nicht als das, was ich gerne nach außen kehren möchte. Das ist für mich als Typ, als Person, ganz förderlich. Als Kontrastprogramm. Ich bin dann Thomas Hübner, wenn ich sechs Wochen lang in Bangkok agiere – ohne Künstlerbonus weit und breit.

© Christoph Köstlin

subtext.at: Was muss ein Ort besitzen, an dem du verweilen magst? Kannst du das benennen?
Clueso: Bei mir läuft das wahnsinnig viel über Menschen. Es kann super schön sein und mich begeistert die Natur, aber ich bin eher ein Typ, der Leute kennenlernt und dann in Situationen rutscht, wo ich alles entdecken und sehen kann. Ich bin nicht der typische wanderlustige Typ. Ich komm irgendwohin und treff Leute, die wanderlustig sind. Dann bin ich’s auch. Oder die sagen „Check mal die Ruhe“ oder wir fahren dann raus. Wie eben schon gesagt, ich war 6 Wochen in Bangkok, was alles andere als ruhig war. Ein eigener Planet, auf dem ich Moped gefahren bin ohne Führerschein (grinst). Ich fand das geil, weil ich einen Grafiker kennengelernt habe, der hatte ein Haus, dort konnte ich chillen. War nicht ganz allein, war cool. Für mich machen Menschen Orte aus. Ich war in L.A. und fand’s am Anfang super langweilig. Wie ein Teich mit ganz vielen Fischen, in dem nur drei springen können und alle sagen: „Guck mal, geht doch.“ Alle sind total ready für Hollywood, aber nicht jeden erwischt’s. Jeder U-Bahnfahrer macht dort Standup-Comedy noch nebenbei. Irgendwann habe ich die richtigen Leute kennengelernt, die mich in die richtigen Bars geführt haben. Dann fand ich’s nur geil.

subtext.at: Ist deine Wohnung demnach ein eher neutraler Ort für dich, weil du ständig unterwegs bist, ohne persönliche Gegenstände?
Clueso: Das ist so. Wenn ich Konzerte spiele, dann ist es wie in einer Geisterbahn. Ich erschrecke mich zwar manchmal, aber es ist alles durchgeplant und durchgetaktet. Ich lauf da nicht selber rum, sondern es ist durchorganisiert. Durch das Reisen bekomme ich den Drang, selber zu agieren und Pausen auszuhalten und einfach irgendwo zu bleiben. Beim Reisen plane ich auch nicht viel voraus. Ich genieße einfach die Zeit. Wenn ich dann nach Hause komme… Ich war nie der Typ, der viele Kisten hat mit privaten Kram. Wenig Fotos, wenig Zeugs. Ich habe auch kaum Bilder an der Wand. Diese Wohnung liebe ich aber extrem. Ich habe sie eingerichtet. Es zentriert sich alles um ein, zwei geile Möbelstücke. Der Rest ist zusammengesammelt aus irgendwelchen Häusern. Wenn Leute so Abriss machen, hab ich da Leute gehabt, die mir Sachen wie alte Kneipenstühle gebracht haben. Und einen massiven alten Tisch, den ich mir wirklich hab bauen lassen. Da bastelt sich die Wohnung um diesen Tisch, mehr oder weniger. Große Schränke habe ich nicht. Mochte ich nie. Ich räume gerne um, je nach Feeling. Ich nutze auch alle Räume für alles. Die Küche ist sowohl Arbeits- und Wohnzimmer. Das eigentliche Wohnzimmer wird dann zum Schlafzimmer, wenn ich die Matratze reinballer und eine Woche lang PlayStation spiele und es genieße (lacht). Dann ist das Schlafzimmer das Arbeitszimmer, weil ich einen Schreibtisch reinstelle.

subtext.at: Ein Album mit 18 Liedern in der heutigen Zeit zu veröffentlichen, die von immer geringeren Aufmerksamkeitsspannen geprägt ist, könnte man auch als kommerziellen Selbstmord ansehen.
Clueso: Ist es. Es war zwar Platz 1, aber nur, weil es im Sommer rausgekommen ist und es da nicht viel Konkurrenz gab. Es ist mehr ein Liebhaberstück. Für mich, für meine Kollegen, die das Album schon lange kennen. Kleine Perlen, aber auch far away von dem, was gerade angesagt ist. Ein Gitarrenalbum wird aber nie in und nie out sein. Es ist natürlich eine Gegenbewegung. Das merke ich auch. Ich höre das bei Kollegen, denen Alben ich gerne höre, dass sie es wollen. Sie müssen sich da durchbeißen, durch den Sumpf an Musik. Digitale Sachen sind dazu da, sie zu vergessen und analoge, um sich zu erinnern. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat. Deswegen habe ich mir das Album auf Vinyl vorgestellt. Vinyl hat ja auch schon so eine Art benutztes Universum. (überlegt) Alle sind gerade irgendwie am Drücken. Jeder Cousin kann irgendwie einen fetten Beat bauen (lacht).

subtext.at: Ich empfinde die Stücke als Momentaufnahmen aus deinem Leben, die erst mal entschleunigen.
Clueso: Das finde ich sehr gut und erfüllend. Es ist ja auch so gedacht. Monatelang habe ich mich mit dem Mischen der Platte beschäftigt. Alles am Rechner gemischt, mit Kopfhörern, und es klingt trotzdem analog für mich. Für mein Empfinden. Die Aufnahmen waren meine Ruhepole. Durch das Reisen war ich so geschwächt, ein bisschen kaputt und müde, da entstehen keine Songs wie „Achterbahn“.

subtext.at: Du sollst ja stets nur mit Handgepäck reisen.
Clueso: Das stimmt.

subtext.at: Es gibt sogenannte Imaginationsübungen für Menschen, die im Hamsterrad des Alltags gefangen sind. Dabei stellt man sich eine Reise vor und legt ständig Gepäck zurück, um sich zu entspannen. Hast du davon schon mal gehört?
Clueso: Nee, find ich aber geil (grinst).

subtext.at: Man befreit sich emotional von Ballast. Kann das funktionieren?
Clueso: Ja, immens. Ich bin schon fast abergläubisch. Das ganze Universum besteht aus Gedanken. Alles, was vor uns liegt, hat sich irgendwer ausgedacht. Vorstellung ist extrem wichtig. Als Musiker braucht man einen gesunden Größenwahn, um überhaupt gehört zu werden. Man muss fantastisch sein, um dann etwas in der Realität zu erzeugen, was Bestand hat. Mit Gepäck abladen… Leute, die schreiben, die Musik machen, haben das Glück, dass sie damit ihre Dinge schon verarbeiten können. Auf dem Schlachtfeld (lacht). Emotionale Gefühle muss man irgendwo lassen, sei es in Songs oder Geschichten. Wenn sie auch verklärt sind. Nicht jeder Song, den ich schreibe, ist genau so gewesen in der Situation. Ich beschönige manche Situationen ja auch durchs Schreiben.

subtext.at: Was ja auch legitim ist.
Clueso: Ja, genau. Ich mag es zum Beispiel bei Dylan, weil ich mir da denke, es ist seine Sicht der Situation. Wahrscheinlich hat Joan Baez eine andere.


subtext.at: Neuanfänge scheinen dir locker von der Hand zu gehen. Gibt es dennoch Dinge, die du wegen ihrer Kontinuität schätzt?

Clueso: Es sind 15 Jahre, dass ich meine Band hatte. Länger als es die Beatles jemals gab. Eine sehr lange Zeit. Meinen Manager hatte ich schon 20 Jahre, glaube ich. Das schätze ich. Selbst die Crew jetzt, sind alles Leute von damals, von früher. Im Tourbus kann man dann darüber reden, wie die Trennung verlaufen ist. Menschlich schätze ich das sehr, Leute lange dabei zu haben. Ich bin nicht der Typ, der in seiner Freizeit mit vielen Leuten ins Kino geht. Alle Leute, die mich umgeben, haben etwas mit dem zu tun, was ich mache.

subtext.at: Es gibt also keine Berührungsängste bei Themen, die für Diskussionsstoff sorgen könnten?
Clueso: Nee. Eigentlich nicht. Es ist aber dennoch so, dass man manchmal über die Dinge, die einem sehr viel bedeuten, nicht o gut reden kann. „Neuanfang“ war für mich einfach eine Befreiung. Viele Leute waren abhängig von mir und ich habe mich irgendwann gefragt, ob ich nicht ein Unternehmer bin, der mit seiner Kunst die Zukunft von Familien gestaltet? Ich glaube, es hat jeder diesen Schritt verstanden, obwohl nicht alles so geil gelaufen ist. (überlegt kurz) Es ist halt schwer, mit seiner Ex über die Trennung zu reden.

subtext.at: Kannst du privat genau so gut über deine Gefühle reden wie in deiner Kunst?
Clueso: (spricht leise) Nee. Das sind zwei völlig getrennte Sachen. Da hab ich es genau so schwer wie jeder andere Mensch auch. Hoff ich mal. (überlegt) Mit manchen Themen tue ich mir extrem schwer. Bei anderen, wenn ich merke, dass eine Frage im Raum steht, bin ich sehr naiv und kindlich und kann die Sachen sehr direkt ansprechen. Oft weiß ich nicht, dass ich über Dinge schreibe in der Musik, die ich so nicht ansprechen kann. Diese Sätze sind mal krumm, mal gerade und vielleicht wird die erste Strophe dann die zweite.

© Christoph Köstlin

subtext.at: Über dein Privatleben magst du nichts preisgeben und dennoch postet du auf sozialen Medien wie Instagram eine ganze Menge Privates. Wie passt das zusammen?
Clueso: Das ist wie ein Filter. Ich hätte jetzt kein Problem damit, meinen Opa auf Instagram zu zeigen. Meinen Bruder auch. Mit den meisten Leuten gibt es eine Absprache. Ich habe Freunde, die überhaupt nicht auf Instagram zu sehen sein wollen. Die sind dann auch nicht zu sehen und kleine Kinder halte ich raus. Ich habe kein Problem damit, wenn mich jemand im Tourbus weckt und das dann online stellt und postet. Ich hätte aber ein Problem, wenn sie in meine Wohnung kommen und da durch die Zimmer führen. Es gibt Bereiche, die sind OK, diese Ecke. Meine Ecke. Die kann man zeigen. Das ist mein Filter. Gar nicht so direkt bewusst, denn oft entscheide ich einfach situativ, was ich poste und was nicht.

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