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Anno 1800 – Das beste Anno aller Zeiten

Nach dem wegen seines Szenarios und vereinfachten Mechaniken vor allem untera Stammfans umstrittenen Anno 2205 gelingt Entwickler Blue Byte mit Anno 1800 ein fulminanter Befreiungsschlag. Ein sehr gelungener Neustart. Die industrielle Revolution als neue Epoche erzeugt nicht nur traumhaft schöne Städte, sondern sorgt für spannende Warenketten. Viele neue Features wie der Blaupausenmodus und die höhere Komplexität freuen auch Veteranen. Das beste Anno aller Zeiten!

Anno stand zweifelsohne in der Krise. Mit Anno 2205 ging Entwickler Blue Byte einen umstrittenen Weg. Zukunftszenario und massive Vereinfachung des Wirtschaftssystems sorgten für Unmut. Einfachere Zugänglichkeit zulasten von Spieltiefe. Doch der deutsche Traditionsentwickler gelobte Besserung. Bereits vor zwei Jahren bei einem Pressetermin auf der Gamescom wurden uns die Sorgen für das neue Anno leicht genommen. Entwickler Blue Byte gelobte Besserung und versprach wieder mehr auf die Community zu hören – und dieses Versprechen lösen sie mit Anno 1800 ganz klar ein. Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert passt wie die Faust aufs Auge zu der Serie, die Komplexität der Warenketten und des Wirtschaftssystems wurde nicht nur wieder auf das Niveau früherer Anno zurück gehoben, nein sie wurde sinnvoll sogar weiter ausgebaut. Neue Elemente wie die Weltausstellung, der Zoo, die Blaupausen, das Arbeitskräfte-System und vieles mehr sind großartige Neuerungen. Anno 1800 ist ein Meisterwerk geworden, auch wenn die Kampagne wieder enttäuscht, die KI noch immer schwach ist und ein paar kleinere Fehler und Bugs noch immer vorhanden sind.

Anno 1800
Publisher: Ubisoft
Entwickler: Blue Byte
Plattformen: PC
Testplattform: PC
Metacritic-Score: 81
Preis: 53,68

Ein amüsantes Tutorial

Unser Vater gestorben, vom bösartigen Onkel verraten, die Familienehre in den Schmutz gezogen und das teure Erbe ist auch futsch. Als vom Exil in der Karibik zurückgekehrter Sohn gilt es nun den Tod des Vaters zu rächen, den Familienruf wieder herzustellen und dem bösartigen und heimtükischen Onkel Edward den Gar auszumachen, während ein geheimer Feind sich immer mehr zeigt. Klar: diese Geschichte gewinnt jetzt keinen Pullitzer-Preis, ist aber durchaus spannend und wird durch gut gemachte Zwischensequenzen in der hübschen In-Game Grafik und Dialoge vorangetrieben. Im Laufe der ca. 9-13 Stunden (je nach Spieltempo) dauernden Kampagne lernen wir auch die Grundfunktionen des Spiels inklusive Warenketten, Handelsrouten, die neuen Expeditionen und Co. Sozusagen ein langes Tutorial für Neueinsteiger, das durchaus Laune macht und sicher in der Serientradition den neuen ersten Platz erobert – aber am Ende für Veteranen zu wenig bietet und auch Neueinsteiger werden die Kampagne kein zweites Mal beginnen.

Die Kampagne wird oft mit schön gemachten Zwischensequenzen vorangetrieben

Von Schlöten und Weizenfeldern

Als ganz klare Stärke von Anno 1800 stellt sich das Szenario aus. Die industrielle Revolution passt perfekt zur Serie. So finden sich in später ausgebauten Städten Hochöfen neben Bankgebäuden. Weinfelder neben Rinderzuchten. Bäckereien neben Fensterfabriken und vieles mehr. Dazwischen Parks, hier auch vom Design angepasst je Bevölkerungsgruppe, und Eisenbahnlinien für die neue wichtige Ressource Strom, die ab der dritthöchsten von insgesamt vier Bevölkerungsstufen große Relevanz entwickelt. Die fünf neuen Zivilisationstufen Bauern, Arbeiter, Ingenieure, Handwerker und Investoren unterscheiden sich nicht nur in ihren Bedürfnissen und dem generierten Steueraufkommen sehr stark, auch die Designs der Gebäude sind großartig gelungen. Hier kommt bereits eine der neuen Elemente ins Spiel, der Einfluss. So kosten Schiffe, Verteidigungsanlagen, Kulturelemente wie der neue Zoo oder das Museum oder auch die Neuerschließung von Inseln diese Punkte. Gewinnen können wir sie durch eine höhere und hochwertigere Bevölkerungszusammenstellung. Sie ermöglichen eine starke Spezialisierung. Eine starke Flotte, Kultur und Handelsrouten auf einmal sind also nur mehr mit sehr stark bevölkerten Inseln möglich. Eine wie wir finden schöne Neuerung, die den Spieler dazu zwingt, sich zu spezialisieren und damit den Wiederspielwert des Endlosspiels erhöht. In einer Runde der kulturverliebte friedliche Mäzen, in der nächsten Partie der militärstarke imperialistische Herrscher. Auch gibt es mit der Karibik und der Alten Welt wieder zwei komplett unterschiedliche Welten mit verschiedenen Rohstoffen und Bevölkerungsgruppen.

Ebenfalls neu: Ganz im Stile von Donald Trump können wir uns mithilfe der Zeitung propagantistisch austoben. Egal ob Zufriedenheit, Kauflust, um unsere Bilanz aufzubessern, Durchhaltevermögen bei Belagerungen und vieles mehr. Je nach Bevölkerungsstufe wird diese Einflussnahme auf die freie Presse positiver oder negativer aufgenommen. Die vielen Möglichkeiten ermöglichen spannende Aktionen und vor allem gute Reaktionsmöglichkeiten auf eventuelle Schwierigkeiten. Mit zunehmender Spieldauer lest man sich dann aber auch die durchaus gut geschriebenen Kurzartikel aber nicht mehr durch, zu stark wiederholen sie sich. Aber grundsätzlich eine gute Neuerung.

Selbiges gilt für die Expeditionen. In regelmäßigen Abständen können wir einzelne Schiffe auf verschiedene davon schicken. Sei es um Piratenschätze zu erobern, neue Tiere für den Zoo zu fangen, Ausstellungstücke für unser Museum zukriegen oder vieles mehr. Bereits aus Vorgängern bekannte Items und auch die produzierten Waren haben hierbei Einfluss auf die verschiedenen Kategorien wie Geschicklichkeit oder Glaube. Verschiedene Schwierigkeitsstufen haben dann auch Einfluss auf die Qualität der entdeckten Gegenstände. Denn ähnlich wie in einem MMORPG gibt es diese in Qualitätstuffen, von Weiß bis Lila. Auch hier gilt dasselbe wie bei der Zeitung. Die nett geschriebenen Events während der Expedition sind zu Anfang ein Highlight. Später spart man sich das Lesen der Texte und klickt sich nur mehr schnell durch die Antworten.

Fast wie Linz, unser Industrieviertel

Micromanagement zum Abwinken

Anno 1800 baut eine seiner großen Serienstärken noch weiter aus, die Warenketten. Wie bereits in den Vorgängern ist es wieder eine Freude, wie perfekt diese funktionieren. Die Ketten machen absolut Sinn und sind durch die umfangreichen Statistiken und der visuellen Darstellung in der Spielgrafik immer ausgezeichnet steuer- und nachvollziehbar. Die perfekte Abstimmung beschäftigt einen vor allem mit mehreren Inseln und hohen Einwohnerzahlen stundenlang. Für Anno-Fans eine Wohltat, für manche Spieler, vor allem Neueinsteiger, wird das aber gerne stressig. Neu in der Serie kommen Strom und das dazugehörige Öl hinzu. Nicht nur unsere Ingenieure verlangen nach Saft aus der Leitung. Auch unsere Fabriken setzten später zwingend Strom voraus, während wir jene der vorhergehenden Zivilisationsstufe in ihrer Produktivität durch einen Stromanschluss verdoppeln können. Grundsätzlich eine gute Neuerung mit einem kleinen Makel. Im ersten Schritt ist es notwendig, die Ölreserven der Startinsel anzuzapfen, bevor man Öltanker bauen kann und damit das schwarze Gold aus der Karibik holen kann. Schönbauer schrecken vor diesem Schritt zuerst zurück, haben Ölturme doch einen negativen Einfluss auf die Attraktivität der Insel und damit auf die Menge an Touristen. Nur erklärt das Spiel dies Tatsache nicht, auch uns ist es passiert, dass wir eine Stunde lang gerätselt haben, was zu tun ist bevor wir Dr. Google bedienten. Das ginge eleganter, Blue Byte.

Selbiges geht bei den Handelsrouten. Zwar lassen sich diese individuell benennen, aber doch mit arg limitierter Zeichenanzahl. Das führt dazu, dass im späteren Spielverlaufen mit locker 30 und mehr Handelsrouten sehr schnell die Übersicht verloren geht. Hier würden wir uns mehr Sortiermöglichkeiten und ein übersichtliches Design wünschen.

Ach, die Karibik

Planen bis der Arzt kommt

Unser persönliches Highlight bei den neuen Features ist eigentlich eine Kleinigkeit: Blaupausen! Wir müssen in Anno 1800 Gebäude nicht sofort bauen, sondern können mittels Blaupausen den Platz nur reservieren und wenn gewünscht mit einem Klick dann bauen. Eine Kleinigkeit, die aber vor allem Schönbauern eine gewaltige Hilfe darstellt. Auch neue Inseln lassen sich so bereits vorbereiten, ohne sie in Betrieb zu nehmen. Danke Blue Byte für dieses Feature. So lässt sich zusammenfassend sagen: Auch wenn manche Teile wie die Ölförderung nicht perfekt funktionieren, fügen sich die umfangreichen Neuerungen perfekt in das bisherige Gerüst ein und stellen eine umfangreiche und gut durchdachte Erweiterung des bereits großartigen Grundkonzepts dar. Anno wie es sein soll!

KI Zwischen Schlaf und Wahnsinn

Kommen wir nun zu der Konkurrenz um die beiden Welten. Die sind an sich sehr gelungen. Sie unterscheiden sich in im Charakter nachvollziehbar und glaubhaft. So reagiert der schüchterne Willy sich überaus freuend, wenn wir ihm Inselanteile abkaufen, dagegen ist die aggressive Beryl darüber genauso wenig überzeugt wie über unseren raschen Inselaufbau. So ist es auch leichter, mit KI Gegnern, die mehr dem eigenen Naturell entsprechen, Bündnisse zu schmieden, mit anderen schlittern wir leichter in den Krieg. Auch handeln sie fleißig an unseren Häfen und auch mit den Piratenfraktionen lassen sich allerhand Strategien ausarbeiten. Klingt alles gut, nur haben sie eine entscheidende Schwäche: Krieg. Zwar erklären uns KI Gegner gerne mal aus heiterem Himmel den Krieg, rühren danach aber keinen Finger, greifen keine Inseln an oder stören unsere Handelsrouten, sondern lassen uns munter weiter bauen. Währenddessen nehmen wir einzelne Handelsrouten aufs Korn. Das verhindert zwar Frust, ist aber alles andere als realistisch. Dieses Problem der Reihe wurde also auch in Anno 1800 nicht gelöst.

Verbessert wurde aber die Kriegsführung an sich. Die Landarmeen aus Anno 1404 haben ausgedient. Der neueste Teil der Serie beschränkt sich auf Seeschlachten und verbessert diese. So sind nun auch Lage des Schiffs und vor allem im Segelzeitalter die Windrichtung ein entscheidendes taktisches Element.

Beim Endlosspiel lässt sich wieder jede Kleinigkeit einstellen

Wunderschön, aber nicht perfekt

Kommen wir nun zur Grafik und Technik. Dass das Design grandios gelungen ist, haben wir bereits erwähnt. Unglaublich stimmig und detailverliebt sind Gebäude, Schiffe und Einwohner gestaltet. Die Inseln sind traumhaft inszeniert und auch die Texturen sind in den höchsten Grafikeinstellungen hoch aufgelöst. Wer jedoch weiter heranzoomt, erkennt dann doch matschige Oberflächen. Negativ stechen bei uns ebenfalls die langen Ladezeiten hervor. Im späteren Spielverlauf, also je nach Spielgeschwindigkeit ab 10 Stunden aufwärts, dauert es bis zu 10 Minuten, das aktuelle Endlosspiel zu laden. Da wir aber nicht überprüfen können, ob dieses Problem an unserer Hardware liegt oder nicht, werden wir dies nicht in unsere Bewertung einfließen lassen.

Dagegen leider klar ein Abwertungspunkt und auch nach einigen Patches noch immer vorhanden: Bugs. Immer wieder lassen sich einzelne Missionen nicht abschließen oder verschwindet das Interface nach dem Wechsel zwischen den Welten. Hier muss Blue Byte noch Überstunden leisten.

Ein besonderes Highlight, der neue Zoo

Das beste Anno aller Zeiten

Anno 1800 stellt einen Meilenstein innerhalb der Serie dar. Noch nie waren Warenketten gleichzeitig so fordernd und gut gestaltet, die Benutzeroberfläche und das Handling so angenehm zu spielen, das Szenario so wunderschön und perfekt, die Langzeitmotivation und der Abwechslungsreichtum so hoch. Blue Byte hat auf die Fans gehört und den Vorgänger wieder stärker an Anno 1404 angelehnt, jedoch die guten Elemente des Vorgängers beibehalten. Unser bereits sehr guter Eindruck von der Gamescom hat sich bewahrheitet. Gleichzeitig gibt es aber noch Potenzial bei den Handelsrouten, KI-Gegnern und auch die Bugs muss Blue Byte noch beheben. Ein Pflichtkauf für Anno-Fans und Fans von Aufbaustrategie und der neue Primus in seinem Genre!

 

Die Sonderausgabe

Ubisoft stellte uns für den Test die Sonderausgabe von Anno 1800 zur Verfügung. Die enthält neben dem Spiel noch drei Litographien, Entwicklerdeutsch für Postkarten, und den sehr guten Soundtrack auf CD. Diese Version stellt in der Erstauflage die „normale“ Version dar, die Goodies gibt es also sozusagen gratis. Das ist auch gut so, denn einen Aufpreis wären die Goodies unserer Meinung nach nicht wert.

Die „richtige“ Special Edition, die Pioneers Edition

Bereichswertungen

Story & Atmosphäre 83 %
Grafik & Design 92 %
Gameplay & Steuerung 95 %
Umfang 95 %
Technischer Zustand 80 %

Gesamtwertung

89 %
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Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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