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Dirk von Lowtzow: Lesung mit Gitarre

Dass Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow gern mit Worten spielt, ist bereits seit Mitte der Neunziger bekannt. Davon dass er durchaus auch etwas zu sagen hat, zeugen die mittlerweile zwölf Studioalben der Band. Dem jüngsten Album „Die Unendlichkeit“ schwingt eine persönliche, autobiografische Note mit, die man bis dahin von den mittlerweile Mittvierzigern noch gar nicht gekannt hat. Mit diesem Hintergrund scheint ein Buch vom lyrischen Mastermind der Band schon längst überfällig. Am Donnerstag den 13. Juni präsentierte er sein Erstlingswerk im WUK in Wien. Eine Zusatzshow folgte am Tag darauf.

„Aus dem Dachsbau“ ist bereits im Februar 2019 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, die Lesung im WUK wurde aus Krankheitsgründen vom April in den Juni verschoben – als Trost bekamen die WienerInnen eine Zusatzshow für die eigentlich ausverkaufte Veranstaltung. Mit dem Song „Date mit Dirk“ beginnt die Lesung. Der Name ist Programm: Dirk von Lowtzow teilt mit seinen ZuhörerInnen persönliche, mitunter auch peinliche Momente seines Lebens, über die er sich selbst sichtlich amüsiert. Die Schachtelsätze, die zugegebenermaßen auf dem Papier etwas überladen wirken, klingen aus dem Mund von Dirk ganz natürlich und offenbaren erst in der Praxis ihren Witz und Charme. „Wie jede gute Enzyklopädie beginnt auch diese mit ABBA“ deklariert er und beginnt, aus seinem Buch vorzulesen.

Eine Akustikgitarre und eine Handvoll Lieder hat er außerdem mit im Gepäck und streut zwischen den Texten immer wieder dazupassende Songs ein. Wie auch auf Tocotronic-Konzerten haben sich hier hartgesottene Fans von jung bis alt eingefunden, die sich über Hits wie „Solidarität“ und „Im Zweifel für den Zweifel“ sichtlich freuen. Wer jedoch glaubt, mit Dirk von Lowtzows Erstlingswerk eine einfache Biografie in den Händen zu halten, hat sich getäuscht. Das alphabetisch sortierte Nachschlagewerk ist eine Sammlung aus Kurzimpressionen, Gedichten und Gedankenspielereien. Manche sind wie Momentaufnahmen aus Lowtzows Leben, andere Szenerien nehmen nahezu abstrakte Ausmaße an – hier verschwimmt Realität mit Metapher. Wer sich aber darauf einlassen kann, der wird an dem Sprachwitz und der Fantasie dieses Literaturdebüts seine Freude haben.

Tiere scheinen es ihm besonders angetan zu haben, speziell seine Liebe zu Hunden proklamiert er regelmäßig, so schleicht sich auch in seinem Buch immer wieder der eine oder andere Hunde-Cartoon ein. Auch der ominöse Operettenbär spielt immer wieder eine tragende Rolle. Und natürlich die titelgebende Selbstidentifikation mit dem Dachs. Überhaupt wird den LeserInnen auf mehreren Ebenen die Innenwelt Dirk von Lowtzows nähergebracht. Mal stößt man in dem leider nur 192-seitigen Werk auf Fotografien und Zeichnungen, mal wechseln sich lyrische (Song-)Texte ab mit aus dem Leben gegriffenen Prosasequenzen. Bei Dirk von Lowtzows Auftritt handelt es sich definitiv um mehr als schlichte Bespaßung, in dem stickigen Saal macht sich das Gefühl von Vertrautheit breit. Mit tiefer Stimme säuselt er seinem Publikum noch ein Gutenachtlied, dann ist es vorbei. Wie es sich für eine Lesung gehört gibt es noch eine Signierstunde im Anschluss. Der Abschied fällt nicht allzu schwer, denn Tocotronic in ihrer gesamten Besetzung gibt es bereits am Donauinselfest am 23. Juni wieder zu sehen und hören.

Foto: Jutta Pohlmann

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studiert Soziologie und Psychotherapie / hin-und hergerissen zwischen Oberösterreich und Wien

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