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Anger: „Es ist an der Zeit ganz klare Statements abzugeben“

„Hedonist Pop For Lovers“ – das Duo Julian Angerer und Nora Pider a.k.a. Anger, live als Trio, ist gerade am Durchstarten. FM4-Top-Chartplatzierungen und ein Sound, den man schnell in die Kategorie „unverwechselbar“ einordnen kann. Live sicher einer der spannendsten Acts, die der heimische Musiknachwuchs derzeit zu bieten hat. Am Maifeld Derby in Mannheim haben wir die beiden zum Interview getroffen, um über das im September erscheinende Album, Hedonismus und das politische Denken in der österreichischen Musikszene zu sprechen. 

subtext.at: Gibt es etwas, das ihr gleich hinter euch bringen möchtet in einem Interview?
Julian: (überlegt) Hey Anger, was macht ihr eigentlich für Musik. Oder, Nora?
Nora: Ja.
Julian: Wir arbeiten seit Februar am neuen Album, das erscheint am 20. September. Wir haben „Baby“ und „Sie schreit“ veröffentlicht – und wir haben die Sounds in Südtirol aufgenommen. In einem Wald in einer Hütte, im Schnee,wo wir uns das Credo gesetzt haben, dass wir uns überhaupt keine Limits setzen. Alles geht. Und genauso klingt das neue Anger.

subtext.at: Stichwort „so klingt das neue Anger“ – wenn man euch in Google sucht, findet man die Bezeichnung „hedostischer Pop for Lovers“. Was ist für euch der Hedonismus daran?
Julian: Schau uns an (lacht)! Wir haben Flammenshirts an – das reicht doch, oder (lacht)? Im Ernst: wenn du so einen Weg einschlägst, wie wir es tun, dann musst du hedonistisch sein in deinem Schaffen. Sonst funktioniert das nicht.
Nora: Genau. Ich glaube, dass wir beim Albenschreiben uns da kein Limit gesetzt haben – das ist an sich schon eine hedonistische Einstellung.

subtext.at: Bleiben wir kurz beim Hedonismus – heißt das im Umkehrschluss für euch, dass Anger ohne diesen nicht funktionieren würde?
Julian: Kunst geht allgemein für mich nicht, ohne eine gewisse hedonistische Einstellung. Ich weiß es nicht, wie es andere machen – wir machen es so, und es muss für uns funktionieren.

subtext.at: Das erste Mal live sah ich euch im Rahmen der Nightline des Ahoi! The Full Hit Of Summer im Vorjahr, im Rahmen der Aftershow gemeinsam mit Young Fathers im Linzer Brucknerhaus. Eine Location, die normalerweise eher dem klassikaffinen Publikum zuzuschreiben ist – habt ihr euch dort dann unwohl gefühlt?
Nora: Nein, ganz im Gegenteil.
Julian: Als wir dort hin kamen, hat auch der Lichttechniker bereits Anger auf die Rückseite der Stage projiziert – das hat uns natürlich ebenfalls extrem gefreut.
Nora: Und die Location an sich war super, mit Blick auf die Donau.

subtext.at: Die ungewöhnlichste Location, wo ihr je performt habt?
Julian: (überlegt) Wir haben auch schon in Brixen in einem Theater gespielt. Bestuhltes Setting – das heißt per se Dekadenz. Passt nicht unbedingt gleich zu der Musik, die wir machen.
Nora: Wir haben auch schon in einem Gefängnis gespielt – auch was Besonderes.
Julian: In dem alten Gefängnis in Brixen spielen wir öfters – das ist als Location schon geil, so rund um die Zellen rundherum.

subtext.at: Du hast gerade Brixen angesprochen – ihr kommt ja ursprünglich nicht aus Österreich, sondern aus Südtirol. Mittlerweile seid ihr in Wien beheimatet, in einer heimischen Szene, die gerade im Aufsteigen begriffen ist. Würdet ihr euch auch als Vertreter dieser Szene sehen, auch wenn ihr ursprünglich nicht aus diesem Land kommt?
Nora: Ja, ich glaube schon. In meiner „Blase“ empfinde ich die Szene nicht als exklusiv, sondern schon inkludierend. Ich sehe mich schon als Teil der österreichischen Musikszene mittlerweile, und ich habe mich auch nie ausgegrenzt gefühlt. Wir werden auch gleich unterstützt wie alle anderen Bands. Woher wir ursprünglich stammen ist dabei meiner Meinung nach nebensächlich.

subtext.at: Du hast die „Blase“ gerade angesprochen – wie schwierig seht ihr es für euch, auch mal aus dieser auszubrechen, und vielleicht gerade auch Publikum außerhalb dieser Blase anzusprechen?
Nora: Ich glaube, wenn wir die Möglichkeit auf Sichtbarkeit kriegen, dann können wir auch viele neue Menschen erreichen. Wir hoffen, da die richtigen Schritte dazu zu machen. Uns gibt es ja auch erst seit 2017, es gibt eine EP und im Herbst dann das Album. Die Sichtbarkeit nach Außen hin soll da natürlich größer werden.

subtext.at: Das Album erscheint Ende September – ihr seid da aber trotzdem wohl eure schärfsten Kritiker. Gibt es etwas am Album, wo ihr bereits jetzt sagt, dass ihr das gerne anders gemacht hättet?
Julian: Nein – wir waren etwa heute im Hotel, und haben extra Monitore mitgenommen, damit wir weiter daran arbeiten können. Weil wir uns noch immer über jeden Moment extrem freuen, wo wir am Album arbeiten können. Es ist seit Februar extreme Lust von allen Seiten da, das geil zu machen. Wir waren bislang noch nie so happy mit dem Output.
Nora: Wir kennen uns zwar schon lange und machen ja auch schon lange Musik, aber zu zweit haben wir ja auch erst vor ungefähr zwei Jahren begonnen. Der Jakob (Drummer, unter anderem bekannt von FLUT, Anm. d. Red) ist dazugekommen, da haben wir uns auch erst finden müssen.

subtext.at: Die ersten eineinhalb Jahre von Anger waren als von diesem Findungsprozess geprägt?
Nora: Genau, ja.

subtext.at: Provokant gefragt: also auch eine gewisse Probezeit, damit ihr ein Album veröffentlichen könnt, mit dem ihr zu 100% happy seid?
Julian: Provokant formuliert oder nicht – aber als Band oder ganz generell als Konstellation von Menschen muss man gewisse Schritte setzen, um irgendwo hin zu kommen. Wir hatten die Anfangsphase, dann haben wir mal Songs rausgehauen, und waren natürlich auch happy damit. Wir haben aber jetzt eine Vision von Anger, die noch verschärft ist. Eben gemeinsam mit Jakob – ein gemeinsames Bild davon, was wir machen möchten. Die Zeit hat es hundertprozentig gebraucht – wir wollten das Album ja auch schon im Sommer bringen, haben uns aber dann entschieden, das im September zu veröffentlichen. Das war die beste Entscheidung.

subtext.at: Also gab es keinen Tag X, wo das Album fertig sein musste?
Julian: Wir haben uns halt die Zeit genommen. Wir haben Menschen suchen müssen, die mit uns das Album machen, das geht ja nicht so einfach. Im Februar sind wir mit Jakob auf die anfangs erwähnte Hütte gefahren, und haben gemerkt, dass nach 10 Tage Songs da waren, die super waren. Also der Zeitpunkt, wo wir dann wirklich ein Album machen konnten. Wir sind komplett getrieben gerade – und würden gerne schon das nächste Album angehen. Einfach weil wir gerade sehr, sehr gerne Output machen und an der Band arbeiten.

subtext.at: Bleiben wir gleich beim Album, und gehen ein bisschen ins Inhaltliche. Ich habe mir vorhin die Live-Show angesehen, und natürlich geht es auch bei euch um das Thema Beziehung und alles, was dazugehört. Würdet ihr sagen, dass Anger ohne diese emotionale Ebene auch funktionieren könnte, oder ist das quasi eine Voraussetzung?
Nora: Ich glaube schon, dass die Emotion das ist, was die Menschen antreibt. Und was auch Kunst antreibt – das war für uns ein ganz starkes Thema. Das ist auch das, was wir erzählen möchten.
Julian: Wenn du ein Album schreibst, stellst du dir natürlich gleich mal die Frage, wo es inhaltlich hin gehen soll. Dann sind wir draufgekommen, dass wir rund um dieses Thema genug zu erzählen haben. Für uns selber war das dann genügend Material.
Nora: Man muss aber auch dazu sagen, dass nicht nur Emotionen die Hauptrolle spielen. Es gibt auch politische Einflüsse, gesellschaftspolitische Zitate, feministische Botschaften und dergleichen. Es geht schon auch stark um das Genderfluide, um Binäres, die Mann-Frau-Rollen, die wir auch hinterfragen und aufzureißen versuchen.
Julian: Das möchte ich auch unterstreichen – das sind eben Themen, die wir nicht aktiv gesucht haben, sondern die schon da waren.

subtext.at: Nicht nur auf euch bezogen – glaubt ihr, dass Musik im Generellen politischer sein muss, um sich mehr Gehör verschaffen zu können? Gerade auch in dem Bereich, wo ihr beheimatet seid?
Nora: Ich glaube schon. Es ist schon wieder an der Zeit, ganz klare Statements abzugeben. Viele Bands machen das jetzt auch wieder. Wenn man Reichweite hat, egal wie groß die ist, dann bin ich immer froh, wenn auch Musiker ihre politische Meinung vertreten. Das ist mir schon wichtig.
Julian: Ja, voll. Wir hatten seit langem wieder mal Lust, politisch zu sein. Im letzten Jahr war es schon schwierig ganz generell, gerade auch im Hinblick auf Politikverdrossenheit. Jetzt kann man wieder politischer sein – das finde ich gut. Ich habe mich immer als politischen Menschen empfunden, aber es war schon viel, viel schwieriger, als es jetzt ist, Menschen auch für Themen zu sensibilisieren.

subtext.at: Hätte ich das Interview vor fünf Jahren geführt, wäre das wohl in eine ganz andere Richtung gegangen, oder?
Julian: Von uns aus nicht (lacht).

subtext.at: Ist Anger auch ein Produkt dessen, dass man sich wieder mehr „trauen“ kann? War das auch ein Hintergedanke hinter Anger?
Julian: Kann ich mir schon vorstellen – gerade auch im Hinblick darauf, dass man sich heute wieder mehr trauen kann. Wie du schon angesprochen hast, gibt es ein Selbstbewusstsein innerhalb der Musikszene. Ein Selbstbewusstsein, das es dir erlaubt, politisch zu agieren. Vor fünf Jahren war die Musiklandschaft in Österreich weit nicht mit der heutigen vergleichbar – und von diesem Hintergedanken aus gesehen könnte man schon sagen, dass es heute leichter geworden ist.

subtext.at: Zum Album im September wird es natürlich auch eine Tour geben. Die Locations werden sich natürlich an alternativem Publikum orientieren. Wiederum ein bisschen provokant gefragt: läuft man da nicht auch der Gefahr, auch mal der „Szene selbst zu genügen“?
Julian: Die Gefahr besteht schon – aber andererseits gibst du der Szene an sich wieder mehr Selbstbewusstsein, und von da breitet sich das wieder aus.
Nora: Eine schwierige Frage. Als junger, frischer Künstler brauchst du die Szene natürlich, um Fuß zu fassen. Man kann ja nicht gleich ganz oben sein – sondern muss irgendwo starten. Und wenns die Szene nicht gäbe, wärs schwer.

subtext.at: Noch ganz kurz zur persönlichen Ebene. Ihr seid ja nicht nur auf der Bühne zu zweit unterwegs, sondern auch abseits davon. Wie leicht ist es für euch, Musik gemeinsam zu machen. Ist man kritischer, perfektionistischer und auch anspruchsvoller, auch dem jeweils anderen gegenüber?
Nora: Ja. Unsere erste EP hieß ja auch „Liebe & Wut“. Das sagt ja eh schon alles. Es gibt halt keine Barriere zwischen uns – wir reden halt sehr direkt miteinander. So direkt, wie man eben miteinander redet, wenn man schon einige Zeit miteinander unterwegs ist. Wir kritisieren uns vielleicht auch wirklich härter als andere.
Julian: Was aber auch besser ist.
Nora: Stimmt – es ist aber auch etwas, was man lernen muss. Früher haben wir beide auch in Bands gespielt, da waren auch andere dabei. Dann waren wir zu zweit, und haben das für uns auch neu erfinden müssen. Und jetzt mit Jakob ist es wieder etwas anderes geworden. Das ist eine ständige Entwicklung, wie in jeder Beziehung.

subtext.at: Also ist es einfach, das für euch zu trennen?
Julian: Nein, es wird da überhaupt nichts mehr getrennt. Im Moment ist es so, eben weil es eine heiße Phase ist und wir ständig am Album arbeiten. Es wäre sicher nicht schlecht, mal ein paar Tage abzuschalten.
Nora: Wobei es schon schön ist, das alles teilen zu können.

subtext.at: Zum Abschluss: was soll Anger für euch nie werden?
Julian: (überlegt) Für mich soll es nie eine Last werden. Wobei ich davon nicht ausgehe. Die Frage habe ich mir nie gestellt – immer andersrum eigentlich.
Nora: Schwierige Frage. Das erste Wort, das mir eingefallen ist, wäre aber auch „Belastung“. Aber dann denke ich mir auch wieder, dass eine Belastung nicht immer negativ sein muss. Ich wünsche mir halt, dass ich, wenn ich alt bin, auf Anger immer postiv zurückblicken kann.

Mehr Infos:

Fotos: Florian Lichtenberger, Christoph Thorwartl

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eishockeyfan. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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