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TOOL: Aus den Augen, nicht aus dem Sinn

Wie kommt eine Geburt nach dreizehn Jahren Schwangerschaft? Keine Sekunde zu spät. Dieses amerikanische Quartett folgt seit jeher eigenen Regeln und Gesetzen und fügt große Summen zu einem noch größeren Ganzen zusammen. Wer massive Soundschichterein, herrlich groovende Rhythmen und ungewöhnliche CD-Verpackungen (4HD Screen, Mikrolautsprecher, USB-Ladekabel!) liebt, ist hier definitiv noch richtig. Tool bleiben nach einer erschöpfend langen Abstinenz ein Monolith in der härter agierenden, globalen Musiklandschaft und „Fear Inoculum“ bildet einen weiteren Mosaikstein im Schaffen einer faszinierenden Formation.

© Travis Sinn

Sind wirklich schon so viele Jahre seit der letzten Veröffentlichung „10,000 Days“ vergangen? Was so lange währt, schürt zudem hohe Erwartungen. Jetzt ein Album, welches kein Stück mit dem Zeitgeist korrespondiert und trotzdem ein Verkaufsschlager ist – oder gerade deswegen? Zu Beginn ist es kein Leichtes, diese erneut erfolgreiche Platte ins Oeuvre der Prog-Metaller einzusortieren. „Fear Inoculum“ vereint alle Tool-Trademarks und ist doch abermals anders und eigen. Man hat den Eindruck, die Band würde ausgewogener und luftiger agieren (falls das überhaupt irgendeinen Sinn ergibt). Sechs Lieder (ohne drei Interludes und einem Instrumental) über den Unbill der Welt, keines davon unter 10 Minuten. Tool sind einfach so vieles auf einmal. Das gute Gewissen einer Szene, welche kaum mehr Relevanz ausübt, Ausweg aus einer Krise und ein wandelnder Widerspruch zugleich. „Fear Inoculum“ passiert deswegen auf einer Vielzahl unterschiedlicher Ebenen, die beim Versuch, sie zu durchschauen und zu komplettieren, einiges abverlangen.

Eröffnet wird das Album mit dem Titeltrack, einem sich langsam aufbauenden Perkussivmonster. Die Fäuste dürfen anschließend mehr als einmal an die Wände trommeln. Die hochinfektiöse Dynamik von „Invincible“, die „Schism“-Fortsetzung „Pneuma“, die Stahlkraft von „Descending“ oder das ausufernde Schlussepos „7empest“ sorgen dafür, dass die Spannung konstant aufrecht erhalten wird, obwohl die Strukturen der Songs alles andere als geradlinig verlaufen. Verschnaufpausen gibt es, welch Überraschung, dennoch. Und was macht Sänger Maynard James Keenan derweil, über den bislang kein Wort verloren wurde? Taucht auf und ab. Er entschwindet, bleibt im Hintergrund. Gitarrist Adam Jones, Bassist Justin Chancellor und Wahnsinnsdrummer Danny Carey schaffen es, dass man zu keinem Moment (s)eine Stimme vermisst. Wenn Keenan dann ins Rampenlicht tritt, verschmilzt sein unnachahmlicher Gesang mit Gitarre, Bass und Schlagzeug zu einem hypnotischen Sog. Neu ist das nicht unbedingt, effektiv allemal.

© Travis Sinn

Im Kern sind es sechs überlange, ausufernde Massive, die „Fear Inoculum“ auftischt und im Tool-Kontext überraschenderweise nicht so erdrückend daherkommen, wie man es aus der Vergangenheit gewohnt ist. Trotz all der Irrungen und Wendungen verlieren sie nie den Blick aufs Wesentliche, das Ziel. Mit jedem Durchgang wird Neues offenbart. Wie sollte es bei Tool auch anders sein? Man kann nicht genug kriegen vom sich fulminant steigerndem Dynamiken, nicht genug vom virtuosen Drumming, das mitreißt wie ein Sturzbach, von MJKs Stimme, die betört, berührt und befremdlich wirkt, von den hypnotisch groovenden Basslicks und vom Gitarrenspiel auf diesem Album, das, obwohl inzwischen unverkennbar, weiterhin neue Wege des Ausdrucks sucht und findet. Wie es schon immer bei Tool der Fall war, kommt man auch diesen Songs nicht sofort auf die Spuren. Jedes Stück ist exemplarisch für Ideenreichtum. Man kann nicht anders, als tief einzuatmen, wenn die vier Musiker in Obsession versinken. Das geht mitten ins Gehirn und vor allem in die Motorik.

Die Wissenschaft sagt, intelligente Menschen besitzen mit höherer Wahrscheinlichkeit auch eine höhere Geduld. Ob der geneigte TooL-Fan dieser Hypothese zustimmen würde? Eine weitere Frage drängt sich ebenso auf: Darf eine Band nach so langer Zeit ein Werk mit lauter Selbstreferenzen vorlegen? „Fear Inoculum“ ist als Best Of-Auswahl dessen, was sich bei Tool an Songs und Skizzen so alles zusammengestapelt hat und klingt nicht nur einmal wie ein Streifzug durch die eigene Karriere. Nach mehr als einem Jahrzehnt der Stille bleiben Tool dennoch eine Gewichtsklasse für sich, weil die Qualität des Materials, schlicht gesagt, hervorragend ist. Es gab schon länger keine Platte mehr, die derart intensive Mitarbeit und Einhörzeit eingefordert hat. Tool wirken andererseits angekommen. Angekommen in Spannungsbögen, die sich ins Unterbewusstsein fressen, ohne sich jemals über den Haufen gerannt zu fühlen. „Fear Inoculum“ weiß, dass es keinen Klimax braucht, der sich zu schnell abnutzt. Die Zeit, hier als Stilmittel zu verstehen, wird hier zum guten Begleiter und vergeht für über 80 Minuten wie im Flug. Was kann man als Fan jetzt noch tun? Abwarten, was als Nächstes kommt. Kann ja nur ein paar Jahre dauern.

Tracklist:
01. Fear Inoculum
02. Pneuma
03. Invincible
04. Descending
05. Culling Voices
06. Chocolate Chip Trip
07. 7empest

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Fotos: Travis Sinn

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