„Musik kann auch ohne Wörter berühren“: KINGA GLYK über die Liebe zum Bass

Sie hat Talent, sie ist jung und sie liebt ihren Bass über alles: Mit ihrem im November 2019 erschienenen Album „Feelings“ hat sich Jazz-Musikerin Kinga Glyk, die davor schon drei Alben veröffentlicht hat, auch anderen Musikrichtungen geöffnet. Rhythmischer Funk, griffiger Soul und eingängiger Pop haben Einzug gefunden in die Kompositionen der virtuos aufspielenden Polin, die einst mit einem Eric Clapton-Cover auf YouTube auf sich aufmerksam machte.

Verspielt aber auch gefühlvoll geht die 23-Jährige jetzt auf die Öffentlichkeit zu. „Tears In Heaven“ ist Vergangenheit, die Zukunft hört auf unmissverständliche Namen wie „Let’s Play Some Funky Groove“, „Joy Joy“ oder „5 Cookies“. Ein Interview mit Kinga Glyk über Emotionen, Begegnungen und natürlich die Leidenschaft zum Bass.

© Peter Hönnemann

subtext.at: Kinga, dein aktuelles Album hört auf den Namen „Feelings“. Es gibt Emotionen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben und manchmal überkommen uns Gefühle, die sich nur schwer einordnen lassen. Kannst du dich an das seltsamste, verrückteste Gefühl erinnern, was dich übermannt hat?
Kinga Glyk: Es gibt so viele verschiedene Gefühle im Leben und manchmal ist es wirklich schwer, diese Gefühle mit Worten zu beschreiben. Das verrückteste Gefühl… Normalerweise überkommen mich verrückte Gefühle, wenn ich unterwegs bin, im Schlaf, wenn ich träume. Oft bin ich ziemlich verwirrt beim Aufwachen, weil ich jeden Tag woanders bin und einschlafe.

subtext.at. Gibt es etwas, eine Emotion, welche du am eigenen Leib erfahren hast, aber nur schwer rational beschreiben kannst?
Kinga Glyk: Wahrscheinlich ja, aber da müsste ich jetzt für eine passende Antwort viel zu lange darüber nachdenken.

subtext.at: Manchmal können wir unsere Gefühle sehr leicht artikulieren – ob wir wütend sind, traurig, gestresst oder glücklich. Dann gibt es wieder Augenblicke, wo wir nach den richtigen Worten suchen. Warst du jemals in solch einer Situation, in der es dir schwer gefallen ist, die richtigen Worte für deinen Gemütszustand zu finden?
Kinga Glyk: Klar, das kommt sehr oft vor. Manchmal ist es schier unmöglich, genau zu erklären, was man fühlt. Manchmal sind Worte einfach nicht genug. Wenn man beispielsweise jemanden liebt, dann reichen Worte nicht aus. Man muss dieser Liebe auch mit seinen Taten gerecht werden. Gut ist, dass wir alle dasselbe durchmachen, was es insgesamt leichter macht, uns gegenseitig zu verstehen. Wenn man liebt, dann weiß man, was das für einen bedeutet. Wenn jemand kein Familienmitglied verloren oder keine Gewalt in der Familie erlebt hat, dann weiß er oder sie nicht, welche Gefühle damit einhergehen. Man kann versuchen, sich in die Situation hineinzuversetzen, aber etwas selbst Erlebtes ist dennoch eine Stufe höher.

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subtext.at: Hast du jemals eine seltsame Verbindung zu einem Fremden gespürt, welche dich ratlos und verwirrt zurückgelassen hat?
Kinga Glyk: Wenn ich diese Frage ernsthaft beantworten soll, dann lautet die Antwort: Nein. In lustigen, heiteren Momenten kann das durchaus passieren. Es kommt wohl auf die Persönlichkeit an. Mit manchen Leuten ist es leicht, in Kontakt zu treten. Es gab Situationen in meinem Leben, in denen ich mit einer Person gesprochen habe, die ich vorher nicht gekannt habe, und es gab unmittelbar einen guten Draht zwischen uns. Wir haben uns unmittelbar verstanden. Dieses Gefühl mag ich sehr.

subtext.at: Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – kennst du solche Gefühlsachterbahnen?
Kinga Glyk: So ergeht es mir oft, ja. Ich kenne das.

subtext.at: Was ist dann das größte Gefühl für dich auf Erden?
Kinga Glyk: Auf das Musikbusiness bezogen, ist es das größte Gefühl, vor Leuten zu spielen, die deine Songs mitsingen. Ganz genau werde ich dieses Gefühl wohl nicht heraufbeschwören können, da ich keine Sängerin bin, aber es muss großartig sein! Das größte Gefühl ist es, jemanden an seiner Seite zu haben, für den man lebt. Die Familie ist ein Geschenk und so kostbar, was wir oft vergessen. Ich könnte hier noch ewig weitermachen…

subtext.at: Ist Musik für dich ein probates Mittel, um deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen?
Kinga Glyk: Durch die Musik habe ich so vieles gelernt, da habe ich erst neulich darüber nachgedacht. Musik zwingt mich, konsequent und konstant am Ball zu bleiben. Sie hilft mir, kreativ zu sein, mich zu entwickeln, nicht aufzugeben und selbstbewusster zu werden, im positiven Sinne. An mich zu glauben. Musik gibt mir ein Gefühl von Erfüllung. Musik hilft einem dabei, seinen Ärger, seiner Frustration und Zweifel loszuwerden, allein, wenn ich mit meinem Bass quasi verschmelze (lacht).


subtext.at: Manchmal sind die richtigen Wörter, wie schon gesagt, schwer zu finden. Ist Musik, allgemein gesehen, überhaupt ein gutes Mittel, um Gefühle loszuwerden?

Kinga Glyk: Ja! Es ist das beste Mittel, weil es nicht an der Sprache scheitert. Musik ist eine Sprache, die jeder weltweit versteht. Da spielt es keine Rolle, ob wir uns in Frankreich, Italien, Indonesien, Österreich oder Portugal befinden. Musik verbindet.

subtext.at: Sich mit Wörtern zu artikulieren hilft einem auch dabei, eine Verbindung zu anderen aufzubauen. Ohne den Gebrauch von Wörtern, ohne Gesang, ist es gleichwohl schwerer. Würdest du aus künstlerischer Sicht zustimmen?
Kinga Glyk: Manchmal sagt ein Verhalten mehr aus als es Wörter tun können. Klar, miteinander zu reden ist super wichtig, hilfreich und nützlich. Es gibt aber auch Menschen, die stumm sind, die finden dann andere Wege, um ihre Gefühle und Emotionen auszudrücken. Verbal zu kommunizieren scheint manchmal schneller zu gehen und wir denken, es ist leichter, dabei sind Wörter nicht die einzige Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren. Wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen, Bedürfnisse und ich bin zwar dankbar für die Sprache, um mich ausdrücken zu können, aber da gibt es noch mehr. Musik ohne Wörter, ohne Gesang, transportiert auch enorm viel. Wir müssen nur unser Herz öffnen, unsere Ohren und dann einfach zuhören. Musik kann auch ohne Wörter berühren. Wir, mich eingeschlossen, erzählen eine Geschichte mit unseren Instrumenten, die ohne Text auskommt.

subtext.at: Versucht du, mehr Gefühl in dein versiertes Bassspiel einzubringen?
Kinga Glyk: Ich versuche, Gefühl mit Versiertheit zu kombinieren. Es ist nicht immer leicht, aber sehr wichtig. Manchmal ist es aber auch so, dass man von seinem Gefühl überrannt wird, da ist es nicht verkehrt, mal innezuhalten und nachzudenken. Ich versuche, mir das Wissen anzueignen, wie und wann sich Gefühle durch Musik am besten transportieren lassen.

subtext.at: Mir ist aufgefallen, dass du keine Plektren auf der Bühne benutzt, wenn du Bass spielst.
Kinga Glyk: Das stimmt! Für mich kommt es dem am nächsten, wie ich mir das Bassspielen vorstelle. Ich möchte auch die Slap-Technik mehr benutzen, da hab ich aber noch einiges vor mir, weil es perfekt klingen soll. (überlegt) Es braucht viele Stunden und viel Übung, um es klar und dennoch funky klingen zu lassen. In meiner Jugend dachte ich mir, es gibt die großen Helden und ich brauche mich gar nicht zu bemühen, ihnen nahe zu kommen. Jetzt möchte ich es probieren und Spaß haben. Ich will niemanden nachahmen und mich mit niemandem vergleichen, aber ich möchte mich trotzdem steigern und immer besser werden. Das ist mein Ziel.

subtext.at: Welche Rolle nimmt der Bass als Instrument in der aktuellen Musikszene ein?
Kinga Glyk: Manchmal habe ich Befürchtungen, dass es bald keine Bassspieler mehr geben wird, die auf der Bühne stehen. Viele Künstler benutzen heutzutage ja Synthesizer, um die Bassparts einzuspielen. Das ist natürlich auch toll, aber ist es nicht viel toller, Bassisten live auf der Bühne zu erleben? Wir geben den Rhythmus vor und dabei machen wir häufig lustige Gesichter (lacht). Ich mache Witze. Natürlich ist die Rolle des Bassisten innerhalb einer Band sehr wichtig. Zusammen mit dem Schlagzeuger sind wir das pochende Herz. Bass und Schlagzeug müssen zusammen funktionieren, denn sie bilden eine Einheit. Ich mag den Bass, weil er so vielseitig einsetzbar ist. Wir können solo spielen, was schwer ist aber möglich, wir können Harmonien spielen, Melodien, viele Noten oder wenige. Wir können den Bass soft oder hart klingen lassen. Für mich bedient der Bass ein so weites, vielschichtiges und buntes Feld, was ihn einzigartig macht. Musik ohne Bass wirkt auf mich unfertig. Es gibt viele Funk-Songs, die nur deswegen so gut sind, weil das Bassspiel so toll ist. Man sollte den Bass als Instrument weiterhin so wertschätzen wie früher. Der Bass bekommt oft eine Nebenrolle, kann aber auch die Hauptrolle spielen. Wir, die Bass spielen, sollten uns darüber im Klaren sein, dass es unsere Rolle ist, das Fundament zu bilden, es zusammenzuhalten. Gleichzeitig können wir dafür sorgen, dass wir uns verbessern und durch unser Spiel einen Song aufwerten.

subtext.at: Ist der Bass dazu da, die einzelnen Elemente musikalisch miteinander zu verbinden?
Kinga Glyk: In den meisten Songs, ja. Der Bass vermittelt eine Harmonie für die Gitarre, um damit arbeiten zu können, und für das Schlagzeug, damit es andocken kann.

subtext.at: Gab es Überlegungen, mit Traditionen beim Bassspielen zu brechen und bei deinem aktuellen Album in eher für dich unbekanntere Gefilde zu gehen?
Kinga Glyk: Ich stimme dem zu, dass der Bass dazu da ist, die einzelnen Komponenten miteinander zu verbinden. Manchmal ist es dennoch gut, mit bekannten Mustern zu brechen. Ich liebe es, zu improvisieren. Es ist gut, Dinge auszuprobieren, weil das Ergebnis am Ende überraschen kann. Vom Funk war ich immer schon angetan, aber als ich mit der Musik angefangen habe, innerhalb meiner Familie, da stand traditioneller Jazz auf dem Plan. Drei Alben habe ich in diesem Metier aufgenommen, doch nach und nach, Schritt für Schritt, gehe ich weiter meinen Weg. Ich bin weiterhin am ausprobieren (lacht). Bei meinem aktuellen vierten Album „Feelings“, welches ich zusammen mit meinem Produzenten Paweł Tomaszewski realisiert habe, konnte ich nun all meine Ideen zusammenbringen, deswegen ist es auch moderner und funkiger ausgefallen – mit 90er Vibe.

© Peter Hönnemann

subtext.at: Wie erlebst du die Liveshows? Was bedeuten sie dir?
Kinga Glyk:
Die sind immer anders. Die Konzerte erlauben es mir, wundervolle Augenblicke zu erleben. Es gibt viele Faktoren, die ein Konzert beeinflussen können. Die Atmosphäre, die das Publikum bildet, hat einen großen Einfluss auf den Abend, auf die Musik. Während der Show spüre ich, welche Haltung das Publikum hat. Ich bin zwar von den Leuten getrennt, bin auch höher, weil ich auf der Bühne stehe, aber ich spüre die Energie unweigerlich. Konzerte sind einzigartig und immer anders.

subtext.at: Hast du einen Tipp parat für jemanden, der sich vom Bass ebenso sehr begeistert zeigt wie du?
Kinga Glyk: Fühle den Beat! Sei präzise. Hör dem Schlagzeuger zu, konzentriere dich auf sein Spiel. Pick dir die besten Noten heraus, nimm nicht alle. Sei so gut du kannst, aber versuche nicht, irgendjemandem deine Unfehlbarkeit zu beweisen. Wir sind alle Menschen, wir machen Fehler. Lass uns mit der Musik Spaß haben!

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