David vs. Goliath: AWOLNATION und der ewige Kampf zwischen Gut & Böse

Awolnation sind zurück und verpassen dir erneut eine deftige Melodieklatsche. Zehn Songs, die innerlich brodeln, von Gästen flankiert werden und in reizüberfluteten Zeiten erfreulicherweise den Arsch wieder in der Hose haben. Aaron Bruno lädt zum Kompfnicken oder zum Fäuste-Recken ein, während der ewige Kampf von Gut gegen Böse Zappelphilipp-mäßig ausgetragen wird. Ein Neuanfang, bei dem alles zum Alten retour läuft.

© Better Noise Music

Es gibt Dinge, die gehören unweigerlich zusammen. Bonny und Clyde. Milch und Honig. Topf und Deckel. Bislang war man der Auffassung, dass Awolnation und Red Bull Records auch zu solch einer Art Liaison berufen sind, doch mit vierten Album der Amerikaner hat sich nicht nur labeltechnisch einiges getan. Aaron Bruno und seine Mitstreiter haben für „Angel Miners & Lightning Riders“ eine neue Heimat bei Better Noise Music (Papa Roach, Five Finger Death Punch) gefunden. Werden jetzt kleinere Brötchen gebacken? Mitnichten. In der Filmindustrie würde man von einer Art Reboot sprechen. Der 41-Jährige holt sich mit dem vierten Album seiner Band die Willkühr des Lebens zurück an seine Seite. Dass mit Alex Ebert von der hierzulande eher unbekannten Band Magnetic Zeroes und Weezer’s Rivers Cuomo zwei Gastsänger mit an Bord sind, fällt nicht weiter ins Gewicht. Awolnation reißen sich zusammen.

Man hört dieses Album und im Geiste geht man die Referenzen durch. Eine Band, die sich dabei immens aufdrängt: Awolnation selbst. „Angel Miners & Lightning Riders“ ist die selbstreferenziellste Platte, die sie hätten aufnehmen können. Bruno variiert den Sound von Song zu Song, baut Brücken, entwirft Spannungsbögen, die mal mehr, mal weniger innerlich brodeln. Zuletzt befand sich der Sound im Transit. „Megalithic Symphony“, das Debüt mit dem Dauerbrenner „Sail“, und der noch bessere Nachfolger „Run“, sind hervorragend gealtert. Das letzte Werk, „Here Come The Runts“, konnte damals nicht überzeugen und wirkt im Rückspiegel auch weiterhin farblos wie eine verblichene Sepia-Aufnahme. Es sah es so aus, als könnten sie dem Erfolg, der einst über sie hereinbrach, nichts mehr entgegenstellen.
Bruno jongliert 2020 jedenfalls mit den Polen Gelassenheit und Getriebenheit, mit Hall in der Stimme und wuchtigen Drums, die in manchen Momenten an die Ästhetik der 80er erinnern. Es herrscht ein Gefühl vor, als ob er sich und anderen mit dieser Platte nichts mehr beweisen müsste und die Lockerheit, die mit dem organisch-analogen Vorgänger aufgegriffen wurde, wird mit dem brachialen und Haken schlagenden Endzeit-Sound der Anfangstage kombiniert. Inhaltlich ringen die sogenannten Lightning Riders (Gut) gegen die fiesen Angel Miners (Böse) um die Oberhand. Fiktion als Flucht.

© Better Noise Music

Awolnation haben sich in der Vergangenheit scheinbar von allem beeinflussen lassen, was ihnen in den Sinn und in die Quere kam. An diesen einen Fleckenteppich, wie sie ihn seit jeher produzieren, wagen sich nur die wenigsten heran. Einen Atemzug später, wenn man glaubt, den Aufbau des Songs verstanden zu haben, dreht er sich in eine andere Richtung. Auf einen eindeutigen Stil ließen sie sich nie festlegen – eine ihrer Stärken bis heute. Awolnation wühlen sich durch mehr Genres, als man es einer Band zutraut. Sprunghafte Rhythmen und eine Linie, auf der es zu balancieren geht. Der Sound ist abermals von unzähligen Kollisionen gespickt. Power-Pop-Stampfer, die eine Rückbesinnung auf den Electroclash-Sound der Anfangstage nahe legen. Da wären etwa das ungezügelte „Mayday!!! Fiesta Fever“, das Labyrinth-artige „Slam (Angel Miners)“, der Hallodri-Rocker „I’m A Wreck“ oder „The Best“, ein Opener, den Bruno zu einer treibenden Hymne gegen den Optimierungswahn unserer Zeit gleich an den Anfang stellt. Weshalb es inzwischen eine neue, dem Kanon nichts Neues hinzufügende Version mit Pop-Sängerin Alice Merton gibt, bleibt unbeantwortet.

Zwei Seelen wohnen in der Brust von Aaron Bruno. Mindestens! Nach wie vor hat er zu viel im Kopf herumschwirren, dass er lieber kräftig von sich schüttelt als es für sich zu behalten. Den kreischenden Irrsinn lässt er damit fokussierter von der Leine. „Angel Miners & Lightning Riders“ zeigt eine Band im Wandel, der man die Umstände anhört. Vor zwei Jahren fiel das eigene Studio den kalifornischen Waldbränden zum Opfer. Das Leben als Frontmann einer Band könnte so einfach sein, wenn die Realität einen nicht einholen würde. Die Songs klingen wieder zielstrebiger als zuletzt, wie aus dem Effeff, was begrüßenswert genug ist.

Tracklist:
01. The Best
02. Slam (Angel Miners)
03. Mayday!!! Fiesta Fever feat. Alex Ebert
04. Lightning Riders
05. California Halo Blue
06. Radical
07. Battered, Black & Blue (Hole In My Heart)
08. Pacific Coast Highway In The Movies feat. Rivers Cuomo
09. Half Italian
10. I’m A Wreck

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Fotos: Better Noise Music

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