Saudade Syndrom: CRISTINA BRANCO im Dialekt mit ihrem Alter Ego

Dezidiert portugiesisch und trotzdem universell: Cristina Branco fasst Alltagsthemen besonnen und authentisch mit Alter Ego-Blick an, um neue Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Musik, die ganz klar für sich steht und den Zeitgeist definitiv nicht bedient. Ein Geheimtipp.

Jeder Mensch hat Facetten, die mal mehr, mal weniger ans Tageslicht treten. Das Leben steckt zudem voller Entscheidungen, die uns Menschen oft zu zerreißen drohen. Bereits im Jahr 2006 kam Cristina Branco die Idee, diesen anderen, starken Charakter ihrer selbst ins Leben zu rufen. Nun ist es endlich an der Zeit, „Eva“ ihren gebürtigen Platz einzuräumen. Die 48-jährige Sängerin aus Almeirim, die in ihrer Heimat eine feste Größe ist, fasst dabei weltumspannende Themen mit weltmusikalischen Samthandschuhen an. Branco präsentiert dabei eine Haltung, die mit dem idealisierten, aber auch vermaledeiten Selbstbild des Durchschnittsfado wenig zu tun hat. Hier treffen jazzige Strukturen auf eine zeitgenössische Singer/Songwriter-Ästhetik, die sich auch vor gewissen Pop-Momenten nicht scheut. Diese „Eva“, diese idealisierte Persönlichkeit, die verletzlich wie kraftvoll vom Cover blickt, traut sich nun, die Dinge klar beim Namen zu nennen. Über das Gefühl des Ankommens, ganz egal, wo man sich befindet, wo man zuhause ist. Übers Weitermachen in Situationen, in denen man nicht wirklich weiterweiß und das Leben im Zeitraffer an einen vorbeizieht. Zweifel in Liebesdingen werden angesprochen, Wunden geleckt und Sünden vergeben.

Mit Traditionen zu brechen ist etwas, was bei einigen Unbehagen, bei anderen Wohlwollen auslöst. Hier hat es die Kreativität beflügelt. Das als Triptychon geplante Werk, welches mit „Menina“ den Anfang nahm, mit dem Album „Branco“ fortgeführt wurde und jetzt mit „Eva“ abgeschlossen wird, ist nun vollendet. Es sind Geschichten über Freiheitsliebe, übers Loslassen, über den Blick, wenn das innere Auge nach außen gekehrt wird, die bei diesem Prozess der Bewältigung im kreativen Zusammenspiel aller Musiker entstanden sind. Mit jedem Durchlauf gewinnen die Kompositionen aus portugiesischer Gitarre, Kontrabass und Piano an Persönlichkeit und Prägnanz wie etwa „Prova de esforco“. Wunderschöne Landschaften, Meeresrauschen, die milde Nachmittagssonne – Assoziationen, die diese Platte, trotz all der vorhandenen Melancholie, zu bedienen scheint. Kein Wunder, denn in Portugal scheint trotz aller Wolken, die unser Gemüt manchmal verhängen, die Sonne öfter als in Österreich.

© Joana Linda

Tracklist:
01. Delicadeza
02. Prova de esforco
03. Quando eu quiser
04. Mau feitio
05. Contas de multiplicar
06. Conta-me dos vivos
07. Maria
08. A doutora
09. Inferno do ceu
10. Leva

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Fotos: © Joana Linda // o-tone music

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