Crossing Europe Kritik: „Le bateau on carton“

Crossing Europe Kritik: „Le bateau on carton“

Ein Boot aus Papier…
…wird nicht schwimmen. Im Film „Le bateau on carton“ bildet diese an sich banale Erkenntnis den schrecklichen, geschichtlichen Hintergrund, vor dem zahlreiche Roma aus Rumänien flüchten. Die Roma-Gruppe, die der portugiesisch-französische Filmemacher José Vieira zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet, weiß um die Geschichte mit dem „Papierboot“.

Aber nicht nur Todesangst, auch Arbeitslosigkeit und Armut treiben Roma-Familien in die Flucht. Diese endet meist in Westeuropa, beispielsweise in Frankreich. Dort hoffen sie auf ein besseres Leben, zumindest können sie dort Geld erbetteln, um für ihre Familien zu sorgen. Der Film zeigt in einfachen Bildern, wie der Alltag in einem Roma-Lager nahe Paris abläuft, wie die Leute dort hausen und warum sie kaum eine andere Wahl haben. Männer, Frauen, Kinder, Alte und Junge leben auf engstem Raum, helfen sich, freunden sich an und sind sogar einigermaßen zufrieden. So lange, bis ein Bulldozer kommt und das Lager dem Erboden gleich macht.

Mit 300 Euro in der Hand werden die Roma „nach Hause“ geschickt – in diesem Fall nach Rumänien. Dort bleiben sie so lange, bis sie die Armut wieder forttreibt. Die Kinder, entwurzelt und nirgends zu Hause, können keine Schule besuchen, nicht lesen, nicht schreiben. Ein Kreis, der sich nie zu schließen scheint. Vieira stellt diesen Kreis anschaulich dar, als Zuseher fühlt man sich plötzlich mitten in die Gruppe versetzt. Die nahe Autobahn und der ständig präsente Geräuschpegel derselben bilden eine fremdartig wirkende Kulisse, vor der die Protagonisten agieren. Holz holen, Hütten winterfest machen, Essen kochen, aber auch Musizieren und miteinander plaudern – zwischendurch kommen Erinnerungen an eigene Zeltlager während der Schulzeit auf. Vieira sorgt dafür, dass diese Erinnerungen nicht Überhand nehmen und läßt die Protagonisen unkommentiert zu Wort kommen. Ein kleiner Junge erzählt völlig abgeklärt über die Zerstörung des Lagers und die Abschiebung, ein erwachsener Mann hingegen reißt sich aus Verzweiflung selbst die Haare aus. Sehr wohl inszeniert wirken hingegen die „Familienportraits“ vor den Baracken, die Vieira wohl als Nachdenkpausen und als dramaturgische Elemente einsetzen möchte.

Ein Film, der vor allem vom Perspektivenwechsel profitiert und den sich dringendst Frankreichs, aber auch Österreichs verantwortliche Politikerinnen und Politiker anschauen sollten.

Michael Gams ist Chefredakteur der Frozine, dem wochentäglichen Magazin von Radio FRO.

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