In Extremo: „Wir sind eine lebensbejahende Band“

Während sie manche innig lieben, wenden sich andere nur kopfschüttelnd ab: Seit 1995 zelebrieren In Extremo den Mittelalter-Rock – nicht ohne von der Kritik zerrissen worden zu sein. Mit dem letzten Album schafften sie es auf den ersten Platz der Albumcharts, und auch das heuer veröffentlichte „Sternenreisen“, ihr zehntes Studiowerk, ist erneut auf die Spitzenposition gelandet.

Michael „Micha“ Rhein (aka Das Letzte Einhorn) fackelt im subtext.at-Interview nicht lange herum und liefert die Antworten so schnell es geht. Der Sänger nimmt sich kein Blatt vor dem Mund, wirkt dabei aber ehrlich und reflektiert. Gelacht wird auch mehr als einmal.

subtext.at: Ich möchte das Interview mit einer Annahme beginnen.

Micha Rhein: Mit einer Annahme (schaut verdutzt)?

subtext.at: In Extremo quälen sich nicht oft mit Selbstzweifeln herum.
Micha: Mit Sicherheit nicht (lächelt).

subtext.at: In der Vergangenheit wart ihr öfters einer Medienschelte ausgesetzt. Ihr habt aber trotzdem weitergemacht. Wie siehst du das rückblickend?
Micha:
Lass die Toten ruhen (lächelt). Was willst du dich groß darüber aufregen? Es wird immer wieder Leute geben, die sagen werden: „Was ist denn das für eine Bande?“ Der Erfolg gibt einem aber Recht, weißt du? So viele Menschen können eigentlich nicht doof sein. Hört sich jetzt arrogant an, ist aber wirklich so. Was innerhalb der Medienlandschaft abgeht, weißt du bestimmt auch. Wenn sie etwas finden, dann hacken sie darauf ein.

subtext.at: Kann man als Band auch daran zerbrechen?
Micha: Na ja, so viel Schelte haben wir nun auch nicht eingesteckt (grinst).

subtext.at: Kommt es auch darauf an, wie man auf persönlicher Ebene tickt?
Micha: Natürlich. Wir sind schon sieben starke Charakterköpfe, die auch ein sehr dickes Fell haben.

subtext.at: Ruht ihr heute stärker in euch als noch vor ein paar Jahren?
Micha: Mit ganz großer Sicherheit, ja. Wir kennen uns noch besser, sind noch enger zusammengeschweißt, wissen was wir wollen und was wir erreicht haben. Dadurch sind wir auch nicht mehr so angreifbar.

subtext.at: Sind In Extremo ein gutes Stück bei sich selber angekommen?
Micha: Jeden Tag mehr und das schon seit fünfzehn Jahren. Wie in einer alten Beziehung (lacht). Wo auch mal die Fetzen fliegen, aber im positiven Sinne. So etwas kann auch befruchten.

subtext.at: Wie haltet ihr die alte Beziehung frisch?
Micha:
(lächelt) Das ergibt sich einfach. Wir können uns alles sagen und uns gegenseitig zuhören. Wir verreisen öfters mal und frischen uns da neu auf.

subtext.at: Ihr verreist als Gruppe?
Micha: Nee, Quatsch (lacht)! Wir sind ja sowieso nur unterwegs.

subtext.at: Vielleicht macht ihr ja eine Art „Band-Urlaub“ – zusammen in die Ferien.
Micha:
(lacht herzlich) Nee nee, ganz bestimmt nicht.

subtext.at: Was denkst du über Phänomene wie Unheilig, die plötzlich so erfolgreich werden?
Micha: Da war jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein guter Song, muss man auch sagen, der viele Leute anspricht. Manche tun es als schlagertös ab, aber das sehe ich nicht so. (überlegt kurz) Der Graf hat schon immer so etwas gemacht, Popmusik. Ich kenne ihn schon seit zehn Jahren, da hat er noch vor dreißig bis fünfzig Leuten gespielt, und er ist genau der Typ wie vor zehn Jahren geblieben.

subtext.at: Mit eurem letzten Album „Sängerkrieg“ seid ihr in Deutschland direkt auf den ersten Platz eingestiegen. Habt ihr mitbekommen, wie sich Leute von euch abwenden?
Micha:
Das hast du immer. Dazu sage ich ganz gerne immer einen Text: Es gibt Fans, die dich dein Leben lang für ihr Wohnzimmer gemietet haben. Und wenn du auf den Balkon gehst, bist du schon ein Verräter. Man muss auch mal frische Luft schnappen, man entwickelt sich weiter. Das können wir so stehen lassen.

subtext.at: Kann man sich heutzutage mehr erlauben oder mehr in Richtung Erfolg verbiegen?
Micha:
Man muss. Ich meine Stillstand bedeutet tot (lacht). Man hat natürlich eine Verantwortung, aber man kann auch Türen einreißen – was uns betrifft im positiven Sinn. Ich persönlich würde mich freuen, wenn ich meine Lieblingsband im Radio höre oder im Fernsehen sehe. Ich würde nicht hinter dem Rücken wichsen und sagen „Ihr habt uns jetzt verraten“. Wie bescheuert ist das denn? Das ist ein deutschösterreichisches Phänomen. In keinem anderen Land der Welt gibt es das. Was genau dahinter steckt, weiß ich nicht, aber ich finde es einfach nur bescheuert und intolerant.

subtext.at: Können Geld und Ruhm schnell satt machen?Micha: Wenn man nicht erdig genug ist, kann es durchaus passieren. Wenn uns das mit 20 passiert wäre, hätte alles schief gehen können. Wir sind auch ganz normale Menschen wie jeder andere auch. Der ein macht dieses besser, der andere jenes. Ich persönlich habe mehr Respekt vor einem Altenpfleger, der im Altersheim einen Arsch abwischt, als vor einem, der Musik macht. Wir haben das Glück gehabt mit sämtlichen Größen unterwegs sein zu dürfen. Mit den Red Hot Chilli Peppers in Mexico beispielsweise, oder mit Korn. Die kochen aber alle nur mit Wasser und können auch nicht mehr Griffe spielen. Außerdem gibt es auch sehr viele Arschlöcher da draußen – nicht bei diesen Bands, sondern allgemein. Die denken, sie sind wer, nur weil sie da ein Liedchen ins Mikrofon trällern. (pausiert) Albern, einfach albern. Wir sind einfach nur dankbar, dass es so viele Leute gibt, die uns mögen. Da kann man nur danke sagen. Musik macht man doch, um sie in der Welt kundzutun. Bei einem Journalisten ist es bestimmt nicht anders, der will ja auch, dass seine Texte gelesen werden. Wenn das nicht so wäre, würde er sich selber belügen (pausiert und lächelt dann).

subtext.at: Lebt ihr mit eurem Stil in einer Nische, die jetzt immer mehr aufbricht?
Micha: Das kann ich selber nicht beantworten, aber wenn das so ist, dann könnten manche Leute mal danke dafür sagen (lacht los).

subtext.at: Ihr habt bestimmt den Wunsch gehabt, euch von anderen abzugrenzen – meine zweite Annahme.
Micha: Logisch, aber was heißt den Wunsch? Bei uns ist das einfach so passiert. Wir sind einfach solche Typen. Vielleicht mögliche Vorreiter, keine Ahnung. Wir machen das, was wir denken. Manchmal liegt man auch mal falsch, aber das gehört zum Leben dazu. Wir haben auch noch nie im Leben eine Choreografie gehabt. Wie albern ist das denn? Wir knien uns rein, bei uns hat es etwas mit Herzblut zu tun.

subtext.at: Ich habe noch eine Annahme, meine letzte…
Micha: (lacht)

subtext.at: Um eine Karriere zu haben, muss sich das Publikum über Jahre hinweg mit einem beschäftigen. Bei euch ist das genau der Fall.
Micha: Was soll ich dazu sagen?

subtext.at: Bei manchen Bands wachsen die Fans mit einem mit, bei anderen weniger.
Micha: Bei uns liegt es daran, weil wir so sind, wie wir sind. Die Leute hören sich die Songs und schauen sich die Texte an, können sich damit identifizieren. Das ist des Rätsels Lösung: Wir sind einfach die selben dicken fetten alten Arschlöcher wie vor zehn Jahren (lacht). Im positiven Sinn. Wir sind eine lebensbejahende Band. Bei uns wirst du niemals erleben, dass wir uns einen Eimer Blut ins Gesicht schmieren und dann auf die Bühne gehen und rumgrölen. Das ist nicht unser Ding. Es gibt auch viele Bands, die dieses Zeichen machen (macht Teufelshörner mit der Hand). Mit so etwas sollte man nicht spielen. Wir machen lieber das (macht das Peace-Zeichen).

subtext.at: Kann man sich als lebensbejahende Band in bestimmte Situation hineinversetzen, oder muss man sie erleben?
Micha:
Das hat auch etwas mit dem Charakter zu tun. Wenn du morgens aufwachst und alles scheiße findest, dann musst du dir helfen lassen. Irgendwann mal. Wir leben in Ländern, wo auf sehr hohem Niveau gejammert wird. Das brauchen wir eigentlich nicht. Ob jetzt Hartz IV oder arbeitslos, es wird trotzdem auf hohem Niveau gejammert. Uns geht es allen gut. Das ist einfach eine Aussage, die wir haben. Es gibt aber immer Themen, wo es sich lohnt, darüber nachzudenken. Wie die Todesstrafe zum Beispiel.

subtext.at: Kennt ihr das Gefühl zwischen der Lust am Leben, der Kreativität und einer leichten Verzweiflung?Micha: Natürlich gibt es so etwas. Gibt es in jedem Studioprozess, wo du denkst „scheiße“. Das gehört dazu. Dann sagen deine Freunde und Kumpels „Bist du bescheuert, ist gar nicht so“. Wenn es einem auf engstem Raum einmal schlecht geht, dann lässt man ihn in Ruhe – oder alle hacken noch mit drauf los (lacht). Hat auch etwas mit schwarzem Humor zu tun.

subtext.at: Von Außenstehenden lasst ihr euch also gerne beraten?
Micha: Natürlich, dafür sind doch Freunde da.

subtext.at: Habt ihr immer schon Meinungen von Freunden eingeholt?
Micha: Ja. Jeder spürt mal, dass er einen scheiß Tag hat und das Kartenhaus einstürzt. Was hilft da? Reden. Man muss reden und sich Freunden mitteilen. Manchmal passiert es auch, dass du mit irgendwem redest, denn du vorher noch nie gesehen hast, ihm aber Dinge anvertraust, die du deiner Familie nicht sagen würdest. So etwas gibt es und das ist eigentlich auch schön.

subtext.at: Hört sich entfernt wie eine Art Therapie an.
Micha: Vielleicht auch das.

subtext.at: Studien belegen, dass die Kreativität zwischen 24 und 27 am höchsten ist. Wie ist es bei euch, ist sie besser geworden? Kannst du das widerlegen?
Micha: Nein, kann ich nicht widerlegen, aber wer schreibt denn so einen Schwachsinn?

subtext.at: Forscher und Wissenschaftler nehme ich an.
Micha: Frag mal, wo es das Zeug gibt, was sie rauchen (lacht herzhaft). Ich kann nur sagen, dass In Extremo noch verdammt viele Träume haben. Wie jeder andere Mensch auch.

subtext.at: Welcher Künstler hat dich das letzte Mal so richtig begeistert?
Micha: Oh, ist eine gute Frage. Da gibt es viele, obwohl ich jetzt überhaupt keine Namen nennen kann. (lange Pause) Vielleicht ist es die Schwester im Krankenhaus, weißt du? Habe da neulich einen Bericht gesehen, über Lebenshilfe, über ein Hospiz. Was die da leisten? Unfassbar. Hat jetzt nichts mit Kunst zu tun, aber es ist vielleicht eine Kunst, die Dinge dort zu lassen und abzustellen, wenn man dann nach Hause geht.

Links & Webtips:
inextremo.de
facebook.com/officialinextremo
myspace.com/officialinextremo

Foto: Universal Music

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