MANDO DIAO: „Musik ist unsere Spielwiese“

Ein verdunkeltes Hotelzimmer, geometrisch wirre Formen in Neonfarben auf einem Bildschirm und Mando Diao-Sänger Björn Dixgård in legerer Martial Arts-Bekleidung – es ist nicht die typische Gesprächssituation, die einem hier begegnet. Nach einer längeren Pause kehren Mando Diao mit dem Knallbonbon „Aelita“ zurück. Eine Platte, die schon vorab für Gesprächsstoff sorgt.

„Zu Beginn unserer Karriere haben wir Alben auf die altehrwürdige Art gemacht: Ab ins Studio und live aufnehmen. Mittlerweile hat sich unsere Arbeitsweise geändert“ leitet Dixgård das Gespräch in Wien ein. Weiters führt er aus: „2007 oder 2008 haben wir festgestellt, dass unsere Alben eigentlich schlechte Kopien unserer Demos sind. Unsere Demos fanden wir viel besser und origineller. Weshalb ins Studio gehen und das nachahmen?“

Den Sound von Videogames aus seligen Nintendo, Commodore und Sega-Zeiten wollten sie diesmal nachempfinden. Die Musik und den Stil der 80er haben sie sich für „Aelita“ ausgeborgt. Der Einfluss aus Fernost, insbesondere aus Japan, ist kaum zu verbergen. Es herrscht Redebedarf. Ein Interview über Reue, virtuelle Realität und wie man Biologie mit Technologie gleichsetzt.

subtext.at: Björn, was hat es mit dem Artwork zur neuen Platte „Aelita“ auf sich? Es gehört zu den seltsamsten Dingen, die ich in letzter Zeit in diesem Kontext sehen durfte.
Björn Dixgård: Wirklich (lacht)?

cover

subtext.at: Ja. Ich habe mir auch die Frage gestellt, weshalb manche Leute eine Entscheidung treffen, die ihr späteres Ich eventuell in Zukunft bereuen wird? Ist es euch leicht gefallen, euch für dieses Motiv zu entscheiden?
Björn Dixgård: Ja, es ist uns leicht gefallen. Wir haben festgestellt, dass wir eigentlich recht langweilige Albumcover in der Vergangenheit verwendet haben. Farblos und nicht gerade bunt. Ich bereue aber nichts, weil Kreativität keine Reue zulässt. Wenn ich jemanden im Leben verletzten sollte, ist das etwas, dass ich vielleicht bereuen würde. Ich kann nicht bereuen, dass ich als Kind mit Legos gespielt habe. Natürlich ist es uns ernst mit unserer Musik, denn sie ist wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Musik ist unsere Spielwiese. Sie ist gleichzeitig auch unsere Leidenschaft. In diesem Sinne kann man musikalisch nichts bereuen, finde ich.

subtext.at: Wer ist für das Design verantwortlich?
Björn Dixgård: Ossian Melin, ein schwedischer Künstler, der im digitalen Bereich tätig ist. In Schweden ist er derzeit sehr angesagt. Wir haben etwas von ihm gesehen und wir waren hin und weg. Er kommt aus einer Künstlerfamilie, seine Eltern waren Maler. Wir haben ihn gefragt, ob er nicht unser nächstes Albumcover gestalten möchte und natürlich hat er zugesagt. Das Ergebnis siehst du ja jetzt.

subtext.at: Was hat es mit diesen Projektionen auf dem Bildschirm zu tun, die im gleichen Stil gehalten sind wie das „Aelita“-Cover?
Björn Dixgård: Das Cover spiegelt nur einen kleinen Teil unserer Idee wider, denn als wir am Computer saßen und es uns angesehen haben, konnten wir das Bild zoomen. Es war wie eine Reise in eine sehr, sehr surreale Welt. Zur Zeit arbeiten wir mit einer Firma zusammen, die sich mit dem Thema „Virtual reality“ auskennt. Das hat uns schon immer fasziniert. Wir haben die ersten Sachen letzte Woche gesehen und es war großartig. Es gibt dir die Möglichkeit, in diese extreme psychedelische Welt einzutauchen. Du kannst dich um 360 Grad drehen, nach oben und unten schauen und bist ein Teil von ihr. Das war unsere Intention. Wir selbst haben uns so gefühlt, als wir daran gearbeitet haben. We felt like we were swimming in a lot of stuff. Technologie, Instrumente, es war wirklich wie eine Reise. Das ist alles noch sehr teuer und ist noch nicht am Markt erhältlich, aber wir möchten einige Ausstellungen dazu machen und den Leuten diesen Wahnsinn näherbringen (lächelt).

subtext.at: Einige Leute glauben, dass sie in Zukunft die gleiche Person sein werden wie in der Gegenwart. Ich habe das Gefühl, dass es nicht der Standpunkt von Mando Diao ist. Ihr erlaubt euch zu wachsen, euch zu verändern und weiterzuentwickeln – in welche Richtung auch immer.
Björn Dixgård: Ja, wir mögen das. Wir möchten unsere Federn am Rücken zeigen, egal, ob sie weiß oder bunt sind (lacht). Unsere ersten drei Alben waren in dieser Hinsicht sehr gleich. Ich höre sie mir nicht mehr an, aber es ist das Gefühl, was in mir aufkommt. Danach dachten wir uns, dass wir so viel mehr zu geben haben und noch so viele Ideen besitzen. Wir denken nicht in Schubladen. Warum sollten wir uns demnach auf eine festlegen? Das sind wir nicht. (überlegt) Wir sind sehr vielfältig und aufgeschlossen, was unseren Geschmack angeht. Da haben wir auch Glück. Das schwedische Album „Infruset“, dass wir zuletzt aufgenommen haben, kam nur zustande, weil eine Ausstellung zu dem Dichter Gustaf Fröding anlässlich seines 100. Todestags veranstaltet wurde. Niemand wollte etwas Musikalisches zu seinen Gedichten beisteuern, wurde uns gesagt. Wir haben zugesagt und zuerst nur einen Song dazu beigetragen, doch die Inspiration war letztendlich so groß, dass wir ein ganzes Album aufgenommen haben.

subtext.at: War der „Aelita“-Synthesizer maßgeblich für das Klangbild der Platte verantwortlich?
Björn Dixgård: Mit ihm hat alles angefangen. Wir haben also diesen alten Synthesizer in einem Geschäft gefunden, ihn gekauft, mit nach Hause gebracht und ihn ausprobiert. Es geschah nichts, es kam kein Ton raus. Wir machten uns einen Kaffee und ließen ihn erst mal links liegen – bis er von alleine anfing, Töne zu machen. Er klang wie ein Tier mit eigenen Geräuschen. Wir haben philosophiert und Biologie mit Technologie verglichen. Das hat unsere Kreativität beflügelt. Was das anbelangt, können wir uns glücklich schätzen, denn die Ideen prasseln nur so auf uns herab. Ich nehme an, dass es deswegen so ist, weil wir so aufgeschlossen sind. Ich weiß es nicht genau, aber ich nehme es mal an (lächelt).

subtext.at: Immer mehr Bands schwören den Gitarren ab und kleiden ihre Songs mit elektronischen Hilfsmitteln aus. Liegt es am Zeitalter, dass die Technologie auch in diesem Bereich immer mehr die Oberhand gewinnt?
Björn Dixgård: (zögerlich) Ich weiß es nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass eine Übernahme stattfindet. Es sind einfach neue Werkzeuge. Ein Laptop bietet eine großartige, neue Möglichkeit, um Musik zu machen und eine Platte aufzunehmen. Die Leute bezeichnen Gitarre, Cello, Bass oder ein Schlagzeug als echte Instrumente – ich mache es auch – aber ich halte auch einen Computer für ein echtes Instrument. Es gibt einfach keine Grenzen mehr, was man verwenden kann und was nicht. Es ist so, als würdest du deinen Songs Kostüme anziehen. Du musst nur überlegen, welche es sein sollen. Wenn es ein Jingle aus einem Werbespot aus Hongkong ist, den du verwenden möchtest, dann hat das für mich genau so eine Berechtigung wie eine Gitarrenmelodie. Wie gesagt, ich denke nicht, dass es Überhand nimmt, sondern dass es sich immer weiter entwickelt und weitere Werkzeuge dazukommen, die man in die Musik einfließen lassen kann.

subtext.at: Die Festivalzeit steht erneut vor der Tür. Seid ihr gern ein Teil davon?
Björn Dixgård: Festivals spielen wir total gerne, denn wir mögen den Gedanken einer gemeinsamen Einheit. Von der kreativen Seite ist es natürlich interessanter, eigene Shows zu spielen. Du kannst tun, wonach dir ist und du hast den dunklen Raum einer Halle hinter dir.

subtext.at: Was steht bei Mando Diao, ganz allgemein gefragt, an erster Stelle?
Björn Dixgård: Liebe und Leidenschaft steht für uns an erster Stelle. Hoffentlich erinnern sich die Leute deswegen an uns. Wir müssen nichts Innovatives anstellen oder die größte Band der Welt werden – was nicht heißt, dass wir es uns nicht erhoffen (lacht)!

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