„Happy Planet“: Die Wahrheit macht nicht alle Beteiligten glücklich

„Happy Planet“: Die Wahrheit macht nicht alle Beteiligten glücklich

Thomas Baums Stück über das weltweit agierende Familienunternehmen „Happy Planet“ ist derzeit im Linzer Phönix Theater zu sehen. Auf Macht und Extremsituationen wird ein stärkerer Fokus gelegt als auf authentische Charaktere.

Der Konzern „Happy Planet“ hat sich nach außen hin mit alternativen Energien dem Umweltbewusstsein verschrieben. Intern werden Entscheidungen aber aufgrund von Machtansprüchen und zulasten von Entwicklungsländern getroffen. In die Schlagzeilen gerät das Unternehmen schließlich durch die Studentin Mia Kaminski (Lisa Fuchs), die mitsamt dem Universitätsassistenten Konrad Holzbach (Felix Rank) gewaltsam am Dumpstern gehindert wird und daraufhin unter anderem einen Flash- Mob startet. Während Generaldirektor Moritz Luftensteiner (David Fuchs) auf offizielle Entschuldigungen, Essensgutscheine etc. setzt, versuchen es seine Schwester Laura (Judith Richter) und Wachmann Norbert Riegler (Sven Sorring) mit Drohungen. Zusätzlich wird der Lobbyist Ulrich Eberle (Matthias Hack) in Afrika inhaftiert und gefoltert, seine Befreiung bringt weitere ungeahnte Folgen mit sich…

Thomas Baum (*1958, Theaterstücke wie „Shit happens“, „Hart auf hart“, „Franckstraße 137“, Drehbücher zu „In 3 Tagen bist du tot“, Folgen von „Die Rosenheim Cops“ usw., Hörspiele wie „Bodenlos“) recherchierte im Internet und fand dabei einen Konzern, der ihm als Vorbild für die Firma „Happy planet“ diente. Die Geschehnisse werden überhöht, die Konflikte spitzen sich zu, die darin agierenden Figuren sind grotesk. Baum erläutert den Einsatz des Extremen selbst folgendermaßen: „(…) Ich schicke sie [die Figuren] auf eine möglichst hohe Klippe, um die Fallhöhe und damit die Möglichkeit des Scheiterns oder Siegens zu steigern. Ich treibe die Situation hoch, ich suche nach Extremen, ich lote die Schmergrenze aus und will sie auch immer wieder überschreiten“.

Die Inszenierung von Heidelinde Leutgöb setzt allerdings auf eine Kombination aus Ernsthaftigkeit und Groteske, wobei letztere verstärkt gegen Ende des Stückes zum Einsatz kommt. Das funktioniert vor allem bei der Darstellung karikaturenähnlicher Figuren wie dem Wachmann „Herr Bert“, welcher unhinterfragt Befehlen folgt und von sich selbst in der dritten Person spricht oder dem nach außen stark wirkenden Geschwisterpaar, das keinerlei Skrupel zeigt, andere auszubeuten und zu belügen, aber bei der Thematisierung des Reitens oder beim Nachdenken über aussterbende Tierarten zu weinen beginnt. Weniger überzeugend sind die Schlagfertigkeit von Mia, ihr Überschnappen oder die hyperaktiven Ticks des Generaldirektors. Diese Aspekte haben gar Potenzial, zu nerven. Vieles läuft in diesem Stück etwas verkrampft ab, adäquat ist das hauptsächlich nur bei Konrad.

Wenngleich die Charaktere teilweise oberflächlich und aufgrund der ständigen Ausnahmezustände nicht immer glaubhaft erscheinen, kommen ihr heuchlerisches Verhalten und die stets vorhandenen Machtaspekte bestens zur Geltung: Könnte man Laura Luftensteiner zu Beginn des Stückes mit ihrem Pferdepyjama (Kostüme: Cornelia Kraske) und Aussagen über Entwicklungsländer noch für gutherzig halten, so legt sie im Laufe des Stückes weder Naivität noch Ehrlichkeit dem Bruder gegenüber an den Tag. Sie greift in die Verhandlungen mit den Entwicklungsländern nicht aus Altruismus ein, sondern möchte sich damit ihre Macht zurückholen. Konrad zeigt sich schließlich doch als Egoist, der für die Aussicht auf einen Posten zwar im Gegensatz zu anderen noch nicht über Leichen geht, aber dafür zwischenmenschliche Schwierigkeiten und die (gesundheitliche, …) Gefährdung ihm nicht bekannter Menschen durch die Geheimhaltung von Informationen über den Konzern in Kauf nimmt.

Erfolg oder finanzielle Notwendigkeiten sind den handelnden Personen in „Happy planet“ wichtiger als Werte- unabhängig davon, ob man diese selbst vertritt oder sie schon in der Mehrheit der Gesellschaft wirken.
Zur Darstellung der Vereinnahmung der Bevölkerung werden Werbevideos des Konzerns eingesetzt, Erik Etschel trifft mit der PR-Sprache den Nerv der Zeit. Skype trägt seinen Teil dazu bei. Sven Sorring trifft als Gitarrist und Sänger die richtigen Töne. Der bedrohlich klingende Sound (Johannes Steininger) und das Bühnenbild (Moritz Oliver Benatzky, welcher den Bühnenbildwettbewerb in der Lehrveranstaltung „Stage Design“ an der Linzer Kunstuniversität gewann) untermauern das Geschehen. Eine baustellenartige Skulptur bietet Platz für Fluchtwege und könnte symbolisieren, dass es nie eine Welt geben wird, in der sich nichts mehr verbessern lässt.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass „Happy planet“ durchaus Spannung, kritisches Potenzial und ins Satirische gehenden Humor beinhaltet. Die Wirkung wird aber durch die Charaktere und einen zu breiten Themenmix (Kritik an der Macht von Konzernen/ an reiner Kapitalvermehrung ohne Rücksicht auf Verluste/an Umweltzerstörung/ Rassismus, …) nicht völlig ausgeschöpft.

Die nächsten Vorstellungstermine finden von 14-17.5., jeweils um 20 Uhr, statt.

http://www.theater-phoenix.at/spielplan.php

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geschrieben von

Katharina ist Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen (z.B. frauenpolitischen) und kulturellen (z.B. Film, Theater, Literatur) Themen. Zum Ausgleich schreibt sie in ihrer Freizeit gerne literarische Texte: https://wortfetzereien.wordpress.com/

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