KWABS: Was lange währt

Nachdem er bereits 2014 in diesem Magazin zur stimmlichen Neuentdeckung des Jahres gekürt wurde (hier nachzulesen), ist es nach einer Durststrecke, die sich wie eine halbe Ewigkeit angefühlt hat, endlich soweit: Kwabs veröffentlicht sein mit Spannung erwartetes Debütalbum. Große Erwartungen gilt es zu erfüllen, schließlich demonstrierte der Londoner bereits, dass er die Fähigkeit dazu besitzt, den Spagat zwischen Alt und Neu, Moderne und Tradition zu meistern. Moment, sind so viele Lorbeeren nicht zu viel des Guten für einen Sänger, der gerade am Anfang seiner Karriere steht?

Mehrmals wurde es verschoben, jetzt ist „Love + War“ endlich draußen, die Platte, an der Kwabena Sarkodee Adjepong seit Jahren und Monaten, mit Hilfe von Leuten wie SOHN, Cass Lowe und Dave Okumu, gebastelt und getüftelt hat. Im letzten Jahr war es Banks, die auf ihrem Album „Goddess“ eine ähnliche Klangästhetik an den Tag legte. Heuer liegt es an Kwabs, Wechselseitiges und Gegensätzliches passend miteinander zu verbinden. Hört man den fantastischen Titeltrack, der gleich an erster Stelle steht, sind alle Bedenken und Ängste wie weggefegt: Verflochtene Sounds kreisen um die Gunst des Zuhörers, türmen sich auf, Schicht für Schicht, doch am Schluss ist es die Gesangsleistung des 25-Jährigen, die zusammenhält, was scheinbar nicht zusammengehört. Inspiriert vom kulturellen Lebenstempo der britischen Metropole, ist „Love + War“ auch als kultureller Schmelztiegel anzusehen, der Freud & Leid nebeneinander stellt. Die verzweigten Strukturen lassen an den Bristol-Sound der 90er, an Trip Hop und Massive Attack denken, transportiert ins Hier und Jetzt. Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus sich die zwölf Stücke in verschiedene Richtungen ausstrecken.

Nach den ersten Durchgängen lässt sich sagen, dass die Homogenität des Albums einer stilistischen Bandbreite gewichen ist. Vielfältig geht es zu Werke, was der Gesamtwirkung nicht immer gut tut. Kwabs ist auf „Love + War“ in einem deutlich weiter abgesteckten musikalischen Koordinatensystem unterwegs, als man es von den vorab veröffentlichten EPs „Wrong Or Right“ , „Pray For Love“ und „Walk“ hätte vermuten können. Am Ende hat man fast nur Hits am Stück gehört und dennoch das Gefühl, dass der Fokus auf ein Genre der Platte gut getan hätte. Die besondere, eigensinnige Schwere, die Songs wie „Last Stand“, „Saved“ oder „Brother“ (nachzuhören auf YouTube, Soundcloud und Co.) so faszinierend gemacht hat, ist zum Teil verschwunden. Ärgerlich. Stattdessen gibt es locker aus der Hüfte groovenden Pop wie „Fight For Love“, der zwar gut ins Ohr geht, leichtfüßig klingt und ja, auch Spaß macht, dennoch einen anderen Eindruck vermittelt. Die Wärme des Soul, die auf die kalte Ästhetik von elektronischer Musik trifft, darin lag die Einzigartigkeit von Kwabs. Zum Teil ist diese Faszination abhanden gekommen.

Kwabs

Von emotional vorgetragenen Tönen („Perfect Ruin“) zu lebhaften, tanzbaren Inszenierungen („Walk“) ist es nur einen Katzensprung entfernt. Wo andere Künstler sich Zeit lassen und sich diverse Einflüsse für zukünftige Platten aufheben, um sie genau zu erkunden, gibt es hier alles auf einmal. Neo-Soul und Synth’n’B, wie die britische Fachpresse seinen Stil beschreibt, prägen das Bild, ebenso wie Liebesbeziehungen und persönliche Befindlichkeiten, die textlich aufgearbeitet werden. Lupenreiner Pop, wie in das unsägliche „Make You Mine“ in 80er-Manier vollführt, wirkt Fehl am Platz. Dann doch lieber in die elektronischen Klangkulissen eintauchen, die in „Look Over Your Shoulder“ das Fundament großartig zum Knistern und Vibrieren bringen.

„Love + War“ lebt von Kontrasten. Das pulsierende „Layback“ etwa gibt sich zurückgelehnt und cool, dann unternehmen die Rhythmen einen schönen Bogen, gestalten sich kurzweilig und abwechslungsreich, gehen Richtung R’n’B, klingen manchmal sogar leicht karibisch („My Own“). An anderen Stellen kommt der Soul in Boys II Men-Manier zum Tragen, mal prächtig („Forgiven“), mal ausbaufähig („Father Figure“, „Cheating On Me“).

Manchmal kommt von irgendwo ein Musiker her, der einen wieder bewusst daran erinnert, welche Macht Musik überhaupt auszuüben vermag. Der Glückshormone anregt. Der wie die Sonne wirkt, wenn sie nach einem Platzregen den Asphalt schimmern lässt. Der einen dazu bringt, sich bei Freunden und Bekannten den Mund fusselig zu reden über dieses Talent, welches man gerade neu entdeckt hat. Kwabs gehört zu diesen Entdeckungen. Wenn Musik als Hilfsmittel angesehen wird, um schwierige Zeiten durchzustehen, dann ist „Love + War“ trotz aller Makel ein mehr als passendes Arzneimittel.

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Foto: Marcus Haney

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