Liebe um jeden Preis

„Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist“. Was Benjamin Franklin bereits vor hunderten Jahren gesagt hat, scheint heute aktueller denn je zu sein. Ob das Vortäuschen von Zuneigung, die Kontaktaufnahme mit der ewig nicht mehr gesehenen Familie oder das Erweisen eines Gefallens – Im Stück „Charleys Tante und die Macht des Geldes“ geht mit der Aussicht auf Geld beinahe jede_r weit. Geld wird zur treibenden Kraft eines grotesken Sittenbildes unserer Gesellschaft.

Ein zeitloser Raum mit Schreibmaschine, rotem Sofa, eleganten Teppichen und einer Bar (Bühne: Georg Lindorfer); ein Ort, an dem Biedermeier-Stil auf neue Medien einschließlich Emoticons und auf eine Schusswaffe trifft – Hier spielt Brandon Thomas‘ Verwechslungs- und Verwicklungskomödie „Charleys Tante und die Macht des Geldes“ (1892). Charley Weikham (Markus Hamele) und Jack Tschesnei (Felix Rank) sind Studenten, die häufiger Partys mit teurem Champagner feiern als zu lernen oder zu arbeiten. Während sie ihren Lebensstil anfangs noch mit dem Erbe von Jacks Mutter finanzieren konnten, sieht es im Laufe der Zeit zunehmend schlechter aus. Um die nötigen Banknoten zu verschaffen, müssen zwei Hochzeiten her. Das ist jedoch selbst mit passenden Kandidatinnen alles andere als einfach. Jack und Charley dürfen die millionenschweren Russinnen Anastasja (Marion Reiser) und Uljana (Anna Maria Eder) Russikowa nur treffen, wenn Donna Lucia D’Alvadorez, Charleys reiche Tante (Isabella Szendzielorz), dabei ist. Die sitzt aber am Flughafen fest und wird kurzerhand durch den Freund Curt Babberleau (David Fuchs) ersetzt; einen mittellosen Schauspieler, der bereit ist, für die vermeintliche Karriere alles zu tun.

Stock characters
Um die eigenen Interessen durchzusetzen, wird in „Charleys Tante und die Macht des Geldes“ in der Inszenierung von Harald Gebhartl bezirzt, getanzt und gesanglicher Einsatz gezeigt. Populäre Songs wie „Everybody loves Somebody“ und „Trinidad“ sind neu getextet, drehen sich um Geld und werden angestimmt, wenn die Figuren von einer Sache ablenken möchten (Musik: Wolfgang Peidelstein). Der Einsatz der Schauspieler_innen, bei dem ein Mikrofon schon mal im Glas landen kann, wird mit Zwischenapplaus gewürdigt. Obwohl sich die Auftritte in ihrer Länge und Intensität je nach Rolle unterscheiden, ist ihnen eine Anlehnung an stock characters gemeinsam. Neben Studierenden in Dauerpartystimmung und feinen Damen, die sich zu schade sind, sich über etwas aufzuregen, sind das ein blöd schauender Butler, der sich seiner schlechten Behandlung trotz ersten Vorwurfs fügt (Sven Sorring); ein geldgieriger, krimineller und ehemaliger Konsul (Helmut Fröhlich) sowie ein strenger Bodyguard (Simon Jaritz). Passend verkörpert werden die Klischees auch in den Kostümen (Elke Gattinger). Für Anastasja und Uljana gibt es puppenhafte Kleider und bunte Strumpfhosen, für die Tante ein elegantes Kostüm und für den Butler ein weißes Hemd mit schwarzer Hose.

Kunstsprache und Filmzitate
Die Figuren bzw. ihre Handlungen und Aussagen sind jedoch nur ein Teil der heiteren Gesellschaftssatire. Gebhartl arbeitet mit überspitzten Elementen wie einer Kunstsprache, die für das Russische zum Tragen kommt, und „Wow“- und „Uh“- Heulern von Charley und Jack, die zu stark präsent sind und daher schon nach kurzer Zeit nerven. Äußerst gelungen sind hingegen die zeitkritischen Aspekte, unabhängig davon, ob mit Filmzitaten um die Aufmerksamkeit der falschen Tante geworben worden muss, ob Pragmatismus vor sozialen Beziehungen nicht Halt macht oder ob der Kapitalismus angeprangert wird. Ivan Diwanowitsch ist eine grandios kritische Stimme der Habgier, die viele Verflechtungen auflöst, aber die eigene durch die rosa Brille nicht mehr erkennt. Ein Charakter, der für eine nette Pointe sorgt, neben weiteren, die vor allem am Ende des Stückes angesiedelt sind. Babberleaus angedeutete Zustimmung zu einem Vorschlag mag sich schließlich für die Figuren in „Charleys Tante und die Macht des Geldes“ positiv auswirken, ist aber kein Happy End im Gesamten. Weder hundertprozentig für ihn noch für die Gesellschaft, die mit der „kapitalistischen Scharade“ zu kämpfen hat.

Mit dieser Theater Phönix Inszenierung von „Charleys Tante und die Macht des Geldes“ wird ein breites Publikum, unabhängig des Alters oder der Interessen, angesprochen. Das Regiewerk ist kurzweilig und speziell im zweiten Teil humorvoll. Um eine_n Besucher_in zu zitieren: „Das Stück ist das Richtige bei den Ereignissen derzeit“. Diese hätten allerdings noch stärker eingebaut werden können, um die kritische Komponente zu betonen.

„Charleys Tante und die Macht des Geldes“ wird zunächst von 23.-26. November um 19.30 Uhr und am 27. November um 16 Uhr aufgeführt.

Katharina ist Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen (z.B. frauenpolitischen) und kulturellen (z.B. Film, Theater, Literatur) Themen. Zum Ausgleich schreibt sie in ihrer Freizeit gerne literarische Texte: https://wortfetzereien.wordpress.com/