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Stephan Bechinger: „Es gibt viele Möglichkeiten, einen Film stimmig zu machen“

Damit Bild- und Tonmaterial eines Films zu einer Einheit werden, sind Cutter*innen (andere Bezeichnungen: Schnittmeister*innen, Filmeditor*innen) am Werk. Wie sich die Zusammenarbeit mit Regisseur*innen und Produzent*innen gestalten kann und ob sich die Anforderungen bestimmter Formate an den Schnitt unterscheiden, hat subtext.at bei Stephan Bechinger nachgefragt. Katharina hat den Filmeditor während des Crossing Europe Filmfestivals in Linz getroffen und mit ihm über seine kreative Arbeit, im Speziellen den Film „Systemsprenger“, gesprochen.

subtext.at: Wie beschreiben Sie Ihren Beruf als Filmeditor, wenn Sie im Alltag danach gefragt werden?
Stephan Bechinger: Ich versuche es eher zu vermeiden, weil es mir schwerfällt. Wenn, dann gehe ich meistens auf Beispiele ein. Oder es wird nachgefragt, wie die Arbeit aussieht, ob ich alleine arbeite etc. Und deswegen habe ich jetzt tatsächlich keine Standardantwort parat dafür.

subtext.at: Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Beruf gekannt wird? Oder müssen Sie Grundlegendes erklären?
Stephan Bechinger: Ich glaube es ist schon besser als vor ein paar Jahren durch die Digitalisierung und das alles, dass doch mehr Leute etwas machen. Und ich glaube viele Leute haben von dem Beruf schon etwas gehört, obwohl sie jetzt keine Ahnung haben. Manchmal ist es dann doch überraschend, wie grundlegend ich anfangen kann.

subtext at: Was macht für Sie einen „stimmigen Film“ aus? Und woran würden Sie festmachen, dass ein Film nicht gelungen ist?
Stephan Bechinger: Ich glaube das Schöne daran ist, dass es so viele Möglichkeiten gibt, einen Film stimmig zu machen. Ich glaube, ich habe einen sehr weitläufigen Geschmack. Meistens ist es dann ein stimmiger Film für mich, wenn ich nicht über die Machart nachdenke. Das ist immer ein ganz gutes Zeichen für mich selbst.
Und „nicht gelungen“ ist natürlich eine harte Aussage. Wenn ich jetzt das Gefühl habe, ich sehe da Probleme in der Haltung zu dem, was erzählt werden soll und wie es erzählt wird, dann stört mich das oft. Oder wenn ich Dinge nicht konsequent durchgedacht finde.

subtext.at: Das kann dann sein, wenn Sie den Eindruck haben, dass der rote Faden fehlt? Oder die Geschichte ist sprunghaft erzählt?
Stephan Bechinger: Nein. Da gibt es auch Filme, die bewusst sprunghaft erzählt sind. Ich bin jetzt nicht so, dass ich sage, es geht mir um eine dramaturgisch klare Linie. Dokumentarfilme sind ein gutes Beispiel. Da ist schon wichtig, wie mit den Protagonist*innen umgegangen wird. Wie sehr man denen auf Augenhöhe begegnet, finde ich wichtig. Klar gibt es auch Filme, wo das bewusst nicht der Fall ist oder nicht der Fall sein kann. Ich finde es auch schön, wenn Filme nicht nach klassischen dramaturgischen Mustern funktionieren, da aufbrechen und sich trauen, anders zu sein. Wann das funktioniert und wann nicht, ist natürlich auch sehr individuell. Klar gibt es auch Filme, wo ich dann sage, den Versuch finde ich nicht gelungen.

subtext.at: Filme sind letztlich ein gemeinsames Projekt. Wie handhaben Sie die Zusammenarbeit mit Produzent*innen und Regisseur*innen? Tauschen Sie sich regelmäßig über den Arbeitsprozess aus oder bevorzugen Sie es, so wenig wie möglich beeinflusst zu werden?
Stephan Bechinger: Mit der Regie auf jeden Fall sehr viel. Da ist auch jede Zusammenarbeit anders, aber es ist viel Austausch da. Und Produktion ist glaube ich sehr unterschiedlich bei mir. Bei der Produktion hängt es noch mehr davon ab, wie sehr sie interessiert ist. Natürlich gibt es einen Austausch, aber wie regelmäßig ist glaube ich mehr von der Produktion bestimmt, wie sehr sie es möchte. Ich hatte da noch keine negativen Erlebnisse. Manchmal gibt es Momente, wo man das Gefühl hat, man braucht noch andere Meinungen, gerade wenn man mit der Regie zusammen ist.

subtext.at: Werden auch Vorgaben gemacht?
Stephan Bechinger: Klar. Wie konkret, das ist natürlich komplett unterschiedlich. Bei dem Großteil meiner letzten Arbeiten habe ich schon in der Buch- oder Konzeptphase begonnen, mit der Regie zusammenzuarbeiten. Deswegen ist es natürlich viel organischer entstanden. Natürlich hat jede*r Regisseur*in sehr konkrete Ideen, wie er*sie sich seinen*ihren Film wünscht.

subtext.at: Auf dem Crossing Europe Filmfestival läuft ja gerade der Film „Systemsprenger“ unter der Regie von Nora Fingscheidt (Anm.: Der Film wird noch am Dienstag, 30.4., um 15.30 Uhr im Ursulinensaal gezeigt). Was hat Sie an diesem Werk gereizt, um den Schnitt zu übernehmen?
Stephan Bechinger: Das ist auch ein Film, bei dem ich schon ganz früh dabei war. Es ging aus der Zusammenarbeit bei vorherigen Projekten hervor.  Das ist mit mehreren Kurzfilmen der fünfte Film mit Nora Fingscheidt, den wir gemeinsam machen. Wir haben zusammen studiert. Dann, was mich an dem Film konkret interessiert hat, ist schon die Radikalität der Hauptfigur. Dass der Film eine Körperlichkeit hat. Nachdem ich davor ein paar ruhige Sachen gemacht habe, habe ich mich gefreut etwas zu machen, das eine extreme Lebendigkeit hat.

subtext.at: „Systemsprenger“ ist, wie Sie bereits gesagt haben ein energiegeladener Film, bei dem Aggression und Not der Hauptfigur aufeinandertreffen. Wie haben Sie versucht, diesem Aspekt nachzukommen? Ist das eine Herausforderung für den Schnitt?
 Stephan Bechinger: Eine Herausforderung war es auf jeden Fall. Ich glaube das Schwierigste war, dass es schon um eine Überforderung geht, um zu viel und sozusagen herauszufinden, wie viel zu viel das richtige Maß ist für den*die Zuseher*in, weil der*die ja überfordert werden muss, um das nachzuvollziehen. Und natürlich auch ein Film, der Redundanzen und Wiederholungen braucht. Sonst ist es auch etwas anderes, sich über einen längeren Zeitraum mit so viel Aggression aussetzen zu müssen. Das ist, als ob man selbst den ganzen Tag lang angeschrien wird. Ein bisschen schwierig war, diese unterschiedlichen Heime, die sich ja doch sehr ähnlich sind, voneinander abzusetzen, dass das Gefühl, dass das Mädchen immer weitergereicht wird, nicht verloren geht. Beim Flughafen war es auch schwierig, hinten noch einen neuen Ort aufzumachen. Wie breit man das erzählt und wie knapp, da haben wir schon ziemlich viel ausprobiert. An „Systemsprenger“ haben wir ungefähr neun Monate geschnitten mit Pausen dazwischen, was definitiv überdurchschnittlich lang ist. Es war ein Film mit viel Material. Dass wir die Möglichkeit hatten, uns so viel Zeit zu nehmen, war natürlich auch gut.

subtext.at: Wie waren die Reaktionen der Besucher*innen und die Diskussion nach der ersten Vorführung des Films auf dem Crossing Europe Festival?
Stephan Bechinger: Ich hatte schon das Gefühl, dass er gut ankam. Es ist ein Film, bei dem es auch negative Stimmen gibt und der diskutiert wird, was nicht überraschend ist. Die Wortmeldungen hier waren aber positiv. Das ist wahrscheinlich etwas Beliebiges, so eine Wahrnehmung, aber wir waren ganz glücklich.

subtext.at: „Systemsprenger“ ist ein Spielfilm. Sie haben auch bereits Dokumentarfilme und Kurzfilme editiert. Inwiefern unterscheiden sich die Anforderungen bestimmter Formate an Ihre Arbeit?
Stephan Bechinger: Man kann es nicht immer ganz auf die Formate herunterbrechen, aber es war auf jeden Fall ein Spielfilm mit einem starken Drehbuch oder mit einer starken Dramaturgie. Ansonsten ist es bei vielen Dokumentarfilmen so, die ich gemacht habe, dass viel stärker Wert auf dem Grundbau einer Geschichte lag. Ich habe viele andere Spielfilme, wo man viel freier umgehen kann mit den Szenen. Das ist natürlich ein ganz anderes Arbeiten. Wenn man vom kürzeren Projekt zum langen geht, wird dramaturgisch anders gearbeitet, in größeren Bögen, dass sich mehr Bögen ergeben, sowohl im dokumentarischen als auch im fiktiven.

subtext.at: Gibt es noch weitere Formate, bei denen Sie gerne einmal für den Schnitt zuständig wären?
Stephan Bechinger: Ich würde schon primär gerne im Film arbeiten, wobei ich jetzt auch durchaus gerne weiter Kurzfilme mache. Ich habe auch kein Problem damit, Fernsehen zu schneiden. Ich habe mal Nachrichten geschnitten, das fand ich lehrreich und mochte ich sehr gerne. Man ist immer darauf angewiesen, dass Leute auf einen zukommen; dass man Leute trifft, die an Themen arbeiten, die einen selbst auch interessieren.

subtext.at: Abschließend: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Stephan Bechinger: Danach habe ich ein Projekt übernommen, das ich jetzt schon abgeschlossen habe. Nun habe ich gerade nichts Neues.

Stephan Bechinger lebt und arbeitet in Wien. Er hat vor rund dreizehn Jahren zum Filme schneiden begonnen und studierte Montage/Schnitt an der Filmakademie Baden-Württemberg. 2018 erhielt er den Preis der deutschen Filmkritik für den besten Schnitt für „Das unmögliche Bild“.

Foto: Stephan Bechinger (beim Schneiden von „Systemsprenger“)

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) oder freier Mitarbeit bei Redaktionen. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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