Mine: Den Weltschmerz mit Pistazieneis verarbeiten

„Ich verwirkliche mich in erster Linie selbst und eigentlich ist dies ja eine tief narzisstische Sache“ meint Mine zum Thema Stolzsein über ihr eigenes schaffen. Mine spricht sehr offen über ihre Gefühle und Gedanken zu Themen wie Unabhängigkeit und Individualität. Die Musikerin hat uns mit ihrer Motivation, wie sie über das Musikproduzieren denkt, ganz in den Bann gezogen und wir plauderten viel über ihr neues Album „Hinüber“. Das Album erschien vor Kurzem und lässt unsere Herzen höher schlagen, wie auch das Gespräch mit der Person hinter der wunderbaren Musik. 

subtext.at: Ich hab bei meinen Vorbereitungen für das Interview gesehen, dass du eine Alpakapartnerschaft hast – und da wollte ich dich fragen, wie es der Jasmin geht?
Mine: Der geht es gut, ich hab sie aber tatsächlich jetzt schon ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Die Partnerschaft war nämlich auf ein Jahr begrenzt. Aber ich gehe ab und zu bei der Familie Smith vorbei und sag Hallo zu den ganzen Alpakas und Lamas. Und kaufe ein paar Seifen.

subtext.at: Zum neuen Album: was sind deine Gefühle zum Album, wenn du in der Retrospektive darauf schaust?
Mine: Oh, das ist ganz schwer zu beantworten, weil so ein Album zu machen dauert sehr lange. Das dauert so eineinhalb Jahre und in der Zeit macht man so unterschiedliche Gefühlssachen durch – deswegen kann ich gar nicht sagen, dass es ein Gefühl gibt, das alles überschattet. Trotzdem denke ich, wenn ich an das Album denke, an die tolle Zeit, die ich im Studio hatte. Denn ich war diesmal sehr intensiv im Studio, auch immer sehr lange am Stück, und das war eine sehr intensive Zeit, wo ich mich produktionsmäßig auf jeden Fall ziemlich krass rein geboxt habe. Mehr als bei den anderen Alben zuvor.

subtext.at: Bist du stolz auf das Album?
Mine: Ja. Volle. Ja, ich bin mega stolz und ich bin vor allem richtig happy damit. Ich hab das Gefühl, es ist kein Problem, wenn es die Leute scheiße finden, weil ich da so happy damit bin, dass mich das nicht jucken würde (lacht).

subtext.at: Du hast schon die Produktion angesprochen: wie ist es, als Musikerin in Coronazeiten zu produzieren – ist es einfacher, schwieriger oder …?
Mine: Ahm. Naja, Produktion, ich weiß auch nicht. Also ich glaube einfacher ist es nicht, weil man halt weniger Input hat. Ich geh eigentlich viel auf Konzerte und das inspiriert Einen halt total und bringt einen halt irgendwie weiter, was Sounds angeht. Man bekommt größere Bilder und breitere Ideen, als wenn man sich immer nur im eigenen Kosmos dreht. Deswegen ist es wohl doch schwieriger, sich selber da ein bisschen mehr aus dem Quark zu holen, dass man sich nicht die ganze Zeit wiederholt. Ich glaube das ist ein Nachteil von Corona. Der Vorteil war vielleicht, dass ich nicht live gespielt habe und dadurch halt am Stück richtig tolle drinnen war und halt einen sehr, sehr langen Flow hatte, weil ich gar keine Unterbrechungen hatte und quasi nichts Anderes gemacht habe, als an diesem einen Album zu arbeiten, was ich sonst davor noch nie so hatte.

subtext.at: Du hast die Musik zum Album ja auch selbst produziert …?
Mine: Genau, zusammen mit zwei Jungs, Markus Wuest und Dennis Kopacz. Mit denen arbeite ich schon seit Anfang an zusammen, aber ich mach auch inzwischen Vieles alleine.

subtext.at: Und wie ist es? Ich stell mir das immer so schwer vor, man kann ja immer weiter produzieren und es immer perfekter machen. Wann merkt man, dass es reicht? Quasi genug ist bzw. gut genug ist? Wie merkt man das?
Mine: Das ist eine sehr gute Frage. Das ist unterschiedlich: manchmal weiß man es einfach und manchmal merkt man es aber auch nicht, und dann geht man ein paar Schritte zurück, wenn man merkt, man verschlimmbessert irgendwas. Aber eigentlich kann ich davon ausgehen, wenn alle drei es geil finden, dass es dann gut ist. Manchmal denk ich auch schon „so das ist es schon“ und dann hören die Boys noch irgendwas, was man noch machen kann und dann bin ich zuerst mal so „oh nein, bitte nicht, bitte nicht kaputt machen“ (lacht). Aber manchmal bringt es das dann auch auf ein ganz neues Level, und ich war schon so tief drinnen, dass ich die Idee gar nicht gehabt hätte. Deswegen ist es unterschiedlich.

subtext.at: Sind da die Boys eher die “Kontrollfreaks” und die Perfektionisten oder bist das eher du? Oder seid ihr da alle drei so engagiert?
Mine: Nein, ich glaube am meisten bin es schon ich. Ich habe immer einen sehr genauen Kopf und oft machen die auch was und ich sage „Ne, bitte nicht!“. Ich weiß schon ganz genau was ich haben will, aber trotzdem würde ich sagen, dass die Jungs auch einen gewissen Perfektionismus haben. Weil ich glaube, um mit mir arbeiten zu können, muss man das auch irgendwie haben, weil ich so kleinteilig bin und bis zum letzten Teil immer alles durchmachen mus. Und man sonst irre werden würde, wenn man es nicht genauso empfinden würde. Und wir denken da eigentlich alle ziemlich gleich – alle drei. Wir sind ein echt super gutes Team.

subtext.at: Ja, ihr arbeitet ja doch schon über Jahre zusammen…
Mine: 10 Jahre, ja.

subtext.at: Ja genau, ich habe jetzt extra nicht Jahrzehnte gesagt.
Mine: Fast ein Jahrzehnt ist es jetzt (lacht).

subtext.at: Du bist ja bekannt dafür, dass du private Gefühle sehr stark in deine Songs einbaust. Gibt es so Hauptthemen, die in “Hinüber” vorkommen, irgendwelche großen Themen, die du bewusst auf dieser Platte angesprochen hast?
Mine: Richtig bewusst spreche ich eigentlich nie etwas an, es ergibt sich immer so, weil ich immer sehr aus einer Emotion heraus schreibe. Musik machen ist für mich immer so eine Art Verarbeitung von Gedanken, Gefühlen und Emotionen, die ich so habe. Trotzdem würde ich sagen, dass auf der Platte sehr viel Weltschmerz zu finden ist, weil ich mich halt in den letzten Jahren (überlegt)… also ich hab mich schon immer viel mit so humanistischen Themen beschäftigt wie Gleichberechtigung, Diskriminierung, aber auch Ungerechtigkeit in der allgemeinen Welt. Ich finde in den letzten Jahren hat sich das Ganze ja auch allgemein viel, viel mehr darin entwickelt, dass jeder ein gewisses politisches Bewusstsein bekommen hat. Und dass viel mehr darüber gesprochen wird und sich ausgetauscht wird – da würde ich sagen war das fast so mein Hauptthema, über das ich nachgedacht habe 2020. Deswegen überschattet das schon fast das ganze Album, also dieser Weltschmerz irgendwie.

subtext.at: Würdest du sagen, dass es eher ein deprimierendes Album ist oder hast du bewusst Songs, die das Ganze auflockern, hinzugefügt? Weil der Song “Eiscreme” ist ja doch lustiger und flockiger…
Mine: Ja, das schon tatsächlich. Ich hab ab einem gewissen Punkt gemerkt: „So, jetzt wirds aber langsam echt anstrengend“. Ich selber mach halt auch Alben, die nicht nur eine Art von Musik mitbringen. Also ich mag es, wenn es abwechslungsreich ist und wenn man auch mal kurz Zeit zum Durchatmen hat. Und ich finde halt auch so quietschige Songs auch voll geil. Tatsächlich habe ich auch lange überlegt über was ich denn schreiben soll, es gibt ja nicht so viel Schönes zu berichten. Aber ich dachte über Eiscreme kann man immer reden, weil ich liebe Eiscreme wirklich. Ich esse im Sommer jeden Tag Eiscreme. Ich gehe jeden Tag zur Eisdiele und hole mir Pistazieneis oder Karamelleis (lacht) – und darüber kann ich auf jeden Fall immer schreiben, deswegen war es mir schon wichtig, dass es zwischendrin auch noch ein bisschen was Leichteres hat. Weil das Leben ja auch mal so ist: man geht ja auch mal zu einer Eisdiele, obwohl es einem scheiße geht und man darüber nachdenkt, wie kacke gerade alles ist.

subtext.at: Oder gerade deswegen geht man oft zur Eisdiele.
Mine: Genau. Richtig. (lacht)

Credit: Simon Hegenberg

subtext.at: Ich habe mir gestern dein Album in Einem durchgehört, und es ist für mich echt spannend, wenn dann dazwischen wieder was ist, wo man kurz pausieren kann. Was mir aber besonders gut gefallen hat, war das erste Lied mit Sophie Hunger. Wie bist du da auf sie gekommen?
Mine: Boa, ich bin schon sehr lange ein großer Fan, so wie du auch, und ich habe sie dann mal auf einem Festival getroffen. Sie hat meine Musik irgendwann gehört und meinte, dass sie das voll spannend findet. Sie hat dann mal auf der Bühne gesagt, dass sie dachte aus Deutschland würden keine spannenden Künstler*innen kommen – und dann hat sie meine Musik gehört und sie findet es voll geil. Ich konnte es gar nicht glauben, weil ich so ein Fan von ihr bin, und dann hat sie das gesagt. Danach kam sie tatsächlich zu einem Konzert von mir in Potsdam und ich war so aufgeregt – und dann habe ich sie einfach gefragt, ob sie Lust hat, mit mir einen Track zu machen. Sie hat Ja gesagt und ich war aber total verkrampft, dann habe ich doch nochmal den Mut zusammen genommen. Ich hatte den Song quasi schon fertig, nur der Teil, wo sie gesungen hat, der war quasi noch frei. Sie hat das geschrieben, kam vorbei und hat es eingesungen. Bei ihr bin ich total ehrfürchtig, ich finde sie ist eine der krassesten Musikerinnen auf der ganzen Welt. Auch als sie hier war: die stand hier (deutet hinter sich in den Raum) und hat eingesungen. Am Stück einmal eingesungen, und es war so krank gut, also wirklich on point. Sie singt halt auch unfassbar – wie eine Göttin. Also das ist schon eine große Ehre mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen.

subtext.at: Ja, sie ist Wahnsinn, ihre Konzerte sind für mich immer ein Hochgenuss.
Mine: Ja, absolut.

subtext.at: Du hast ja doch immer wieder Features auf deinen Alben, wie kommen die zustande? Passiert das zufällig, dass du die Menschen dann einfach triffst auf Konzerten, sind das Freunde, oder pickst du dir die Menschen bewusst raus und schreibst sie dann an?
Mine:
Alle drei Sachen eigentlich. Es gibt Leute, z.B. bei Crack Ignaz war es so, dass ich gesehen habe, dass er mir auf Twitter folgt und ich habe mir gedacht „Uhh krass“, der kennt meine Musik und dann habe ich getwittert „ohmmann, Crack Ignaz folgt mir, jetzt darf ich keinen Scheiß schreiben, sonst macht er kein Feature mit mir“ . Dann hat er mich direkt angeschrieben und meinte so „hey willst du mal einen Song machen?“. Ich so: „Ja ich hab hier grade einen, willst du da vielleicht da drauf Rappen?“ (lacht). Dexter ist eigentlich ein langer Freund von mir, wir sehen uns tatsächlich nicht so oft, weil er in Stuttgart wohnt, aber ich schätze ihn sehr. Und bei manchen Leuten ist es so, dass ich ihn direkt von der Bank weg anschreibe. Und einfach sage “Hey ich habe dich gerade zum ersten Mal gehört…“. Ich habe gerade eine Künstlerin entdeckt, die heißt NENDA und ist aus Tirol aus Österreich. Hast du sie schon mal gehört?

subtext.at: Ist das die, die mit Sprache spielt in Deutsch und in Englisch? Ja, die kenne ich.
Mine:
Ja, genau. Die hat auch glaube ich in London gelebt und hat einen Song über mixed feelings – und ich habe sie sofort angeschrieben, so „Ohgottohgott, ich liebe es, es ist voll gut und lass uns bitte was zusammen machen“. Ich bin halt auch sehr euphorisch, gerade wenn ich jemanden dann so toll finde. Dann guck ich immer erstmal und wenn ich dann seh, dass es noch Leute sind, die noch nicht so viele Follower haben, dann freu ich mich immer voll, weil ich mir denke, dass ich dann noch mit ihnen zusammen arbeiten kann. (lacht) Ja genau, ich kann mich auch eher schwer zurückhalten.

subtext.at: Ja, aber du bist ja eine Person, die selbst auch schon viele Follower und viel Erfolg hat….
Mine: Es geht. Ich meine auf Instagram und so bin ich gar nicht so…. ich habe gar nicht so viele Follower, aber das ist ja auch immer die Frage, von wo aus guckt man da drauf. Wenn man es mit Rap oder so vergleicht, die haben ja immer tausend Millionen. Ich habe irgendwie, glaube ich, ich weiß es gar nicht genau, um die 25.000 oder so. Also das ist noch relativ überschaubar, weil sehr viele Leute, die meine Musik hören, sind glaub ich gar nicht auf Instagram oder so und ich habe ein sehr durchmischtes Publikum. Eigentlich von jung bis auch sehr, sehr alt, deswegen verteilt sich das so ein bisschen.

subtext.at: Gibt es noch andere Personen, denen du gerne eine Bühne in deinen Songs geben möchtest, gibt es so DAS favourite Feature, welches du schon immer mal machen möchtest, wenn du es dir aussuchen könntest?
Mine:
Ahhhh, so viele. Also wenn ich die Wahl hätte unter allen, dann würde ich denk ich jemanden wählen, der sehr erfolgreich ist, weil die halt am schwierigsten zu bekommen sind. Ich denke dann würde ich jemanden nehmen wie Lizzo oder so. Lizzo ist halt auch „boah“, ich habe die auch schon live gesehen in Berlin. Die ist einfach so eine unfassbare Musikerin, ich finde sie so krass gut und mit der würde ich unglaublich gerne zusammenarbeiten. Das ist natürlich komplett utopisch.

subtext.at: Man kann utopisch sein.
Mine:
Beyoncé! (lacht) Wenn man sich alles wünschen darf, dann nehme ich Beyoncé! (lacht).

subtext.at: Okay, ganz bescheiden!
Mine: Aja. Wenn ich darf – ich meine es geht ja gar nicht so um diesen Erfolg, den die Leute haben, sondern darum, dass ich die musikalisch einfach total krass finde. Das ist das was mich eigentlich immer so anfickt. Aber ich freu mich wirklich eins zu eins genauso über ein Feature mit jemandem, der absolut unbekannt ist und den ich halt dann genauso anhimmeln kann. Weil für mich sind Leute, die ich anhimmle immer Leute, die ich halt musikalisch total krass finde.

subtext.at: Nochmal zum Album: ich finde es ja schön, dass du es schaffst, sehr direkte Songs zu machen, also einen Weg direkt in die Gefühlsebene schaffst. Gelingt dir das immer? Oder wie gehst du sowas an, dass es gelingen kann?
Mine:
Ich denke darüber ehrlich gesagt gar nicht so viel nach. Ich mach das einfach – ich schreibe immer aus einem emotionalen Gefühl heraus. Vielleicht ist es deswegen so. Aber ich kann das gar nicht so selbst analysieren, weil ich da ja viel zu nahe dran bin. Wenn ich schreibe, dann denk ich nicht darüber nach, wie ich etwas sehr direkt emotional verpacken oder wie ich das emotional ausdrücken kann, sondern ich suche Wörter, die am treffendsten für das sind, was ich fühle: Weil ich finde, dass Gefühle in Wörter zu packen gar nicht so einfach ist. Oft finde ich haben Wörter, die für die Gefühle gemacht sind, die sie ausdrücken sollen, diese krasse emotionale Ebene oft gar nicht mehr. Dadurch, dass man die Wörter schon so oft benutzt hat. Das heißt, ich versuche dann in Kombination mit der Musik was zu finden, was eben diese Emotion perfekt überträgt. Das sind eben entweder Metaphern oder die Art, wie die Texte gesungen sind. Aber wie gesagt, ich denke darüber eigentlich nicht so nach. Das passiert einfach.

subtext.at: Gibt es dann auch das Andere? Momente wo du dir denkst, das ist jetzt zu schnulzig oder zu abgedroschen (wie wir es in Österreich gerne nennen)? Gibt es das auch, dass du dir dann denkst “das kann ich nicht bringen”?
Mine:
Ja sicherlich, ja. Also es gibt schon immer wieder so Textzeilen, die ich wieder rausstreiche oder vor allem auch Melodien. Ich hatte bei „Elefant“ zum Beispiel auf dem Album zuerst einen Hook – also den Text hatte ich, aber ich hatte keine Melodie gefunden, die diesen Text gut getragen hatte. Und dann hatte ich drei oder vier oder fünf verschiedene Versuche. Was aber alles nicht so geil war. Ich wollte irgendwie einen aufgehenden Refrain machen – das hat aber überhaupt nicht funktioniert und es hat auch dieses Gefühl vom Text gar nicht übertragen. Das hat gar nicht funktioniert. Das hab ich dann mal wieder gestrichen und wieder neu gemacht, und so ist es bei Textzeilen manchmal auch – manchmal habe ich auch Zeilen und dann denkst du dir „also ne“ , streichst diese wieder weg – und dann mach ich wieder was Neues hin. Aber, wenn ich dann mal im Flow drinnen bin, geht das trotzdem auch immer relativ schnell. Ich arbeite auch immer viel mit Mindmaps. Ich denk dann immer eins nach dem Anderen, und mach dann viel mit Synonymsuchanfragen für Wörter, oder arbeite auch gerne mit Wörterbüchern. Aber es ist selten so, dass ich Texte geschrieben habe, es dann zwei, drei Tage liegt und ich dann nochmal durchstreiche. Wenn, dann mach ich es eigentlich direkt weg. Wenn, dann weiß ich es immer gleich, direkt zu dem Zeitpunkt, dass es Schund ist und weg muss.

Credit: Simon Hegenberg

subtext.at: Die letzte Frage zum neuen Album: ich finde es ja ziemlich genial, was du mit dem Song “Unfall” gemacht hast. Dass du es quasi als partizipatives Projekt aufgezogen hast und andere Musiker*innen auch drüber arbeiten hast lassen. Wie war das so für dich?
Mine:
Voll spannend. Es war total geil auf vielen Ebenen, aus verschiedenen Gründen. Zum Einen war es total spannend, den Song zu hören, wie ihn andere hören, bevor sie wissen, wie das Original klingt. Und dann war es natürlich auch voll spannend zu gucken, wo kommen denn die Leute her, die meine Mucke kennen. Also was hören die für Musik, was machen die selbst für Musik, und es waren ja auch sooo viele! Es waren 96 Leute, die 96 verschiedene Versionen gemacht haben und es war wirklich von Schranz über Metal über, keine Ahnung, Jazzversionen, Acoustic Versionen, es war echt alles dabei und das fand ich total spannend. Und mit den Leuten … ich habe ja auch mit allen immer kurz geschrieben, einmal kurz Hallo gesagt und ich fand es total spannend da zu hören, wer da so dahinter steckt, wer da so die Motivation hat. Die haben ja zum Teil auch Videos gedreht. Das fand ich total irre, da zuhören zu dürfen, wie andere den Song sehen. Und auch ob der Song funktioniert, also in verschiedenen Gewändern, das ist ja auch immer voll spannend.

subtext.at: Also war das weniger ein Marketing-Gag, sondern mehr aus Interesse, wie das klingen kann?
Mine:
Beides sicherlich. Es war schon eine Idee, das erstmal als Kampagne so zu starten, aber ich finde halt eine Kampagne ist nur dann eine gute Kampagne, wenn der Grundgedanke nicht die Werbung ist. Die Werbung sollte sein, was quasi dadurch passiert. Aber der Grundgedanke der Idee sollte eigentlich immer was Kreatives sein, weil sonst ist es halt reine Werbung und dann ist es auch ein bisschen langweilig – finde ich.

subtext.at: Okay, beides. Gibt es irgendwelche Lieblingscovers, wenn man es so brachial nennen kann? Wo du sagst, das ist richtig genial geworden?
Mine:
Ja, sicherlich. Also es gab immer welche, die fand ich besser als die anderen. Das gab es schon. Aber das waren immer unterschiedliche – und ich fand kein einziges richtig scheiße auf jeden Fall. Ich fand viele Sachen aus dem Elektropop ziemlich spannend. Natürlich gab es ganz viele, die selber wirklich hauptberuflich Musiker*innen sind und das waren natürlich auch richtig krank gute Versionen. Also von SATARII oder Future Ich oder Falsch oder so – das waren dann schon echt krasse Versionen, weil die halt selber auch wissen, wie man das dann auch aufnimmt und so weiter. Das fand ich dann auch richtig inspirierend.

subtext.at: Hat sich die Sichtweise auf den Song nach der Kampagne geändert? Also nimmst du den Song jetzt anders wahr?
Mine:
Ja, tatsächlich schon. Also wir proben den morgen das erste Mal und ich habe tatsächlich manchmal Probleme, mich daran zu erinnern, wie der für mich geklungen hat. Weil ich halt den Song in so vielen verschieden Versionen gehört habe. Und jeden Tag während dieser Kampagne habe ich täglich drei oder vier Versionen von diesem Song gehört. Ich habe also ganz viele verschiedene Songs im Ohr und manchmal fällt es mir dann schwer, mich daran zu erinnern, wie meine Version überhaupt geklungen hat (lacht). Also ich höre, wenn ich in meinem Kopf den Song anmache, sozusagen alle Versionen irgendwie. Ich höre nicht nur meine Version. Es wird deswegen auch toll sein, den morgen bei der Probe wieder neu zu entdecken, weil ich den Song quasi wieder neu für mich interpretieren muss.

subtext.at: Wird der Song dann live wahrscheinlich auch anders klingen als auf Platte?
Mine:
Ja. Aber das tut es immer. Also ich mach ja nichts vom Band, deswegen muss man das auch immer. Live funktionieren Sachen immer anders als auf Platte – deswegen arbeiten wir das morgen mit der Band durch. Wir haben natürlich einen gewissen Plan und manche Sachen sind auch so wie auf Platte, aber trotzdem werden sich hier und da Songs verändern. Wir haben keine Streicher dabei, also muss man sich da was anderes einfallen lassen.

subtext.at: Das ist ja nicht das erste Projekt, das du so partizipativ gestaltet hast, du hast ja auch schon ein Musikvideo gemacht, wo du auf die Straße gegangen bist, oder die Quarantöne und auch Crowdfundings, wo du immer wieder deine Community eingebunden hast. Wie wichtig ist es dir, dass du sagst, du nimmst einen Teil deiner Fans, deiner Community mit?
Mine:
Das ist eigentlich eher eine Chance. Ich sehe das als Möglichkeit mit den Leuten in Kontakt zu treten und gemeinsam was zu machen. Ich bin ja selber jemand, der schnell gelangweilt ist und solche Ideen halten das irgendwie auch total frisch. Dass so viele Leute da mitmachen finde ich eher wie ein Geschenk, dass die da alle so Bock drauf haben, gerade auch bei diesem „Quarantöne“ zum Beispiel, wo die alle zusammen singen. Das ist ja auch so eine Stelle, wo ganz, ganz viele immer bei Konzerten die Hand hochgerissen haben und mitgesungen haben und ich dachte „Okay, jetzt haben wir keine Konzerte, aber lasst uns doch einfach mal alle Mitsingen“, die sonst auch immer mitsingen, damit wir dieses Feeling gemeinsam haben. Und es ist ja eigentlich schön, dass die Leute das so mitmachen. Das ist jetzt nicht so, dass ich denke, was könnte ich jetzt für eine Aktion machen, damit ich die Leute mitnehmen kann. Sondern es ist so: ich mache ein Projekt und dann denke ich mir das macht hier voll viel Sinn, weil das eh halt immer so ist. So denk ich da eher, und je mehr Menschen dazukommen und zuhören und das Projekt irgendwie kennen, desto mehr so geile Sachen kann man dann auch machen. Das geht natürlich nicht, wenn du weniger Leute hast oder keiner mitmacht, deswegen finde ich es grade total spannend, mich da so frei ausprobieren zu können.

subtext.at: Und bei dem Video mit dem weißen Mantel, hängt der bei dir noch in der Garderobe?
Mine:
Neee. Gar nicht, wir haben den versteigert. Bei der letzten Tour. Und zwar war das so, dass wir Spendendosen mitgenommen haben und dann konnte jeder der Bock hatte, egal wie viel er gespendet hat, also ab 1 Euro bis 100 Euro, seine Adresse auf einen Zettel schreiben, dann habe ich am Schluss einfach jemanden davon ausgewählt – und die Person hat dann die Jacke bekommen.

subtext.at: Ah, nett!
Mine: Ja, und das Geld haben wir dann gespendet, an die Antonio Amadeu Stiftung.

Foto: Simon Hegenberg

subtext.at: Ist es für dich auch ein bisschen ein ‚aus der Komfortzone heraustreten‘, wenn du solch partizipative Projekte andenkst, oder ist es etwas, wo du dich voll wohlfühlst?
Mine:
Eher Ersteres, bei dem Klebstoffvideo war es auf jeden Fall so – da war es schon krass, sich da hinzustellen auf die Straße mit Leuten und so. Ich bin eh so jemand – mich kostet es mehr Kraft, am Merchandise-Stand zu stehen nach einem Konzert als auf der Bühne zu sein. Das ist für mich total anstrengend. Ich mach das natürlich auch gerne, weil ich den Leuten dann auch was zurückgeben möchte irgendwie, und auch Danke sagen möchte, dass sie alle gekommen sind. Es ist ja auch nicht selbstverständlich, dass Menschen zum Konzert kommen und dafür Geld bezahlen – aber das kostet mich am meisten Kraft. Ich fühle mich eigentlich zu Hause am wohlsten, mit meinen engsten Freunden. Das ist, was mich dann eher wieder auflädt.

subtext.at: Ohne es böse zu meinen – so hätte ich dich jetzt auch eingeschätzt.
Mine:
Ja (lacht). Ich bin ein Drinnie eher.

subtext.at: Wenn wir schon bei Konzerten sind, aus der Sicht von einer Besucherin finde ich dich ja immer extrem emotional und wunderschön. Ich kann mich an Wien im Porgy & Bess erinnern – das war für mich eines der schönsten Konzerte von dir, wo ich war. Ich habe das Gefühl, dass du sehr offen bist, auch gerne Geschichten erzählst und auch authentisch wirkst. Wie ist das von deiner Seite her, merkst du es, wenn du mit dem Publikum connectest?
Mine:
Oh, danke. Ja, es kommt wirklich total auf das Konzert an, das ist auch nicht bei jedem Konzert so. Ich lege mir die Ansagen ja nie zurecht, ich überlege mir nicht vorher, was ich sage, sondern ich gucke wie ich fühle und worauf ich Lust habe – und auch wie weit ich gehen möchte. Ich sage ja manchmal auch wirklich sehr private Sachen, aber ich finde halt auch wenn ich selbst auf ein Konzert gehe, dann höre ich mir voll gerne die Leute an, was sie darüber zu erzählen haben. Das ist auch das Spannende an Konzerten. Also wenn jemand … es gibt ja auch so Künstler*innen, die machen gar keine Ansagen und spielen einfach nur so runter. Das finde ich manchmal auch ein bisschen schade, weil ich finde es voll geil, was zu hören und zu wissen, wer der Mensch dahinter ist, um mich dann in den Song reinzufühlen. Manchmal ist man ja gerade einfach in einer ganz anderen Mood, dann erzählt man die Geschichte zu dem Song – und dann geht da so ein Schalter im Kopf um und man ist wieder mehr in der Situation drinnen und kann die auch besser genießen, nochmal durchleben und auch besser vortragen. Aber das ist komplett vom Publikum abhängig. Manchmal  sage ich auch nur ganz, ganz wenig, wenn ich das Gefühl habe, oder manchmal bin ich auch total lustig und mache die ganze Zeit dumme Witze und erzähle überhaupt nichts so Privates. Manchmal ist die Situation eine ganz andere, so eine ganz intime Situation. Dann erzähle ich eher solche Sachen. Das ist wie bei einer Freundschaft eigentlich auch, manchmal hat man solche Abende und manchmal hat man andere Abende – so ist es auch für mich auf Konzerten.

subtext.at: Aber spielst du generell lieber live oder nimmst du lieber im Studio auf – oder kann man das gar nicht vergleichen?
Mine:
Das kann man nicht vergleichen, also ich finde beides voll schön und ich finde es schön, dass es sich abwechselt. Ich finde es schön, dass man erst diese Studiozeit hat und man das Ganze dann live entlädt, sozusagen. Und es ist natürlich auch schön, auf der Bühne zu stehen, ein Mikro in der Hand zu haben und die Musik zu fühlen – das ist was ganz Anderes, als im Studio zu sein. Studio ist mindestens genauso geil, man ist in so einem Flow und man macht es nur für sich alleine. Das ist auch voll geil, aber das kann man nicht ersetzen. Also ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich auf eins von beiden verzichten könnte oder wollen würde, oder dass ich mich entscheiden könnte zwischen den beiden Sachen. Das würde denk ich nicht funktionieren.

subtext.at: Gibt es für dich so ein perfektes Setting? Bei welchem Setting fühlst du dich am wohlsten?
Mine:
Mhm. Ne nicht so richtig, weil es liegt wirklich immer am Publikum – das Setting steht und fällt mit dem Publikum. Manchmal entsteht eine krasse Energie zwischen Publikum und Band, das ist dann so ein Ding, das weiß man am Anfang noch nicht. Das liegt weder am Klub noch am Sound, noch kann man das am Publikum äußerlich erkennen. Das ist auch manchmal eine Dynamik, die sich da entwickelt – und das kann man am Anfang vom Konzert nie sagen. Manchmal passiert es und manchmal nicht, und ich finde die perfekten Konzerte sind immer dann, wenn man sich den Ball gegenseitig hin und her spielt, wenn man im richtigen Moment das Richtige fühlt und das Publikum das auch wahrnimmt und wieder zurückspielt. Das ist das perfekte Setting.

subtext.at: Also im Porgy & Bess hat man das schon irgendwie voll mitbekommen. Also für mich war es ein perfektes ….
Mine:
Das war auch krass, ich erinnere mich total an das Konzert, weil auch meine beste Freundin mit ihren Eltern dabei war – die wohnen in Wien. Und die sind mir sehr, sehr nah. Ich weiß auch noch, dass wir da zum ersten Mal so ein Konzert in Wien gemacht haben und für mich waren es unfassbar viele Menschen. Und ich hatte das Gefühl, alle hatten Bock, also so richtig Bock. Und ich hatte auch richtig Bock. Wir hatten ja vorher auch zwei Offdays und dann hatten wir eben auch so richtig Bock und dann hat es sich genauso hochgeschaukelt. Das war schon toll.

subtext.at: Ich hab jetzt noch ein paar Begriffe, die mir aufgefallen sind, als ich über dich recherchiert habe: das war zum einen Individualität. Wie weit kannst du mit dem Begriff was anfangen, bzw. was bedeutet er für dich?
Mine:
Sehr viel bedeutet mir der Begriff Individualität, was wichtig ist für unsere Gesellschaft und was zu wenig wertgeschätzt wird. Man entwickelt sich weiter, wenn man Menschen kennenlernt, die ganz anders sind als man selbst. Man lernt voneinander irgendwie und ich finde es schön, wenn alles Platz hat. Wenn man auch anders sein darf und das irgendwie wertschätzt. Ih habe das immer schon gedacht – ich finde es schön, wenn Menschen unterschiedlich sind und ich finde es ist eine Bereicherung. Leider ist es oft in der Gesellschaft so, dass es viel um Anpassung geht, und sehr viel darum, dass alles irgendwie gleich ist und wenn man von der Norm abweicht, dann hat man es eher immer ein bisschen schwerer im Leben, egal um was es geht. Das finde ich eigentlich total absurd. Die Welt wäre ja oberlangweilig, wenn wir alle gleich wären. Das wäre voll schlimm. (lacht)

subtext.at: Als ob wir alle K-Pop mögen würden …
Mine: Ja. (lacht)

Credit: Simon Hegenberg

subtext.at: Ein anderer Begriff war für mich die Unabhängigkeit. Du wirst ja auch als DIY-Frau gefeiert, weil du selbst produzierst und auch alles selbst schreibst. Was bedeutet Unabhängigkeit für dich?
Mine:
Voll viel, ich habe das immer schon gewusst. Das hab ich schon ganz am Anfang gemerkt. Ich wollte mal eine Band gründen und habe dann auch ziemlich schnell gemerkt bei der ersten Probe, dass es nicht funktionieren wird, weil ich kein Bandmensch bin. Aber das ist auch deswegen so, weil ich diese kreative Freiheit total brauche, auch die Unabhängigkeit. Das liegt auch daran, dass ich von meinem Elternhaus sehr unabhängig aufgewachsen bin – ich bin ausgezogen und ich habe schon immer gearbeitet. Schon mit 14 habe ich gearbeitet. Ich habe meinen Musikunterricht selber bezahlt – also auch die finanzielle Unabhängigkeit. Ich tu mich auch schwer, mich richtig fallen zu lassen und jemandem zu vertrauen, deswegen ist es für mich noch wichtiger, dass ich mich irgendwie sicher fühle auf dem Boden, auf dem ich stehe. Das hat für mich auch was mit Unabhängigkeit zu tun, dass ich nicht abhängig bin von irgendwas oder irgendjemandem, dass ich weiß, im schlimmsten Falle kann ich mich selbst irgendwie retten.

subtext.at: Ich habe gelesen, dass du seit 2019 nur von deiner Musik alleine leben kannst. Wie war das Gefühl für dich, als du gemerkt hast, ich kann mit meinem kreativen Schaffen finanziell unabhängig sein?
Mine:
Crazy, und natürlich ist da eine große Dankbarkeit und Demut da, weil ich habe das auch nie geplant. Das hat sich so Jahr für Jahr immer mehr dahin entwickelt und dass es jetzt so gelaufen ist, das ist ein unfassbar großes Geschenk. Ich bin mir auch bewusst, dass es wahrscheinlich auch nicht so weiterlaufen wird, sondern dass das jetzt gerade eine Phase ist. Ich möchte die bewusst durchleben und mich darüber auch dauerhaft freuen, und das mache ich auch. Ich genieße es wirklich jeden Tag nur Musik machen zu dürfen und ich kenne auch viele, die sind da noch nicht an diesem Punkt. Das ist schon ein anderer Struggle. Ich hatte auch Zeiten, wo ich daneben 4 Jobs hatte, um das Ganze zu finanzieren, und wenn man das mal hatte, dann fühlt sich das echt an wie so ein Traum. Und das ist ja für mich so ein Traum. Ich verdiene ja auch nicht viel Geld, aber ich komme gut klar und das ist für mich natürlich total irre und voll schön.

subtext.at: Unabhängigkeit kann ja auch bedeuten, dass man nicht von anderen Kolleg*innen abhängig ist. Wie es für dich, mal abgesehen von den Boys, dass du da alleine produzieren kannst, ohne zusätzliche Personen zu benötigen? Ist es für dich wichtig?
Mine:
JA! Vor allem weil ich ungeduldig bin. Ich will ja, wenn ich Musik mache, immer jetzt sofort alles machen und hören, und will auch immer jetzt sofort gleich immer alles ausprobieren. Wenn ich gerade eine Idee habe, möchte ich das jetzt machen und nicht erst später. Deswegen ist das für mich auf jeden Fall schon wichtig, dass ich das alles auch irgendwie alleine hinbekomme. Außerdem bin ich auch ein Kontrollfreak, was aber nicht so gut ist, ehrlich gesagt. Ich habe natürlich auch ein Team inzwischen. Ich hab ein Management, ich habe ein Booking, ich habe ein Label mit dem ich arbeite – und dazu gehört es auch vor allem auch Vertrauen zu haben gegenüber der Arbeit von Anderen. Das hat lange gedauert, bis ich zu dem Punkt gekommen bin, dass ich da so weit die Kontrolle abgegeben konnte und das ich nicht alles kontrolliert habe. (lacht) Weil ich halt auch da das Gefühl habe, dass mein Name darunter steht. Ich möchte, dass alles irgendwie cool läuft. Das ist auch ein Weg, den man gehen muss. Man kann es nicht alleine machen. Ich habe auch nur 24 Stunden Zeit am Tag und wenn man nichts abgibt, dann kann man den Job auch nicht machen. Weil ab einem gewissen Punkt ist das so viel zu tun, das geht dann einfach nicht mehr.

subtext.at: War das für dich ein schwieriger Prozess, es loszulassen, zu anderen Menschen das Vertrauen aufzubauen, dass diese ihren Job auch gut machen können?
Mine:
Ja. Und es tut mir auch wirklich teilweise sehr leid. Also ich glaube, dass viele Leute in meinem Umfeld sich vielleicht da oft nicht wertgeschätzt gefühlt haben. Das ist mir bewusst und das tut mir auch echt leid und ich hab es auch oft gesagt, mir war es auch öfters bewuss. Aber es macht es halt nicht besser, wenn ich das dann nicht unter Kontrolle bekomme. Das war auf jeden Fall ein langer Prozess. Inzwischen ist es anders, aber das war auf jeden Fall ein Lernweg.

subtext.at: Aber man entwickelt sich ja auch immer weiter. Du hast auch in einem anderen Interview den Lernprozess vom Musikmachen mal angesprochen, dass sich da bei dir mit weiteren Ausbildungen, mit weiteren Erfahrungen oder neuen Bekanntschaften/ Freund*innen auch viel getan hat. Würdest du es heute nochmal machen, dass du eine EP von dir verschwinden lässt, wie du es mit der allerersten gemacht hast?
Mine:
Ob ich nochmal eine CD verschwinden lassen würde? Nein, würde ich nicht. Das war damals eher so, dass ich noch gar nicht wusste, was ich eigentlich will und ich zu dem Zeitpunkt gedacht habe, dass andere Menschen, die das professionell machen, besser wissen, was ich will. Aber das ist Quatsch, das wusste ich damals noch nicht – aber jetzt inzwischen ist es so, dass ich mit allem, was ich veröffentlicht habe, total happy bin. Auch wenn ich teilweise bestimmt sagen würde, dass ich Manches heute anders produzieren würde. Aber für die Zeit, in der ich es produziert habe, war es genauso richtig, wie es sein sollte. Und ich finde auch alle Alben super – ich finde man hört natürlich, dass ich damals anders klang als jetzt, aber in der Zeit war das halt genau so für mich das Richtige. Deswegen würde ich nichts davon wieder zurückziehen. Ne.

subtext.at: Das heißt du bist stolz auf deinen Entwicklungsprozess, den du bis jetzt gemacht hast?
Mine:
Ja. Stolz sein heißt, als würde man irgendwas Krasses geleistet haben (lacht).

subtext.at: Ich finde schon, dass du das hast.
Mine: Ja, aber das fühlt sich für mich nicht so an. Das ist eher so eine Spielwiese für mich. Ich darf halt ganz viel ausprobieren – und dadurch gucke ich immer dahin, wo das Licht gerade am hellsten für mich leuchtet, kreativ. Und dahin flieg ich dann und probiere das und das aus, damit mir selber nicht langweilig wird. Ich merke natürlich selber, dass ich im Produzieren besser werde, dass ich schneller werde, dass ich technische Sachen „mehr weiß“. Aber das ist ja ganz natürlich, wenn man sich mit Dingen auseinandersetzt, dass man in dem einfach ein bisschen wächst und besser wird. Aber ich bin jetzt nicht selbst stolz. Ich finde, jemand sollte stolz auf sein Schaffen sein, wenn er irgendwas für die Menschheit getan hat. Wenn er bei Sea-Watch arbeitet oder die Welt zu einem besseren Ort macht. Ich verwirkliche mich ja in erster Linie selbst und eigentlich ist es ja eine tief narzisstische Sache (lacht). Deswegen finde ich es ein bisschen „drüber“, zu sagen, ich bin stolz auf mein Schaffen. Ich bin froh, dass ich es machen darf. Ich bin mir schon auch bewusst, dass ich es ganz gut mache, so wie ich es mache, aber ich sehe das jetzt nicht so als was ganz Besonderes an oder so.

subtext.at: Kannst du aber! Weil du das jetzt eh auch so mit Sea-Watch und so angesprochen hast: wie politisch möchtest du in deinem musikalischen Schaffen sein oder bleiben? Findest du, dass du politisch bist?
Mine:
Naja, jeder Mensch ist irgendwo politisch, ob er will oder nicht. Ich kann es aber nicht sagen, weil ich mach immer das, was mich gerade bewegt. Ich bin im letzten Jahr auf jeden Fall immer politischer geworden, weil ich mich sehr viel damit auseinandergesetzt habe. Wir leben auch gerade in einer sehr politischen Zeit, deswegen wird es mich auf jeden Fall auch noch länger begleiten, auch weil ich viel in diesem Bereich gelernt habe und das jetzt nicht einfach wieder wegzudenken ist. Aber es ist nicht so, dass ich mir gedacht habe “und jetzt mach ich ein paar politische Songs”, sondern ich habe mich halt als Mensch ein bisschen mehr dahin entwickelt – und das ist jetzt auch nicht mehr wegzudenken. Das ist halt so. Es kann auch sein, dass mich irgendwann mal wieder was ganz Anderes mehr anzieht oder gerade die politischen Zeiten … vielleicht wird automatisch wieder alles besser werden (lacht). Wahrscheinlich nicht (lacht). Und dann denkt man gerade über andere Dinge nach – kommt ja immer auf die Zeit drauf an – und dann schreibe ich wieder über was ganz Anderes. Ich kann das echt nicht sagen. Wird sich zeigen mit der Zeit.

subtext.at: Hast du dich schon mal parteipolitisch engagiert?
Mine:
Nein. Das ist nicht mein Ding, also ich möchte nicht in die Politik gehen. Ich würde wenn, dann aktivistisch irgendwas machen, aber ich möchte mich keiner Partei anschließen.

subtext.at: Also das mit der Bundeskanzlerin wird nichts werden?
Mine: (lacht) Never, Alter. Ich habe auch überhaupt keine Lust mit Leuten abzuhängen die Politik machen, muss ich ganz ehrlich sagen. Das ist auch nicht meine Welt, das würde mich ganz arg anstrengen.

subtext.at: Ist dir eine gewisse Vorbildwirkung bewusst, was du mit deiner Musik machst oder bei anderen Menschen damit auslöst?
Mine: Vorbild vielleicht nicht, aber mir ist schon bewusst, dass mir mehr Leute zuhören als jemandem, der nicht auf die Bühne geht. Aber ich sehe das eher als Verantwortung als dass ich das Gefühl habe ein Vorbild zu sein. Ich habe eher das Gefühl, dass ich gerne darauf achten möchte, was ich sage, wie ich die Sprache benutze und wie ich auch die Verantwortung nütze. Ich bin ja auch ein großer Fan der Kunstfreiheit und finde es wichtig, dass immer alles auch gesagt werden darf. Ich entscheide mich aber auch ganz aktiv dafür, gewisse Sachen nicht zu sagen. Weil ich denke, dass es manche Dinge gibt, die nicht notwendig sind, um Kunst zu benützen oder zu übertragen, und man dadurch vielleicht auch Menschen verletzt –  ich achte da schon drauf, aber das ist eine ganz persönliche Entscheidung.

subtext.at: Ist es für dich eine Art Druck, hat das was mit Bürde oder einer Last zu tun, oder ist es eine freie Entscheidung, wo es nicht schwierig ist für dich?
Mine:
Nö, das ist für mich gar nicht schwierig, ich will mir den Schuh auch nicht anziehen. Es gibt viele Leute, die ich kenne, auch die teilweise Wörter verwenden oder verwendet haben wie „Spast“ oder so  – und ich muss sagen an dem Beispiel, ich möchte das gar nicht benutzen. Ich habe keinen Bock das zu benützen, andere sagen aber, dass es so toll puncht. Aber dann denk ich mir halt, dann musst du halt auch damit leben, dass du Menschen damit halt auch verletzt. Du kannst das natürlich benützen, das ist deine Freiheit, aber dann musst du dir auch den Schuh anziehen, dass sich Leute dadurch verletzt fühlen. Und ich möchte mir diesen Schuh einfach nicht anziehen. Und ich will auch keine Leute verletzen. Ich glaube halt, dass es immer eine Alternative gibt, die genauso gut ist. Wir sind doch kreative Menschen und können uns was anderes ausdenken. Ich bin mir sicher, dass es ein anderes Wort gibt, was mindestens genauso schön treffend ist, dafür muss man nicht Menschen beleidigen. Das ist meine Meinung, und ich denke halt auch, dass Provokation zum Beispiel nie ein Grund ist. Es gibt ja auch ganz viele Musiker*innen, die dann sagen es sei viel geiler, weil es ist provokanter ist. Und es ist irgendwie so ein Jugendding, aber ich bin halt auch keine 16 mehr. Ich bin 35 und ich habe auch kein Interesse mehr daran, nur durch Provokation irgendwas zu erreichen. Für mich ist es nicht notwendig, es kickt mich halt auch nicht, nur etwas zu sagen, was andere aufregt oder so. Das ist halt so, das muss jeder für sich entscheiden. Für mich ist es nicht so, dass ich das Gefühl habem ich enge mich ein oder ich muss darauf achten. Ich habe halt keine Lust darauf mwas zu benützen, was in meinen Augen einfach vielleicht nicht cool ist oder Menschen verletzt.

subtext.at: Ich würde noch kurz mit dir über das Tourleben sprechen. Auch wenn es im Moment noch nicht möglich ist. Aber du hast im November eine Tour geplant, was sind so Wünsche an diese Tour?
Mine:
Dass sie stattfindet.

subtext.at: Wirklich?
Mine: Ich mach mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken. Ich geh jetzt nicht davon aus, dass sie sicher stattfindet. Ich gehe aber auch nicht davon aus, dass sie abgesagt oder verschoben wird. Wir haben einen Plan B, wir haben quasi die Tour schon verschoben und auch gebookt im Falle des Falles, aber ich denk darüber nicht nach. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren und mich darauf zu freuen, wenn es so weit ist. Das ist meine Taktik überhaupt mit dem ganzen Ding umzugehen und deswegen kann ich darüber gar nicht so viel sagen.

subtext.at: Gibt es irgendwas, was dir besonders wichtig ist am Tourleben? Oder am Tourdasein?
Mine:
Die Crew. Ja, wirklich. Ich arbeite nur mit Freunden zusammen und ich möchte auch nur mit Leuten zusammen arbeiten, die, ähm cool sind, die respektvoll sind, die cool miteinander umgehen, die gut ins Team reinpassen. Das ist mir wichtig.

subtext.at: Wählst du die dann auch selbst aus?
Mine:
Ja klar. Also die Meisten sind ja auch seit Anfang an dabei, schon seit 10 Jahren. Und alle anderen sind auch schon lange dabei. Die Philo ist als letztes dazu gekommen, das war vor 4 Jahren. Ich möchte die Crew auch nicht ändern. Wenn keiner aussteigt, lass ich sie nicht gehen. (lacht)

subtext.at: Das ist eigentlich ein netter Schluss, würde ich sagen.
Mine: Ja. (lacht)

Mine: Hinüber
VÖ: 30.04.2021, Caroline, CD/LP/Digital
Tracklist
1. Hinüber
2. Bitte Bleib
3. Kdmh
4. Mein Herz
5. Audiot
6. Eiscreme
7. Lambadaimlimbo
8. Elefant
9. Tier
10. Unfall
Facebook / Homepage

Alle Fotos: Simon Hegenberg

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