Vitamin C, D & Dopamin: My Ugly Clementine’s Gute-Laune-Cocktail

Zu schreiben, My Ugly Clementine hätten die Herzen der Konzertbesucher:innen im Sturm erobert, wäre falsch. In unser Herz geschlossen haben wir die Supergroup und ihre starke, ehrliche und stimmungsaufhellende Musik schon längst! Umso schöner war es natürlich für die Vielzahl an Fans, die Band am 19.8. wieder hautnah auf der Frischluft-Bühne im Linzer Posthof zu erleben.

Der laue Sommerabend ganz ohne Regenwolken (grenzt das schon an ein Wunder?) und das dazu  perfekt getimte Beisl-BBQ sorgten für eine ausgezeichnete Unterlage für die letzte Sommershow von My Ugly Clementine. Das Set startete, genau wie ihr Album „Vitamin C“, das 2020 zu Europas Indie-Album des Jahres gekührt wurde, mit „Playground“, womit die vierköpfige Band von Anfang an die Stimmung in die Höhe schießen ließ und ein powervolles Statement für Feminismus setzte. Auch an künstlerischer Power fehlt es den Musiker:innen rund um Sophie Lindinger (Leyya) keinesfalls! Alle vier überzeugten bei ihrer Live-Performance mit musikalischer Exzellenz an ihren Instrumenten und mit starken  Stimmen. Schön ist dabei vor allem, dass das Stichwort „Gleichberechtigung“ nicht nur in ihren Songs eine wichtige Rolle spielt, sondern dass auch in der Band kein wirklicher Lead-Character zu erkennen ist und alle ihre einzigartige Note einfließen lassen. Was aber fast noch wichtiger ist, zumindest was die Gewährleistung einer guten Stimmung angeht, ist, dass man es My Ugly Clementine jede Sekunde auf der Bühne anmerkt, wieviel Freude sie am gemeinsamen Musizieren haben.

Gleich zu Beginn war es Kem am Schagzeug (auch bekannt durch das Soloprojekt Kerosin95) ein Anliegen, das Publikum auf einen respektvollen Umgang miteinander zu verweisen, da das Bedürfnis nach personal space und unerwünschte Berührungen manchmal in der Konzerteuphorie verschwimmen können. Außerdem wurde der Posthof freundlich darauf hingewiesen, man könne doch ein bisschen über den Tellerrand der Geschlechterbinarität hinwegschauen, beispielsweise mit genderneutralen Toiletten. Dieses Announcement wurde bekräftigt durch den Song „Who“, der ebendieses Thema von (Geschlechter-)Rollen und Voreingenommenheiten behandelt.

Wie gut die Gruppe aufeinander abgestimmt ist merkte man vor allem an der Ballade „Try Me“, in der Mira Lu Kovacs‘ (5KHD) und Sophie’s Stimmen perfekt harmonierten. Auch Kem zaubert bei My Ugly Clementine weiche Gänsehaut-Gesangslinien aus der Tasche, obwohl man doch von Kerosin95 eher laute, gerappte Statements zu hören bekommt. Selbstverständlich soll auch die doppelte Gitarrenpower von Mira und Nastasja Ronck (Lucid Kid) nicht unerwähnt bleiben. Im Programm von My Ugly Clementine sind ruhige, liebliche Balladen allerdings die Ausnahme, im Album finden sich sonst eher „In-die-Fresse-Song für FLINTAs“ („Don’t Talk To Me“), wie Kem es auf den Punkt brachte, oder „grantige Walzer“ („I’m Boring“). Aber nicht nur mit ihren eigenen Songs können My Ugly Clementine punkten. Vor allem das mittlerweile bekannte Cover von Natascha Bedingfield’s „Unwritten“, das sich die vier Musiker:innen mit einem genialen Arrangement zueigen machten (momentan sogar ihre #1 auf Spotify!), verleitete die Zuhörer:innen zum Jubeln und Mitsingen.

Hoch anrechnen darf man den Künstler:innen außerdem, dass ihnen nicht nur Gleichberechtigung und Empowerment wichtig sind, sondern sie ihre Reichweite auch für aktuelle Themen nutzen. So wurden am Donnerstag die Hälfte der Merchandise-Einnahmen für Hilfe in Afghanistan gespendet.

Mangels neuer Songs sollte das Konzert nach dem offiziell letzten Rausschmeisser „Never Be Yours“ und zwei obligatorischen Zugaben zu Ende gehen – das war den Fans aber wurscht! Nach lautstarken „Zugabe!“-Rufen und Publikumsabstimmung wurde deshalb noch einmal „Who“ angestimmt, womit Publikum und Band in den verliebenen Abend entlassen wurden. Summa summarum eins der kurzweiligsten Konzerte seit langem, das beim Publikum definitiv die Vorfreude auf die bevorstehende Tour im November und Dezember 2021 geweckt hat. Falls da schon neue Songs mit an Bord sind würde es bestimmt auch niemanden stören, wenn die Konzerte in Zukunft ein bisschen länger dauern!

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geschrieben von

Tagsüber Lehrerin und Sportskanone, nachts subtext-Journalistin, Backstage-Crew, gelegentlich auch Vorband. Cello, vocals, piano.

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