Festival „Der neue Heimatfilm“: Ghasideyeh gave sefid / Ballade von der weißen Kuh

Der autobiographische Film über eine unschuldige Hinrichtung und das Leben der zurückgebliebenen von Filmemacher*innen Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam hats sich den Hauptpreis des Heimatfilmfestivals klar verdient. 

Der Film „Ghasideyeh gave sefid / Ballade von der weißen Kuh“ wurde von der heurigen Spielfilmjury mit dem Spielfilm der Stadt Freistadt augezeichnet (dotiert mit 2.500 Euro). Auch wir haben uns den Film vorweg angeschaut und sind mit der Jury einer Meinung.

„Der Film überzeugt nicht nur durch seine politischen Implikationen, sondern auch durch die Kameraarbeit, die den gesellschaftlichen Stillstand und die eingeschränkten Möglichkeiten der Frauen im Iran in adäquate Bilder übersetzt und Form und Inhalt in Einklang bringt.“
Jury Spielfilm Wettbewerb

Filmproduzent Behtash Sanaeeha und Regiseurin/Hauptdarstellerin Maryam Moghaddam hatten es schon beim Ansuchen um Drehgenehmigung für den Film nicht einfach – eine Erlaubnis für das öffentliche Vorführen in Iran ist immer noch ausständig. Grund dafür ist die teilweise autobiografische Geschichte von Maryam Moghaddam, die Regisseurin verkörpert im Film ihre Mutter Mina. Mina ist eine junge Mutter, welche ihren Mann aufgrund einer Hinrichtung verloren hat. Nach der Ermordung ihres Mannes erfährt Sie, dass er die Tat nicht begangen hat und unschuldig zu Tode verurteilt worden ist. Die Welt von Mina bricht nun komplett zusammen. Nach dem Tod ihres Mannes schaffte sie es gerade so für sich und ihre taubstumme Tochter Bita zu sorgen, indem sie einen Job bei einer Milchverpackungsfirma beginnt. Zwar entschuldigt sich der Staat bei ihr für seinen Fehler und bietet finanzielle Entschädigung an, aber für Mina ist es nicht ausreichend und deswegen versucht sie eine Beschwerde gegen den entscheidenden Richter zu machen. Fast zeitgleich erscheint Reza auf der Bildfläche, der sich als alter Freund ihres Mannes vorstellt und ihr bei der Wohnungssuche und auch sonst finanziell helfend unter die Arme greift. Trotz anfänglicher Skepsis lässt Mina Reza immer mehr an ihrem Leben teilhaben ohne zu wissen, dass es sich dabei um einen der Richter handelt, welcher fälschlicherweise den Antrag für die Hinrichtung ihres Mannes unterschrieben haben.

Die weiße Kuh im Titel, zu Beginn und am Ende des Filmes soll auf zwei Aspekte im Film hinweisen. Zum Einen ist die weiße Kuh im Islam ein Zeichen für Unschuld und zum Anderen gibt es ein Kapitel im Koran, wo weiße Kühe vorkommen – und das ist laut Filmemacherin das Kapitel, wo die Fundamente der Jusitz verschriftlicht sind. Im Iran gibt es keine Trennung von Staat und Religion, sondern auch die Gesetze richten und die Exekution richten sich nach dem Koran. So spricht man im Iran oft von dem „An eye for an eye“ – Prinzip, welches auch so umgesetzt wird.

Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam zeigen uns mit ihrem Film auch eine Welt, wo alleinstehende Frauen kaum die Möglichkeit haben eine Wohnung zu finden und auf eine gleiche Stufe wie Haustierbesitzer*innen oder drogenabhängige Personen gestellt werden. Wo Frauen Angst haben müssen, dass ihnen die Vormundschaft ihrer Kinder ohne Grund entzogen wird, sobald sie verwitwet sind oder sich getrennt haben. Eine Welt, die sich sehr stark an den patriarchalischen und religiösen Grundsätzen orientiert und wo eine Frau unterdrückt wird bzw. ein eigenständiges Leben ohne Mann kaum möglich ist. Die Filmemacher*innen spiegeln hier eine Gesellschaft mit ihren extrem bevormundenden Umgangsformen wieder und geben uns somit einen Einblick, was es bedeutet, eine alleinerziehende Mutter nur knapp 4000 Kilometer östlich von Österreich zu sein. Hauptdarstellerin Maryam Moghaddam erzählte im Q&A, dass die Tochter bewusst als taubstumm dargestellt wurde und es sich hier um eine Metapher für die kulturinteressierten Frauen im Land handelt, die zwar viel zu sagen hätten, dies aber aufgrund ihres Stellenwertes als Frau nicht können. Sie selbst war auch 7 Jahre alt, als ihre Familie ein ähnliches Schicksal erlitt und auch ihr Vater unschuldig verurteilt wurde – deswegen war es für sie auch so ein großes Anliegen, den Film zu machen.

Die beiden Filmemacher*innen haben mit „Ghasideyeh gave sefid / Ballade von der weißen Kuh“ einen Film gemacht, der einen komplett in Beschlag nimmt und einen in die Gefühlwelt von Mina eintauchen lässt. Ein Film, der auf jeden Fall jede Auszeichnung verdient hat und wir wünschen Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam von ganzem Herzen, diesen wichtigen Film auch bald in ihrer Heimat vorführen zu können.

Ghasideyeh gave sefid/Ballade von der weißen Kuh
Regie: Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam
Kamera: Amin Jafari
Darsteller: Maryam Moghaddam, Alireza Sanifar, Pourya Rahimisam u.a.
IR/FR, 2020 | 105 min

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Konzerte - Filme - Bücher - Musik - Kunst // Sozialarbeiterin - Veranstalterin - Redakteurin - Fotografin

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