Fotos: Filmladen Filmverleih

The Bubble: Isoliert in der schönen Blase des Rentenparadieses

In Zentralflorida erstreckt sich die Senior:innensiedlung „The Villages“ über 142 Quadratkilometer und ist mit rund 150.000 Menschen, 54 Golfplätzen, 70 Swimming Pools sowie zahlreichen weiteren Freizeitaktivitäten nicht nur die größte Rentner:innenstadt der Welt, sondern auch die am schnellsten wachsende Gemeinde der USA. Die meist aus dem Norden stammende und fast ausschließlich weiße, republikanisch geprägte Bewohnerschaft der Retortenstadt kommt ins sonnige Florida, um die letzten Jahre ihres Lebens endlich voll und ganz genießen zu können – gearbeitet und verzichtet wurde schließlich genug. An morgen denkt hier niemand – sehr zum Leidwesen der Einheimischen, wie der Dokumentarfilm The Bubble der österreichischen Regisseurin Valerie Blankenbyl zeigt.

„Your retirement adventure starts here“, wirbt die Website von „The Villages“ um neue Einwohner:innen. Die Betonung liegt dabei auf adventure, wie auch eine Bewohnerin am Anfang des Films erzählt. Früher wäre man in Alterseinrichtungen gegangen, um zu sterben. In „The Villages“ erreiche man durch den aktiven Lebensstil aber locker nochmal zehn Jahre mehr. Und tatsächlich: Die Golfplätze sind voll, die Tanzkurse und Bars ebenso – die Menschen genießen hier das Leben. Unter sich.

In den Villages lebt niemand unter 55. Und fast niemand, der nicht weiß ist. Knapp 150.000 Personen wohnen hier in einer Gated Community, in der die Belohnung für ein hartes Leben oberste Priorität hat. Über die Distanz zur eigenen Familie und damit auch zu Verantwortung und Verpflichtungen freuen sich nicht wenige Einwohner:innen. Nach zahlreichen Jahren, in denen auf vieles verzichtet werden musste, ist es nun an der Zeit, egoistisch zu sein. Ein Motiv, das nachvollziehbar scheint, aber laut einer Lokaljournalistin auch ein Problem mit sich bringt: Die Isolierung in der Bubble. Die Einwohner:innen umgeben sich nur noch mit „ihresgleichen“ und nutzen „The Villages“ als eine Art Realitätsflucht – es liegt nun an den anderen da draußen, die Probleme des Landes zu lösen. Man selbst lebe in der eigenen, schönen und abgeriegelten Community weiter, in der viele das Weltbild des weißen Trump-Amerikas teilen.

„The Villages“ haben enorme Anziehungskraft – seit Jahren wächst die Gemeinde an und das familiengeführte Unternehmen kauft immer mehr Land rundherum auf, um mehr Siedlungen zu bauen. Einheimische sind vom Projekt zunehmend betroffen: Der Flächenverbau geschieht nahezu unreglementiert, die Naturlandschaft wird zerstört, Bäume gefällt, Tiere vertrieben. Darüber hinaus sinkt durch den enormen Wasserverbrauch in „The Villages“ auch der Grundwasserspiegel. Landeigentümer:innen werden unter Druck gesetzt, ihre Flächen zu verkaufen. Immer mehr Familien ziehen weg. Durch die Lokalpolitik fühlen sie sich nicht repräsentiert, Geld spielt eine zu große Rolle. Dem Problem, das sie in den umliegenden Gemeinden verursachen, sind sich zumindest einige Bewohner:innen von „The Villages“ bewusst. Ihre Antwort fällt aber gemäß ihres Weltbilds unbeeindruckt aus: „That’s how capitalism works“.

Mit The Bubble ist Valerie Blankenbyl mehr als ein Gesellschaftsporträt gelungen, sie leistet Aufklärungsarbeit. Einerseits bildet sie die Bedürfnisse der älteren Generation ab (auch wenn die teilweise wohl bewusst nicht sehr empathisch gestaltet sind) und zeigt andererseits die Konflikte auf, die mit dem Projekt eingehergehen. Sie lässt Ungehörte zu Wort kommen und stellt einmal mehr einen Grundsatz unter Beweis. der wohl auch im sonnigen Florida gilt – wo viel Licht, da viel Schatten.

The Bubble
Valerie Blankenbyl
Österreich / Schweiz 2021
92 Minuten
 Englisch
Omdu
 

Fotos: Catpicx, Golden Girls Filmproduktion & Filmservices GmbH

Schreibt gern, am liebsten über Filme, Serien und Theater. Diskutiert gern, am liebsten über Eishockey und Football. Reist gern, am liebsten nach Skandinavien.