Sons Of Cain
Foto: Crossing Europe

Crossing Europe 2022: Sons of Caïn

Ein kleines Dorf in Albanien wird mit malerischen Bildgewalten auf die Leinwand gebracht, dabei ist die Realität doch ganz anders: Die Tradition der Blutrache ist dort noch fest verwurzelt. Ein Teufelskreis, der das Leben der Ansässigen täglich verändert. Die Hoffnung für die Zukunft sind die Kinder, aber kann man solch einer Grausamkeit entrinnen, wenn man schon sein ganzes Leben damit aufwächst? Und kann man wirklich jemandem verzeihen, der ein Familienmitglied umgebracht hat?

Mit wundervollen Landschaftsaufnahmen und einem Soundtrack zum Dahinschmelzen lädt einen dieser nur rund eine Stunde langer Film auf eine Reise ein, dessen Schlagkraft völlig unerwartet daherkommt. Nein, es werden keine Rachemorde inszeniert. Es wird auch keine Familie dokumentiert, die sich gerade einsperren oder verstecken muss, um nicht Opfer zu werden. Es sind die Kinder, auf die man sich fokussiert. Mit einem Kleinbus werden die sieben Kinder nacheinander aufgegabelt, es wirkt fast wie eine Art Feriencamp, auf dass sie sich begeben.

Bei romantischem Lagerfeuer sitzen sie dann, ganz ohne Erwachsene, mit nur einer Aufgabe: Sie sollen über die Geschichte von Kain und Abel diskutieren. Cain tötet aus Neid seinen großen Bruder Abel und wird daraufhin von Gott vom Land verbannt. Die perfekte Geschichte, um den “Kanun” (den Kodex, nach dem die Gemeinde lebt und Blutrache vorschreibt) aufzurollen.

Kinder werden zu lehrern

Man erwartet sich also sieben Kinder, die da sitzen und eine biblische Geschichte aufarbeiten. Man möchte zuhören, es klingt interessant. Was man aber nicht erwartet ist, dass man auf einmal belehrt wird. Von Kindern, die teilweise noch nicht einmal 10 Jahre alt sind, bekommt man Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben, die kein Philosoph hätte besser formulieren können.

Es ist ein unglaublich eindringlicher Film mit Gänsehautgarantie. Er zeigt neben dem Philosophieren auch noch die Natur Albaniens von seiner besten Seitesx. Auch die Szenen mit den Eltern der Kinder sind unglaublich aufschlussreich. Wie alte Rituale und Traditionen Leben prägen und leiten können. Es ist ein Einblick, der ganz ohne Blut oder Gewalt auskommt. Eine Wucht ist er aber trotzdem, wahrscheinlich auch gerade deswegen.

Mit einem Wort: Unglaublich. Es ist eine Erinnerung daran, dass gerade junge Menschen mit ihrem unschuldigen Blick Gedanken aufzeigen können, die jedes noch so überlegte Denken in den Schatten stellen können. Ein Werk gefüllt mit Zitaten, die man sich leider unmöglich alle merken kann. Aber besonders das Wort “Verzeihen” wird man nach diesen rund 70 Minuten völlig anders verstehen. Eines der absoluten Must-Sees des diesjährigen Festivals.

Sons of Caïn
Keti Stamo
Frankreich / Albanien / Italien 2021
69 Minuten
Albanisch
OmeU

www.crossingeurope.at

Macht mal dies, mal das. Manchmal kommt dann dabei sogar Design, Filmografie oder was Geschriebenes raus.