Das war das Ottensheim Open Air 2025
Eines der gemütlichsten Festival des Landes: das Ottensheim Open Air. Am vergangenen Wochenende ging das Fest am Rodlgelände in die 32. Auflage. Mit buntem Lineup, von Folk-Pop bis Afro-Dub.
Zugegeben: auch wir haben uns schon seit Längerem in das idyllische Ambiente des Ottensheim Open Airs verliebt. Seit 1993 bringt das Festival bunte Kleckse in die hiesige Musiklandschaft – oft sehr weit weg von Mainstream und mit einem Lineup, das man auf anderen Festivals wohl so nie finden könnte. Außerde hat das Festival etwas geschafft, was gerade in der freien Kulturarbeit oft eine Herausforderung ist: den Generationenwechsel der Verantwortlichen zu schaffen ohne daran zu zerbrechen. Alleine dafür: chapeau!
Freitag: Auftakt mit Rock und Hip-Hop
2025 wurde an zwei Tagen wieder ein buntes Linup geboten. Der Freitag startete mit Snessia & Unrat, von denen wir leider anreisebedingt nur mehr die letzten Takte mitbekommen haben. Die Hip-Hop-Künstlerin verbindet ihre Musik mit unterstützenswerten Messages, immer feministisch, immer politisch. Aber auch mit einem gewissen Augenzwinkern blickt sie auf die oft nicht verständliche Musikszene – oder, um es mit Snessia auszudrücken: „lasst sie durch, sie ist Artist!“.
Danach wurde es lauter. Wobei, auch leiser. Denn eigentlich wäre die musikalische Urgewalt von Ozymandias an der Reihe gewesen, die ihre aktuelle Platte „Let’s Rot“ im Gepäck gehabt hätten. Ihr merkt anhand des Konjunktivs: das war wohl nix, denn der Frontmann nahm den Albentitel wohl etwas zu genau und machte Bekanntschaft mit der hiesigen Spitalslandschaft anstatt der Main Stage. Gute Besserung an der Stelle – einspringen durfte ebenfalls eine Band aus Linz. The Vampyres sind mit Out Of The Crypt 2019 aus der musikalischen Gruft aufgetaucht und haben ihren Platz danach mit In The Night fortgesetzt. Wie sich herausstellte ein würdiger Ersatz für Ozymandias. Rock der düsteren Sorte, der auch eine erste größere Crowd vor der Stage versammelte. Gut gemacht und Danke nochmals fürs Einspringen!
Leber: laut, wütend, aber mit Leberkäse
Weiter ging es mit der nächsten Band der Marke „laut“. Leber hat sich in der Szene in der jüngeren Vergangenheit bereits einen Ruf als exzellente Live-Band erarbeitet. Es reicht! heißt die heuer erschienene Debutplatte – und der Name ist Programm. Neben politischen Messages wie in Nein oder Toxisch wird hier auch die heimliche Lieblingsspeise der Österreicher:innnen, das Leberkässemmerl, musikalisch besungen. Gabs zwar am Ottensheim Open Air nicht, die Bosna war aber eh auch halbwegs leiwand. Eine energiegeladene Performance, die den Kontrast zum folgenden Programm aber dann doch offensichtlich machte.
Lucy Kruger & The Lost Boys: Highlight?
Nach dem Leber’schen Energieanfall wurden danach sanftere Töne auf der Stage geboten. Lucy Kruger & The Lost Boys durften das Hauptabendprogramm bespielen. Eine Band, die uns bereits im Rahmen des Gastspiels in der Stadtwerkstatt nachhaltigst in Erinnerung geblieben ist. In Südafrika aufgewachsen und mittlerweile in Berlin beheimatet bietet Lucy Kruger samt bestens aufgelegter Live-Band eine Show, die Gänsehaut garantiert. Eine Show, die in Erinnerung bleibt, nicht nur weil Songs wie Ambient Heat und Howl auch nach dem Konzert noch nachhallen. Eine Bühnenpräsenz samt stimmiger Lichtshow einer Künstlerin, die ihren Auftritt mehr als nur zelebriert. Unser Highlight des ersten Festivaltages!
Dekker
Den vorletzten Slot bespielen durfte Dekker. Brooklyn Dekker stammt aus den USA, lebt mittlerweile im UK und ist einer der spannendsten Acts, die das Ottensheim Open Air heuer aufgeboten hat. Future Ghosts heißt das dritte Soloalbum des US-Amerikaners, das auf einschlägigen Streamingplattformen Aufrufe in Millionenhöhe hat. Gemeinsam mit dem Drummer Stefan Wittich ein intensives Folk-Erlebnis, in das man eintauchen muss. Stilistisch passend nach dem Lucy Kruger-Highlight, und wohl ein Artist, den man sich am Acoustic Lakeside während des Sonnenunterganges wünschen würde. In Ottensheim hatte er einen gefühlt schwereren Stand als verdient – wohl dem lauten Auftakt und auch dem Konzert davor geschuldet. Dennoch ein berührendes Konzert, das man in einem „klassischen“ Konzertsetting im Herbst sicher auch noch besser genießen könnte.
Deki Alem
Den Abend als letzter offizieller Liveact beschließen durften Deki Alem. Das schwedische Brüderpaar Sammy und Johnny Bennett brachte Einiges an Energie mit und lud die Menge zum Tanzen ein. Samt bestens aufgelegtem Drummer im Hintergrund boten sie eine Preview auf ihr Album Forget in Mass, das am 8. August dann auch offiziell releast wird. So boten die beiden eine energiegeladene Show, die dann doch leider gefühlt etwas kurz geraten war. Schade, denn tanzen durfte man bei Deki Alem, und man fühlte sich nicht selten an Acts wie Young Fathers erinnert. Macht Spaß, und irgendwie auch cool, dass solche Acts in Ottensheim spielen!
Und wer danach schon zur Afterparty wollte, wurde leider enttäuscht: denn den eigentlichen After-Headliner durfte man auf der Häusl-Stage bewundern. Neben dem Klowagen unter dem eigentlichen Merchzelt (regenbedingt!) durften Csibész & The Csirkefogók ihre Instrumente einsetzen. Was folgte: eine zufriedene Crowd, die der Menge nach nicht vor der der Mainstage hintenanstand. Eine motivierte Band, die ihren ganz eigenen Klang ins Mark der Festivalbesucher:innen hämmerte, und den eigentlichen Nicht-Slot bestmöglich nutzte. Zweites Highlight des Abends und würdiger Abendausklang!
Start am Samstag: Bobo romo
Seit 2021 stehen sie auf Bühnen, wobei das Quartett nicht unwahrscheinlicher hätte zueinander finden können. Bobo Romo, bestehend aus einem Portugiesen, zwei Österreichern und einem Niederländer treffen sich ausgerechnet in Utrecht und gründen daraufhin ihr Bandprojekt. Mit glänzend silbernen Astronautenanzügen geben sie dabei ihre Lieder live zum beste. Veortet sind sie dabei irgendwo zwischen Krautrock, New Wave, Dream-Pop als auch Indie-Rock, abgerundet mit experimentellen Elementen. Instrumental setzen sie sich klassisch aus Vocals, Keys, Gitarre, Bass und Schlagzeug zusammen. Ihre Lieder sind dabei nicht nur Englisch, sondern auch voll mit deutschen Lyrics mit österreichischem Dialekt. So entsteht ein Bild, dass doch einiges an Einzigartigkeit mit sich bringt und dem Samstag vom Ottensheimer Open Air einen tollen Auftakt verpasst.
Ildikó
Nach kurzer Pause steigt auch schon die nächste Artistin auf die Bühne: Die Rapperin Ildikó. Ihr Sprechgesang handelt dabei von Themen wie Feminismus, Empowerment und Humor. Die Lyrics sind dabei gerne konfrontierend und aggressiv und reichen von tiefgründig bis leicht. Gemeinsam mit ihrem Produzent IANEK entwickelt sie dabei ihre Soundlandschaften, die auch gerne bekannte Grenzen sprengen, indem sie zum Beispiel in forciert kindlich hoher Stimme rappt. Das hat was von Wohnzimmer- / Garage-Projekt, bei dem man sich selbst einfach mal ausprobiert und danach schaut, was rauskommt. Besonders mit ihrem Song „Guck mich nich an“ hat sie dabei auf jeden Fall schon mal ein Publikum gefunden. Ob ihr Kinderstimme-Alter-Ego auch in Zukunft fester Bestandteil bleiben wird oder sie sich eher in eine Rap- / Pop-Richtung bewegt, wird sich zeigen. Nach den ersten zwei ernsteren Songs ist das Potential aber da.
Gaia Mobilij
Das experimentell angehauchte Line-Up vom Samstag verschwindet da aber noch nicht. Gaia Mobilij – Sängerin, Komponistin und Multiintrumentalistin – eröffnet als nächste ihre ganz eigene Welt. Ursprünglich stammt sie aus Italien, lebt aber heute in Barcelona. Musikalische Einflüsse hat sie dabei aber aus aller Welt: Istanbul, Mexiko oder auch Mumbai finden sich wieder. Auch instrumental wartet sie gleich mit vollem Gepäch auf: Akkordeon, Electronics, Laute und natürlich auch Stimme. Live geloopt wird daraus dann ein Mix aus Techno, Drum’n’Bass und Trance, der für die Uhrzeit wahrscheinlich leider noch etwas zu früh war, damit sich das Publikum voll und ganz darauf einlassen kann. Ihr Sound als Alleinstellungsmerkmal und Einladung zum Tanzen bleibt ihr aber sicher.
Hackedepicciotto
Berlin wie es leibt und lebt, mitten in Ottensheim: Alexander Hacke und Danielle de Picciotto betreten als nächstes die Stage am Open Air. Hacke kennt man von der Band Einstürzende Neubauten, in diesem Projekt wird er aber wesentlich experimenteller. Akustische Instrumente wie Violine, Drehleier und Autoharp werden mit gröhlender Bassgitarre und elektronischen Elementen vermischt, was dann zum selbstbetitelten Sound der „Cinematic Drones“ wird.
Darüber wird dann entweder gesungen oder geschrien. Ihre Musik ist dabei nicht nur auf Bühnen, sondern zum Beispiel auch als Teil von Soundinstallationen oder dergleichen zu finden. Deshalb fühlt sich ihr Auftritt auch mehr nach Performance Art als nur reiner Bandauftritt an. Der Sound trägt sich dabei so dahin, die Violine und Trommel reißen die Aufmerksamkeit auf sich. Das Publikum wird dabei gegen Ende wach, wenn die Musik auch gleichzeitig etwas schneller und nicht mehr so meditativ wie zu Beginn klingt. Und so wächst dann auch schon die Vorfreude auf den Headliner.
Sodl
„Der Zugang zum Songwriting ist heilig“. Diesen Satz hat sie in ihrem Interview mit Subtext beim Release ihres Debüt-Albums über das Schreiben ihrer Songs gesagt (Hier nachlesen). Dass sie diese Leidenschaft nicht nur zum Schein trägt, wird auf der Bühne glasklar: Von Anfang an muss man Sodl für ihre Authentizität einfach sympathisch finden. Sie lebt mittlerweile in Wien, ist aber im Salzkammergut geboren. Als Gewinnerin des FM4 Awards bei den Amadeus Music Awards steht ihr aber auf jeden Fall die ganze Welt noch offen. Neben ihrer zarten Stimme, die ihrer Musik einen märchenhaften Klang verleiht, wird sie aber auch gerne laut.
Ihre E-Gitarre ist da ein treuer Begleiter und quasi schon Teil ihres Outfits. Spielerisch leicht erzählt sie von struktueller Unterdrückung und vom Kampf um Sichtbarkeit als Frau, was das Publikum sichtlich mitreißt. Ganz locker quatscht sie mit den Zuhörer:innen im Dialekt zwischen ihren Songs und manifestiert damit immer weiter die Einheit, die sie am Ende mit ihren Fans wird. Rock bis Punk und doch auch tänzerische Leichtigkeit. Klingt wie ein Widerspruch? Sodl macht’s möglich. Musik, in die man sich einfach reinlegen möchte, immer treu ihrer Herkunft: So zum Beispiel auch als zur Zugabe zu viert ein Gstanzl-Acapella zum Besten gegeben wird. So darf ein Headliner aussehen, gerne mehr davon. Wer weiß, vielleicht taucht sie auch noch auf einem Qlash auf?
Tasheeno
Wer kann jetzt das Publikum nach so einem tollen Auftritt von Sodl beisammen halten? Tasheeno ist die Antwort, die das Ottensheimer Open Air darauf gibt. Und was soll man sagen? So stutzig, wie man nach dem Lesen ihres Genres ElectronicAfroDub ist, so überzeugt wird man danach sein. Es ist ein MIx aus elektronischer Musik, technoiden Grooves und tranceartigem House sowie Dub-Elementen. Mit dem Einschlag ins afrikanische, karibische und lateinamerikanischen machen sie die Stage zu ihrem ganz eigenen Club. Ein voller mit energischem Publikum obendrein!
Auf der Bühne stehen sie mit Drums/Electronics, Bass/Synth/Electronics, Posaune und Gitarre. Und ein jeder von ihnen hat ordentlich Energie im Gepäck. Ihr Markenzeichen ist dabei die Zensurbalken-Sonnenbrille, die ein jeder trägt. Die passen dabei richtig gut zur Musik: Jeder ist hier anonym und gleichzeitig unendlich individuell, darf genau sein, wie er/sie ist. So ist auch dieser Auftritt mitreißend wie immer. Tasheeno passt live und zu später Stunde einfach immer. Die de facto Lokalmatadore des Festivals bringen es mit den wenigen Worten, die sie auf der Bühne sagen, auf den Punkt: „We play, you dance“. Und so wurde ordentlich getanzt.
Ahja, fast vergessen: natürlich gab es auch wieder einen Klo-Act. Schloidakozue. Sie waren bereits vor zwei Jahren hier, dieses Jahr haben sie Ottensheim erneut beehrt: Schloidakotze. Mit DIY Banner im Hintergrund und einer ordentlichen Ladung Punk-Energie holen sie das Publikum nahe an sich ran. Die Lyrics sind derb, bei Tracknamen wie Morgenlatte, Massenhysterie und Homo Öconomicus darf sich aber jeder selbst aussuchen, wieweit man hinterfragt. Wer‘s nicht tut, hat danach aber auf jeden Fall einen ordentlichen Muskelkater vom Tanzen und überanspruchte Stimmbänder vom ausgiebigen Mitschreien. Ganz getreu dem Titel ihres neuesten Albums: Ungeprobt aber live!
Fazit
Einmal mehr wurde das Ottensheim Openair zu einem Festivalwochenende, wie wir es uns wünschen: gemütlich, preislich fair, abwechslungsreich. Zusammen mit nettem jungen motivierten Team zumindest für uns ein Fixpunkt im Festivalkalender!
Offizielle Website
Foto & Text: Christoph Leeb, Fabian Schwarzinger
