Home is where the Acoustic Lakeside is
Trotz rechtlicher Unsicherheiten und Besuch der Finanzpolizei fand das Acoustic Lakeside 2025 zum 16. Mal am Sonnegger See statt – mit jeder Menge Musik, Emotionen und einem Line-up, das von Indie-Folk bis Rap reichte.
Zum 16. Mal findet heuer das Acoustic Lakeside Festival statt. Rund 2.500 Besucher*innen pilgern an den Sonnegger See, um drei Tage lang Musik und Gemeinschaft in entspannter Atmosphäre zu genießen. Dass es das Festival in diesem Jahr überhaupt gibt, war jedoch lange unklar. Die Finanzpolizei vertritt die Auffassung, dass der veranstaltende Kulturverein das Festival zu straff und professionell organisiert habe – so professionell, dass es ihrer Meinung nach nicht mehr als ehrenamtliche Tätigkeit einzustufen sei. Außerdem wird dem Verein vorgeworfen, Helfer*innen nicht ordnungsgemäß angemeldet zu haben. Die Veranstaltungsorganisation sei laut Finanzbehörde zu kompetent, um noch als freiwillige, unentgeltliche Arbeit durchzugehen. In erster Instanz konnte der Verein zwar einen gerichtlichen Erfolg verbuchen – doch die Finanzpolizei hat Berufung eingelegt. Damit ist die rechtliche Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen.
Donnerstag
Der erste Tag stand ganz im Zeichen des Ankommens: Zelte wurden aufgebaut, Schlafplätze eingerichtet und die Festivalwiese mit Leben gefüllt. Alte Freundschaften wurden aufgefrischt, neue Bekanntschaften geschlossen – das Acoustic-Gefühl war sofort spürbar. Auch ein Besuch der Finanzpolizei sorgte für Gesprächsstoff, doch die Stimmung blieb entspannt – nicht zuletzt dank dem im Dauerschleife gespielten Song Finanzpolizei von Scheibsta.
MAnic Youth
Im April feierten wir mit den vier Musikern noch beim Noppen Air Warm up Qlash, nun eröffnen sie unser Lieblingsfestival. Moritz Rauter, Max Zamernik, Teon Truschner und Dongsu Suh haben als Band auch Kärntner Wurzeln, leben aber mittlerweile in Wien. Bereits seit dem Debütalbum Frail sind wir von der Band angetan. Heuer veröffentlichten sie ihr bereits viertes Album perfect health. Mit lautem Sound begrüßen sie das musikbegeisterte Publikum. Ihre Musik lässt sich irgendwo zwischen Grunge, Shoegaze und Alternative verorten – auf jedenfall mit einer ordentlichen Power. So haben sie mit Songs wie perfect health und About You now bereits schon als erste Band vom Festival einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Cousines like shit
Kässy musste leider kurzfristig absagen und wurde von der wundebaren Band Cousins like shit ehrwürdig vertreten. Auch diese Band haben wir schon seit längerem in unser Herz geschlossen und sie feierten 2023 mit uns gemeinsam unseren 15. Geburtstag. Ihr erstes Album Avant Trash ist bei uns auf und ab gelaufen. Heuer im Frühjahr veröffentlichten sie ihr zweites Album Permanent Earthquake. Die Cousinen verzaubern uns jedoch nicht nur auf Platte, sondern brillieren auch live. Gute Stimmen sorgten für eine ausgelassene Stimmung. Natürlich nicht ohne Klassiker wie Barbie oder Over Night.
Salò
Nach einem Salò-Konzert ist es für uns immer wieder verwunderlich, wie die Hütte – oder im Fall vom Acoustic Lakeside das Zelt – überhaupt noch stehen kann. Dieser Herr samt Band bringt eine Energie auf die Bühne, die schlichtweg unbeschreiblich ist. Nicht nur Mikros werden wild in der Luft herumgewirbelt, auch sämtliche Körperteile werden im Takt geschüttelt.
Andreas Binder ist gebürtiger Leibnitzer (Steiermark) und hat sich in den letzten drei Jahren eine riesige Fanbase erspielt. 2022 galt er noch als Geheimtipp – beim Ahoi Pop waren nur knapp 60 Personen im Publikum, bei denen hinterließ er jedoch einen bleibenden Eindruck. Mittlerweile verbindet man den Musiker mit Bangern wie Apollonia sitzt bei Edka an der Kassa, Internetfreundin oder Ich glaube nicht an Dinosaurier. Mit mehreren Millionen Streams auf Spotify muss sich der Musiker schon längst keine Sorgen mehr machen, dass zu seinen Konzerten niemand erscheint – so war auch das Partyzelt bis oben hin voll.
Bereits ab dem ersten Ton wurde die Musik von Salò hoch gefeiert, es wurde gemosht, und die Bar wurde kurzerhand zur Tanzbühne umfunktioniert. Trotz des ganzen Trubels war es dem Musiker wichtig, dass sich alle wohlfühlen: Er verwies auf das Awareness-Konzept und bat um Rücksicht beim Tanzen.
Die restlichen Energiereserven konnten noch bei der After Show Party mit DJ Chris Crocodile abgetanzt werden. Gespielt wurden sämtliche Indieklassiker quer durch die letzen Jahrzehnte
Freitag
Bei strahlendem Badewetter wurde der zweite Festivaltag traditionsgemäß mit dem beliebten Festivalbrunch eingeläutet. Für die Aktiven gab es Aqualates mit Charly Falke, während Naturfreund*innen bei einer Kräuterwanderung mit Berit auf Entdeckungstour gingen. Literaturfans und Slam-Liebhaber*innen kamen beim Tagebuch Slam mit Diana Köhle voll auf ihre Kosten. Wer es entspannter mochte, fand seinen Platz auf der Liegewiese – mit gelegentlichem Sprung ins kühle Nass. Auch die kleinsten Besucher*innen wurden im Vogerl Nest bestens unterhalten: mit Bastelstation, Zaubershow und vielem mehr war Spaß garantiert.
Mar Pujol
Die aus Katalonien stammende Künstlerin ist der beste Beweis, dass Musik die Grenzen der Sprache überwindet. Man wird wohl fast mit Sicherheit behaupten können, dass niemand im Publikum ihre katalonischen Liedtexte lyrisch verstanden hat, verstanden hat man sie aber trotzdem. Mit Gitarre und Cello erschafft sie leichten, beflügelnden Indie gemischt mit Folk-Tradition, der den Festivalfreitag nicht besser einläuten hätte können.
Und während sich die Fläche vor der Campfire-Stage zu füllen beginnt, spricht sie in gebrochenem Englisch immer wieder zum Publikum. Zum Beispiel darüber, dass sie ein Album über eines ihrer großen Leidenschaften geschrieben hat: Essen. Bei dieser Mischung aus Humor und gefühlvollen Klängen hat sie sich das Standing Ovation am Ende voll und ganz verdient.
Oh alien
Anselma Schneider, Luca Weigl und Rafael Henninger stehen hinter dem musikalischen Projekt Oh Alien. Beim Auftritt am Lakeside war die Band jedoch zu viert. Die Musiker*innen schafften es relativ rasch, das Publikum von der Campfire Stage zur Hauptbühne zu locken.
Wer die Band von der Platte oder von anderen Auftritten kennt, wurde positiv überrascht: Die Band hat das Assignment vom Acoustic Lakeside ernst genommen – und den Synthesizer gegen ein Piano und den E-Bass gegen einen Kontrabass getauscht. So wirken ihre Songs noch gefühlvoller, leiser und filigraner.
In ihrer Musik verarbeiten sie ernste Themen wie Veränderung, Versagensängste, die ständige Selbstoptimierung und die damit verbundenen Gefühle. Perfekt aufeinander abgestimmt präsentieren sie ihre komplexen Popsongs – und beweisen dabei ihr musikalisches Talent.
Anna Buchegger
Am Noppen Air haben wir die Musikerin schon ins Herz geschlossen – wie könnte es also am Lakeside bei so einer Kulisse auch anders sein? Anna selbst meint, dass sie gar nicht mehr woanders spielen möchte. Wobei wir natürlich hoffen, dass wir sie kommenden Samstag auch bei der Sunnseitn sehen dürfen. Etwas verspätet huschte die Salzburgerin mit ihrem Schlagzeuger David Wöhrer zwischen dem in Bademontur gekleideten Publikum auf die Bühne.
Was uns an der Musikerin am meisten begeistert, ist ihr Spiel mit traditionellen Gesangsformen und Dialekt. Im Song Maria kam das besonders zur Geltung – ebenso wie bei anderen Stücken aus ihrem Debütalbum Windschatten. Etwa Z’vü, in dem sie eigene negative Erfahrungen als Frau verarbeitet. Mit ihren Gschichtln zwischen den Songs brachte sie uns zum Lachen – und mit ihrem Plädoyer am Ende fast zum Weinen. Die Musikerin sprach sich für Musik als verbindendes Element aus – als etwas, das Gemeinschaft stärkt.
Freekind.
Sara Ester Gredelj und Nina Korošak-Serčič stehen hinter dem Projekt freekind. Die beiden Musikerinnen lernten sich an der Musikuniversität in Graz kennen, aufgewachsen sind sie in Kroatien und Slowenien. 2023 veröffentlichten sie ihr Debütalbum Since Always and Forever. Ihren Bandnamen haben sie bewusst gewählt. Wenn man sie fragt, wie sie als Menschen sein möchten, antworten sie: “Free, kind, period!” Mit ihrem sanften Rap, dem Soul-Sound und Elementen aus Jazz und R&B sind sie die perfekte musikalische Begleitung für einen sonnigen Tag. Zunächst starteten sie eher gemütlich – gegen Ende ihres Sets legten sie aber spürbar einen Gang zu.
Anna Mabo
Süß, kindlich, fröhlich – so klingt sie, wenn Anna Mabo zur Gitarre greift und loslegt. Gemeinsam mit Clemens Sainitzer am Cello bringt sie ein Set auf die Bühne, das genauso verspielt wie tiefgründig ist. Ihre Lieder sind ehrlich, schnell, energiegeladen – und sie singt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: direkt, witzig, manchmal frech, immer charmant. Einer der Höhepunkte ihres Auftritts war der Song Am Werden – ein melancholisch-humorvoller Blick auf das Leben, die Liebe und das Fernweh, dicht gefolgt vom witzig-skurrilen Pyrenäentourist, das zeigt, wie viel Ironie in ihrer Musik steckt.
Clemens am Cello sorgt nicht nur für warme, tragende Klangteppiche, sondern auch für großartige Zweistimmigkeit – und für Running Gags. Immer wieder unterbricht er Anna mit einem trockenen „DANKE!“ – was die beiden sichtlich nicht aus dem Konzept bringt, sondern den gemeinsamen Auftritt umso lebendiger macht. Anna Mabo und Clemens nehmen sich selbst nicht allzu ernst – aber ihre Musik durchaus. Und genau das macht sie so liebenswert.
Kishi Bashi
Der Multiinstrumentalist aus Kalifornien ist einer der am weitesten angereisten des diesjährigen Festivals. Der Weg hat sich aber voll und ganz bezahlt gemacht. Als er mit seiner Geige und bunt gemustertem Anzug auf die Bühne kommt, wird gleich jeder in den Bann gezogen. Kishi Bashi (abgekürzt für Kaoru Dill-Ishibashi) hat es geschafft, einen absolut einzigartigen Musikstil zu kreieren. Ein Schlaraffenland aus cinematic träumerischen Tönen, die einen das Leben in vollen Zügen spüren lassen.
Spätestens als er dem Publikum dann noch seine Deutschkenntnisse preisgibt (er hat drei Jahre Deutsch studiert) sind alle von seiner Leidenschaft fürs Spielen auf der Bühne überzeugt. “Akustisches Ufer!”, schreit er in die Menge, bevor er musikalisch von Liebe und Leben erzählt. I Am The Antichrist To You oder auch Manchester sind Titel, die noch ganz lange nachhallen werden, genauso wie einer der besten Crowd-Singing Momente des Tages. So tut es sogar richtig weh, wenn man am Ende dieses Schlaraffenland mit voll gefüllten Herzen wieder verlassen muss.
Sodl
Amie Blu, die diesen Spot eigentlich hätte füllen sollen, ist für ihren Indie-Pop, R&B und Soul bekannt. Leider musste sie allerdings kurzfristig absagen. Spontan eingesprungen ist dafür aber ein uns bereits gut bekanntes Gesicht auf der Campfire Stage: Der Surprise-Act Sodl. Erst eine Woche zuvor war sie noch mit Band auf dem Open Air in Ottensheim – diesmal steht sie alleine mit E-Gitarre auf der Bühne. Sie gibt es offen zu, dass sie ihre Band vermisst und etwas unvorbereitet dasteht, macht aber das beste draus. So singt sie einfach ein Geigensolo, wenn es Teil des Liedes ist. Mit Songs wie Mama oder Mary the Anarchist begeistert sie dabei wie schon eine Woche zuvor erneut, obwohl sich das Set in dieser Umgebung und mit den Gegebenheiten nochmal ganz anders anfühlt. Neben ihren sympathischen Anekdoten zu den Songs geht so langsam die Sonne unter und leitet Abendstimmung ein.
Everything Everything
Wenn eine Band wie Everything Everything nur zu zweit auf der Bühne steht – zwei Gitarren, zwei Stimmen, sonst nichts – dann braucht es nicht viel mehr, um uns zu fesseln. Denn was das britische Duo da in ihrem reduzierten Set ablieferte, war pure Intensität. Mit ihrer markanten Kopfstimme, harmonischen Zweistimmigkeit und einer wohldosierten Portion britischem Charme schufen sie eine intime Atmosphäre, die sich wie eine warme Decke über das Publikum legte.
Die Fans in der ersten Reihe waren textsicher, bei Songs wie Distant Past vom aktuellen Jubiläums-Album Get to heaven wurde leise mitgesungen, fast ehrfürchtig. Kein Wunder – die Band hat sich über die Jahre eine treue Fanbase erspielt. Trotz der schlichten Besetzung fehlte es dem Auftritt an nichts. Im Gegenteil: Die Reduktion auf das Wesentliche rückte den Gesang und die emotionale Tiefe ihrer Songs noch stärker in den Vordergrund.
Auch No Reptiles, ein Song, den viele vielleicht aus größeren Produktionen kennen, wirkte in dieser Version beinahe zerbrechlich – und genau darin lag seine Stärke. Die beiden Musiker zeigten, dass sie sich nicht hinter Effekten oder Produktion verstecken müssen. Sie standen einfach da, schauten sich an, stimmten ein – und füllten damit die Bühne, als wären sie zu viert.
Everything Everything kommen aus Manchester, England – und sie bringen all das mit, was man mit britischem Art-Pop verbindet: lyrische Dichte, kluge Melodien, ein bisschen Drama, ein bisschen Wahnsinn. Und doch war ihr Auftritt beim Acoustic Lakeside vor allem eins: menschlich, ehrlich und berührend. Keine Show, kein Ego – nur Musik, und das auf höchstem Niveau.
Marlo Grosshardt
Marlo Grosshardt ist einer jener Künstler, die durch virale Videos auf Instagram und Co. innerhalb kürzester Zeit eine beträchtliche Fan-Anzahl gewinnen konnten – nicht zuletzt aufgrund seiner authentischen, tief berührenden und deutschsprachigen Texte. Dabei scheut er sich keineswegs, die großen Themen wie Klimawandel oder Faschismus klar pointiert und mit Fingerzeig anzusprechen.
Gemeinsam mit seiner Cellistin Rahel betritt er die Bühne und läutet mit Ein letztes Liebeslied als Duett-Version die Darbietung seiner Gefühle ein. Neben den oft sehr pessimistischen Texten findet sich dabei aber auch immer wieder Hoffnung: Vor allem in der Menschlichkeit, die er trotzdem noch nicht aufgegeben hat. Seine schmerzend emotionale Stimme nutzt er zwischen den Songs immer wieder für Heiterkeit, wenn er zum Beispiel davon erzählt, dass er am Bodensee geboren ist und doch ein bisschen Dialekt versteht.
Darauf folgen dann die doch bekannten Lieder wie Astronaut, Oma oder auch Geschichte schreiben. Alle entweder zutiefst persönlich oder aus Überzeugung antifaschistisch. Als Wahl-Hamburger ist dabei auch klar der Seemannslied-Einfluss in seinen Liedern zu erkennen, bei dem das Publikum gleich mitmacht. So wird das La-la-la am Ende von Das hätte ich nie gedacht einfach gleich nochmal angestimmt und ohne Ende in Sicht weiter gesungen. Den von den Abbrunzati Boys abgekupferten und umbenannten Polkastrudel, den er dann ganz am Ende heraufbeschwört, hätte es beim Acoustic Lakeside dann auch gar nicht mehr gebraucht, um den Auftritt erinnerungswürdig zu machen. Wem Marlo Grosshardt noch kein Begriff ist, sollte das hiernach dringend ändern.
Friedberg
Nachdem die Gitarristin verschlafen hat und sie beinahe ihren Flug verpasst hätte, stehen sie nun doch in voller Montur und krönendem Abschluss des Tages auf der Grand Stage des Acoustic Lakesides: Friedberg. Und während Marlo Grosshardt in seinen Lieder kein Eisbär sein wollte, heizt die Sängerin mit ihrer rauen Stimme und ihrem Cover von Eisbär von Grauzone ganz gut ein. So endet also der Freitag mit seinen Acts leider schon, dafür aber nochmal mit einer saftigen Portion Indie, die zu dieser Stunde aber gern noch doller hätte sein können.
Und natürlich wurde auch diesmal fleißig bis in den Morgen gefeiert – so haben wir es uns erzählen lassen. Das Guest Room DJ Set versetzte die Lakeside Besucher*innen zurück in die alten Indietage und brachten einen Klassiker nach dem anderen.
sAmstag
Ähnlich wie der Freitag startet der Samstag mit einem Festivalbrunch – inklusive legendärer Eierspeis, liebevoll zubereitet von der örtlichen Landjugend. Neu im morgendlichen Programm: eine sanfte, gemeinsame Yogasession mit Melanie, die für Entschleunigung und gedehnte Festivalmuskeln sorgte. Zum ersten Mal seit Jahren mussten wir auf das Gösselsdorfer Trio verzichten – doch der Ersatz war mehr als würdig. Der slowenischsprachige Männerchor Moški pevski zbor Trta, auch liebevoll als die „größte slowenische Boyband Österreichs“ angekündigt, verzauberte das Publikum mit Harmonie, Witz und Herz. Mit Anekdoten, augenzwinkerndem Sprachwitz und einer starken Botschaft zum interkulturellen Austausch trafen sie mitten ins Herz – spätestens beim Cover von „Fürstenfeld“ sang der ganze Platz mit. Standing Ovation inklusive.
Nach einer kurzen Abkühlung im See ging’s direkt weiter mit Scheibstas Märchenstunde: Zwischen Rap, Reim und Spinnerei entfaltete sich ein absurdes Abenteuer über den Sonnegger See, die Vogerlwesen, Graf Para und – natürlich – die Finanzpolizei. Und ja, auch hier: Standing Ovations.
Green Tins
Den Nachmittag eröffnet dann eine lokale Band aus Völkermarkt: Green Tins, eine vierköpfige Band, die gerade so auf die Campfire Stage passt. Im Gepäck haben sie E-Gitarre, Akustikgitarre, Mandoline, Cocktailschlagzeug und Kontrabass. Auch eine Mundharmonika ist mit von der Partie (vielleicht ein Vorbote für spätere Artists?) und macht dem Namen des Festivals alle Ehre. Die teilweise im Duett gesungenen Songs sind dabei gerne mal sozialkritisch und erzeugen eine Stimmung, die in das Genre Gypsy oder Saloon fällt. Acoustic Lakeside, dein letzter Tag möge beginnen!
Dexpleen
Trotz drückender Hitze schaffte es Dexpleen, mit ruhiger Präsenz und einer weichen Stimme für Gänsehaut zu sorgen. Unterstützt von Band, Akustik- und E-Gitarre, starkem Bass und Schlagzeug, entstand ein stimmiges, zurückhaltendes Set. Auch die Mundharmonika kam zum Einsatz und gab den Balladen eine melancholische Note.
Die Texte – ehrlich, sensibel, sehr persönlich – erzählten von Momenten aus Dexpleens Leben. Mit dem Pronomen they/them unterwegs, stand nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich der Wunsch nach Offenheit und Echtheit im Zentrum. Zwischen Pop und Singer-Songwriter-Tradition entstand ein ruhiger, intimer Konzertmoment, der ganz für sich stand – leise, aber spürbar stark.
Fraeulein Astrid
Eigentlich will ich zu Fraeulein Astrid gar keinen Text schreiben. Warum? Weil man dem Auftritt per Text gar nicht gerecht werden kann. Was soll man schon schreiben, wenn eine endlos sympathische und leidenschaftliche Künstlerin sich auf die Bühne stellt, die seit langem auf ihrer Bucket List steht und dann das gesamte Publikum von Anfang an verzaubert? Und nein, wir sind nicht befangen, weil sie schon einmal auf einem Qlash bei uns gespielt hat. Genügend Grund, Befangen zu sein, schafft sie nämlich innerhalb eines Liedes mühelos alleine.
Zur Erfüllung dieses Lebensziels hat übrigens ein ganz einfacher Instagram-Kommentar unter einem Post des Lakesides geführt, auf den die Spatzen reagiert haben. Die besten Märchen werden eben doch vom Leben geschrieben. Und von Fraeulein Astrid, die mit ihren Songs Gefühlswelten zum Leben erweckt, die vor Authentizität nur so strotzen. So gibt sie sich mit den Songs ihrer Debüt-EP “My therapist says you’re an asshole” verletzlich, menschlich und hoffnungsvoll.
Das Allround-Talent mit pinker E-Gitarre, Piano und blitzblauem (oder doch türkisem?) Laptop kann aber nicht nur Englisch, sondern auch Deutsch. So vertont sie beispielsweise einen Poetry Slam von Yannick Steinkellner oder verarbeitet im Song Alles ihre Gefühle zum Amoklauf in Graz. Das Publikum hört aufmerksam zu. Und fühlt.Zwischen den Songs kommt sie dabei aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. So sehr liebt sie es, gerade da oben zu stehen. Das steckt an. So entdeckt man auch bei sich selbst bald ein ungebremstes Lächeln. Als dann beim Abschlusslied Lost Home das ganze Publikum die Schlussstelle mitsingt, verwandelt sich das gesamte Lakeside in eine wundervoll magische Blase, die man voller Freudentränen nie wieder verlassen möchte. Wäre es übertrieben zu sagen, dass Fraeulein Astrid unser heuriger Favorit des Lakesides war? Ich denke nicht.
Leif Vollebekk
Anschließend gibt es auch auf der Grandstage erneut etwas Ruhiges. Mit softer Stimme, Piano und Akustikgitarre gibt Leif Vollebekk seine Emotionen zum Besten. Zu seiner Musik fällt einem irgendwie das dänische Wort “Hygge” ein. So gut würde das gerade zu einem kuscheligen Herbstabend, eingewickelt in eine dicke Wolldecke passen. Das soll aber nicht heißen, dass seine Musik nicht aufs Acoustic Lakeside passen würde. Die Schunkelstimmung wird auf jeden Fall schon mal aktiviert, auch wenn es erst 17 Uhr schlägt. Große Gefühle sind schon da. Ach ja, und natürlich auch eine Mundharmonika.
Niamh Bury
Die aus Dublin stammende Singersongwriterin, bezauberte uns auf der Campfirestage mit ihren zarten Klängen. Auch wenn wir uns zu Beginn nicht sicher waren, ob es tatsächlich die Musiker in war, welche am Programm stand, da sie sich als “Kneeve” vorstellte. Sie klärte das Missverständnis jedoch schnell auf, da es sich dabei um die korrekte Aussprache ihres Namens handelt. Sie ist für den Gig extra aus Dublin eingeflogen. Es ist jedoch bereits ihr zweites Mal in Österreich. Beim ersten Mal war sie als Straßenmusikerin in Wien und Salzburg unterwegs und kaufte sich dann von den erspielten Geld eine Sachertorte.
Mit Ihrer ersten Single Beehive hat 2023 alles begonnen und zwei Jahre später veröffentlicht sie demnächst ihr zweites Album. Neben ihren eigenen Songs die einem klaren irischen Folk Einfluss unterliegen, spielt sie auch traditionelle Lieder wie Lovely Adam.
Wir könnten den vom Leben, dem Reisen und der Liebe inspirierten Songs ewig lauschen. Auf jeden Fall ein spannender neuer Act, der Alt und Neu verbindet – Folk‑Revival auf irische Art.
Mira Lu Kovacs
Die österreichische Sängerin Mira Lu Kovacs ist bekannt aus Projekten wie Schmieds Puls, 5KHD und My Ugly Clementine. 2019 startete sie ihr Solo-Projekt mit dem Live-Album The Urge of Night. Sechs Jahre später begeistert sie nicht nur uns, sondern auch das Publikum beim Lakeside Festival. Sie beschreibt ihr Genre selbst als Sad Surf – emotional, reduziert, direkt. Ihre Fürsorglichkeit gegenüber dem Publikum hat uns bereits beim Lido Sounds in Linz beeindruckt – und setzte sich auch am Lakeside fort: Als es zu einem medizinischen Notfall kam, unterbrach sie ihr Konzert, bis die betroffene Person versorgt war. Ein berührender Moment der Achtsamkeit.
In ihren Texten verarbeitet Mira Lu Kovacs emotionale Erfahrungen, traurige gesellschaftliche Ereignisse wie Femizide, feministische Themen und persönliche Reflexionen. Ein Song mit absolutem Ohrwurmcharakter ist Shut the Fuck Up And Let Go – vom aktuellen Album Please Save Yourself. Am 08.10. im Posthof Linz gibt’s die nächste Gelegenheit in OÖ, Mira Lu Kovacs live zu erleben – ein Pflichttermin für alle, die von dieser großartigen Künstlerin nicht genug bekommen können.
Felix Kramer
Felix Kramer (bürgerlich Felix Pöchhacker) ist ein junger Liedermacher, der das Wienerlied im Austropop‑Stil lebt: klar, akustisch, wienerisch – emotional, ehrlich und poetisch. Auch die jüngsten Festivalbesucher*innen waren von dem Musiker angetan und hielten selbstgebastelte Schilder mit „Felix Kramer ist der beste Sänger auf der ganzen Welt“ in die Höhe – was das Herz von Felix Kramer förmlich zum Schmelzen brachte.
Minimalistisch mit zwei Gitarren (mit Gitarist Markus Schneider) präsentiert er in einer wunderbaren Kulisse seine Songs. Seifenblasen, Lagerfeuer gepaart mit seiner kräftigen Stimme schufen eine einzigartige Atmosphäre.
Mighty Oaks
Die Quasi-Routiniers des Festivals sind als nächstes dran. Sie freuen sich sichtlich, ein erneutes Mal am Lakeside zu spielen. Die perfekte Musik zur Sundown Stimmung haben sie auf alle Fälle mitgebracht. So wird die nächste Stunde Indie-Folk vom Feinsten auf der Mainstage gespielt. Die übergreifende Stimmung ist dabei eines der liebsten deutschen Sayings des Sängers Ian Hooper: “So jung kommen wir nicht mehr z’samm”.
Die Nostalgie setzt da schon ein, bevor es überhaupt vorbei ist. Gemeinsam mit dem Bühnenlicht, das endlich so richtig in Fahrt kommt, wird die Stimmung auf alle Fälle immer mehr das, was das Lakeside so besonders macht. Ein wohlig warmes Gefühl von Zuhause, das in diesem Fall ganz weit weg davon sein darf, solange es ein See in Sittersdorf ist.
Gitarre, Piano, Bass oder auch mal eine fehlende Gitarre begleiten dabei die Songs von Mighty Oaks, die vor allem gegen Ende mit bekannten Songs wie Brother oder Mexico ihre Fans wunschlos glücklich stimmen. Ach ja, die Mundharmonika darf natürlich auch wieder nicht fehlen.
Matilda Mann
Als die aus London angereiste Künstlerin die Campfire Stage betritt, bedauert sie gleich einmal, dass sie keinen Insektenspray mit hat. Falls sie also ihre “flamingo legs” macht, ist das nur, weil sie Mücken loswerden möchte. Diese sympathisch witzige Art lockert dabei gerne mal die Stimmung ihrer Lieder auf, die oft von Liebe oder Beziehungen erzählen. Dabei ist es egal, ob vergangen, aktuell oder noch in der Zukunft. So hat sie beispielsweise einen Song über Japan geschrieben, ohne je dort gewesen zu sein. Einfach, weil sie bei Liebeskummer gerne mal dort wäre.
Genau wie auch Sodl schon am Vortag vermisst auch sie ihre Band, mit der sie normalerweise spielt. Sie freut sich aber trotzdem, ihre Songs genauso spielen zu können, wie sie auch geschrieben werden: Alleine mit ihrer Gitarre. Ihr Look ist dabei eine britische Version von Emily in Paris, Songs wie Dazed and Confused setzen sie aber in ein Coming of Age Genre, das weiterreicht als Frankreich oder England. Der britische Charme überzeugt auf jeden Fall, auch wenn das Publikum nach ihrem letzten Song See You Later unpassenderweise keine Zugabe mehr fordert. Wir schieben das aber mal auf die Unsicherheit, ob man “Zugabe” nun auf Deutsch oder Englisch hätte rufen sollen.
The Tallest Man on Earth
Kristian Matsson, besser bekannt als The Tallest Man On Earth, stammt aus Leksand in Dalarna, Schweden. Er bewegt sich mit seiner Musik – buchstäblich: Auf der Bühne läuft er munter von einem Ende zum anderen, nutzt jede Bewegung, um Energie zu übermitteln. Zwischen den Songs nahm er sich einen Moment, um das Publikum anzublicken, den Augenblick zu genießen – und direkt zu rufen: “I fucking love you.”
Matsson ist Schwede durch und durch, geprägt von Natur, Einsamkeit und Weite, die sich in seinen Songs widerspiegelt. Er erzählt zwischen den Liedern Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend – mal besinnlich, mal mit trockenem Humor: Wie es war, wo er aufgewachsen ist, wie er die Welt gesehen hat. Kristian gilt als Multiinstrumentalist und spielt Gitarre, Akkordeon, Klavier und Banjo. Am Lakeside beeindruckt er uns jedoch nur mit Gitarre und Banjo. Mit voller Kraft nutzt er dafür jeden Zentimeter der Bühne: Balancierend, streckend, hüpfend – sein Auftritt ist fast tänzerisch.
„Was bedeutet es, Mensch zu sein?“ – seine Songs kreisen um genau diese großen philosophischen Fragen. Matsson nutzt Musik als seine Art, „laut Fragen zu stellen“, findet Antworten im Klang, nicht zwangsläufig in klaren Worten. The Tallest Man On Earth ist kein gewöhnlicher Singer-Songwriter, dies hat er am Lakeside bewiesen. Er lässt und mit Anlauf in die Songs eintauchen und der letzte Klang seiner Stimme hinterlässt bei uns Gänsehaut. Ein würdiger Abschluss eines wunderschönen Festivals.
Eine Tradition bricht das Acoustic Lakeside wohl nie. Samstags wurden auch dieses Mal die altehrwürdigen DJs vom Weekender für den letzten Tanz eingeladen. Da wir leider am Sonntag schon frühmorgens zurückfahren mussten, haben wir dem DJ Set eher vom Schlafplatz aus gelauscht. Hoffentlich kommen wir 2026 in den Genuss.
Fazit
Kurz und bündig, wir können unsere Liebe für das Festival kaum in Worten fassen. Wir hatten eine unglaublich schöne Zeit und möchten uns von Herzen für das freiwillige Engagement von unzähligen Menschen bedanken, ohne die das Festival sich nicht wie ein zweites Zuhause anfühlen würde. Leider ist noch unklar, ob es 2026 ein weiteres Festival geben wird, dies ist abhängig, wie der bereits erwähnte Prozess ausgeht und sich die rechtliche Lage für ehrenamtliche Kulturarbeit entwickelt.
Fotos und Text: Lisa Leeb und Fabian Schwarzinger
