Nina Chuba serviert mehr als Lillet in Graz
Nina Chuba spielt in Graz, es ist das letzte von nur fünf Sommer Open Airs. Sie hat zu beweisen, dass sie mehr als nur ein Hit über ein Sommerspaßgetränk ist – und es gelingt ihr. Ein Popstar zum Angreifen, ein Role Model für junge Mädchen und eigentlich für uns alle.
Das allererste Konzert ist ein Erlebnis, das man nie vergisst. Egal, ob man als Kind von musikbegeisterten Eltern mitgenommen wird oder als Teenager:in selbst mit Freund:innen loszieht – dieser Abend brennt sich tief ins Gedächtnis ein. Noch schöner ist es dann, wenn auf der Bühne jemand steht, dessen Songs man ohnehin schon in Dauerschleife hört. So ist es für viele junge Fans in Graz ein erstes Konzerterlebnis, als Nina Chuba die Bühne betritt.
Die Kids, hauptsächlich Mädchen mit Chuba-Zöpfen, buntem Glitzer und einem noch bunteren Strahlen im Gesicht, thronen regelrecht auf den Schultern ihrer schwitzenden Elternteile. Es ist das letzte von nur fünf Sommer Open Airs von Nina Chuba und es ist nicht in Wien oder Linz, sondern in Südösterreich. Die Grazer Freiluftbühne B wird Schauplatz eines Gewitters im Paradies.
Grazerin Bella eröffnet
Die österreichische Newcomerin Bella hat Nina Chuba auf allen fünf Shows als Voract unterstützt und freut sich auf einen emotionalen letzten Abend in ihrer Heimatstadt Graz. Als 10-Jährige hat sie mit dem Klavierspielen angefangen, heute schreibt sie Popsongs zwischen melancholischer Schwere und drängelnder Wut. Ein Coming-of-Age-Soundtrack für junge Frauen, die auf dem Weg sind, sich zwischen Herzschmerz und Zweifel in sich selbst zu verlieben. Mit dem Satz „ich glaub ich“ (hab mich gar nicht lieb) gelingt Bella nicht nur ein emotionaler Stich in die Brust, sondern auch musikalisch ein Highlight des Sets.
„Wer ist wieder da?“
Es gewittert auf der Bühne und in der Halle, auf den Bildschirmen wanken die Silhouetten von Palmen im Sturm. In weißen Hollywood-Lettern prangt der Name auf dem Vorhang, der fällt, sobald das Bläserintro verklingt. Bald hängen weiße Konfettischlangen meterlang von der Holzdecke der Freiluftbühne im Messegelände. Mit einem „Hallo Graz, ihr seht alle sehr fein aus!“ begrüßt eine nonchalante Nina die Halle.
Sie dosiert ihre Hits am Anfang der Show nicht gerade sparsam, aber diese Dekadenz kann sie sich leisten. Direkt zu Beginn serviert sie ihre Mangos mit Chili und Wenn das Liebe ist, ein Track ihres zweiten Albums ILM ILMN, das am 19.09.2025 erscheint.
„Bläser sind echt“
An dieser Stelle hervorzuheben sind die Bläserinnen, bewusst nicht gegendert, die Nina auf Tour mit dabei hat. Ja, Peter Fox did it first, aber Nina Chuba steht ihm in nichts nach. Trompete, Saxophon und Posaune ergänzen die Popsongs und kommen auch für ausgiebige Soli zum Zug.
Die Instrumente und ihre Interpretinnen glänzen zum Beispiel während Femminello. Die Vorgängersingle von Wildberry Lillet ist nicht nur wegen des Titels der spritzigere (sprich: bessere) Dancehall-Sommerhit, leider fragt man sich aber nach einer Strophe und einem Chorus, wo der Rest des Songs geblieben ist. Aber es geht tight weiter, so hat Nina neben ihren zahlreichen Hits auch neue Songs im Gepäck, die sie unterbringen muss.
SELBST Nina Chuba ist unsicher
In B-Teil des Sets taucht Nina plötzlich auf einer kleinen Bühne mitten in der Menge auf. „Ich stehe zwar jetzt so hier, aber ich fühle mich oft extrem unsicher. Ganz oft. Ich glaube, das ist ein universelles Gefühl, weil wir alle zum ersten mal Leben“. Ehrliche Worte, die aus dem Mund eines Pop-Superstars vielleicht nochmal tiefer in den Nährboden der jungen Generation einsickern, als wäre es ein Gespräch unter Freunden. Wobei, ein bisschen ist es das auch – zumindest macht Nina aus, dass sie einem das Gefühl gibt.
Es ist eine von vorne bis hinten durchinszenierte, höchstprofessionell ausgeführte Show, die Popstars wie einst Britney Spears oder heute Tate McRae in nichts nachsteht. Der Unterschied zu allen Popsternchen vor ihr: sie bleibt greifbar, sie bleibt menschlich und spricht offen über ihre Schwächen und Unsicherheiten. Abseits der Bühne ist sie auch für ihren gewitzten Humor bekannt, der Nina – ob Chuba oder Kaiser, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt – zu einfach Nina macht.
„FARBENBLIND“
Nach dem emotionalen Teil geht es zurück auf die Hauptbühne. Auch wegen der Hitze hält das Publikum noch an einem Moment zum Durchatmen fest, es geht aber gleich weiter. Ein kinderfreundlicher Moshpit entsteht im Front of Stage-Bereich (der, Kudos dafür, nicht durch Aufpreis, sondern nach dem Prinzip First come – first serve befüllt wird).
Es folgen Songs aus Ninas EP „Farbenblind“, die sie Ende 2024 zwischen den Albumsingles veröffentlicht hat. Kann man sich als aktuell größter weiblicher Popstar leisten, vielleicht, obwohl die Songs im Vergleich zu ihren Moodbooster-Sommerhits untergegangen sind. Mit Ausnahme von Fata Morgana, das auch ohne Bill-Kaulitz-Feature musikalische Erinnerungen an 2004er-Emo-Deutschrock aufkommen lässt.
Auf dem Projekt zeigt sie sich düsterer und melancholischer als gewohnt. Das Motiv vom Gewitter im Paradies ist sicher nicht zufällig ein Sinnbild für ihre rasant explodierte Karriere, die auch Schattenseiten mit sich bringt. „Nimm mich mit“ ist ein immersiver Höhepunkt des Abends für diejenigen, die die Kraft der Musik dem Gespringe und Gegröhle vorziehen. Die 26-Jährige stellt ihre Stimme erneut unter Beweis. Soweit es die Songs zulassen, singt Nina alles live.
Fazit
Ihren Wildberry Lillet serviert Nina als Digestif in der Zugabe. Ein bekannter Geschmack, aber musikalisch und emotional bestimmt nicht der Höhepunkt des Abends. Schon der darauffolgende EP-Bonustrack Waldbrand lässt den Überhit wieder blass aussehen. Die Bühne brennt nicht nur im übertragenen Sinne.
Für die Kids der schönste Abend ihres Lebens, für die mitgeschleppten Eltern wie ein Wildberry Lillet – sieht schön aus und ist durchaus genießbar, selbst wenn es nicht das eigene Lieblingsgetränk sein sollte oder werden wird. Nina hat mehr als Lillet zu bieten, das hat sie deutlich gemacht. Eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Künstlerin, die sich zu Recht an die Spitze gearbeitet hat.
