Provinz bringt einen Ozean der Gefühle nach Wien
Es ist bereits das dritte Album, mit dem eine der erfolgreichsten Indie-Pop Bands Deutschlands – Provinz – auf Tour gehen. Anfang August halten sie bei ihren „Pazifik-Open-Airs“ gleich zweimal in Wien, mit ordentlich Hymnen zum Mitsingen im Gepäck.
Satte 15 Stopps hat sie, die Open-Air-Tour von Provinz. Eigentlich sollte es eine weniger sein, doch kurz nach Verkaufsstart hat sich gezeigt, dass die Anzahl österreichischer Fans unterschätzt wurde. Kurzerhand hat man eine Zusatzshow angekündigt, welche wie die erste auch wenig später das Prädikat „ausverkauft“ trägt. So findet sich also am 01. und 02. August die engste Fanbase der noch vor fünf Jahren völlig unbekannten Band aus der oberschwäbischen Provinz in der Arena Wien wieder, um ihr neuestes Album zu feiern.
Lovehead
Bei ihren Open Airs haben sie tatsächlich einiges an österreichischer Musik mit im Gepäck. Während bei den späteren Terminen die Linzerin Magda den Abend eröffnen darf, übernimmt in Wien – passenderweise – eine Wiener Band den ersten Slot. Lovehead, ein Girl-Trio, das ursprünglich aus dem Burgenland stammt, betritt die Bühne der Arena. Die Indie-Rockerinnen haben in ihrer jungen Karriere einen Blitzstart hingelegt, der sich nicht so leicht nachmachen lässt: Erst Anfang des Jahres haben sie mit Denkst du an mich? ihren ersten Song veröffentlicht – und der schaffte es prompt an die Spitze der FM4-Charts. Und so schnell kann es gehen: Nur zwei Songs später stehen sie bereits quer durch Deutschland auf Bühnen – und heute auf der in der Arena Wien.
Ordentlich Publikum ist um 19:30 Uhr jedenfalls schon da. Und das ist gut so, denn Lovehead hat einiges mit ihnen vor. „Beim nächsten Lied brauchen wir eure Hilfe“ – diesen Satz hört man von den drei Musikerinnen neben ihren Songs wohl am häufigsten. Und das funktioniert – mit Ausnahme von Hampelmännern – auch richtig gut, besonders dann, wenn das Publikum das Schlagzeug ersetzen soll. Da wird eifrig mitgeklatscht, vor allem in den Refrains. Auch wenn die meisten Lieder noch unbekannt sind, laden die rockigen Beats dazu ein, ausgelassen mitzutanzen. Gegen Ende – da kommen dann Denkst du an mich, Lieder für mich und Erdnussallergie – wird das Publikum richtig warm. Die Tracks kann man mitsingen oder herausschreien, und selbst ein Moshpit wird zum Schluss noch eröffnet.
Am Ende lässt sich festhalten: Hier handelt es sich nicht um ein virales One-Hit-Wonder, sondern um mitreißende, tanzbare Girl-Power.
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Provinz
Namentlich sind das Sänger Vincent Waizenegger, Robin Schmid am Keyboard, Bassist Moritz Bösing und – last but not least – Schlagzeuger Leon Sennewald. Mittlerweile in Hamburg angesiedelt, haben sie sich ihren oberschwäbisch-ländlichen Charme dennoch bewahrt. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Landflucht-Nostalgie und Großstadt-Melancholie scheint das Erfolgsrezept des Quartetts zu sein. Immer mit dabei: große Gefühle und Herzschmerz – sei es auf Menschen oder Orte gerichtet.
Nachdem sich der blaue Vorhang hebt, startet Provinz ihr Set mit Kein Tag ohne dich vom neuen Album. Ein ruhiger Auftakt, der das Publikum nach und nach in seinen Bann zieht. Die größtenteils weibliche Fanbase ist jedenfalls von Anfang an mit Leib und Seele dabei. Spätestens beim vierten Song, Unsere Bank, ist die Magie von Provinz dann vollständig entfesselt: Das dicht gedrängte Publikum reckt die Hände in die Höhe und singt voller Empathie mit. Zwischendurch wird auch noch einmal das Awareness-Team erwähnt, doch dann geht es direkt weiter mit Zimmer und Sommer macht melancholisch – letzterer vertreibt endgültig den zuvor gefallenen Regen.
Damit ist die Indie-Pop-Magie aber noch lange nicht vorbei. Der Abend ist schließlich noch jung. Bei Reicht dir das stellt sich Vincent ganz nach vorne zum Graben, nimmt Blumen entgegen und animiert erneut zum Mitsingen. Und das Publikum liefert: Dass hier wirklich jede Zeile textsicher mitgesungen wird, ist keine Übertreibung. Selbst wenn nur Instrumentals gespielt worden wären – alles wäre trotzdem richtig gesungen worden.
Dazwischen gibt es Anekdoten und ländliche Melancholie – und so fühlt man sich zur Mitte des Sets hin wie auf einer großen Welle, auf der man sich ohne Angst einfach treiben lassen kann.
Über die Unendlichkeit
Eine absolute Premiere und Überraschung folgt dann mitten in der Show: Magda, die – wie bereits erwähnt – eigentlich erst später zur Tour dazustoßen sollte, wird plötzlich auf die Bühne geholt. Mit ihrer zart-hohen Stimme bringt sie eine Klangfarbe mit, die der Provinz-Magie einen Glanz verleiht, der kaum besser passen könnte. Vincent und Magda stehen nun gemeinsam auf der Bühne und singen ein Duett, das seinesgleichen sucht. In der Subtext-Redaktion ist bekannt, dass ich sowohl großer Provinz- als auch riesiger Magda-Fan bin – aber das hier hat wirklich alle Erwartungen übertroffen. Entschuldigt die Fäkalsprache, aber: Heilige Scheiße, das macht etwas mit einem, wenn die beiden über Unendlichkeit singen.
Der Zauber ist damit aber noch lange nicht vorbei. Nachdem sich die Band kurzzeitig von der Bühne verabschiedet, geht ein spürbares Raunen durch das Publikum – ist etwa schon Schluss? Doch plötzlich tauchen Vincent und Co. vorm Technikturm wieder auf und spielen – abgesehen vom Klavier – die nächsten Songs A-cappella. Es folgen weitere magische Momente, etwa das Let me be your lover-Outro, das sie live gerne an Zorn & Liebe anhängen.
Aber auch das neue Album sorgt für unvergessliche Erinnerungen: Als Walzer erklingt, drehen sich plötzlich zahlreiche Pärchen im Dreivierteltakt – sofern noch Platz in der dichten Menge ist. Da kann man noch so oft über Pop oder Indie schimpfen: Was Provinz hier auf die Bühne bringt, ist zurecht etwas ganz, ganz Großes.
Fazit
Provinz liefern mit ihren Pazifik-Open-Airs eine Show, deren Setlist sich perfekt von Song zu Song trägt – voller Magie, die einen so schnell nicht mehr loslässt. Völlig zurecht sind sie aus der deutschen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken. Und mal ehrlich: Wer würde diese wunderschöne Melancholie schon missen wollen?
Mehr zur Band und weiteren Terminen: provinzband.com
