Mann trink ein Bier vor einem abfahrenden Zug
Foto: Denis Agati / Unsplash

Biergschichtln – Mit Jaroslav Rudiš zwischen Schiene und Schaum

Mit Bier im Zug durch Europa: Jaroslav Rudiš erzählt in seiner „Gebrauchsanweisung für Bier“ Anekdoten zwischen Bahnhöfen und Brauereien. Unterhaltsam, melancholisch und voller Schaumkrone – aber kein klassischer Reiseführer.

Jaroslav Rudiš, 1972 in der damaligen Tschechoslowakei geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker. Berühmt wurde er mit Geschichten rund um Züge, Eisenbahner und Mitteleuropa. Nun widmet er sich einem weiteren Kulturgut: dem Bier. Aufgewachsen im böhmischen Paradies, zwischen Brauereien und Bahnlinien, verbindet er zwei Leidenschaften. In seiner neuen „Gebrauchsanweisung“ reist er durch Europa, besucht Brauereien, trifft Braumeister und erzählt, wie Bier Menschen zusammenbringt.

Das Buch ist weniger Nachschlagewerk, mehr literarische Bierreise. Von Pilsen über Bamberg bis Dublin sammelt Rudiš Geschichten, die irgendwo zwischen Kneipe und Zugabteil spielen. Fakten sind eingestreut, aber nie das Ziel. Wer eine Liste mit Tipps erwartet, liegt falsch: Diese „Gebrauchsanweisung“ lebt von Atmosphäre und Begegnungen. Bier ist hier kein Getränk, sondern ein Erzählanlass, der genauso wichtig ist wie der nächste Bahnhof.

Geschichten im Glas, Geschichten im Zug

Rudiš schreibt anekdotisch, detailverliebt, manchmal auch ausschweifend. Das ist charmant, kann sich aber wiederholen: ein Zug, ein Glas, ein Gespräch – dann von vorn. Am besten liest man die Kapitel einzeln, vielleicht mit einem echten Bier in der Hand. So wirkt das Buch wie eine lange, langsame Fahrt, bei der ständig neue Mitreisende zusteigen. Als Reiseführer taugt es weniger, als literarisches Stimmungsbild dafür umso mehr.

Die Nähe zum Zugthema bleibt spürbar. Wer schon seine „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ kennt, erkennt Motive wieder: Schienen, Bahnhöfe, Begegnungen unterwegs. Ich habe über dieses Buch bereits hier geschrieben. Jetzt kommt mit dem Bier eine zweite große Leidenschaft hinzu – oft samt gutem Essen im Beisel. So erweitert Rudiš sein erzählerisches Repertoire, ohne die vertraute Grundstimmung zu verlieren.

Schaum in Zahlen

Eine kleine Statistik verdeutlicht, wo die Schwerpunkte liegen. Mehr als 1.400 Mal kommt das Wort Bier vor, also 5–6 Mal pro Seite. Der Zug taucht gut 160 Mal auf – weniger dominant, aber immer wieder der Rahmen, in dem die Geschichten stattfinden. Das Zusammenspiel ist offensichtlich: Bier erzählt, der Zug fährt, und beides ergibt die Kulisse für Rudiš’ Anekdoten.

Die Statistik passt auch zum Lesegefühl. Rudiš wiederholt sich bewusst, so wie sich im echten Leben Züge und Biere wiederholen. Mal sitzt man im Beisel in Pilsen, mal im Pub in Dublin – das Muster ist ähnlich, aber die Details variieren. Und weil Bier fast immer mit Essen daherkommt, streut er kulinarische Szenen ein: Gulasch in Tschechien, Presssack in Dorfkneipen, deftige Beilagen in Bayern. Auch hier zählt weniger der konkrete Tipp als die Atmosphäre.

So wird aus der „Gebrauchsanweisung für Bier“ kein Nachschlagewerk, sondern eine Art literarischer Reisebegleiter. Wer mitliest, fährt im Kopf mit, schenkt sich vielleicht selbst ein Glas ein und lässt die Geschichten ziehen – wie Landschaften aus dem Zugfenster.

Fazit

„Gebrauchsanweisung für Bier“ ist kein Reiseführer, sondern ein Erzählband über zwei Leidenschaften: Züge und Bier. Praktische Infos findet man in anderen Bänden der Reihe, hier geht es um Stimmung. Für Leser:innen, die gern mit dem Zug unterwegs sind und im Beisel ein Bier trinken, ist es genau das richtige Buch. Wer Rudiš kennt, wird auch dieses Mal nicht enttäuscht.


Buchcover Gebrauchsanweisung für Bier

Gebrauchsanweisung für Bier

von Jaroslav Rudiš

Piper Verlag
256 Seiten, Flexocover mit Klappen, Deutsch

€ 216,95 – jetzt bestellen

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