Meerblick
Foto: Jorge de Jorge

Heiße Milch ist sauer

Schwindelerregende Hitze, lähmende Beziehungen und zerfließende Realitäten – Heiße Milch von Deborah Levy versteht es, die Suche nach Leidenschaft, Sinn und dem eigenen Selbst meisterhaft experimentell nachzuempfinden.

Deborah Levy war 2016 schon mit ihrem Roman Heiße Milch für den Man Booker Prize nominiert. Dieses Jahr erschien die gleichnamige Verfilmung mit Emma Mackey, Vicky Krieps und Fiona Shaw in den Hauptrollen.Regie führte Rebecca Lenkiewicz.

Die Anthropologiestudentin Sofia pausiert ihr Studium, um in der gleißenden Hitze des spanischen Sommers in Almería eine Behandlung für die mysteriöse Lähmung ihrer Mutter Rose zu finden. In Dr. Goméz’ futuristischer Klinik sollten alle Antworten auf sie warten, doch stattdessen scheint sich dort alle Logik aufzulösen. Rätselhafte Behandlungsmethoden und sonderbare Charaktere lassen Mutter und Tochter zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Vertrauen und Skepsis alternieren. Doch nicht nur Gómez und die Launen der mürrischen Mutter werfen Sofias Leben aus der Bahn – vor allem die deutsche Schneiderin Ingrid Bauer gibt ihr Grund, die Welt, wie sie diese wahrnimmt, zu hinterfragen.

Formbare Realität

Sofias Welt zerspringt wie der Bildschirm ihres Laptops am Anfang des Buches und zeigt, wie formbar, subjektiv und pluralistisch Realität sein kann. Was ist Wahrheit, was ist Wahn? Wozu zählen Roses gelähmte Beine oder Sofias Beziehung zu Ingrid? Sind sie wirklich das, was sie zu sein scheinen? Sogar die Protagonistin selbst ist fragmentarisch. Ihre Identität ist aufgesplittert in Versatzstücke ihrer selbst, stets ein Spiegel der Bedürfnisse der Menschen, die sie umgeben. Nie steht sie für sich alleine, sie zerfällt in die unterschiedlichen Namen, bei welchen sie genannt wird: Sophie, Sofia, Zoffie.

Wie es zu einer guten queeren Geschichte dazugehört, verschwimmen auch die Kategorien von Geschlecht und Sexualität. Als Sofia Ingrid das erste Mal sieht, nimmt sie nur ihre Stiefel durch einen Spalt in der Tür einer Lokaltoilette wahr und erschrickt, da sie denkt, sie sei ein Mann. Trotz des Schocks, welcher ein prägendes Element ihrer gesamten Beziehung darstellen soll, überkommt die beiden Frauen sofort eine tiefe Verliebtheit.

Beim Schwimmen im Meer wird Sofia von Quallen, in Spanien Medusas genannt, gestochen und ihr Schmerz treibt sie an die Grenzen des Bewusstseins. Worte zerfallen, sie werden aufgetrennt wie die Naht eines Kleidungsstücks, das von Ingrid umgeschneidert wird. Gleichermaßen löst sich die Grenze zwischen Träumen und Wirklichkeit auf. Ingrid ist fasziniert von den Mustern der Quallenstiche, die Sofias Haut überziehen. Doch wider der Intensität ihrer Verbindung bleiben die beiden für einander nicht gänzlich erfassbar. Es ist, als würden sie versuchen, eine Qualle festzuhalten. Der körperliche Schmerz, welchen Sofia empfindet, spiegelt jenen Schmerz, den ihr Ingrid antut, denn sie ist flüchtig, unschlüssig und geradezu bestialisch. Trotzdem kann Sofia ihr nicht entweichen, sie ist wie von einer Medusa versteinert.

Die Säure der Beziehungen

Eine Mixtur aus Absurdität, Unzuverlässigkeit und einer Affäre, deren Anziehung die Erzählung gerade genug in der Realität verhaftet – zumindest für eine Weile. Denn in der immer gleißenderen, unerträglichen Hitze Almerías sind Zeit, Chronologie, Rationalität und Logik plötzlich formbar, flüssig und arbiträr. Die Geschichte eröffnet sich aus Sofias Perspektive, wir folgen ihr in schwindelerregende Höhen und ambivalente Leidenschaften. Doch was die Nackenhaare der Leser:innen so zu Berge stehen lässt, ist Ingrid, zu deren Perspektive durch ein paar wenige kryptische Zeilen am Anfang einzelner Kapitel Zutritt gewährt wird.

Es ist eine unheimliche, undurchschaubare Intimität: Blicke, die durchbohren, dabei Grenzen überschreiten und die Zeilen heimsuchen. Ingrid löst Extreme in Sofia aus – Faszination, Obsession, Unbehagen, die Suche nach sich selbst. Eine Suche danach, was Identität und Beziehungen zwischen Müttern, Töchtern, Vätern, Liebenden ausmachen, steht im Mittelpunkt von Heiße Milch. Warme Milch ist etwas Fürsorgliches, Wohltuendes; etwas, das diese Bindungen ebenfalls ausmachen sollte. Hier handelt es sich jedoch eher um etwas Saures, wie Milch, die zu lange in der knallenden Sonne stehen gelassen wurde.

Fazit

Der Sommer schmilzt dahin wie die Zeit in Heiße Milch. Wer ihn noch ein Weilchen länger festhalten möchte, sei mit Deborah Levys fiebrig erhitzter Prosa ausgezeichnet beraten. Es ist ein zutiefst absurdes, jedoch in gleichen Stücken berührendes und poetisches Leseerlebnis, das einen völlig mitnimmt an die Küste Spaniens und einen bis zum Schlusswort nicht mehr loslässt. Für mich war Heiße Milch mein Buch des Sommers und ich spreche gerne eine ganz warme, oder besser gesagt eine heiße, Empfehlung aus.


Heiße Milch

von Deborah Levy

Kampa Verlag
301 Seiten, Deutsch, Taschenbuch

€ 13,95 – jetzt bestellen


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