Filmstill aus Lirica Ucraina
Foto: Festival filmfestivalfreistadt.at

Lirica Ucraina lässt ein Flüstern laut werden

Seit Februar 2022 flüstert die Ukraine und wir dürfen nicht aufhören, ihr Gehör zu schenken. Lirica Ucraina bietet ihr am Freistädter Filmfestival Der neue Heimatfilm eine Bühne.

Genau dies tut Francesca Mannocchi in ihrem Dokumentarfilm – sie amplifiziert die Stimme des Landes. Die italienische Regisseurin und Kriegsberichterstatterin hielt sich schon vor dem Angriff Russlands in der Ukraine auf und zeichnete das damalige Leben dort auf. Nun stellt sie sicher, dass die Schicksale der Menschen während des Krieges gesehen werden und nicht aus dem Blickfeld geraten. Viele wollen nichts mehr von der Ukraine hören, sei man sich auch beim Freistädter Filmfestival Der neue Heimatfilm bewusst, so die Anmoderation vor der Projektion. Doch genau deswegen ist es wichtig, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Wer den Film in dieser letzten Augustwoche gesehen hat, wird es auch nicht so schnell können.

Schwere Einblicke in die Leben einfacher Leute

Ein Kind, das die Reste einer Bombe in die Kamera hält, die Leichen zweier Brüder im Straßengraben, Nahaufnahmen einer Massenbestattung. In der schonungslos realistischen und graphisch expliziten Berichterstattung schaut die Kamera nicht weg, auch wenn man sich am liebsten abwenden würde. Die Aufnahmen stammen aus zerbombten Städten, dem Erdboden gleichgemachten Dörfern, überfüllten Lazaretten und den düsteren Kellern, in welchen die Menschen notdürftig hausen.

Zeug:innen berichten vom Leben unter Bombenhagel oder russischer Besatzung, wie sie sich versorgen und wo sie ihre Toten begraben. Sie gewähren nicht nur Einblick in ihre zerstörten Heime, sondern auch in die Gründe, wieso sie ihre Heimat nicht verlassen können oder was sie dort hält. Die Menschen vertrauen der Regisseurin an, wie sie ihre Liebsten verloren und manche in Gärten, manche auf Feldern und manche in Massengräbern zur Ruhe gelegt haben. Es ist weder eine Geschichte großer Schlachten und pathetischer Heldentaten, noch eine über politische Mächte und ihre Kriegsstrategien. Für keine einzige Sekunde erklingen die Stimmen Putins oder Selenskys. Stattdessen kommen ausschließlich jene zu Wort, welche wahrlich die Konsequenzen des Krieges stemmen müssen und sich zugleich in ihren Häusern, Bunkern und Kellern von Schweigen eingehüllt finden, ohne Möglichkeit, ihre Kriegserfahrung zu schildern.

Ein Flüstern mit Echo

Es sind beschwerte 84 Minuten, ein paar wenige verließen vorzeitig ihre Sitze und es sei ihnen nicht zu verdenken. Mannocchis Kriegsbericht ist nichts für schwache Nerven, jedoch ist die Erfahrung dieses Films ein essenzielles Hinsehen, das die Konflikte und Kriege unserer Zeit erfordern. Wer die Dokumentation bis zum Abspann durchsteht, dem werden Schwere, Trauer, Wut und das Flüstern der Ukraine mit nach Hause folgen.


Lirica Ucraina

Ucranian Whispers
Regie: Francesca Mannocchi

84 min./IT, 2023, OmengIU

fandango.it/film/lirica_ucraina


Festival Der neue Heimatfilm

27. – 31. August 2025

www.filmfestivalfreistadt.at

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