Mord – Our Lovely Pigslaughter Review
Im Regiedebüt von Adam Martinec kommt wie jedes Jahr eine Familie zusammen, um der Tradition des Schweineschlachtens nachzukommen – was allerhand familiäre Komplexitäten mit sich bringt.
Martinec ist tschechischer Filmemacher und hat mit Mord seinen Abschlussfilm für das Filmstudium geschaffen. Wie so häufig bei Langfilmdebüts erzählt auch er hier etwas sehr Persönliches. In seinem Fall ist das eben das gemeinsame Schlachten eines Schweins als Familientradition. Dass ein Zusammenkommen der ganzen Familie auf dem Land aber nicht einfach nach dem Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzip ablaufen wird, ist sowohl Klischee als auch Realität. So wird in Mord die Geschichte einer wild verworrenen Großfamilie erzählt, die sich viel zu sagen hat, sich aber äußerst schwer damit tut, die richtigen Worte zu finden.
Klischee, Ach Herrje
Es ist eine Tradition, bei der man das Leben einfach nur genießen soll: der einzige Tag im Jahr, an dem die ganze Familie zusammenkommt und am Ende ein großes Festmahl feiert. Doch dieses Jahr wird das Fest von Wichtigerem überschattet: Opa will im nächsten Jahr kein weiteres Schwein mehr züchten und weiß nicht, wie er das seinem Schwiegersohn Karel beibringen soll. Karels Tochter hingegen vermisst ihre Mutter, und die Ehe von Lucie und Aleš hängt indessen am seidenen Faden. Dem nicht genug, mischt sich auch noch der griesgrämige Nachbar ein, der in der Schlachtung illegale Machenschaften wittert und seine Bitterkeit an Karels Familie auslassen möchte.
Ein ganz schöner Brocken an Handlung also. Wie bekommt man das bitte alles in nur 85 Minuten unter? Martinec scheut sich jedenfalls nicht, seinen Cast in pures Chaos zu stürzen. Das Landklischee wird von vorne bis hinten bedient, abgedroschen wirkt es dabei aber nie. Sei es die alte Generation, die auch im Alter noch Teilhabe genießt, oder die jüngste, deren Eltern endlos darüber diskutieren, ob sie der Schlachtung beiwohnen sollen.
Der Film schafft es dabei, ohne unnötiges Expositionsdumping alle Figurenbeziehungen durch authentische Dialoge zu erklären und ihre Gefühlswelten nahbar auf die Leinwand zu bringen. Es wäre aber kein tschechisches Familiendrama ohne eine ordentliche Portion schwarzen Humors. Vor allem, wenn man selbst auf dem Land mit ähnlichen Traditionen aufgewachsen ist, wird man hier mit Sicherheit die ein oder andere Verwandte oder den ein oder anderen Verwandten wiedererkennen. Alle schreien wild durcheinander, ohne je wirklich etwas zu sagen – ein Trauma, das Landkinder nur zu gut nachvollziehen können.
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Die Mammutaufgabe des Ausbalancierens all seiner Charaktere wird noch größer, da Martinec seinen Film größtenteils mit Laiendarsteller:innen besetzt – ja, sogar mit seinem eigenen Vater. Wahrscheinlich ist es aber genau das, was den Charme des Films ausmacht.
Das und die Kamera, die meist handgeführt ohne Rücksicht auf die Handlung draufhält. Sei es bei der Schweineschlachtung selbst (eine Triggerwarnung sei hier ausgesprochen) oder in den schnellen Schnitten, wenn eine Diskussion mal wieder eskaliert. Wirklich erstaunlich sind dabei die Dialoge, in denen die Protagonist:innen so weit aneinander vorbeireden, dass man nichts anderes kann, als zu lachen – zumindest dann, wenn man das als Landkind als eigene Bewältigungsstrategie verinnerlicht hat. Nur so viel: Ich habe viel gelacht.
Irgendwann spitzt sich die Situation aber dann doch so weit zu, dass sich alle einmal zusammenreißen müssen und den Familienzusammenhalt unter Beweis stellen. Selbst im Klimax urteilt der Film jedoch nie über seine Figuren. Dass Martinec das mit Tonalitätswechseln im Sekundentakt aufarbeitet, verdient größten Respekt.
Fazit
Mord ist ein Film, der eine ländliche Familie zeichnet, wie sie im Buche steht. Während das der einen oder dem anderen bitter aufstoßen mag, ist es meistens einfach so, wie es Chaplin schon damals gesagt hat: Life’s a tragedy in close-up, and a comedy in long shot. Als Landkind gebe ich dafür eine klare Empfehlung.

Mord
Our Lovely Pigslaughter
Regie: Adam Martinec
CZ/SI, 2024 | 85 min
Mit Karel Martinec, Miloslav Čížek, Pavlína Balner, Aleš Bilík, Albert Čuba, u.a.

