Foto JEREMIAS im Gasometer

Gemeinsam unter Tränen Kreischen: JEREMIAS im Gasometer


Am 14.10.2025 bespielt JEREMIAS bereits zum zweiten Mal den Gasometer in Wien. Ihren letzten Tourstopp in Österreich haben sie dabei mit ordentlich Energie und Emotionen zum Mitschreien bestritten.


Aus der deutschen Indie-Pop-Szene sind sie mittlerweile nicht mehr wegzudenken: JEREMIAS. 2018 gegründet, haben sie sich seither vor allem im Pop-Balladen-Bereich große Erfolge zuzuschreiben. Ihre größte Tour mit dem Titel „DU MUSST KEINEM GEFALLEN“ neigt sich nun bereits dem Ende zu und gastierte Mitte Oktober gleich zweimal in Wien. Als Support unterstützt sie dabei Katha Pauer, mit der sie vor Kurzem auch eine gemeinsame Feature-Single veröffentlicht haben.

Katha Pauer

Die Münchnerin ist dabei auf Anhieb zuckersüß sympathisch. Für viele ist sie eine Newcomerin – oder wohl eher eine Neuentdeckung. Musikalisch stand sie nämlich schon vor drei Jahren in der Arena als Support für JEREMIAS auf der Bühne, wie sie selbst erwähnt. Nach einer Pause im letzten Jahr ist sie nun aber wieder ganz da und widmet sich erneut dem Songwriting. Ihre warme, weiche Stimme ist dabei auf jeden Fall Grund genug, dass sich das Gasometer schon von Beginn an voll anfühlt.

Gesungen werden größtenteils sehr neue und noch unveröffentlichte Lieder – zum Mitsingen natürlich schwierig, aber die Stimmung passt. So wird das Publikum kurzerhand zum summenden Hintergrundchor gemacht oder erschafft bereits das erste Lichtermeer aus Taschenlampen. Sie selbst entschuldigt sich (ungerechtfertigterweise) sogar dafür, dass ihre Lieder nicht wirklich zum „Aufheizen der Stimmung“ taugen. So covert sie unter anderem Messy von Lola Young, um einen schnelleren Track dabeizuhaben. Das hätte es aber gar nicht gebraucht, da bereits veröffentlichte Songs wie Unter meinem Kissen für eine wesentlich erinnerungswürdigere Atmosphäre sorgen.

Als sie sich nach dem achten Song verabschiedet, wissen eingefleischte Fans allerdings bereits, dass sie an diesem Abend wohl nicht das letzte Mal auf der Bühne stehen wird.

JEREMIAS

Shitstorms um Fotografen hin oder her – JEREMIAS weiß, wie man Lieder schreibt. Ihre Tour mit dem neuesten Album trust haben sie dabei von Anfang bis Ende durchkonzipiert. So startet sie damit, dass auf der Bühne am Schreibtisch gesessen und eine Notiz zum Hintergrund des Albums geschrieben wird. Auf der LED-Wall hat die Handschrift allerdings eher die Anmutung eines Arztrezepts als wirklich lesbar zu sein. Danach folgt ein musikalisches Intro, das fast schon an ein Wrestling-Intro erinnert – gemischt mit einer Prise Romcom-Vorspann. Aber genug des Zynismus, es soll ja um die Musik gehen.

Auf Musikplattformen kennt man die in Hauptbesetzung vierköpfige Band vor allem für ihre einfühlsamen Texte. Live sind sie im Gegensatz dazu allerdings ein Energiebündel, das Genregrenzen gerne sprengt und multiinstrumental für Stimmung sorgt. Ihre Show lässt sich dabei ungefähr in drei Akte aufteilen. Gleich zu Beginn warten sie mit einer grellen Lichtshow auf, um das zuvor erwähnte „Aufheizen“ direkt in den ersten paar Songs abzuhandeln. Diverse Übergänge, Intros und Outros der Songs enthalten Elemente von Rock’n’Roll bis hin zu Trance – was einen immer wieder hinterfragen lässt, ob das jetzt noch ein Konzert oder doch schon ein Rave mit ganz viel Stroboskop ist.

Darf‘s noch Meer sein?

Die Bandmitglieder haben mindestens so viel Spaß auf der Bühne, wie sie Instrumente und Outfits wechseln. Die Menge ist warm, wenn auch hin und wieder von den Tonalitätswechseln überfordert. Im zweiten Akt kommen sie aber voll auf ihre Kosten. Denn da folgen Publikumsfavoriten wie Grüne Augen lügen nicht oder Julia. Highlight in der Mitte des Abends ist aber ohne Zweifel Egoist. Jeder und jede singt oder schreit mit – ein Konzertmoment, der die Gänsehaut durch Mark und Bein schießen lässt. Immer passend wechselt das hervorragend gemachte Licht, sei es bunt und upbeat oder nur ein einzelner Scheinwerfer aufs Piano gerichtet. Auch Katha Pauer wird natürlich noch einmal für Leih mir deine Tränen auf die Bühne geholt, bei dem – in wunderbar anderer Harmonie zur Studioversion – eine magische Live-Variante entsteht.

Im letzten Akt drehen sie das Energielevel dann noch einmal hoch – was mit neueren Songs etwas schwerer gelingt, bei Verrückt dafür aber umso besser klappt. Die Konfetti-Explosion am Ende krönt den Abend schließlich sehr passend. Noch ist es aber nicht zu Ende: Einen Tonalitätswechsel soll es noch geben, und die Fans warten. Vor der Zugabe gibt es Wir haben den Winter überlebt, ehe länger als sonst auf den Abschluss gewartet werden muss. Als auf der LED-Wall dann Wellen erscheinen, wird das Kreischkonzert von Egoist nochmals überboten. Denn jetzt kommt Meer – in einer verlängerten Variante, die gerne ewig hätte dauern dürfen. So macht man eine Zugabe.

Fazit

JEREMIAS zeigen ein Gesamtkonzept, das stellenweise hervorragend funktioniert und an anderen Stellen tonal etwas holpert. Das ist wohl das Problem, wenn man als Band gerne energiegeladen auftritt, das Publikum aber am liebsten die Balladen hört. Die Liveshow zahlt sich aber trotzdem (oder gerade deshalb) aus, um die Lieder einmal in ganz anderem Licht erleben zu können. Die Highlights bleiben jedoch eindeutig die langsamen, emotionalen Momente, die noch lange nachhallen werden.

Im Zweifel vor dem großen Screen oder hinter der Kamera.