Fotos: Larissa Schöfl

Zwischen Rauschen und Resonanz: EXIT VOID

Das neu gegründete Klangkollektiv EXIT VOID gab ihr Debüt im außergewöhnlichen Ambiente des Grazer Doms im Berg. Der Einladung von bigMama folgten sechs extraordinäre MusikerInnen und sorgten vergangenen Dienstag für einen ausgebuchten Konzertabend.

Dienstagabend, 20 Uhr. Viele Leute tummeln sich den Anstieg hoch zum Dom im Berg. Sollte jemand, so wie ich, noch nie dort gewesen sein: Der Weg führt tatsächlich in den Innenraum des Grazer Schlossbergs. Man findet sich wieder in einem sehr geräumigen Hohlraum. In einer Veranstaltungsräumlichkeit, die sehr urig, aber dennoch modern und schick erscheint. Abgesehen von der ohnehin einzigartigen Location, wurde für diesen Abend ein sehr besonderes Setting aufgebaut. Die Bühne befindet sich in der Mitte des Raumes. Bestehend aus sechs eigenen „Arbeitsplätzen“, angeordnet als Hexagon, die Blickrichtung zueinander schauend. Rundherum sind Bänke und Stühle als Sitzgelegenheiten angeordnet. Der äußerste Bereich bleibt frei, um im Stehen zuzusehen, zu können.

Es herrscht, den gesamten Abend über, düstere Stimmung im Raum. Die auffallendsten Lichtquellen kamen von mehreren Spiegelkugeln, dessen giftgrüne Strahlen den gesamten Raum durchqueren. Beinahe konnte man sie als Laserstrahlen missdeuten. Neben visuellen Eindrücken sind auch die auditiven Sinne bedient. Der Sound lässt vorfühlen auf das, was uns nachher erwartet. Der Dom füllt sich mit gut 200 Personen, die von dieser magischen Einlassstimmung nicht weniger erstaunt als ich. Pünktlich um 21 Uhr betreten EXIT VOID ihre Spielflächen, und das Konzert beginnt.

wer ist eigentlich EXIT VOID?

EXIT VOID hat sich erst vor kurzer Zeit gegründet. Es bezeichnet sich als Kollektiv, das elektronische und akustische Klangräume öffnet und keine Genre(grenzen) kennt. Eine Gruppe profilierter MusikerInnen, die gemeinsam improvisieren, Klänge erzeugen, Sound schaffen. Bisher gibt es (noch) keine Veröffentlichungen, einzig diese Exposure:


Zum ersten Mal live mit:

Anja Plaschg (voice, electronics)

wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer der international bedeutendsten österreichischen Musikerinnen. Unter dem Namen Soap&Skin bewegen sich ihre Werke zwischen Klassik, Elektronik und Avantgarde und zeichnen sich durch emotionale Tiefe aus. Mit ihren intensiven, genreübergreifenden Kompositionen hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten. EXIT VOID ermöglicht ihr eine Rückkehr zur freien künstlerischen Zusammenarbeit in einem experimentellen Setting
more info soapandskin.com

Alex Kranabetter (trumpet, electronics)

ist exzeptioneller Trompeter, Komponist und Soundforscher. Er kreiert Musik zwischen freier Improvisation und elektroakustischer Klangkunst. Bekannt ist er für seinen experimentellen Zugang zur Trompete und seine zahlreichen Kooperationen mit international anerkannten Ensembles und KomponistInnen.
more info alexkranabetter.com

David Reumüller (drums, electronics)

arbeitet interdisziplinär an der Schnittstelle von Musik, Medienkunst und kuratischer Praxis. Bei EXIT VOID bringt er seine Erfahrung mit multimedialen Installationen und performativen Klangkunst ein. Zudem prägt sein Schaffen auch die Kunst.
mehr dazu hier: david.reumueller.com

Katrin Euller (electronics)

ist als Klangkünstlerin, Komponistin und Produzentin bekannt unter dem Namen Rent. In Ihren Arbeiten verbindet sie elektronische Musik, Sounddesign und performative Elemente.
more info: katrineuller.com

Wolfgang Lehmann (guitar, electronics)

ehemals bekannt als Möstl ist Multiinstrumentalist aus Wien. Selbst sagend, mit einem Faible for weird, beautiful, noisy and meditative soundscapes. Mit Formationen wie Mile Me Deaf, Killed by 9V Batteries und Clara Luzia prägt er über Jahre die österreichische Indie- und Noise-Szene. Nach wie vor produziert er für und performt mit vielen namhaften Acts der österreichischen Musikszene.
more info: wolfganglehmann.at

Manfred Engelmayr (guitar)

gilt als einer der prägendsten Gitarristen der experimentiellen Musikszene im deutschen Sprachraum. Seine Auftritte sind ungeschönt und voller Energie – ein kantiger Kontrast innerhalb des Kollektivs. Manfred Engelmayr scheint neben der Musik nichts auszulassen, was mit Kunst und Kultur zu tun hat.
Hier mehr erfahren: raumschiff.klingt.org

EXIT VOID ist nicht als klassische Musikgruppe zu verstehen. Der Klang ist vielschichtig, die Musik wandelbar, nicht festzumachen. Als offenes Kollektiv ist Konzeption und sogar die Besetzung variabel.

Soundkunst und Performance

Die ProtagonistInnen treten auf und im Raum wird es dunkel. Die giftgrünen Strahlen bleichen aus und verschwinden vollständig. Kurz ist es leise, dann ertönt ein Herzschlag. Langsam aber stetig wird dieser lauter und intensiver. Während des akustischen Aufbaus erscheint im Inneren des Hexagons ein Laser, welcher senkrecht an die Decke strahlt. Am Peak des Herzschlags entfaltet sich dieser, verstärkt durch Nebel, in voller Pracht. In verschiedenen Farben und verschiedensten Formen tanzen die Strahlen des Lasers während des gesamten Konzertes in der Mitte des Raumes. Als singuläre Lichtquelle zieht der Lichtvulkan das visuelle Hauptaugenmerk auf sich.

Nach dem Intro nehmen wir kontinuierlich neue und zusätzliche Geräusche war. Essenzielles Klangmittel ist die Trompete, sowie E- und Bassgitarre, ein beachtliches Schlagwerk, und eine Melodica. Diverse Gegenstände erzeugen auf verschiedenste Arten der Anwendung Klänge. Neben den analogen Acoustics macht sich auf den Tischen eine Vielfalt an Electronics breit. Synthesizer, unzählige Effektpedale, Looper, Drum Machines, Mischpulte und Soundprogramme sprengen jegliche Grenzen und machen endlose Klangräume auf. Ein enormes Werkzeug, resultierend aus dem menschlichen Resonanzkörper, ist die Stimme. Mehrere Stimmen konnte man wahrnehmen, am signifikantesten, die der Anja Plaschg. Ihr mächtiges Stimmspektrum trägt wichtige Passagen der Darbietungen. Darbietungen, deren Höhepunkte sich auf mitreißende, aufwühlende, eindringliche und explosive Geräuschfluten zuspitzen. Im Laufe des Konzerts ziehen sich diese immer wieder zurück. Wir bewegen uns in einem Meer aus Höhen und Tiefen, sowie Wuchten und Stillen. Ganz leise wird es jedoch nie.

Ekstase im Dom im Berg

EXIT VOID erschafft eine Klangskulptur, die durch Sound und Stimmen die gesamte Sphäre in einen neuen Zustand versetzt. Die Premiere im Dom im Berg kündigte ein immersives Konzerterlebnis an. Und damit wurde nicht zu viel versprochen! Die Zeit verging im Flug, nach 50 Minuten war das Konzert leider schon vorbei. 50 Minuten unter Strom, die man noch länger aushalten könnte. 50 Minuten in Ekstase, die man noch eine Weile nachspüren wollte.

Ein ausgedehnter Applaus rief die sechs MusikerInnen zu einer zweiten Runde des Verbeugens. Eine Zugabe gab es leider nicht. Aus der Dose vernehmen wir nun wieder ähnliche Sounds wie beim Einlass. Die Gäste verblieben noch eine Weile. Viele nutzten die Nähe des Spielorts, um das Equipment aus nächster Nähe zu betrachten. Man hat sich über Erlebtes ausgetauscht, über Gesehenes spekuliert, oder Fragen gestellt, die vielleicht unbeantwortet blieben. Die Leute schienen sich untereinander gut zu kennen. Das darf einen nicht wundern, stammt doch ein beachtlicher Teil EXIT VOIDs aus diesem Grätzl und Umgebung.

Fazit

Was für ein gelungener Abend das war! Dank den VeranstalterInnen von bigMama; das ist im Übrigen die Konzertreihe der in Graz ansässigen DJ-Crew/ Record Label Disko404. Auch in vielen anderen Grazer Locations sorgt die Truppe für Lärm und Unterhaltung.
EXIT VOID hinterlässt viele Fragezeichen. Wird man bald mehr von ihnen hören? Wird es weitere Konzerte geben? Ist es in Planung, Musik aufzunehmen und zu veröffentlichen? Wird es neben den bereits existierenden Merch-Shirts auch bald Vinyls zu kaufen geben? (Diese Frage stellt sich mir natürlich nicht gerade und nur deswegen, weil ich gerne eine haben würde ;-) ) und so weiter und so weiter! Vielleicht sind diese Fragen für sie selber noch offen oder vielleicht haben sie sich diese gar nicht gestellt. EXIT VOID kam, fesselte, und ging wieder. Kommentarlos. Und genau so passt es auch zu dem mystischen Gesamteindruck, den sie diesem Abend verliehen.

Foto: Larissa Schöfl

Kultur und Musik begeistert. laut und live.