dodie verzaubert die SiMM City
Viele kennen sie wahrscheinlich von ein paar viralen YouTube-Videos, die teilweise schon Jahre zurückliegen. Doch nach 15 Jahren in der Musikbranche und mehreren EPs geht dodie nun mit ihrem dritten Album auf Tour, das trotz ruhigen Indie-Sounds starke Energie auf die Bühne der SiMM City bringt.
Man könnte vielleicht sagen: Was soll das denn? Schon wieder eine dieser Influencerinnen, die sich einfach auf die Bühne stellt und ein bisschen Musik macht? Aber das würde dodie nicht gerecht. Wie die Gen Z wohl sagen würde, gehört dodie schon lange zum „Kulturgut“ YouTube und hat die Plattform mit ihrem seit 2011 bestehenden Kanal maßgeblich mitgeprägt. Ihr sympathisches und vor allem authentisches Auftreten hat sich nicht nur positiv auf Followerzahlen ausgewirkt. dodies Fanbase ist weltweit groß und fühlt sich dennoch sehr heimelig und intim an – genau passend für die SiMM City, wo sie dem Wiener Publikum ihre Magie und Energie zum Besten gibt.
Aron!
Mit zerzauster Frisur und verschmitztem Grinsen betritt Aron! (benannt nach seiner Großmutter Nora – rückwärts) als Erster die Bühne. Es sei aber gleich gesagt: Das Rufzeichen im Namen löst eher ein Fragezeichen aus. Laut ist das, was in der nächsten halben Stunde passiert, nämlich keineswegs. Viel eher passt die Musik in den gerade gestarteten November mit beginnender Weihnachtsstimmung – auch, weil seine Stimme ein wenig an Michael Bublé in It’s beginning to look a lot like Christmas erinnert.
„Gemütlich und kuschelig“ beschreibt seine Musik wohl am besten. Mit gemustertem Pulli, Boyband-artigem Lächeln und kitschigen Songtexten haben einige im Publikum mit Sicherheit einen neuen Crush entdeckt. Die Lyrics à la I tell you you’re pretty, I think I like you oder Roses are red erfinden das Rad aber definitiv nicht neu. Da braucht es schon ein Cover von You’ve Got a Friend in Me, um das Publikum wirklich zu aktivieren. Ein paar Sing-along-Stellen in seinen eigenen Songs lassen aber schon erahnen, dass die Besucher:innen an diesem Abend definitiv gewillt sind, euphorisch mitzusingen. Es wird Zeit für dodie.
Dodie
Ich bin ehrlich: Nach Aron! hat sich schon ein bisschen die Angst breitgemacht, dass das ein sehr ruhiger Abend bleiben wird. Aber ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen. Um 21:00 Uhr färbt sich die Bühne blau ein und Arms Unfolding läuft als Intro, wobei zunächst nur die Band ohne dodie auf der Bühne steht. Direkt danach wird klar: Das hier wird keine monoton-langweilige Show. Mit mitreißender Motivation hüpft dodie auf die Bühne, genießt das Kreischen als Begrüßung und spielt die nächsten Songs mit spielerischen Tänzen, springt energiegeladen über die Bühne und emotional perfekt sitzenden Gesangspassagen.
Die gesamte Setlist folgt einem wunderbar harmonischen Auf und Ab, das erste große Hoch kommt beim sechsten Song Smart Girl. Fast schon überraschend wird man von Schreien zwischen den Versen und flackernden Lichtern überrumpelt, während der Bass durch Mark und Bein geht. Das Publikum ist eingefangen, und die Tonalität des restlichen Abends steht. Meine anfänglichen Bedenken lösen sich in Luft auf.
Ambiente und Stimmung passen also. Mit sympathischen Aussagen ganz ohne Scham gibt sich dodie genauso, wie man sie aus ihren Online-Auftritten kennt. Das schafft eine wohlig warme Atmosphäre, die viel Raum für Selbstentfaltung lässt. Selbst Schilder, die nach Liedern außerhalb der Setlist fragen, werden nicht ignoriert, sondern mit einem süffisanten Shit, now I have to play it kommentiert – und dann kurzerhand gespielt.
Thematisch bewegt sich der Abend von Selbstzweifeln, mental breakdowns bis hin zu queerer Selbstfindung. Ein roter Faden, dem das Publikum kaum positiver hätte gegenüberstehen können. Statt „gegenüberstehen“ trifft aber eher: schaukeln, umarmen, klatschen und sogar im Kanon mitsingen. Mit Wechseln zwischen Gitarre, Piano und Gitalele gibt es mal ganz ruhige Songs im Spotlight, dann wieder upbeat Tracks mit voller Band, die selbst das introvertierteste Publikum aus der Reserve locken. Dass sie am Ende die Zugabe per Dezibel-Messung entscheiden lässt, verstärkt das Gemeinschaftsgefühl noch mehr. Mit Darling, Angel, Baby als zweitem Zugabesong endet der Abend auf einem absoluten Hoch, das keinen Fan unglücklich zurücklassen sollte. Ein kurzer Radschlag zum Abschied – und dann verdienter Jubel.
Fazit
Mit Musik, die live theoretisch die Gefahr hätte, eintönig zu wirken, schafft dodie etwas ganz Eigenes: einen Raum, der intim, bezaubernd und emotional genau ihre Zielgruppe trifft. Durch Lichtshow, durchdachte Setlist und bezaubernde Bühnenpräsenz werden energiegeladene Momente zu überraschenden Highlights und Publikumsinteraktionen zu persönlichen Erinnerungen. Große Empfehlung.