Foto: Clarissa Sopper

Early Twenties Tour(ture): Sadie Jean

Die 23-jährige Singer-Songwriterin Sadie Jean spielte am 12. November den sechsten Stop ihrer Early Twenties Tour(ture) in der Szene Wien. Nur 11 Tage bevor ihre EU/UK Tour begann, erschien ihr Debütalbum Early Twenties Torture. Mit ihrer authentischen Art ist sie eine Künstlerin, die man live erleben muss.

Sadie eröffnete den Abend mit einer speziellen Artist Tradition: eine offene VIP/Soundcheck Session für die ersten 25 Fans, die sich vor der Szene Wien angestellt hatten. Dabei war schnell klar, dass sie ein Sadie Jean Konzert besuchen, da viele passend zum Dresscode ein weiß-rosa Outfit trugen. Nur wenige Zeit bevor sie die volle Show für die gesamte Crowd spielte, performte Sadie zwei Songs als Acoustic Version: ihren Song I Miss My Friend und ein Cover von Gracie Abrams‘ Feels Like.

Ben Ellis

Bevor Sadie uns später in die Welt aus Emotionen ihrer frühen Zwanziger mitnahm, gehörte die Bühne Ben Ellis. Umgeben von warmem blauen Licht sang er die Opening Lyrics von When It Ends, was sofort den ehrlichen Ton für den restlichen Abend setzte. Nach den ersten zwei Songs stellte er sich der Crowd vor und scherzte, dass er aus Cardiff in Wales komme und immer sage, sie seien „so weit weg von zuhause“. Aber weil Sadie ja aus Amerika sei, fühle er sich „ehrlich schlecht, das jedes Mal zu sagen“.

Während seines gesamten Sets pausierte er oft zwischen den Songs, um Geschichten seines Lebens zu teilen, die die Songs inspiriert haben. So auch bei einem seiner bekanntesten Songs No One Sleeps In Hollywood. Er hatte keine Idee, was er „überhaupt gemacht hat“. Er schrieb „neben so vielen talentierten Artists“ und fühlte sich dabei „wie ein kleiner Fisch in einem riesigen Ozean“.

Foto: Clarissa Sopper

Sein Set bestand aus vielen seiner neuesten Songs von Where She Goes bis Does It Get Cold In California. Er spielte auch seinen Song Still Be Friends, der am selben Tag Release feierte. Er sagte lachend, es sei „unglaublich aufregend“, da es sogar ein Musikvideo gebe, „das in einer Stunde veröffentlicht wird“. Das habe er selbst erst vor fünf Minuten gesehen.

Ein besonderes Highlight war der Moment, als er die Crowd fragte, ob er Billy Joels Vienna in Wien spielen solle. Alle waren sich natürlich einig, den Song hören zu wollen. Auch wenn er wirklich zweimal überlegte, da laut ihm wahrscheinlich jeder Artist auf dem Planeten „Vienna in Vienna“ spielen würde.

Sadie Jean

Als es Zeit war für Sadie auf die Bühne zu kommen, eröffnete sie direkt mit I Tried, einem Song über die Trauer um alles, was eine Beziehung hätte sein können. Als die ersten beiden Songs direkt ineinander übergingen, tauchte man direkt in ihre Welt aus Verletzlichkeit und echten Gefühlen ein. Die Message ihres Albums war durch die Liebe zum Detail sofort klar: Es ist vollkommen okay, in seinen Zwanzigern ganz viele messy Emotionen zu haben.

Chalk It Up To Early-Twenties Torture

Mit dieser Line aus The One That I Want (But I Don’t Know Why) bezeichnet der zweite Song alles, was noch folgt. Auch die Bühne passte geschmückt mit rosa Schleifen perfekt in ihre ästhetische Welt. Sadie sang vor allem Songs des neuen Albums wie This Time Around, Somebody’s Everything und She’s Dating My Boyfriend, aber auch Fan Favourites wie October 25th und Locksmith. Bei dem Song Know You Forever, einer Celebration lebenslanger Freundschaft, wurde der Chorus zu einem Key-Moment. Sie brachte der Crowd einen kleinen Dance bei, den sie zuvor mit ihren Freunden erstellt hatte.

I’ll Wear The Clothes You Wear & Maybe Keep ‘Em

Durch das gesamte Album zieht sich die Farbpalette aus rosa-Tönen und jeder Song wird durch eine Nagellackfarbe repräsentiert. Nach dem Motto „which song are you claiming“ konnte man so auch selbst den Dresscode anpassen. Wie viele trugen an dem Abend wohl etwas, das sie zuvor von einer Freundin ausgeliehen hatten? Das passt auch perfekt zum gemeinsamen „Getting-Ready“-Erlebnis als Fangirl.

Feeling Front Row When We’re Sitting In The Nosebleeds

Diese Line aus Know You Forever traf im übertragenen Sinne auch perfekt auf die Show in Wien zu. Fans beim Hören über Kopfhörer das Gefühl zu geben, verstanden zu werden, ist eine Sache. Dafür zu sorgen, dass sich jeder aus der Crowd gesehen fühlt, ist nochmal etwas ganz anderes.

Dies zeigte sich besonders bei Sadies Geständnis, dass sie ein sehr unentschlossener Mensch sei. Sie zog einen Origami Future Teller hervor und ließ die Crowd damit zwischen vier Songs wählen. Aus der Kombination von Album-Farben und ein paar Zahlen fiel die Wahl auf Lights On. Außerdem gestand Sadie ein Love Addict zu sein – also jemand, der in Beziehungen flüchtet, um das Nachdenken über eigene Probleme zu vermeiden. Die universelle Zustimmung aus der Crowd kam sofort. Genau das macht ein Sadie Jean Konzert aus: Sie singt nicht nur über Feelings. Sie stellt sicher, dass niemand das Gefühl hat damit alleine zu sein. Laut einem Fan-Schild, zählt dieser Konzerttrip offiziell als Therapy. Da kann man nur zustimmen!

It Get’s Even Sadder When I Sit Down At The Piano

Dies verkündete Sadie während ihrer Show direkt vor I Don’t Know Better, nachdem sie bereits zu Beginn angekündigt hatte, dass ihre Songs alle sehr emotional sind. Sie schuf eine Atmosphäre, in der Verletzlichkeit eine Stärke ist und schloss den Abend mit WYD Now?, dem viralen Hit, der mit neunzehn ihr ganzes Leben verändert hat. Anschließend nahm sie sich beim Merch-Table ganz viel Zeit für Fotos.

I Wanna Remember The Whole Thing

Sadie Jeans Wien-Debüt war mehr als nur ein Konzert. Es war der Beweis, dass sie eine ganze Welt geschaffen hat, in der die Auf- und Abs der frühen Zwanziger nicht versteckt, sondern gefeiert werden. Love Addiction und Slow Burn Beziehungen sind hier keine Flaws, sondern zeigen, wie universell diese Erfahrungen sind. Gegen Ende fragte sie, ob wir in zehn Jahren zu ihren Shows wiederkommen würden. Und nach einem Abend wie diesem lässt sich definitiv eins sagen: Wien wird sie – so wie es der Song Know You Forever verspricht – nicht mehr vergessen.

We definitely wanna remember the whole thing!

Foto: Clarissa Sopper

Self-Proclaimed Live Music Addict & Musikwissenschaft-Studentin