Tom Odell: Musik nicht gemacht, sondern gelebt
„A Wonderful Life“ heißt Tom Odells neues Album, unter dessen Thema er gerade tourt. Am 23.11.2025 machte er in einer von ihm sehr geliebten Stadt Halt: Wien. Das Musikgenie bringt dabei ein Ensemble auf die Bühne, das seinesgleichen sucht.
Tom Odell ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Spätestens seit seinem Welthit Another Love kennt man ihn für seine rohen, emotionalen Lieder. Während Another Love in Zeiten von TikTok und der bereits einsetzenden Nostalgie der Gen Z neue Höhen erreicht, veröffentlicht der Sänger inzwischen sein bereits siebtes Album. A Wonderful Life spinnt dabei sein Schaffen mühelos weiter und erzählt erneut von großen Gefühlen, stets untermalt von Hoffnungsschimmern und Optimismus. Bevor er jedoch selbst die Bühne der Stadthalle betritt, steigen noch OSKA und David Kushner auf die Bühne.
OSKA
Bereits eine halbe Stunde nach Einlassbeginn betritt die österreichische Sängerin die Bühne. Die Zuschauer:innen trudeln erst langsam ein, dennoch braucht es ungelogen gerade einmal 30 Sekunden, bis alle in den vorderen Rängen ihre Taschenlampen nach oben strecken und Oskas Musik genießen. „Ich freu mich so, ich könnt grad weinen“, begrüßt sie ihr heimisches Publikum. Wer sich nun wundert, dass tatsächlich eine Österreicherin für Odell eröffnen darf, sollte wissen, dass sie ihn bereits vor ein paar Jahren auf einer ganzen Tour supportet hat. Zu Recht – so wohlig warm, wie einem bei ihrer sanften Stimme wird. Manchmal reichen eben zwei Akustikgitarren, eine Mundharmonika und sachter Singer-Songwriter-Pop, um eine ganze Halle einzunehmen. So darf ein Abend gerne starten.
David Kushner
Für viele ist Tom Odell nicht das einzige Highlight. Schließlich ist kein Geringerer als der amerikanische Singer-Songwriter David Kushner sein offizieller Opener. Bekannt für seine äußerst tiefe Stimme und Songs wie Daylight ist er die perfekte Ergänzung. Mit dem epischen Intro von Darkerside hat er schnell die Aufmerksamkeit der mittlerweile fast vollen Stadthalle. Dem Publikum fällt es aber nach der Zeit immer schwerer, diese beizubehalten. Ob das an Davids vergleichsweise eher schwachen Performance oder der Stimmung an sich liegt, ist nicht ganz klar. Aber eins steht fest: ein netter Bonus war er so oder so.
Tom Odell
Das Licht geht aus. Gerade läuft noch Somewhere Over The Rainbow über die Lautsprecher, dann geht es los. Der Vorhang ist nur einen Spalt geöffnet, der den Blick auf das Piano freigibt. Er beginnt das erste Lied des neuen Albums zu spielen: Strange House. Und schon da merkt man die Magie, die Odell ausstrahlt. Die Klaviertasten verschmelzen mit seinen Händen, während das Vibrato in seiner Stimme das Publikum in seinen Bann zieht.

So baut sich das Konzert langsam auf. Auch die Bühne inklusive Vorhang wird erst nach und nach erweitert. Zwischendurch redet Tom kaum – aber wenn, dann trifft er stets den Nagel auf den Kopf. So liest er beispielsweise einen Brief aus dem Publikum vor, in dem sich jemand zu seinem Geburtstag das Lied Best Day of My Life wünscht. Spätestens da breitet sich eine kollektive Gänsehaut aus, und ein Paar glasiger Augen blickt ins nächste.
Als danach seine Band mit u. a. Saxophon, Trompete, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Geige erscheint, gibt es kein Halten mehr. Das Musikgenie inmitten der Bühne präsentiert ein Gesamtwerk, das von Gefühl und Authentizität nur so strotzt. Man könnte es fast schon als Orchestervorstellung bezeichnen, was sich da abspielt. Selbst bei ruhigen Liedern werden spätestens gegen Ende die Boxen an ihre Grenzen gebracht. So steigert sich jeder Song langsam hin zu einem Klimax, der von Track zu Track erneut überboten wird. Vor allem Don’t Cry, Put Your Head on My Shoulder, Black Friday und Heal erzeugen Momente, die ganz tief unter die Haut gehen.
Ganz großes Highlight am Schluss ist natürlich Another Love. Ein Song, der einem bis dahin schon perfekten Auftritt die Krone aufsetzt. Eine ganze Halle schreit mit, Konfetti schießt von der Decke, und Tom macht das, was er schon den ganzen Abend macht: Er singt sich die Seele aus dem Leib und gibt jedem und jeder aus dem Publikum ein unübertreffliches Gefühl von Geborgenheit. Ein Artist, der seine Musik nicht spielt, sondern lebt.
Text: Simone Grübl, Fabian Schwarzinger
