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Foto: Christoph Leeb

Wallners: bitte weiterträumen!

Anfang November lädt der Posthof in Linz seit fast eineinhalb Jahrzehnten zur großen Entdeckungsreise. So auch heuer: mit den Wallners konnte man hier am Mittwoch Österreichs wohl beste Dreampop-Band kennenlernen. Aber auch der Rest des Line-ups ist so hierzulande noch auf keiner Stage gestanden.

Anfang November: Ahoi! Pop-Zeit im Posthof. Was vor eineinhalb Jahrzehnten mit Größen wie Awolnation und Kraftklub begann, hat sich seither zu einem Quasi-Fixpunkt für entdeckungsfreudige Pop-Aficionados entwickelt. Und aus einem Novemberwochenende ist im Posthof eine ganze Programmschiene geworden. Nun, die ganz großen Namen sind es dann nicht gewesen, die an diesem Mittwochabend im Posthof aufgeigten – aber das macht nix, denn dieser Abend stand ganz im Zeichen von Bands, von denen man vielleicht noch nicht allzu viel gehört hatte. Was man allerdings dann schleunigst ändern sollte, wie sich herausstellte.

Neben dem Headliner des Abends, der Wiener Geschwister-Dream-Pop-Formation Wallners, waren nämlich drei Acts zu Gast, die entweder überhaupt noch nie auf österreichischen Stages zu sehen waren. Und falls doch, dann könnte man diese Gigs sicher an einer Hand abzählen. Verantwortlich dafür ist Liveurope. Liveurope? Das ist eine paneuropäische Initiative von mittlerweile 24 Venues in ebenso vielen Ländern – und soll dafür sorgen, emerging artists eine größere Bühne zu geben. Drei davon standen an diesem Mittwoch auch im Vorprogramm im Posthof auf der Bühne. Stilistisch höchst unterschiedlich, aber mal der Reihe nach.

Lazy Lazarus: italienischer Start

Den ersten Slot des Abends, sehr, sehr bald um 19 Uhr, bespielten Lazy Lazarus. Die Combo rund um Luige Da Rin stammt aus Florenz und spielte, wie man erfahren konnte, ihr erstes Konzert außerhalb ihres Heimatlandes im Posthof. Vor uhrzeitbedingt dann doch vor etwas schütterer Kulisse, leider. Stilistisch orientierten sich Lazy Lazarus an alternativen Rock-Elementen, ein bisschen Lo-Fi dazu und fertig ist der Mix. Erfindet das Rad jetzt nicht unbedingt neu, ist aber mit der aktuellen Platte Spilt Milk jederzeit einen Abstecher wert. Gerade dann, wenn zum Ende des knapp halbstündigen Sets auch mal so richtig aus sich herausgegangen wird. Schöner Opener, wie wir meinen!

Badtime: der Name ist nicht programm

Danach: Stilbruch. Ab zu einem Artist, den man in Linz dann eher auf der KAPU-Stage als im Posthof vermutet hätte. Eigentlich als Duo in Antwerpen im Jahr 2020 gegründet, an diesem Abend solo unterwegs. Kevin Schuit beherrscht die Stage aber auch so. Synthie, Beats und ein ganzer Haufen Bass donnert Badtime dem Posthof-Publikum entgegen. Das drückt, geht durch Mark und Bein, und spaltet das anwesende Publikum. Die eine Hälfte gibt sich enthusiastisch dem Badtime’schen Sound hin, die andere Hälfte bevölkert währenddessen die Bar. Wir gehören hier eindeutig zur ersten Gruppe!

Wyfe: für größere Stages gemacht

Act Nummer 3: Wyfe. Aus Prag. Könnten aber genausogut aus Großbrittanien stammen, ist ihr Indie-Rock doch stark von der Insel beeinflusst. Seit 2020 stehen sie als Wyfe auf der Bühne, mit Do You Ever Wonder? gibt es auch ihr zweites Album. Wyfe sind tanzbar, haben eine eigene Lichtshow mit, und verstehen sich als Band, die sich selbst sicher auf größeren Bühnen sieht. Songs wie Bittersweet Love oder Beaufort laden zum Abschalten, Abshaken und Spaßhaben ein. Nicht mehr, aber auch ganz bestimmt nicht weniger, und eine halbe Stunde Stagetime ist sicher nicht das, wofür Wyfe stehen wollen. Nächstes Mal dann länger, gell!

Wallners: nehmt mich mit auf diese Reise

Der Headliner des Abends stammte dann aber wieder aus der Alpenrepublik. Wallners. Vier Geschwister – Anna, Laurenz, Max und Nino. Verstärkt mit Drummer Lukas Klement, kein Unbekannter in der heimischen Alternative-Landschaft. Eine Combo, die live passt. Denn was Wallners live auf die Bühne zaubern während dieser knapp eineinhalb Stunden, lässt sich mit einem einzigen Wort beschreiben. Atemberaubend. Dreampop vom Feinsten, der sich die Zeit nimmt, Songs aufzubauen. Ist In My Mind bereits als Single 2023 durch die sprichwörtliche Decke gegangen, folgte Anfang dieses Jahres dann auch ihre Debutplatte. Die hört auf den Namen End Of Circles und ist eine Dreampop-Platte, die internationale Vergleiche nicht scheuen muss. Live ist alles dabei: langsam aufbauende Klangstrukturen, ab und zu tanzbar, dabei immer facettenreich und nie vorhersehbar. Nebenbei getragen von Anna Wallners Stimme, die auch beim Nachhausefahren nach dem Konzert noch in den Gehörgängen nachhallt. Nicht selten erwischt man sich beim Konzert dabei, mit den Gedanken mal so richtig weit abgedriftet zu sein, an Orte, wo die Zeit um einiges weniger schnelllebiger ist als in der Realität. Nicht selten werden Wallners mit Cigarettes After Sex verglichen – nunja, Ähnlichkeiten sind nicht zu leugnen. Wallers schaffen aber ihren ganz eigenen Klangteppich, auch an diesem Mittwochabend im Posthof. Es ist eines dieser Konzerte, wo man sich fast wie in einem Kreis von Auserwählten vorkommt. Und dann Jahre später mal frohlockend sagen kann, diese Band „ja eh noch vor 150 Leuten gesehen zu haben“. Denn die Hallen werden bald größer werden, so viel steht fest. Frenetischer Applaus am Ende dieses Ahoi! Pop-Mittwochs. Völlig zurecht – eines der besten 15 Konzerte, die ich im Posthof in den letzten Jahren sehen durfte. Und das waren dann doch hunderte!

Musik-Nerd mit Faible für Post-Ehalles. Vinyl-Sammler. Konzertfotograf mit Leidenschaft, gerne auch analog. Biertrinker. Eishockey- und Fußballfan. "Systemerhaltende" Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.