James Arthur
Foto: Fabian Schwarzinger

James Arthurs Pisces World Tour: Between Dreams and Reality

Zwischen Karaoke mit Fans und ehrlichen Worten über Mental Health zeigte James Arthur am 12. Dezember in der Wiener Stadthalle, was Arena-Konzerte sein können. Er sprach über Höhen und Tiefen, spielte sogar im Wohnzimmer-Setting. Seine Pisces World Tour bewies: Verletzlichkeit und große Show schließen sich nicht aus.

„Menschen mit dem Sternzeichen Pisces sind typischerweise gefangen zwischen Träumen und Realität“, erklärte James Arthur bei der Vorstellung seines sechsten Studioalbums PISCES. Für den britischen Singer-Songwriter war das nicht nur eine astrologische Beobachtung – es war das Fundament für sein bisher verletzlichstes Werk. Das im April 2025 erschienene Album erkundet Themen wie Selbstakzeptanz und Mental Health. Im Zentrum steht auch die Dualität intensiver Emotionen. Als Pisces habe Arthur sich schon immer mit diesen Eigenschaften identifiziert. Jeder Track ist dabei Teil seiner Person.

Im Vorfeld der Album-Veröffentlichung griff er das astrologische Konzept auf. Er nutzte die Pisces-Saison als Moment, um die Eigenschaften des Sternzeichens zu erkunden, die das Projekt definieren sollten.

Am 12. Dezember in der Wiener Stadthalle wurde dieses Konzept im Rahmen seiner Pisces World Tour zu einer vollständig realisierten Welt. Arthur hatte auch einen Film zum Album veröffentlicht. Die Live-Show teilte nun dieselbe visuelle Sprache. Die blaue Ozean-Ästhetik, die traumhafte Inszenierung und die sorgfältige Balance zwischen Verletzlichkeit und großer Show prägten den Abend. Das Konzert ergänzte das PISCES-Universum nicht nur – es erweiterte es.

Between Fantasy and Reality

I just don’t know what’s wrong with me / You’re just a Pisces / Stuck somewhere between fantasy and reality / And I’d look at that as a blessing“

Die Lichter verdunkelten sich, während diese Worte durch den Raum hallten – der gesprochene Interlude-Part aus Summer, dem Eröffnungstrack des Albums. Es war das perfekte Opening für eines der emotionalsten Konzerte, das ich dieses Jahr erleben durfte. Blaues Licht verwandelte die Bühne in einen Ozean, als James Arthur mit seiner Band auftauchte. Der Eröffnungssong des Abends war Water. Dabei flossen Bühnendesign und Musik in perfekter Dynamik wie Wellen und erweckten den Song zum Leben.

„What’s up, Vienna?“, rief Arthur, während die Crowd antwortete. Er startete mit einem Medley aus Sermon und Ready or Not, seine raue Stimme voll von Selbstvertrauen nach über einem Jahrzehnt auf der Bühne. Darauf hielt er kurz inne. Letztes Jahr spielte er noch im kleineren Gasometer einen Stop seiner Bitter Sweet Love Tour – nun füllte er die Stadthalle. Er versprach, später die Songs vom PISCES-Album zu spielen. Aber zuerst wollte er seine bekannten Songs spielen, die hoffentlich jeder mitsingen kann. Dabei schuf er emotionale Verbindung, selbst im Arena-Setting. Can I Be Him reduzierte die Bühne auf minimales Licht und ließ die Verletzlichkeit der Lyrics atmen. Empty Space tauchte die Bühne ganz in lila und Glitzer-Effekte – ruhig, aber emotional intensiv.

Dann war es Zeit für Rewrite the Stars. Arthur hatte den Song ursprünglich mit Anne-Marie für The Greatest Showman aufgenommen. Aber an diesem Abend übernahm eine andere Vokalistin ihren Part. Die Bühne verwandelte sich in ein Universum aus Sternen und satten Farben, die die Stadthalle unendlich wirken ließen. Das war wirklich eines der Highlights des Abends.

Der nächste Song brach definitiv etwas im Raum auf. Arthur erzählte, wie Car’s Outside letztes Jahr eine neue Bedeutung bekam, als sein Fahrer verstarb – die Person, die ihn überall hingebracht hatte. Die Bühne verwandelte sich wieder: Regen über einer Windschutzscheibe. Auch die Farben führten zurück zur Ozean-Bildsprache vom Anfang und die Performance wurde Teil etwas Größerem.

Who Wants To Sing Karaoke With Us?

Arthur brach die Schwere mit Certain Things und A Year Ago – Songs über Beziehungen und das Festhalten an vergangenen Momenten. So baute sich immer mehr emotionale Tiefe auf. Dann machte sich Arthur auf zur B-Stage – ein Wohnzimmer-Setup mit gelbem Sofa und altmodischem Telefon. Diese Inszenierung erweckte das PISCES-Albumcover nun zum Leben. Die ikonische Bildsprache des Albums präsentierte sich damit direkt vor unseren Augen. Dort angekommen spielte er Embers. Die Nähe der kleinen Bühne passte perfekt zu einem Song über die Erinnerungen an vergangene Beziehungen und Gefühle, die nach einer Trennung bleiben.

Bei Naked ging er zurück durch die Menge. Er hielt für Selfies an und schuf direkte Verbindung zur Crowd. Anschließend begeisterte ein Medley aus Songs wie Medicine, New Tattoo, Ms. Jackson und Get Down besonders stimmlich durch die Backgroundvocals. Bei Bitter Sweet Love regnete Konfetti von der rosa beleuchteten Bühne. Danach ging es tiefer in die PISCES-Welt.

Arthur holte direkt Fans auf die Bühne für KARAOKE – perfekt für einen Song, der Menschen mit all ihren Makeln, Stärken und Schwächen feiern soll. Während die Fans mit ihm sangen, entstand ein wirklich magischer Moment. Das Konzept der Pisces World Tour wurde wieder greifbar: Unvollkommenheit und Nähe als etwas Wertvolles.

Unbreak the Broken: Vulnerability zeigt Mut

Dann pausierte er die Show mit einem Statement: „Ich will über ein Thema sprechen, das mir sehr am Herzen liegt: Mental Health.“ Das war viel mehr der emotionale Kern des Abends als nur ein Übergang zum nächsten Song. „Als ich den folgenden Song geschrieben habe, war ich am tiefsten Punkt, an dem ich jemals in meinem Leben war. Ich dachte nicht, dass es einen Weg da raus gibt. Ich fühlte mich, als hätte ich meinen ganzen Lebensinn verloren. Und ich bin mir sicher, dass es hier heute Abend viele Menschen gibt, die das Gleiche durchgemacht haben. Vielleicht leiden sie in Stille und wollen nicht darüber sprechen, weil sie Angst vor Verurteilung haben“, so Arthur. Er erinnerte daran, dass genau das – über die eigenen Kämpfe zu sprechen – das Mutigste ist, was man tun kann. In einer Welt, die oft Perfektion verlangt, war dieser Moment ein Plädoyer für mehr Offenheit: Verletzlichkeit nicht verstecken, sondern sie als das sehen, was sie ist: Mut.

Darauf folgte der Song Train Wreck und die Bühne zeigte eine Station mit Ausgangsschildern im Dunkeln, auf denen die Lyrics des Songs erschienen: „find hope in the hopeless“, „unburn the ashes“, „not ready to die, not yet“. Diese Worte sprechen schon für sich, aber die visuelle Umsetzung machte sie noch eindringlicher.

Von X Factor zu Pisces

A Thousand Years brachte nach der Intensität Ruhe in die Show zurück. Danach erinnerte Arthur daran, dass er vor dreizehn Jahren bei The X Factor gewonnen hatte – ohne die Unterstützung der Fans wäre das alles nicht möglich gewesen. Er widmete Impossible, seinen Gewinner-Song, jedem Einzelnen, der von Anfang an dabei war.

Die Bühne kehrte zur PISCES-Ästhetik zurück. Vor der Zugabe spielte eine Voicemail über die Lautsprecher, verbunden mit dem Telefon-Visual von der B-Stage. Die Stimme aus dem Track KARAOKE beschwerte sich über die traurigen Album-Songs, die zum Weinen seien. Man bräuchte jetzt etwas mit mehr Energie. Yeah, No. folgte und kam genau richtig als Kontrast zur emotionalen Schwere davor. Lasting Lover brachte die Crowd anschließend wie bei jeder seiner Shows zum Springen. Zum Abschluss folgte einer seiner bekanntesten Songs Say You Won’t Let Go.

Als die letzten Töne verklangen und die Show vorbei war, wurde klar, was genau diese Show so gut funktionieren ließ: Arthur hatte eine gesamte Arena-Produktion rund um das PISCES-Konzept gebaut – sensibel und gefangen zwischen zwei Welten. Und anstatt sich zu verschließen, hat er die Crowd in Wien eingeladen, mit ihm verletzlich zu sein und über schwierige Themen zu sprechen. Nach zwei Stunden in seiner Welt war klar: Arthurs Botschaft bleibt nicht in der Stadthalle, sondern folgt einem nach Hause.

Foto: Fabian Schwarzinger

Self-Proclaimed Live Music Addict & Musikwissenschaft-Studentin