T.C. Boyle im Wiener Konzerthaus
Foto: Wiener Konzerthaus / Lukas Beck

Hitze, Wüste, Obsession: T.C. Boyles toxisches Dreieck

Manche Menschen sind wie Magnete – man kann sich ihrem Kraftfeld nicht entziehen. Solche Kräfte stehen im Zentrum von T.C. Boyles neuem Roman No Way Home. Was als kurzer Pflichtbesuch eines Arztes in der Wüste Nevadas beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte über Anziehung, Abhängigkeit und verhängnisvolle Entscheidungen.

Terrence ist Assistenzarzt in Los Angeles. Seine Tage bestehen aus 14-Stunden-Schichten, Imbissstand-Burritos danach und Vorbereitungen für das Abschlussexamen. Als seine Mutter stirbt, verschlägt es ihn ins viereinhalb Stunden entfernte Boulder City. Dort, in der 15.000-Einwohner-Stadt am Hoover-Damm, hat sie ihm ein Haus vermacht – mitten in der Wüste Nevadas. Terrence plant nicht, lange zu bleiben: nur einige Versicherungs- und Behördenangelegenheiten klären, das Haus verkaufen und zurück nach Kalifornien. Doch Bethany macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Sie ist schön, faszinierend, geheimnisvoll – und so manipulativ, wie Terrence naiv ist. Er verfällt ihrem Charme komplett. Als ihr Ex-Freund auf der Bildfläche erscheint, entspinnt sich ein Liebesdreieck von kaum zu überbietender Toxizität. Eifersucht, Hass und Besitzansprüche prägen den bald gewalttätigen Kampf zweier Männer um eine Frau in der flirrenden Hitze Nevadas.

T.C. Boyles neuer Roman No Way Home gibt durch Multiperspektivität einen besonderen Einblick in toxische Beziehungen: Allen drei Protagonisten – Terrence, seiner neuen Flamme Bethany und deren Ex-Freund Jesse – werden gleichwertige Erzählstimmen zuteil. Manche Handlungen werden dadurch nachvollziehbarer, und Boyle gewährt Einblick in die Gedankenwelten der Charaktere, was der Dynamik des Romans guttut.

Lesung im Wiener Konzerthaus

Mitte November gastierte der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle im ausverkauften Wiener Konzerthaus. Schauspieler Ben Becker las Passagen aus der deutschen Übersetzung des tourtitelgebenden Romans No Way Home, dessen englisches Original erst im Frühjahr 2026 erscheint. Boyle selbst trug ebenfalls vor und sprach mit ORF-Literaturredakteurin Katja Gasser über Umweltschutz, die Trump-Regierung und die Entstehungsgeschichte seines neuen Romans.

Ben Becker liest T.C. Boyle © Wiener Konzerthaus / Lukas Beck
Ben Becker liest T.C. Boyle © Wiener Konzerthaus / Lukas Beck

Boyle ist bekannt für seine Bücher über Umweltprobleme (Ein Freund der Erde (2002), Wenn das Schlachten vorbei ist (2012), Blue Skies (2024)), und auch in seinem neuesten Werk thematisiert der 77-Jährige die Klimakrise. Er habe Boulder City bewusst als Schauplatz gewählt, erzählt er bei der Lesung. Die Stadt am Hoover-Damm ist geprägt von Dürre, der Pegel des Stausees sinkt seit Jahren, das Wasser in der Wüste wird immer knapper.

Im Gegensatz dazu stehe der Gesellschaft in den USA das Wasser allerdings bis zum Hals – Boyle spart an diesem Abend nicht mit Kritik an der Trump-Regierung und macht sie mitverantwortlich für die aktuelle Klimakrise und das allgemeine Krisenklima in den Vereinigten Staaten. Seine Romanfiguren sind hingegen nur teilweise politisch geprägt – für Boyle ein Stilmittel, um das ländlich geprägtere Boulder City zu beschreiben und einzuordnen. Während Terrence als Arzt aus der Großstadt – ein Umstand, der ihm auch immer wieder vorgeworfen wird – durchaus liberal-demokratisch denkt und handelt, zeigt Bethany kaum politisches Interesse.

Was No Way Home besonders macht, ist die Art, wie Boyle persönliche Obsession mit gesellschaftlichen Themen verwebt. Die toxische Dreiecksbeziehung spielt sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern vor der Kulisse einer austrocknenden Landschaft und einer politisch gespaltenen Gesellschaft. Die Wüste Nevadas wird zum Spiegel der emotionalen Dürre der Figuren – und die Hitze, die über Boulder City liegt, ist nicht nur klimatisch zu verstehen.

Fazit

Durch die Multiperspektivität gewährt No Way Home einen besonderen Einblick in toxische Beziehungen und menschliche Abgründe. Terrence, Bethany und Jesse bekommen dadurch eine spürbare Tiefe und ihre Verbindung eine packende Dynamik. Gleichzeitig zeigt Boyle, wie eng persönliche Verstrickungen und das größere gesellschaftliche Klima miteinander verwoben sind – und macht den Roman damit hochaktuell.


NO WAY HOME

von T.C. Boyle

Verlag Carl Hanser
384 Seiten, Deutsch

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